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Eisenwein - oder - Das Leben des Franz Fink (2)

Eisenwein - oder - Das Leben des Franz Fink (2)

03.12.2016, 10:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

2. Kap.
Der Bildermacher

Mein Name ist Franz Fink, ich bin vor einem Monat sechs Jahre alt geworden und gehe in die erste Klasse. Wir, meine Eltern und ich, wohnen jetzt in einer anderen Stadt als früher, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Ich habe noch keine Freunde gefunden, außer meinen Schulkameraden. Mein Spielplatz ist die Straße vor dem Haus. Ich sitze am Rinnstein und bastle an jedem Tag an einem neuen Bild. Ich bin ein Bildermacher. Dazu sammle ich alles was farbig ist und glänzt. Es scheint ein guter Tag zu werden, für mich und mein Mosaik. Das heftige Gewitter, dass vor kurzem niederging, hat sich verzogen.. Ich liebe Regentropfen. Am liebsten würde ich sie einfangen und als funkelnde Perlen für mein Bild verwenden. Leider zerplatzen sie und werden dann vom Regenwasser weggespült. Kein Grund traurig zu sein, denke ich, als wie zum Ausgleich das Wasser andere Bausteine in die Pfützen am Straßenrand schwemmt. Bald blitzen wieder Sonnenstrahlen durch die Gewitterwolken und ich finde neues Material. Glänzende Kronkorken, buntes Glas von zerbrochenen Flaschen, Splitter von Ziegelsteinen und blaue Scherben eines Kaffeehäferls. Aus Sand und feuchter Erde mache ich eine glatte Fläche und forme mit den schönsten Teilen meiner Sammlung ein Bild. Dabei vergesse ich meine Sorgen und die zerbombten Häuser.

Zwei Wanderschuhe treten in mein Blickfeld, darüber zwei Hosenbeine. Ich fürchte um mein Kunstwerk und sage ohne aufzuschauen: „Bitte nicht!“ Ich sehe Herrn Tuttner, meinen Lehrer. Ich mag ihn – und er mich - das spüre ich. Auf die Frage: „Fährst du nicht mit? Heute ist doch unser Schulausflug zum Grünen See“, schüttle ich nur stumm den Kopf. Wo meine Mutter sei, fragt mich Herr Tuttner, geht ins Haus und klopft an. Mutter öffnet die Tür. Ich glaube, sie schämt sich für unsere Behausung und auch, weil wir den kleinen Betrag für den Ausflug nicht aufbringen können. Sie spricht leise mit dem Lehrer, doch der geht nicht weiter drauf ein und sagt: „Ach was, das kriegen wir schon!“, schnappt meine Hand und geht mit mir zum Hauptplatz wo der Postautobus wartet.

Jetzt stehe ich da, mit kurzer Lederhose und verwaschenem Leibchen, barfuss. Der Bus fährt los. Mein weißblonder Haarschopf wird von den mitreisenden Müttern liebevoll zerzaust und meine Schulkameraden können sich kaum einigen, wer mir mehr Zuckerl schenken darf.
 Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich im Mittelpunkt - und doch entsteht eine Distanz. Ich bin mittendrin und doch am Rand. In diesem Moment spüre ich, dass ich für sie der Arme bin. Dabei fühle ich mich gar nicht so, wie die mich sehen. Später erst werde ich verstehen, warum das so ist: Ihre Großzügigkeit macht mich arm. Das größte Geschenk ist die Fahrt mit dem Postauto. Der Chauffeur betätigte nur für uns das Posthorn. Wunderbar.
Lehrer Tuttner erklärt uns während der Fahrt die nähere Umgebung unserer Heimat und warum der Grüne See so besonders schön ist. Noch nie bin ich so weit von zu Hause weg gewesen. Jetzt stehe ich staunend in einer prächtigen Landschaft vor dem See im Talschluß. Die Moospolster unter meinen nackten Füssen fühlen sich an wie ein warmer Teppich. Ich grabe meine Zehen in den sandigen Untergrund zwischen dem Moos und schaue auf die steil aufragenden Felswände des Hochschwabs, die dunklen Tannenwälder und die weißen Kalkschichten am Seegrund.
„Sie erzeugen das besondere Licht, welches sich als türkisgrünes Wasser widerspiegelt“, erklärt uns Herr Tuttner.
Nach einem kurzen Fußmarsch rund um den See finden wir einen schönen Platz wo wir unser Lager aufschlagen. Einige Kinder spielen mit Baumrinden und sammeln Tannenzapfen am weichen Waldboden. Ich will Steine sammeln für meine Bilder und mache eine Entdeckung. Im Wurzelballen eines umgefallenen Baumes blitzt es auf. Ein verirrter Sonnenstrahl ist durch das dichte Geäst auf einen Stein getroffen und bringt ihn zum Funkeln. Auf seiner Oberfläche sind Kristalle, kleine Würfel glänzen wie Gold. Lehrer Tuttner muss meinen Aufschrei gehört haben und will mir zu Hilfe eilen. Als er meinen Fund sieht, dämpft er meine Freude:
„Das ist kein Gold, Franzi, das ist ein Pyrit. Die Leute nennen es auch Katzengold. Wertlos, aber auf jeden Fall ein schöner Stein - dein Stein.“
Die Mütter breiten Decken aus, manche haben Klappsessel dabei – es ist Jausenzeit. Weil ich nichts zu essen dabei habe, wird zusammengelegt. Am Ende habe ich mehr zu essen als alle anderen Kinder. Sie schenken mir Brote mit Emmentaler und Schinken, gekochte Eier und Essiggurken. So muss es im Schlaraffenland sein, denke ich, Steine wie Gold und jede Menge zu essen.

Der Lehrer fängt zu Singen an und alle singen mit. Irgendwer kommt auf die Idee, im See baden zu gehen. Am Ufer sei der eiskalte See durchaus zum Baden geeignet, sagen sie. Die Kinder springen ins Wasser, die Mütter passen auf, dass nichts passiert. Ich bleibe am Ufer sitzen.
„Komm doch, es ist gar nicht tief!“, rufen sie mir zu. Ich gehe nicht. Alles Zureden hilft nichts.
Ich kann nicht. Nicht dass ich nicht schwimmen kann, mein Problem ist, dass ich unter meiner kurzen Ledernen keine Unterhose trage.
Hehe, denke ich, gut dass ihr das nicht wisst, es bleibt mein Geheimnis, es würde mich noch ärmer aussehen lassen.
Fortsetzung folgt.
@Franz

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