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Was ist Flucht?

Was ist Flucht?

Jenny Schuckardt
24.04.2017, 07:53 Uhr
Beitrag von Jenny Schuckardt

Menschen sind auf der Flucht. Etwa fünfundsechzig Millionen waren es Mitte des Jahres 2016, die vor Krieg, Zerstörung und Verfolgung flüchteten. Jeden Tag werden es 50 000 Menschen mehr. Jeden Tag 50 000. Seit heute Morgend eine ganze Stadt!

Dies sind die Menschen, die wir als »Flüchtlinge« bezeichnen, oder genau genommen sind es nur diejenigen unter ihnen, die es schaffen, über eine Grenze in ein Nachbarland zu gelangen. Sie sind dann Flüchtlinge unter internationalem Schutz. In dem Moment, in dem ich dies hier schreibe, sind das einundzwanzig Millionen Menschen. Für sie gibt es die sogenannte Genfer Flüchtlingskonvention, deren Regeln seit 1951 festlegen, wie internationale Flüchtlinge geschützt und versorgt werden müssen. Einhundertvierundvierzig Staaten sind es gegenwärtig, die sich verpflichtet haben, diese Regeln zu respektieren.

Darin steht zum Beispiel, dass Flüchtlinge nicht zurückgewiesen werden können, dass sie das Recht haben zu arbeiten und sich frei zu bewegen, das Recht auf eine Unterkunft, auf Erziehung und auf vieles mehr. Natürlich gilt das nicht für Kriegsverbrecher, und Flüchtlinge müssen auch das Gesetz des Gastlandes respektieren.
Über die internationalen Flüchtlinge hinaus gibt es mehr als vierzig Millionen sogenannte »Binnenflüchtlinge«. Das sind Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes aufgrund von Konflikten vertrieben worden sind. Für sie existiert keine internationale Regelung, denn die Regierung eines jeden Landes ist verantwortlich für seine Bürger. Das Problem ist, dass die Regierungen vieler Länder selbst an Vertreibungen beteiligt sind. Bürgerkriege oder die Verfolgung einzelner Volksgruppen sind oft die Ursachen für Binnenflucht.

Es gibt viele weitere Faktoren, die Menschen dazu zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Durch die Klimaveränderung etwa werden im Augenblick im Jahr durchschnittlich zwanzig Millionen Menschen vertrieben. Das heißt, dort, wo sie herkommen, können sie nicht mehr überleben, da Dürre oder Überflutungen ihre Ernten zerstören und ihr Vieh verdurstet oder ertrinkt. Da sich diese Katastrophen immer häufiger wiederholen, werden sie immer ärmer. Früher gab es zum Beispiel in Somalia und Nordkenia alle zehn Jahre eine Dürre. Jetzt kommt sie alle drei bis fünf Jahre – für die Menschen und die Natur bleibt kaum mehr Zeit, sich davon zu erholen. In Südostasien fällt der Monsun von Jahr zu Jahr stärker aus. Millionen Menschen werden jedes Jahr vertrieben und verlieren alles. In den kommenden Jahrzehnten werden über fünfzig Inselstaaten unbewohnbar werden, da der Meeresspiegel durch die Polarschmelze steigt. Es gibt keine internationalen Richtlinien dafür, wie diese Menschen geschützt werden können. Natürlich kommt es auch zu anderen, nicht menschengemachten Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche, die Menschen dazu zwingen, woanders zu leben. Kompliziert wird es, wenn Menschen einfach nur sehr arm sind. Fast eine Milliarde Menschen ist heute hungrig und unterernährt. Das sind zwölf Prozent der Menschheit. Sehr viele Menschen haben keinen Zugang zu Wasser, Gesundheitsversorgung und Energie und können nicht arbeiten. Die Kindersterblichkeit ist zwar zurückgegangen, aber dennoch erreichen viele Kinder auf der Welt nicht das fünfte Lebensjahr. Sprechen wir von Menschenrechten, dann sprechen wir von Rechten, die mehr als drei Milliarden von den 7,4 Milliarden Menschen auf der Erde nicht wahrnehmen können.

Viele Menschen, die zu uns kommen, kommen aus dieser Verzweiflung heraus. Allen Ernstes: Kann man diese Menschen Wirtschaftsflüchtlinge nennen?  



Kilian Kleinschmidt aus: BEYOND SURVIVAL, Flüchtlingskinder erzählen ihre Geschichte, erschienen im DuMont-Verlag

http://www.beyondsurvivals.com/de/

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