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Das Leben meistern... auf allzu kurzen Beinen

28.04.2017, 13:19 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Heute morgen war ich beim Zahnarzt.
Eine der wenigen barrierefreien Zahnarztpraxen unserer Stadt, zu dem ich auch mit unserem rollstuhlpflichtigen Sohn (12 Jahre) fahre.
Aber heute war ich allein.

Und wie ich so im Wartezimmer sitze kommen Mutter und Tochter hinein.
Die Mutter, geschätze Anfang/Mitte 70 Jahre alt, halbseitig komplett gelähmt, ging am Krückstoch.

Die Tochter, ca Mitte 40 Jahre alt, Zwergenwuchs, sicherlich keine 1,10 Meter groß, kam lustig plappernd herein und grüßte.
Als ich beobachtete, dass sie ihrer Mutter beim Ausziehen des Mantels behilflich sein wollte, aber nicht einmal an deren Schulter heranreichte, fragte ich, ob ich helfe könne.

Die kleine Person antwortete, dass das nicht nötig sei beim Ausziehen, dass das Ankleiden wesentlich problematischer sei.

Naschdem die Mutter sich gesetzt hatte, ging deren Tochter zunächst einmal zum Empfang, um einen Folgetermin zu vereinbaren.
Dann kam sie wieder zurück.
"Du kannst in keine andere Zahnarztpraxis, auch wenn Dr. Koch nicht mehr hier ist. Der hat sich inzwischen selbstständig gemacht, aber da kannst du nicht versorgt werden. DIESE Zahnarztpraxis ist die einzige, die Krankenhäusern angeschlossen ist. Du weißt, was das immer für Probleme bei all deinen Erkrankungen gibt," so plapperte sie auf ihre Mutter ein.

Ich horchte auf, weil selbiger Zahnarzt mir meine Frontzähne so schön gerichtet hatte und ich seinen Fortgang vor einem Jahr sehr bedauerlich fand.

Deswegen beobachtete ich die beiden genauer.
Zunächst dachte ich, die kleinwüchsige Person würde sich eines der Kinderstühlchen holen, die ihrer Körpergröße eigentlich gerecht geworden wäre.

Weit gefehlt!
Selbstbewusst hiefte sie sich auf einen Stuhl, schlug eines ihrer kurzen Beinchen unter und thronte erhaben auf dem Stuhl.

Dan ging die Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter weiter.
Sie gaben sich auch keine Mühe leise zu reden, weshalb ich das Gespräch sehr gut mitverfolgen konnte.

Die Mutter nahm ihren Schal ab und warf ihn der Tochter herüber.
Diese beschwerte sich:
"Warum muss ich das immer alles tragen?? DUU kleidest dich an und ich darf das dann hinterher immer alles für dich schleppen."
(Dabei muss man das Bild vor Augen haben, dass der kleine Rucksack der jungen Frau schon fast über den Boden schliff, weil sie so klein war. Hinter dem Empfang konnte sie sich jedenfalls komplett verstecken).

Als die beiden besprachen, welche Haushaltstätigkeiten noch zu erledigen seien, meinte die Tochter zu ihrer Mutter:
"Wasche das dann, aber tue das nicht in den Trockner!!
Sonst kann ICH hinterher die Pullis von dir anziehen, weil sie so klein darin geworden sind!"

Nun konnte ich ein Lachen nicht mehr verkneifen und entschuldigte mich bei den beiden. Ich äußerte, dass ich ihre Unterhaltung einfach zu bezaubernd fand.

Danach unterhielten wir uns noch etwas über die Missstände barrierefreier Gebäude wie Restaurants oder Arztpraxen in unserer Stadt.

Als ich aufgerufen wurde, verabschiedete ich mich von den beiden mit einem Lächeln und wünschte ihnen alles Gute.

Für mich persönlich war das mal wieder ein Indiz, dass Behinderungen von den Behinderten selbst oftmals nicht als solche empfunden wird.
Die Behinderungen geschehen meistens durch die Gesunden.
Wie zum Beispiel durch die RANGE ROVER Fahrerin, die unberechtigter Weise dann auf dem Schwerbehindertenparkplatz in der Innenstadt stand, wohin ich nach meiner Behandlung noch gegangen war.
Zum Wochenmarkt...

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesenden dieses meines kleinen Freitagserlebnisses mehr Toleranz, mehr Hilfsbereitschaft und öfters freundliche Worte ihrem Mitmenschen gegenüber.

(c) D. Kaiser

17 Kommentare

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Eine Behinderung wird auch von Behinderten als solche empfunden, aber sie haben weitgehend gelernt, diese in ihren Alltag zu integrieren: mit ihr so normal wie möglich zu leben, sofern sie von äußeren Umständen nicht daran gehindert werden, denn Grenzen sind natürlich genau da gesetzt, wo du es schon beschrieben hast: Treppen etc.
Aber es gibt immer wieder Menschen, die freundlich ihre Hilfe anbieten, z.B. im Supermarkt, wenn bestimmte Waren zu hoch stehen....auch das erleichtert Vieles!
  • 05.08.2017, 12:07 Uhr
  • 1
Ganz genau.
Und ein nettes Wort für einander übrig zu haben, versüßt den Alltag doch ungemein, oder?
  • 05.08.2017, 12:13 Uhr
  • 1
Richtig, ein nettes Wort, und zwar auch von den Behinderten selbst: ein Lächeln und ein Danke für die erhaltene Hilfe oder auch ein freundliches "Nein danke", wenn die Hilfe nicht benötigt wird!
  • 05.08.2017, 12:18 Uhr
  • 1
So ist alles viel leichter.
Für alle beteiligten.
  • 05.08.2017, 12:20 Uhr
  • 1
Auf alle Fälle!
Und ein Behinderter sollte nie vergessen, dass für ihn zwar die Behinderung etwas Normales ist, für den Nichtbehinderten aber nicht, deshalb muss er ihm oftmals helfen, einen normalen Umgang zu finden...
  • 05.08.2017, 12:25 Uhr
  • 1
[i]Und ein Behinderter sollte nie vergessen, dass für ihn zwar die Behinderung etwas Normales ist, für den Nichtbehinderten aber nicht, deshalb muss er ihm oftmals helfen, einen normalen Umgang zu finden...[/i]

So habe ich das noch nie gesehen, wize.life-Nutzer...
Ich gebe zu, ich habe gelinde Schwierigkeiten mit behinderten Menschen. Ich helfe gern, frage auch, biete mich an, hieve hoch, stütze ab und trage, aber ich weiß meist nicht, ob das nicht als unzulässige Einmischung gewertet wird.
Dabei will ich nicht "mit-leiden", ich will die Situation nur erträglicher machen, wenn ich sehe, dass die Behinderung im wahrsten Sinne einen normalen Ablauf "hindert".

Wir wurden viel zu wenig einbezogen in den Umgang mit Behinderten, leider.
  • 05.08.2017, 12:44 Uhr
  • 1
Polly, du beschreibst es sehr gut!
Woher soll ein Nichtbehinderter wissen, wie er mit einem Behinderten "umgehen" soll? Er hat das doch nie gelernt!
Da hat es umgekehrt ein Behinderter viel leichter: er ist von Nichtbehinderten umgeben.....
Die meisten Menschen sind willig, freundlich und hilfsbereit, sind aber unsicher! Es liegt deshalb oftmals an dem Verhalten des Behinderten selbst, ihm einen normalen Umgang zu ermöglichen, in dem sie mit dem Nichtbehinderten "normale Umgangsformen" pflegen.
Auch die Menschen, die mit negativen Vorurteilen belastet sind, erfahren ein "Aha-Erlebnis", wenn Behinderte offen und freundlich mit ihnen umgehen...
Leider ist das vielen Behinderten gar nicht bewusst!
Es gibt eine Begebenheit die mich auch "Gaffern" gegenüber sehr milde gestimmt hat:
Als ich nach dem Einkaufen meine Autotür öffnete, bemerkte ich, dass ein junger Mann stehen blieb und mir zuschaute. Nachdem ich meinen Einkauf verstaut, kam er auf mich zu und fragte, ob er mir helfen könnte. Ich verneinte freundlich und erklärte ihm, dass ich am besten alleine zurecht käme, weil ich den Rollstuhl nur wieder aus dem Auto rauskriege, wenn ich ihn in einer bestimmten Weise zwischen die Sitze ziehe... Er sagte nichts, blieb aber stehen.... Ich hievte mich also auf den Sitz, klappte den Rollstuhl zusammen - er stand immer noch da und schaute.... - ich schob den Sitz so weit es geht nach vorne - er gaffte - ich zog den Rollstuhl zwischen die Sitze - er gaffte und ich kochte...- ich schob den Sitz wieder zurück und überlegte noch, ob ich ihm mal sage, dass er sich verpissen soll.... hab ich aber nicht! Bevor ich die Tür schließen konnte, beugte sich der junge Mann vor und bedankte sich, dass er mal sehen durfte, wie ein Rollstuhlfahrer selbständig ins Auto kommt, denn seine Mutter würde in ca. einer Woche aus dem Krankenhaus kommen, sie hatte einen Autounfall und sitzt seit dem im Rollstuhl und keiner in der Familie könnte sich vorstellen, wie es weitergeht... Es folgte noch ein langes Gespräch über Alltagshilfen..... und ich habe in Gedanken Abbitte geleistet, weil ich über sein "Gaffen" so ungehalten war und war heilfroh, dass ich meine Klappe gehalten hatte....
Vorurteile gibt es also auf beiden Seiten...
  • 05.08.2017, 13:49 Uhr
  • 2
Siehst du, DER hat das durchgezogen.
DAS könnte ich so wortlos NIE!

Ich hab nur 2 Möglichkeiten:
-Wenn ich dir sage: "Nu machen Sie mal, ich guck nur zu!"
Finde ich unmöglich, was sollst du denn da denken?! Dass ich dich da verhungern lasse?
-Wenn ich versuche, dir das VORHER zu stecken, dass ich mit den Augen klauen will?
(Das könntest du auch falsch auslegen.)

Und genau dort setzt doch die Unsicherheit im Umgang an.
Schaue ich auf dem IKEA-Parkplatz einem Ehepaar zu, wie sie versuchen, unendlich lange Teile in ihren Kombi zu schieben, kümmern die sich nicht drum: Sie sind ja nicht behindert und kämen bestimmt nicht so schnell auf die Idee, ich wolle gaffen.

(Andersrum gibt es auch so richtig aggressive Behinderte, oft im Elektrowagen unterwegs, die ihren "Bonus" radikal gegen jede Umwelt anwenden und unser schlechtes Gewissen, nicht behindert zu sein, martialisch ausnutzen.)
  • 05.08.2017, 15:05 Uhr
  • 1
Ja, diese aggressiven Behinderten gibt es (und nicht nur im E-Rolli), und da kriege ich einen ganz dicken Hals!
Meiner Meinung und meiner Erfahrung nach liegen hier oft schwere Erziehungsfehler schon in der frühen Kindheit vor! Doch woher sollen Eltern von behinderten Kindern wissen, worauf es einmal ankommt, wenn ihre Kinder erwachsen sind?! Behinderte Kinder werden meistens rundherum therapiert und versorgt, und das ist überwiegend auch gut so. Im Allgemeinen haben sie Eltern - meist die Mütter - die sehr engagiert sind und über ihre Kräfte hinaus funktionieren.
Die Kinder selbst erfahren, dass alles für sie getan wird! Oftmals haben sie leider noch nicht einmal selbst registriert, welche Hilfe sie benötigen und schon ist alles für sie erledigt!
Eltern müssen lernen auszuhalten, dass ihre Kinder sich oft sogar mit kleinen Alltäglichkeiten "rumquälen" und wenn sie es wirklich nicht schaffen, diese selbst auszuführen, freundlich um Hilfe bitten.
Meinen Schülern habe ich immer gesagt (und auch den Eltern), dass sie ihr Leben lang immer auf mehr oder weniger Hilfe angewiesen sein werden und sie auch ein Recht haben, diese Hilfe zu bekommen! Aber derjenige, der ihnen hilft, hat ein Recht darauf, dass man mit ihm höflich und freundlich umgeht und dazu gibt es u.a. unsere Wörter "bitte" und "danke", was übrigens ja auch nicht schaden würde, wenn alle Nichtbehinderten diese ebenfalls in ihren Sprachgebrauch übernehmen könnten..
Lernen Kinder das nicht, muss man sich dann mit fiesen Erwachsen auseinandersetzen oder besser: ihnen aus dem Weg gehen... egal ob behindert oder nicht.....
  • 05.08.2017, 20:39 Uhr
  • 2
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Die Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen möchten genauso akzeptiert werden wie andere. Wenn sie von sich aus fragen..dann hilft man sehr gerne. Aber sie mögen es nicht so wenn man sich aufträngt.
  • 28.04.2017, 23:38 Uhr
  • 0
Was ich ja auch nicht gemacht habe.
Sondern erst die Situation beobachtet und dann höflich gefragt.
Das mache ich grundsätzlich so, auch bei Senioren und anderen Hilfsbedürftigen...

Zumindest signalisieren, dass man die Situation erfasst hat und nicht gleichgültig dran vorbei geht.
  • 29.04.2017, 09:05 Uhr
  • 1
Doris..das du es weißt da habe ich auch keine Bedenken. Aber es gibt immer wieder Menschen die nicht wissen wie sich verhalten. Darum habe ich dazu auch einmal hier eine Themenbeitrag zu so etwas geschrieben..wozu es auch einmal einen Themenchat zu gab
Schaue hier...

wize.life/themen/kategorie/gesundheit/artikel...tige-umgang
  • 29.04.2017, 09:17 Uhr
  • 1

Ich weiß, dass du darin firm bist.


Aber jetzt geht es erst einmal zum Tierarzt.
Kätzchen impfen lassen.

  • 29.04.2017, 09:19 Uhr
  • 1
Dann knuddel mal das Kätzchen von mir..und ein schönes Wochenende wünsche ich Dir
  • 29.04.2017, 09:21 Uhr
  • 0
Elke,
du hast vollkommen Recht.
Früher habe ich oft den Fahler gemacht,in allen möglichen Situationen,behinderten Menschen Hilfestellung geben zu wollen.
Unaufgefordert mache ich das nicht mehr.
Nach einem langen Gespräch,mit einer jungen Frau,die im Rollstuhl saß.
  • 05.08.2017, 15:18 Uhr
  • 1
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Man sollte manches viel mehr als normal betrachten.
  • 28.04.2017, 13:26 Uhr
  • 1
  • 28.04.2017, 13:36 Uhr
  • 0
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