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Zäsur

Zäsur

04.06.2017, 10:24 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Jonas ist ein Studienfreund meiner mittleren Tochter. Warum ich mit ihm die ganze Zeit bis heute Kontakt gehalten habe? Wir waren uns sympathisch, seinen Kindern habe ich oft den Opa gegeben und mit seiner Frau habe ich gerne über Bücher und Literatur gesprochen. Jonas hat Jura und BWL studiert und eine Riesenkarriere bei MacKinsey hingelegt. Sehr engagiert im Beruf und dennoch hat er immer auch auf seine Freizeit und auf sportliche Betätigung Wert gelegt: Gelegentlich Radl fahren, Rennrad, selbstverständlich, für ein paar Runden um den See oder so, Standup Paddeln, Ski fahren, Drachenfliegen .... Für seine Familie hat er ein geräumiges Haus gekauft (du musst um ein Haus herum gehen können, sonst ist es kein Haus. Hat er immer gesagt) und eingerichtet und seine wenigen Urlaubstage hat er mit seiner Familie dort verbracht, wo es traumhaft und richtig teuer ist.

Als ich ihn vor 14 Tagen besuchen wollte, schickte mich seine Frau in das Krankenhaus, wo er lag. Er war auf einem einfachen, normalen Bürgersteig in Lyon aus unerfindlichem Grund gestolpert und mit dem Rücken auf die Stufe zur Strasse geprallt, gefallen, wie niemand fallen sollte. Seine Wirbelsäule wurde in Höhe der Brust verletzt, 2 Wirbel brachen, im Bereich eines Wirbels wurde das Rückenmark komplett durchtrennt: Querschnittlähmung. Ich habe etwa 2 Stunden an seinem Bett gesessen, wir konnten beide kaum reden unter dem Eindruck dieser Zäsur. Ich fühlte mich einfach hilflos und habe jede Vorstellung des Geschehens einfach verdrängt. Kurz bevor ich ging sah er mich an und sagte: Mann, machs gut, und lass dir mal was sagen: Ich habe dich immer beneidet und wusste nie so genau, warum. Schon als du noch deine Firmen gemanagt hast und voll im Berufsleben standest, dich nie gelangweilt hast und oft genug ins Risiko gegangen bist um zu gewinnen oder zu verlieren. Heute weiß ich es: Du hast vieles nicht getan, um Zeit mit deinen Frauen und Töchtern zu verbringen, dich mit dir selber zu beschäftigen und mit deinen Freunde. Das wollte ich später auch so machen. Aber was ist später? Heute bin ich knapp 40 und es wird nie mehr ein Später geben.

"Später" habe ich zuhause gesessen und geheult. Wegen dieser beschissenen Hilflosigkeit, die einen anfällt wie ein räudiger Hund und dir klar und deutlich macht, was jeder von uns als Einzelwesen doch für ein unwichtiges Etwas ist, wenn "das Leben" dir zeigt, wo es lang geht.

12 Kommentare

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die Hilflosigkeit an einem Krankenbett ist furchtbar,
und dann geht man vor die Tür und muss zurück ins Leben,
viel nachdenklicher und sich des Todes und des Lebens bewusster.
und jeder zieht seine eigenen Schlüsse...........
Mein Schwager und meine beste Freundin waren zu gleicher Zeit in verschiedenen Hospizen.........
  • 07.06.2017, 10:14 Uhr
  • 0
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Mir zeigt das Leben ebenso wo es sozusagen lang geht. Meine Freundin hat Brustkrebs, wir sind beide manches mal am Limit. Das Leben hat sich von jetzt auf gleich total verändert, bei mir auch vor einem Jahr durch meine Herzop.
Ich denke Mike, aus der anfänglichen " Hilfslosigkeit "der man sich stellen muss, ob man will oder nicht, kann eine große Kraft und die damit verbundene Hilfestellung "erwachsen.

Euch Beiden alles erdenklich Gute und Kraft füreinander und miteinander..
  • 07.06.2017, 09:17 Uhr
  • 2
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Dieser Bericht hat mich zutiefst berührt.......
Wünsche Deinem Freund und auch Dir viel Kraft
um das durchzustehen.....
Wie schön ,wenn ein Freund da ist,
einfach nur da ist'...................
  • 07.06.2017, 08:37 Uhr
  • 3
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Mir zeigt jeden Tag das Leben, wo es lang geht.
Nun wird auch noch unser Sohn neben dieser beschissenen neurodegenerativen Erkrankung mit dem Namen "Hereditäre Spastische Spinalparalyse", die er hat, auch noch blind.

Wenn ein Kind zu Lebzeiten schon durch die Hölle gehen muss, was erwartet ihn dann nach dem Tod?
  • 07.06.2017, 08:23 Uhr
  • 1
Glücklicherweise erwartet uns dort alle nur das, aus dem wir alle geworden sind: Sternenstaub
  • 07.06.2017, 08:30 Uhr
  • 0
Doris ich wünsche Dir viel Kraft
für Dein Kind auch von Herzen alles Liebe..........
  • 07.06.2017, 08:46 Uhr
  • 1
Doris, ich habe mich wegen diverser Schicksalsschläge sehr viel mit Tod befasst...Kübler Ross hat dazu viele Bücher .....Nahtoderfahrung....geschrieben...seitdem bin ich sicher...der Tod ist eher Erlösung als Schrecken....(eigene Nahtoderfahrung gab mir Gewissheit)......was Ihr jedoch mitmachen müsst ....kann ich nicht in Worte fassen...das Leben erlegt uns Prüfungen auf an denen man oft zu zerbrechen droht...Du meisterst sie....meine Hochachtung!
Mike diese Zäsur zeigt doch deutlich..was wichtig im Leben ist!
  • 07.06.2017, 09:16 Uhr
  • 1
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Ich kann es nicht in Worte fassen, was ich im Moment empfinde...
  • 07.06.2017, 07:05 Uhr
  • 1
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Mike: Ich habe zu DDR-Zeiten ein Buch gekauft, das ich immer noch besitze "Rückkehr ins Leben" von Wilhelm und Elfriede Thom. Ich weiß nicht, ob man dieses Buch noch antiquarisch erwerben kann. Es hat mich tief beeindruckt. Der Autor, ehemals Sportler und Sportfunktionär war ab der Halswirbelsäule gelähmt - und hat trotzdem wieder Mut gefasst und sich ein "Danach" (natürlich mit Hilfe seiner Frau und seiner Freunde) geschaffen.
Ich könnte das Buch inzwischen entbehren und weitergeben, wenn es gewünscht wird.
Auch im Rolli kann es noch ein lebenswertes Leben geben. Alles Gute!
  • 04.06.2017, 10:50 Uhr
  • 0
Bestimmt wize.life-Nutzer. Aber es scheint mir bei ihm, vielleicht wegen der persönlichen Nähe und meinem egoistischem Mitleid, doch ein besonders schwerer Schritt , "aufzustehen" und zu kämpfen.
(ich schau mal, ob das Buch antiquarisch hergeht)
  • 04.06.2017, 11:00 Uhr
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! Sogar noch zu kaufen: https://www.amazon.de/R%C3%BCckkehr-.../3355013242
Ich habs bestellt! Danke für den Tipp
  • 04.06.2017, 11:01 Uhr
  • 0
Du musst in dem Buch bloß die Lobhudelei für die DDR "übersehen".
Was ist "egoistisches Mitleid"?
Allerdings: Mit"leid" - so denke ich - lähmt; während Mit"gefühl" stärkt.
Alles Gute!
  • 04.06.2017, 12:18 Uhr
  • 2
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