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Spaziergang

Spaziergang

24.06.2017, 18:45 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Friedhofsgedanken!


Heute war ich nach langer Zeit wieder mal auf einem Friedhof.
Unsere Siedlung hat nur einen kleinen Friedhof, meine Heimatstadt hat mehrere große Friedhöfe.
Da ich erst seit 12 Jahren in dieser Siedlung wohne waren mir alle dortigen Namen unbekannt.
Ich gehe gern auf Friedhöfen spazieren und denke über die Menschen und ihr Leben nach.
Im Verlaufe meiner damaligen Arbeit war ich oft den ganzen Tag oder auch Nacht dort und weiss die Ruhe dort zu schätzen. Es ist schon was besonderes auf einer dortigen Bank auszuruhen einem Nachtvogel zu lauschen und seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können. Lustig ist es und etwas makaber auch, wenn man Nachts eilige Schritte derjenigen hört welche gedenken den Heimweg zu verkürzen und den Friedhof mit sehr gemischten Gefühlen durchqueren, gewahrt. Ich habe mal einen dieser eiligen Heimkehrer angesprochen und machte es seitdem auch nie wieder, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich mag den morbiden Charme unserer Friedhöfe und die Ruhe einer Oase mitten in der Großstadt.
Ich gehe durch die Reihen, betrachte die Gräber und stelle mir vor was es für Menschen waren welche jetzt, aller Sorgen ledig, hier bestattet sind. Manchmal fällt mir ein Grab auf, auf welchem die Bepflanzung auserordentlich schön aussieht, manchmal das Gegenteil, wenn ich sehe, dass dieser, welcher dort ruht, anscheinend niemanden hat der sich um diese Stelle kümmert. Ist er/sie/es vergessen oder leben die Angehörigen nicht mehr? Und doch hat sich inmitten dieses Grabes eine Verbena ihren Platz gesucht und streckt mir ihre blauen Blüten entgegen als wollte sie mir zeigen das es auch hier, auf der letzten Ruhestätte eines Menschen, neues Leben gibt. In Gedanken gehe ich weiter und treffe auf ein Grabmal aus dem vorvorigen Jahrhundert. In goldenen Lettern steht dort der Name des Betreffenden, sein Stand, in diesem Falle ein Kaufmann und der Wunsch ihn nicht vergessen zu mögen. Was mögen sich seine Angehörigen dabei gedacht haben ihm ein solches Bauwerk zu errichten? Ich sehe einige Gräber auf denen der Name eines Sohnes steht, welcher im letzten Krieg gefallen ist und doch hier nicht begraben werden konnte, was mögen diese Eltern gedacht und gefühlt haben als sie die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erhielten? Stolze Trauer wie man es in den damaligen Traueranzeigen in der Presse lesen konnte, oder empfanden sie einfach nur grenzenlosen Schmerz und verfluchten diejenigen welche es zu verantworten hatten? Ich weis es nicht, wende mich mit Trauer und gehe zur Abteilung Kriegsgräber der Sowjetarmee. Auch bei denen sehe ich viele Gräber von blutjungen Menschen welche manche keine 18 Jahre werden durften. Die Russen haben ja den Brauch die Gräber ihrer Verstorbenen mit einem Bild zu versehen und es ist doch noch berührender wenn man den Verstorbenen, zumal wenn er noch so jung ist, wie die, welche mich von den Steinen ansehen. Beim Verlassen dieses traurig-schönen Ortes sinne ich über meinen eigenen letzten Platz nach. Ich werde ja kein Grab haben denn meine Asche soll in den Fluss gestreut werden, welcher meine Heimatstadt durchquert und bei Barby in der Elbe mündet. Auf meiner letzten Reise komme ich vielleicht vorbei an den Ufern an welchen die Städte und Dörfer meines Mutterlandes malerisch gelegen und mir vielleicht sogar eine Glocke das Signal der letzten Reise einläutet, bevor sich dieser Strom in die Nordsee ergiesst.

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10 Kommentare

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Wir gedenken unsere Angehörige nur auf dem Friedhof. In anderen Ländern, z. B. in Bulgarien werden nach der Beerdigung Gedenkblätter mit Fotos und Ereignissen aus dem Leben des Verstorbenen, an Mauern, Haustüren und Bäumen ausgehangen. An Geburtstagen usw. wird dieses Ritual wiederholt.
  • 01.10.2017, 15:05 Uhr
  • 1
Auch eine interessante Art des Gedenkens.
  • 01.10.2017, 16:44 Uhr
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Bernd, das ist ja eine neue Seite von dir - für mich neu entdeckt.
  • 04.07.2017, 20:19 Uhr
  • 1
  • 05.07.2017, 06:51 Uhr
  • 0
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Wenn ich richtige Ruhe brauche gehe ich oft frühmorgens auf den Friedhof. Erst ein kleiner Rundgang zu meinen Lieben, die ich dort schon hab lassen müssen, dann weiter zu den anderen Gräbern. besonders die aramäischen Gräber fallen mir immer wieder auf. Sie sind so aufwendig geschmückt wie keine anderen. Und wenn dann in unmittelbarer Nachbarschaft so ein verwildertes Grab liegt, kommen mir fast die Tränen und ich überge wie wohl mein Grab mal aussehen wird. Werden die Kinder oder Enkel die Pflege noch übernehmen? Wir haben ja nur ein kleines Grab für Urnen, mein Mann wollte nicht nur eine Platte auf der Wiese.
Ganz besonders ist die Abteilung für Kinder, mit einer wunderschönen Stele in der Mitte geschmückt, all die vielen Kuscheltiere, Autos und Puppen. Dann danke ich jedesmal dafür das ich 4 gesunde Kinder haben darf.
Von so einem Rundgang komme ich immer gestärkt wieder und kann weiter den stressigen Tag bewältigen.
  • 26.06.2017, 16:33 Uhr
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  • 27.06.2017, 07:44 Uhr
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Schön geschrieben, Bernd!

Ein Friedhof ist auch ein Stück Geschichte, welches mit den Familien vor Ort verknüpft ist.

Ich selbst habe mich für einen Platz im Friedwald unter einem Baum entschieden. Dort kann man wieder eins mit der Natur werden.
  • 26.06.2017, 15:03 Uhr
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Danke mein Schnattchen!
  • 26.06.2017, 15:18 Uhr
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Sehr beschaulich verfaßt, lieber Bernd - aber der betreffende Fluß mündet unweit des Städchens Barby in die Elbe, also ca. 15 Flußkilometer von Schönebeck entfernt
  • 24.06.2017, 19:54 Uhr
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Oh danke, bisher wusste ich nur von Schönebeck, werde es gleich ändern
  • 24.06.2017, 20:03 Uhr
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