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Zeitreise

Zeitreise

26.06.2017, 12:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Gestern war ich das erste Mal seit vielen Jahren wieder in dem kleinen Ort in Hessen, aus dem ich stamme und in dem ich meine Kindheit und Jugend verbrachte.
Dem Ort, in dem ich so viel erlebt habe, das mich geprägt hat.
Schönes und Schreckliches.
Ich hatte Furcht davor, dorthin zu fahren und habe es lange vor mir hergeschoben.
All die Erinnerungen, ich wollte nicht von ihnen überwältigt werden, ohne sie kontrollieren zu können.
Mitgenommen habe ich meine kleine Tochter, ich wollte ihr unbedingt zeigen, wo ich gewohnt und gespielt habe, als ich so alt war, wie sie – sie wird im Juli fünf.
Meinen Kindergarten, auf dessen blitzsauberer, blassgelber Fassade immer noch in verschnörkelten Lettern "Evangelisches Gemeindehaus" prangt. Den lauschigen Annapark, eröffnet im vorletzten Jahrhundert zu Ehren einer älteren Dame namens Anna, die als dunkelgraues Denkmal, wie eh und je flachbrüstig und schmal auf einem Sockel in Nähe des Eingangs steht und ihren überaus gramvollen Gesichtsausdruck nie geändert hat - wir Kinder statteten dem Park in der warmen Jahreszeit fast täglich einen Besuch ab, weil es dort einen uralten Springbrunnen aus Stein gab, auf dem man herrlich herumpatschen konnte, wenn die Sonne heiß vom Himmel schien und die beste Reifenschaukel auf der Welt. Das Freibad, in dem ich schwimmen gelernt habe und dessen tiefbraungebrannter Bademeister würdevoll, wie sonst keiner, eine winzige knallrote, viel zu enge Badehose und einen beeindruckend dicken Bauch zur Schau stellte, wenn er mit wichtiger Miene die beiden Badebecken bewachte. Den Baggersee auf dem wir im Winter Schlittschuh liefen und durch dessen Eisschicht man die Fische sehen konnte, die einen vorwurfsvoll anglotzten, wenn man über sie hinwegglitt. Den gruseligen Geheimgang hinter der uralten Mauer vom Hexenturm, vor dem ich mich immer ein wenig fürchtete, weil er so schummrig und voller Geheimnisse schien.
Und natürlich die Spielstraße hinter Hannahs Haus, auf der sich im Sommer unzählige Mädchen und Jungen tummelten, weshalb dort nur sehr selten ein Auto anzutreffen war, weil im Ort jedermann wusste, dass man dort nicht zügig fahren konnte, wenn man kleinen Rollschuhfahrern, mit jauchzenden Kindern vollgestopften Bollerwagen und kunstvollen Gummitwisterinnen ausweichen musste.
Oh, Hannah. Wie lange hatte ich ausgerechnet an sie nicht mehr gedacht?

Ich habe alte Fotos mitgenommen, die mich an genau diesen Stellen zeigen und Luzie staunte, als sie sah, wie klein auch ich einmal gewesen bin.

Es war ein herzerwärmendes aber gleichzeitig bedrückendes Gefühl, Luzie dort stehen zu sehen, wo ich damals mit meiner Mutter stand, sie dort lachen zu hören, wo ich damals mit meiner Mutter lachte und die Wege mit ihr zu gehen - ihre kleine Hand in meiner, die ich damals mit meiner Mutter ging - meine kleine Hand in ihrer.
Einige der Plätze, die ich damals so geliebt habe, haben sich im Laufe der Zeiten verändert. Alte Fachwerkhäuser, vor denen die alten Weiber noch in Tracht standen und ein Schwätzchen im Dialekt hielten, sind nun unbewohnt und zerfallen, knorrige, alte Bäume, in deren Ästen voller Laub wir unsichtbar für andere geklettert waren, sind gefällt und die Bauernhöfe, die alle Einwohner mit Milch und Eiern versorgten, gibt es nicht mehr.
Aber die ganz besonders schönen Fleckchen, sind erhalten und so, wie sie früher waren.
Es gibt sogar noch die Parkbank, auf der meine Mutter immer saß und unserem kindlichen Treiben geduldig stundenlang zuschaute, uns zu essen und zu trinken gab, wenn wir beim Spielen hungrig und durstig geworden waren, unseren aufgeschlagenen Knien mit ihrer tröstenden Zauberpuste den Schmerz nahm oder einfach nur ihren Schoß als Ruhestätte anbot, wenn wir vom vielen Schaukeln und Herumtollen eine Pause brauchten.
Ganz verwittert ist ihr Holz mittlerweile und von Flechten überzogen, aber als ich mich auf sie setzte, hatte ich für einen kurzen Moment das Gefühl, meine Mutter unmittelbar neben mir zu spüren und ihre Stimme zu hören. Ihre so warme, liebevolle und immer ein wenig mädchenhaft klingende Stimme, die ich nie vergessen habe.

Da wollte ich unbedingt ihre beste Freundin besuchen, Hannah, die nicht wegzudenkender Teil meines Kinderlebens war, die beharrlich und in unerschütterlicher Warmherzigkeit, in den guten und den schlechten Zeiten an der Seite meiner Mutter stand, und die ich aus den Augen verloren habe, als ich groß wurde und versuchte, meine Vergangenheit abzuschütteln, wie einen bösen Traum, den man nicht mehr träumen will.
Als ich vor ihrem Haus stand, das Namenschild las, das nie ausgetauscht wurde und die alte Eisenklingel mit dem lustigen Knopf sah, musste ich lächeln. Es war dieselbe Klingel, die ich schon gedrückt habe, als ich mit meinem Finger gerade so an sie heranreichen konnte.

Ich hörte ihr Schellen, das mir immer noch so vertraut ist und wartete darauf, dass ihr Mann Richard mir gleich die Tür öffnen würde, wie er es unzählige Male getan und dabei gegrinst hatte, weil johlende Kinderhorden die alte Holztreppe nach oben in das Zimmer seines Sohnes stürmten, obwohl ihr letzter Besuch erst eine halbe Stunde zurücklag und er genau wusste, dass seine alte Mutter, die auch im Haus wohnte, bei dem Getrampel wieder hingebungsvoll über die schrecklich lauten Gören von Heute lamentieren würde, obwohl sie doch eigentlich schwerhörig war.
Der Klingelton verhallte, drinnen blieb es still, niemand öffnete.
Ich klingelte noch einmal. Stille.
Keiner zuhause.
Dann verspürte ich den Drang, auf den Friedhof zu fahren, auf dem ich vor dreißig Jahren fast blind vor Tränen zugesehen hatte, wie das Bisschen Asche, das von meiner Mutter übriggeblieben war, auf Nimmerwiedersehen im Boden verschwand.
Der Friedhof, von dem ich fortgerannt war, nachdem ich kalte feuchte Erde in das kalte feuchte Erdloch auf ihre Urne werfen musste, weil sich das so gehörte.
Hannah hatte vergeblich versucht, mich zu trösten und festzuhalten.

Das Grab meiner Mutter gibt es nicht mehr.
Nicht schlimm, denn meine Mutter wohnt im Wolkenhäuschen, hat wunderhübsche, weiche Engelsflügel, schreibt mit blauglitzernder Himmelstinte Briefe an meine Tochter und legt ihr manchmal Geschenke auf die Fensterbank im Kinderzimmer.
Dafür habe ich ein anderes Grab gefunden.
Mit vielen Blumen darauf, frischen Blumen.
Und einem schlichten Kreuz aus Holz und einer eingebrannten Inschrift:

Richard Niemann
geb. 16.05.1944
gest. 16.05.2017

Ich war bestürzt.
Wenn ich nur einen Monat früher geklingelt hätte…
Und dann liefen die Tränen.
Tränen um all das Vergangene, das nicht wiederkehrt.
Die Menschen, die Erlebnisse, die Geschichten.

Seit gestern fühlt es sich unentwegt an, als kniete ich am Rand eines riesig großen Meeres, gefüllt mit unendlich viel Zeit, die meinen Körper kraftvoll umspült, ich lache und freue mich und dann ist plötzlich Ebbe, das Meer trocknet aus und sie ist fort, die Zeit.
Meine Lippen sind salzig. Aber nicht vom Meerwasser, sondern von Tränen.
Und die Flut kommt nie mehr zurück.

Ich muss unbedingt Hannah anrufen und fragen, wie es ihr geht.
Aber es braucht wohl noch eine Weile, bis ich mich gefangen habe und nicht sofort beginne, zu weinen, wenn ich ihre Stimme höre.
Aber ich warte nur Stunden. Keine Tage, keine Monate, keine Jahre.
Das Leben duldet keinen Aufschub.

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46 Kommentare

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NEIN, das Leben duldet keinen Aufschub-
rufe sie an!
Und wenn Tränen fließen haben sie ihre Berechtigung!
Wenn nicht da, wo dann?
  • 01.07.2017, 20:31 Uhr
  • 1
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Danke
  • 27.06.2017, 21:11 Uhr
  • 1
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Rosi was für eine anrührend schöne Geschichte. Ich habe Tränen in den Augen. Am 14. Dez. 1916 ist mein "kleiner" Bruder tot umgefallen, praktisch gesund gestorben. Akuter Herzstillstand. Gestern hätte er seinen 67zigsten Geburtstag gefeiert. Habe vor 10 Jahren auch mal so eine Reise in die Vergangenheit gemacht und festgestellt, daß niemand mehr da war, der früher zu meinem alltäglichen Leben gehörte. Toll geschrieben!
  • 26.06.2017, 16:30 Uhr
  • 1
furchtbar...so eine schreckliche Situation möchte ich mir gar nicht ausmalen...

vielleicht gibt es ja all das, was uns früher umgab, "drüben" und empfängt uns als vertrautes zuhause, wenn wir einst dort ankommen...
  • 26.06.2017, 17:05 Uhr
  • 2
Vielleicht..........
  • 27.06.2017, 06:13 Uhr
  • 0
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Sehr berührend Deine Geschichte ..... es sind so viele Verluste die im Laufe eines Lebens zu verkraften sind. Menschen die mit einem verbunden und einen Teil des Lebens verbracht haben und dann plötzlich nicht mehr da sind. Die Zeit der Trauer muß sein wir sollten Sie zulassen, aber die Jahre vergeh' n ... und es sind die glücklichen Momente, Kuriositäten und alle möglichen Erlebnisse, die bei der Erinnerung ein Lächeln uns auf das Gesicht zaubern. LG 🤗😁
  • 26.06.2017, 16:19 Uhr
  • 1
ich hab gestern ganz oft gelächelt...allerdings bin ich die ´traurige Wehmut nicht mehr losgeworden...und sie hält weiterhin an...
  • 26.06.2017, 17:06 Uhr
  • 0
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Wunderschön mit so viel Gefühl und Herz geschrieben. Danke meine liebe Alice, das du deine Erinnerungen und dein Erlebnis mit uns geteilt hast, ganz vielen lieben Dank. Und ja, die Zeit wartet nicht....ruf sie an.
  • 26.06.2017, 15:59 Uhr
  • 2
ich kanns immer noch nicht...sobald ich nur den hörer in die Hand nehme, verliere ich die Fassung...:_(
  • 26.06.2017, 17:06 Uhr
  • 1
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Je älter ich werde, umso mehr habe ich teils wehmütig melancholische Erinnerungen an geliebte Menschen, gemeinsame Zeiten, Orte, Plätze, Lachen, Weinen und all die Gefühle im Leben.
Jeder hat einen solchen Garten der Erinnerungen, die einem nie genommen werden können. Meiner ist groß, bunt, mit sonnigen und schattigen Ecken, mit Wüste, Eis und Sturm.
Dieser Garten ist mein Schatz, da er mein Innerstes, mein Kern ist.
Ich bin. Ich bin ich und ich bin hier.
Und ich sammele neue kleine Schätze für meinen Garten.
Manchmal treffe ich auf fremde Menschen, die mich - ohne ihr Wissen- daran erinnern, dass in diesem Garten der ein oder andere Krug oder Teller ist, der gesäubert und poliert werden muss, damit er glänzen kann.
Ich nenne diese Tage Seelentage.
  • 26.06.2017, 15:36 Uhr
  • 4
seelentage...was für ein schönes wort...das merke ich mir...
  • 26.06.2017, 17:15 Uhr
  • 2
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Danke Rose, das hat mich sehr berührt
  • 26.06.2017, 15:35 Uhr
  • 1
Dankeschön...
  • 26.06.2017, 17:16 Uhr
  • 0
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Sehr schön geschrieben, Rose, voller Herz und Gefühl.
  • 26.06.2017, 15:25 Uhr
  • 3
was andres blieb mir gar nicht übrig...ich bin völlig durch den wind...
  • 26.06.2017, 17:16 Uhr
  • 1
Das kann ich gut nachvollziehen. Ruf bald dort an.
  • 26.06.2017, 17:24 Uhr
  • 0
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Einmalig schön deine Erinnerungen , dein Einfühlungsvermögen ...
  • 26.06.2017, 15:25 Uhr
  • 2
wenn ich mich selber nicht fühlen könnte...nicht fühlen könnte, was mich bewegt...das wäre ja furchtbar...
  • 26.06.2017, 17:17 Uhr
  • 0
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Back to the Roots!

... lass dich drücken und lass dir gratulieren! ... selbst wenn du jetzt noch bisschen aufgewühlt bist, wirst du mit ein wenig Abstand, stolz auf deinen Besuch sein und ein Gefühl der Genugtuung verspüren!
Ich find's klasse, dass du hingefahren bist!
lg.
  • 26.06.2017, 14:33 Uhr
  • 5
oh mann...ja....danke für den zuspruch, mein lieber...
  • 26.06.2017, 17:18 Uhr
  • 1
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