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Das Bild

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11.07.2017, 10:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Frau eines Freundes, hat sich vor einigen Jahren das Leben genommen und zwei Menschen besonders traurig und schuldgefühlgeplagt zurückgelassen:
Ihren Mann Carl, der sie wegen seiner Arbeit und seiner Motorradkumpels zu oft alleine ließ und ihre beste Freundin Eliza, mit der sie kurz vor ihrem Tod einen schlimmen Streit austrug, dem keine Versöhnung mehr folgen konnte.
Karins letzter Wunsch war es, dass ihre Asche ins Meer gestreut würde, weil sie es so sehr geliebt hatte.
Ihre Eltern, beide schon recht betagt, ertrugen den Gedanken daran nicht, kein Grab zu haben, an dem sie trauern konnten und baten meinen Freund, sie auf dem kleinen Friedhof in ihrem Heimatdorf bestatten zu lassen.
Hin und hergerissen zwischen dem Drang, seiner Frau ihren letzten Wunsch zu erfüllen und dem Mitgefühl für seine Schwiegereltern, entschloss Carl sich schließlich dazu, den beiden alten Leuten diesen Gefallen zu tun. Wohl war ihm dabei nicht, weil er wusste, wie wichtig seiner Frau die See immer gewesen war.
Einige Tage später fand das Begräbnis statt. Obschon der Friedhof eigentlich sehr hübsch war und sehr idyllisch lag, gab es eine Stelle, die furchtbar trostlos aussah.
Und ausgerechnet dort wurde sie begraben - nur 30cm hinter ihrem Grabstein grenzte der Friedhof an eine Garagenrückwand aus kaltem, grauen Beton.
Nach der Beerdigung machte mein Freund um den Friedhof einen großen Bogen und mied es fortan, das Grab seiner Frau zu besuchen. Ihm war der Gedanke daran unerträglich, ihren Willen übergangen zu haben.
Einige Monate später klingelte sein Telefon und Eliza, die am Apparat war, schluchzte ihm mit tränenerstickter Stimme ins Ohr, er solle sich das Bild anschauen. Da er aufgrund des Streits in dem er auf Seiten seiner Frau war, den Kontakt zu ihrer Freundin abgebrochen hatte, bedachte er sie nur mit einem kurzen "Danke", wusste aber gar nicht, wovon sie gesprochen hatte.
Am gestrigen Sonntag nun, erzählte er mir davon und ich schlug vor, dass wir hinfahren zum Grab seiner Frau, nach all der langen Zeit, um nachzuschauen.
Er zögerte erst, stimmte dann aber zu.
Es war eine beschauliche Fahrt durch den Westerwald und dann den Rhein entlang, eine sehr schöne Gegend, wir kamen aber auch an der Stelle vorbei, an der sich Karin voller Verzweiflung vor den Zug geworfen hatte. Dort fühlte ich schreckliche Beklemmung, wie eine kalte Hand, die sich ums Herz legt und schonungslos zudrückt.
Wir erreichten den verschlafenen Ort, aus dem Karin stammte und hielten am Friedhof an.
Er ist ganz klein, direkt neben einer ebenso kleinen Kirche. Ein hübsches Örtchen, voller Ruhe und Frieden.
Carl bat mich, ich solle schon einmal vorgehen, er müsse sich erst sammeln.
Er war offensichtlich von seinen Erinnerungen überwältigt.
Ich war noch nie dort (ich kenne Carl erst seit zwei Jahren) aber ich habe Karins Grab sofort gefunden. Auf dem Grabstein steht ihr Name, umrahmt von eingravierten Sternen, in deren Mitte winzige Kristallsteine im Sonnenlicht glitzern.
Die schreckliche Garagenrückwand ist verschwunden.
Statt ihrer befindet sich dort nun das endlos weite Meer, mit seinen unzähligen Wellen, deren Gischt sich in der wilden Strömung bricht. Über dem vielen Wasser spannt sich ein großer, bunter Regenbogen. Das Zeichen der Versöhnung.
Mir stockte der Atem und ich bekam am ganzen Körper eine Gänsehaut.
So etwas unglaublich Schönes hatte ich noch nie gesehen.
Das also ist das Bild, von dem ihre Freundin gesprochen hatte.
Es war ihre Möglichkeit, der Toten zu zeigen, wie leid ihr der Streit tut und zudem meinem Freund sein Schuldgefühl zu nehmen, seiner Frau die Seebestattung versagt zu haben.
Mir liefen die Tränen und gleichzeitig musste ich lächeln, weil ich von so großer Freude erfüllt war.
Da sah ich einen der Sterne ganz deutlich funkeln, so, als habe mir Karin zugezwinkert.
Da wusste ich, es war an der Zeit, Carl zu holen.
Und das tat ich dann auch…

12 Kommentare

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Das geht ins Herz.
Gerade bei Suizid sind so viele Schicksale miteinander verknüpft.
Ich kenne es, wenn das Leben so mühsam und dunkel erscheint, wenn kein Licht mehr zu sehen ist und manch einem der Ausweg in den Tod der einzige erscheint.
Und auf der anderen Seite die der Angehörigen und Freunde, die traurig und fassungslos zurückbleiben, oft von Schuldgefühlen und wie-wäre-es-gekommen-wenn-Gedanken geplagt.
Ich durfte meinen Schwager nie kennenlernen, er hat sich als junger Mann das Leben genommen. Ich war damals traurig und gleichzeitig wütend auf ihn, weil ich gesehen habe, wie das meinen Mann getroffen und wie lange er mit diesem Schicksalsschlag zu kämpfen hatte.

Wie schlimm muss es sein, wenn man dann noch im Streit auseinandergeht? Ein wunderbarer Weg der Freundin, um das zu verarbeiten. Ich wünsche ihr von Herzen, das es ihr gelingt.
  • 11.07.2017, 13:22 Uhr
  • 5
das wünsche ich ihr auch...
und dich drücke ich mal ganz fest...
  • 11.07.2017, 19:13 Uhr
  • 2
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Eine sehr schöne Geschichte.
Meine Mutter brachte sich ja vor 2 Jahren um,und Sie wollte ein Wiesengrab haben.....was Sie auch bekommen hat.
Mein Vater folgte Ihr genau auf den Tag 1 Jahr später.....Er liegt jetzt bei Ihr.....Sie im Sarg,Er in einer Urne.
  • 11.07.2017, 12:05 Uhr
  • 1
aber einander an den Händen halten sie sich an einem ganz anderen ort...
  • 12.07.2017, 14:45 Uhr
  • 1
Wer weiß...........
  • 12.07.2017, 23:43 Uhr
  • 0
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Gänsehaut bis unter die Kopfhaut. Sehr ergreifend und "bewegend" diese Begebenheit Rose die du hier geschildert hast. Vollendete Suizide sah ich einige in meinem Leben Live , deshalb berührt mich diese Geschichte so sehr. Am 20.7.2014 , in 11 Tagen jährt sich dieser Tag wieder an dem ich selbst am Strick hing in einem Landschaftsschutzgebiet. Für mich wäre es besser gewesen wenn die "Vollendung" funktioniert hätte, wenn ich selbst dazu nicht zu blöde gewesen wäre. Denn fast alles was danach kam , war und ist der reale Alptraum pur.
In diesem Sinne wünsche ich dir einen sonnigen Tag.
  • 11.07.2017, 12:01 Uhr
  • 0
Schreib bitte soetwas nicht Frank.
  • 11.07.2017, 12:06 Uhr
  • 3
Maria ich schreibe und rede wie mein Gefühlsleben ist. Da will ich meine Worte auch nicht "Vorzensieren" , egal was Menschen da drüber auch Denken mögen. Bin schon sehr lange müde geworden vom Kämpfen. Kaum noch Antrieb für irgendwas. Die Ursache kenne ich sehr wohl , diese lässt sich aber mit Medikamenten nicht bekämpfen.
  • 11.07.2017, 12:12 Uhr
  • 0
Bin jetzt offline , denn es gibt noch einiges vorzubereiten , bevor ich am Donnerstag am Rücken operiert werde.
Deshalb wünsche ich auch dir jetzt auf diesem Weg einen sonnigen Tag. Bis dann mal wieder...
  • 11.07.2017, 12:14 Uhr
  • 1
ich wünsche dir alles gute frank...und vor allem einen helleren blick auf das leben...auch, wenn es dir bisher hoffnungslos dunkel scheint...
  • 11.07.2017, 12:25 Uhr
  • 1
Danke Rose.
  • 11.07.2017, 15:50 Uhr
  • 0
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Eine sehr ergreifende Begebenheit.Auch bei uns in der Familie gab es eine solche Situation ,bei der aber Gott sei Dank ,der letzte Wille des verstorbenen erfüllt wurde,da die Mutter unseres Cousins auch schon sehr betagt und der Vater bereit verstorben war.Seine eigene Familie von der er geschieden war ,sind zu weit weg ,deshalb hatte er sich für die grüne Wiese entschlossen um niemandem ,die Last der Grabpflege auf zu bürgen.Ein ältere Mitglied der Familie,seiner Zeit noch selbst der Bestatter,wollte den letzten Willen, wegen des Rufes unserer Familie ,Handwerker über Generationen,nicht akzeptieren.Es war der Bruder meines Mannes,schließlich habe wir ,doch noch durchsetzen können ,dass der letzte Wille unseres Cousins akzediert wurde ,das im nach hinein auch die beste Lösung war.Unsere Tante ist nun auch im sehr hohen Alter verstorben,niemand wohn von der Familie mehr in diesem Ort ..Für uns steht fest ,wir bevorzugen einen Friedewald .
  • 11.07.2017, 11:38 Uhr
  • 3
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