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Sausolito

26.07.2017, 22:18 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sepp war mittleren Alters, smart, einfallsreich und bindungsscheu.
Der tägliche Weg zu seiner „Baustelle“ führte ihn morgens von Ulm nach Stuttgart und gen Mitternacht wieder heim ins beschauliche Ulm.
Er arbeitete viel. Nun, Ideen wollten umgesetzt werden.
Freitags jedoch ging Sepp schon um Mittag auf den schönsten Teil von Stuttgart, nämlich die Autobahn nach München.
Sepp war eigentlich anspruchslos aber nicht einfältig. So fuhr er auch nur ein Mittelklassemodell aus UT.
Freitags floss der Verkehr zäh und langsam dahin.
Entweder klemmte Sepp das Front-Blatt der FAZ ins Schiebedach, so, dass sie rechts vor seiner Nase baumelte, um den Leitartikel zu lesen.

Ihm war langweilig.

Langeweile , so haben wir gelernt, fördert die Kreativität.
Also fuhr er etwas verhalten - zuhaus glotzte Sepp eh´nur ein überladener Schreibtisch an - und ließ die ins Wochenende Eilenden passieren, nicht ohne nach Beute zu spähen. Beute, die in sein Schema passte. Tauchte eine Lockenkopf oder ein Pferdeschwanz auf,.
so gab er dem Auto die Sporen, passierte, um sein Vorhaben per Blickkontakt quittieren zu lassen, setzte vor der AB-Raststelle Gruibingen den Blinker und war gespannt, was sich tat.

Oft saß er dann mit einer netten Frau, die er zu einer Tasse Kaffee eingeladen hatte und spielte das Spiel des gegenseitigen Abtastens und Auslotens von eventuellen Schnittmengen von Interessen und Neigungen.
Nein, nie endete so ein Abenteuerchen gleich im Bett oder in einem Heuhaufen.

Ähnliche Experimente versuchte Sepp auf der WONOWNO Inter state 101 zwischen Stanford Park und Santa Rosa, Kalifornien.
Wegen zweier neuer Baustellen hatte Sepp sich dort für einige Monate niedergelassen. Quartier bot ihm das Sheraton Fisherman`s Whaf Hotel. Von dort aus fuhr er allmorgentlich über die Golden Gate Bridge nach Santa Rose oder nach Süden, nach San Jose.

Der Verkehr flutete gleichmäßig dahin. Überholer ernteten eher verständnislose, ja verächtliche Blicke. Die Damen ließen sich, da sonnenbebrillt, auch nicht gut einschätzen. Die Randbedingungen für sein Experiment waren also denkbar schlecht. Sepp ließ es damit gut sein, indem er sich der Langeweile hingab.
Das Projekt in Stanford ging zu Ende. Sein Auftraggeber lud ihn zum Dinner ein.

Zum Dinner in das legendäre Valhalla, Sausolito.
Die Besucher des Lokals kommen mehrheitlich mit der Motorjacht. Valhalla liegt unmittelbar im Yacht-Hafen Sausolito. Sie, Nick und Sepp, kamen jedoch mit dem Auto.

Nick hatte Sepp erzählt, dass Valhalla von ehemaligen Huren geführt werden würde.

In Kalifornien war die Prostitution kurz zuvor verboten worden. b

Also, es ging über die Golden Gate nach Nord, dann erste Abfahrt raus und die Serpentinen hinunter zum Hafen von Sausolito.
Valhalla – von außen nix besonderes, gebaut im Western-Landhaus-Stil!

Nick ging voran, dann – huch, wie peinlich – der Nick konnte den Sepp gerade noch am Ärmel greifen.
Man wartete hier - gefälligst - den persönlich Empfang der Chefin ab.
Walja erschien auch sogleich, hatte die beiden wohl aus ihrem Büro schon erspäht und begrüßte mit Küsschen links, rechts, links, ganz comme il faut. Nick war hier kein Unbekannter. Er grüßte hier und dort. Sie bekamen einen Tisch zugewiesen.
Sepp nutzte die Zwischenzeit, um zu gehen und sich die Hände zu waschen. Er wurde dabei von Walentina abgefangen und in ihr Büro gebeten.

Walja sprach Sepp auf Deutsch an. „Chast du Lust mit mir zu plaudern?“ Er bejahte und sah sich, noch stehend, im Raume um. Walja schwieg und folgte seinen Blicken. Die fielen auf ein riesiges Poster von Hans Albers. „Meine Mutter kannte ihn.“
Ein Teil des Büros mündete in eine erkerförmige Ausbuchtung . Ein schwarzer Flügel stand dort, repräsentativ aber akustisch sehr ungünstig aufgestellt. „Wenn du willst, so spiele.“ Sepp spielte gerne und setzte sich auf den Schemel. Planlos fantasierte er durch die Gegend . Walja trat heran, stützte sich mit den Ellenbogen auf den polierten Deckel und lauscht seinem Spiel .

Der Schlitz ihrer Bluse spreizte weit unter der Masse ihrer Brüste; Sepp empfand es jedoch nicht als aufdringlich. „Du chast schöne Hände, Detlef.“ Dass sie ihn Detlef nannte und ihm auf die Hände schaute, das irritierte den Sepp und er hielt inne.
Die ihm peinliche Situation löste sich, als eine hochgewachsene Frau das Büro betrat. Eine eindrucksvolle Erscheinung. Ein Gesicht von außerordentlicher Ausdruckskraft. Die hohen Wangenknochen bildeten mit dem Kinn ein gleichschenkeliges Dreieck; die schlitzhaften, grüngeschminkten Augenlider - Zeichen ihrer tatarischen Herkunft? Knabenhaft ihr Oberkörper. So hatten wohl die tscherkessischen Mädchen am osmanischen Hof des Sultans ausgesehen. Walja nannte sie Tschaika, die Möwe.
Tscheika fragte auf Russisch, ob Sepp Kunde sei, was Walja verneinte. Sepp wäre ein Freund und sie wolle sich doch nun um Mr. Soundso, sie meinte Nick, kümmern und im sagen, er solle sich noch etwas gedulden.
„Walja, wie spreche ich hier in San Francisco fremde Frauen an?“ Sie macht Anstalten, gleich laut los zu prusten, hielt sich dann aber zurück
.“ Die hellhäutigen, sommersprossigen, rothaarigen sprechen dich- ja- dich schon an und sagen dir „drop your pants, baby“, die sind nicht , wie cheist, pride."

Waljas Aufmerksamkeit wendete sich einem röhrenden Motorgeräusch zu, das von der Anlegestelle her ertönte.
Eine große Motorjacht mit Antennen und Hochseeangeln legte an. Ein Russe vom Film mit seiner Crew steuerte auf Valhalla zu.
Walja entschuldigte sich auf Russisch bei Sepp, sie war nun in Gedanken schon ganz bei den Ankömmlingen. Sie war im Begriff, den Raum zu verlassen. Sepp lief ihr hinterher. Rechts, neben dem Türrahmen , hing ein gerahmtes Foto, das beim Verlassen des Büros seinen Blick fing. „Jack London hat vor hundert Jahren hier gelebt. Du kennst doch seine Bücher?“ sagte Walja und verschwand zum Empfang der Filmrussen.

Später quartierte sich Sepp im alten Bahnhof von Santa Rosa, einem „Best Wester Hotel“, geführt von zwei Schottinnen, Mutter und Tochter, ein.

Ein lustiges Haus. Abends gab es Gitarrenspiel , englische-schottische Seemannslieder und Hillibilli.
Kurz nach Sonnenaufgang wurde der Laden regelmäßig durch das Tuten eines unendlich langen Güterzuges geweckt.

Einmal beobachtete Sepp aus seinem Fenster, wie die Mutter, mit einer großen Kaffeetasse in der Hand, der Lok auf dem Bahnsteig entgegen lief. Der Zug war ganz langsam geworden; die Mutter sprang mit der Tasse auf und verschwand im Lokstand.
Der Zug kroch am Hotel vorbei und ganz weit hinten stieg Mutter wieder ab.

Ihre Tochter, Leslie, entpuppte sich als kleines Biest.
Beispiel dafür , wie Walja mir die rothaarigen Angloamerikanerinnen geschildert hatte.
Sie brachte mir eine Pappröhre, in der man Pläne aufbewahrt, um die ich sie gebeten hatte.
Leslie strahlte mich förmlich an schlüpfte, aus ihrem sweat shirt und öffnete ihren Wickelrock, der zu Boden glitt. Da stand sie nun. Rothaarig, hellhäutig, sommersprossig, in weißem Sport-BH, und in einer Unterhose, einem T-shirt gleich, meint mit Beinchen . Sie wirkte kastrierend auf Sepp und erwartete nun, dass er über sie herfallen würde.
Um Argumente für sein Handeln (oder Nichthandeln, Verweigern) nicht gerade verlegen, erklärte Sepp ihr, dass er zur Zeit in Abstinenz leben würde und sich zölibatär gäbe.
Außerdem würden die US-Gummis ihn kneifen.
Leslie grinste versöhnlich und quittierte lakonisch: "Germans have no brain."

Franziska, was hast´ g´sagt, ich soll dir jetzt den Hengst machen?

Ah, geh zua, Spatzl schaug, jetzt, um zwölfe bei der Nacht?
Woaß´d scho, nur d´Veteranen reden vom Krieg.
Ich mach´ dir jetzt noch einen ganz guten Tee.

1 Kommentar

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Ist Sepp dein zweiter Vorname ?
  • 26.07.2017, 22:23 Uhr
  • 0
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