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Der alte Mann und der Sturm

07.10.2017, 16:00 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Der alte Mann und der Sturm.
Ja, wir hatten sie gehört, die Sturmwarnung vor Xavier. Aber am Vormittag war der Wind zunächst noch erträglich und die Sonne schien. Ich dachte, bevor Xavier ankommt, machst Du noch schnell Deine tägliche Radtour. Ich fuhr los, zuerst mit dem Wind im Rücken in den Hammrich, so nennt man bei uns die kahle Wiesenlandschaft. Treten brauchte ich nicht mehr, aber so langsam wurde der Wind immer heftiger. Zuletzt musste ich dagegen an bremsen, damit ich nicht zu viel Fahrt bekam. Ich beschloss umzukehren. Zurück gegen den Sturm ging nicht mehr, dafür war er zu stark geworden. Ich wählte eine von Bäumen geschützte Strecke. Überall lagen schon kleine und große Äste auf der Straße, mir war mulmig. Ängstlich schaute ich nach oben, aber was sollte ich machen, ich hatte noch 10 km gegen den Wind vor mir. Bei einem sehr großen Eichenbaum sah ich, da hing schon ein verdächtiger Ast herum und ich hielt an. Plötzlich kam ein ganz heftiger Windstoß und zwei baumdicke Äste wirbelten mit großer Vehemenz durch die Luft und knallten mit großer Wucht 10 mtr. vor mir auf die Straße, nicht auf den Radweg. So etwas hatte ich in meinem ganzen langen Leben noch nicht gesehen. Ich war verwundert, wie schnell das ging. Ein Mensch, der darunter gestanden hätte, hätte keine Chance gehabt. Aber ich musste ja nach Hause. Mühsam kämpfte ich mich im kleinsten Gang Meter um Meter weiter. Kleine Äste und Bucheckern peitschten mir ins Gesicht, doch endlich hatte ich es geschafft. Zuhause inspizierte ich zuerst das Dach unseres Hauses. Der Schreck flog mir ins Gesicht, etwa 20 Dachziegel hatten sich auf der Bürgersteinseite unseres Hauses aus der Verankerung verschoben und lagen gefährlich auf dem Dach. Ich war in einer verzweifelten Lage, was soll ich tun? Bei diesem Sturm, bei uns an der Küste hatten wir Windgeschwindigkeiten von 150 km, wirst du keinen Dachdecker auf der Welt finden, der aufs Dach geht und die Feuerwehr ist ohnehin schon anderswo im Dauereinsatz. Auf der anderen Seite war mir klar, wenn noch ein heftiger Windstoß kommt, werden die Dachziegeln mitgerissen und wie Geschosse viele Meter durch die Luft fliegen. Sie könnten ohne Weiteres einen Menschen töten oder schwer verletzen. Und unten auf der Straße laufen immer viele Menschen. In dieser schwierigen Lage reifte der Entschluss und ich sagte zu mir: „Alter Mann, auch wenn du über achtzig Jahre alt bist, du hast keine Alternative. Du musst das Problem eigenverantwortlich lösen, so wie du das dein ganzes Leben immer getan hast. Aber du musst dir der Gefahr dabei bewusst sein und du darfst keine Fehler machen. Als erstes musste ich die Leiter sichern und band sie bombensicher fest. Langsam stieg ich die Leiter empor, immer mich mit beiden Händen festhaltend. Auf dem 10 mtr. hohen, steilen Dach schaffte ich mir zuerst einen sicheren Tritt und eine Festhaltemöglichkeit für meine Hände, indem ich ein paar Ziegeln entfernte. Auf dem Dach wirbelte mich der Orkan hin und her und die Regentropfen peitschten mir wie Schrotkugeln ins Gesicht. Mit dem linken Arm hielt ich mich krampfhaft fest und mit dem ausgestreckten rechten Arm versuchte ich die Dachziegeln zu richten. Dabei musste ich jeweils die losgelösten Ziegeln wieder unter die oberen in die Verankerung schieben. Mit zwei Händen ist das einfach, man hebt den oberen an und mit der anderen schiebt man den Ziegel in die Verankerung. Doch mit einer Hand ist das fast unmöglich, doch nach längerem hin und her schaffte ich das. Die rechte Hand schmerzte und die linke verkrampfte vom Festhalten. Doch nach einer halben Stunde hatte ich es geschafft und die Dachziegeln lagen sicher in ihrer Verankerung. Ganz vorsichtig stieg ich wieder die Leiter runter und ich war sogar stolz auf mich, das geschafft zu haben. Unten empfing mich meine schimpfende Frau und sagte, du bist der bekloppteste Opa der ganze Welt. Ich ging in mich und sagte, eigentlich hat meine liebe Frau ja total recht!

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1 Kommentar

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Ja, ja, so ist das mit den lieben Frauen die angeblich so gar nicht mit einem zusammen passen.
Gruß aus dem Norden
  • 08.10.2017, 10:19 Uhr
  • 0
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