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Emmas Nachbarschafts Experiment

Emmas Nachbarschafts Experiment

28.10.2017, 19:50 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Emmas Nachbarschafts Experiment

An einem frühen Samstag Abend im Spätsommer, sitze ich auf dem Balkon und genieße ein Glas Wein.
Aus dem Wohnzimmer klingt leise Musik und ich hänge so meinen Gedanken nach.
Überall im Garten, unterhalb des Balkons, raschelt es und sämtliche Balkone in der Nachbarschaft sind belebt.
Und doch ist es wirklich schön und keine lauten Stimmen stören die Atmosphäre.
Überraschend springt mir Emma auf den Schoß und reißt mich aus meinen Gedanken.
Ich streichle ihr über den Kopf und ihr seidiges graues Fell fühlt sich wunderbar an.
Sie schnurrt behaglich und stubst mit dem Köpfchen gegen meine Hand.
Nach einer Weile schaut sie mich mit ihren wundervollen Augen an und gibt einen, mir bis dahin unbekannten, gurrenden Laut von sich.
Ich nehme die Hände von ihr und sie springt von meinem Schoß um gleich in's Wohnzimmer zu laufen.
Noch während ich denke, sie jagt hinter einer Mücke oder ähnlichem her, spüre ich, wie sich die Energie verändert.
Wie so oft, wenn das passiert, halte ich für einen kurzen Moment erwartungsvoll die Luft an.
Dann stehe ich auf und gehe in's Wohnzimmer.

Eine aufgeregte Emma, in menschlicher Gestalt, hüpft, fast wie ein Flummi auf mich zu und in meinen Arm.
“Ich muss unbedingt etwas ausprobieren“, sagt sie.
“Was darf es denn heute sein?“ lache ich.
Die junge Frau ist total aufgeregt und ich könnte schwören, es würden sich kleine,rote, hektische Flecken an ihrem Hals bilden.
Ich versuche erst gar nicht, sie zu bremsen.
Das klappt weder bei der Katze ,- noch bei der menschlichen Emma Form.
Wenn erstmal in diesem bezaubernden Köpfchen ein Wille entsteht, setzt sie ihn meist in die Tat um.
Jetzt nimmt sie meine Hand und zieht mich an die offene Balkontür.
Dort bleibt sie stehen und erklärt mir ,“Ich möchte mich mit dir raus setzen. Jetzt wo alle Nachbarn draußen sind.“

Auf meinen geschockten Gesichtsausdruck hin fügt sie hinzu,“ Überleg mal. Das ist doch das Experiment für uns. Wenn ich mit dir draußen sitze und die Nachbarn, wie die nette ältere Dame gegenüber, mich sehen würden,wüsstest du doch, das du dir Mich, oder Uns, nicht einbildest.“

Bei diesen Worten fängt sie wieder an zu hüpfen und ich muss laut lachen.
Wieder mal liegt der Vergleich, daß das menschliche Avatar meiner ach so geliebten Emma, dem eines Kindes ähnelt, sehr nah .
Und obwohl ich fast Herzrasen kriege, gebe ich ihrem Wunsch nach und trete mit der jungen Frau an der Hand, auf den Balkon.
Kurze Zeit huschen Fragen durch meinen Kopf.
Viele Fragen.
Doch Eine dominiert alle.
Was wäre, wenn die Nachbarn Emma Nicht sehen würden?
Was dann?

Fast wird mir schwindelig, doch Emma reißt mich schon mit sich und ich hatte keine Chance mehr für einen Rückzieher.

Die junge Frau steht auf dem dunklen Balkon.
Nichts lässt erkennen, ob sie auch Angst hat,- so wie ich.
Es ist wohl die innere Katze, die sie auftreten lässt, als wäre sie unauffällig.
Sie sieht sich um.
Dann tritt sie an das Geländer unterhalb ihres Katzen Aussichts Bereich.
Dort, wo ich ein Kelleregal aus Holz, mit Brettern geebnet und verstärkt, am Balkongeländer befestigt habe.
Die Katze Emma liebt es, sich darauf aufzuhalten.
Stundenlang räkelt sie sich dann auf einer der oberen Ebenen, oder sitzt in der unteren und lugt zwischen der Geländer Umrandung hindurch.

An dieser Seite habe ich Hasendraht, statt des Katzennetzes gespannt.
Emma hat sich immer so sehr in das Netz gedrückt, das ich Angst hatte, sie würde von ihrer Plattform herunter, außen in das Netz stürzen , es zerreißen, oder sich sogar schwer verletzen weil sie nicht mehr herauskam.
Der Hasendraht stabilisiert das ganze Konstrukt.

“Guten Abend“, höre ich jetzt Emmas Stimme durch meine Gedanken.
“Das sind wirklich schöne Lampen an ihrem Geländer.“

Sie hat die Nachbarin angesprochen.
Ich kreische innerlich los.
Mein Herz rast und ich befürchte, das ich gleich ohnmächtig werde.
Gleichzeitig sehe ich, wie die Nachbarin inne hält, sich zu uns herum dreht und antwortet,“ Guten Abend junge Frau. Diese Solarleuchten sind wirklich schön, danke. Sie ziehen nicht so sehr die Mücken an.“

Dann schaut sie direkt auf Mich und zerstört damit jede Hoffnung in mir, sie könnte gemeint haben, daß Ich sie angesprochen hätte.
“Guten Abend Frau Nachbarin.“
Sie lächelt freundlich zu mir herüber.
“Das Wetter meint es wirklich gut mit uns.“
Ich nicke nur.
Was soll ich sagen?
Oh mein Gott,- oh mein Gott,- oh mein Gott. Schießt es mir durch den Kopf.
SIE KÖNNEN SIE SEHEN.
SIE KÖNNEN EMMAS MENSCHLICHE GESTALT WIRKLICH SEHEN.
Dann sage ich“ Das ist meine Nichte.“
Und füge hinzu,“Sie ist auf Besuch.“

Ich sehe auf dem Tisch mein Weinglas stehen, greife danach und leere es in einem Zug aus.
Im Hintergrund nehme ich wahr, daß Emma noch ein paar freundliche Sätze mit der Nachbarin spricht.
Dann wünscht sie höflich einen schönen Abend und dreht sich zu mir um.
Ihre Augen strahlen so heftig, daß sie jedem Vergleich mit einem Edelstein standhält.

Grazil geht sie an mir vorbei in's Wohnzimmer und fängt an zu lachen.
Wirkliches Lachen. Das habe ich von ihr noch nie gehört.
Sie lacht laut und ansteckend.
Dabei hüpft sie wieder wie ein Flummi durch's Zimmer.
“ Sie haben mich gesehen,“ lacht sie.
“ Sie haben mich gesehen und jetzt wissen wir, daß du dir nichts einbildest“

Emma hüpft und lacht noch eine Weile.
Ich sehe ihr schweigend zu und kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen.
Dann bleibt sie abrupt stehen, fasst sich an den Hals und sagt,“ Dieses Sprechen macht wirklich durstig.“

Doch noch ehe ich ihr ein Glas Wasser anbieten, oder holen kann, sehe ich entsetzt, wie sie sich vor meinen Augen in ihre Katzenform verwandelt.
Dann geht sie an ihren Wassernapf um ausgiebig zu trinken.

Später, als ich mich auf meine Couch zurück ziehe, den Kopf immer noch voller heftiger Gedanken, rollt die graue Katze sich an meiner Seite zusammen und nichts deutet mehr auf die junge Frau hin, die lachend wie ein Flummi hier herum gehüpft ist.

Sie lässt mich einfach mit meinen menschlichen Ängsten zurück,- denke ich.
Dann trinke ich noch ein Glas Wein und schlafe das erste mal, seit ich hier wohne, im Wohnzimmer.

2 Kommentare

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Schöne Geschichte, Kirstin Tokayer oder Beeren-Auslese?
  • 02.11.2017, 10:36 Uhr
  • 0
Lambrusco
  • 02.11.2017, 10:40 Uhr
  • 0
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