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Die Geschichte vom Stielchen

Die Geschichte vom Stielchen

12.11.2017, 17:24 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich stamme aus einer kleinen Stadt in Hessen, in der damals, als ich ein Mädchen war, Jeder Jeden kannte. Einen, den alle kannten und alle gern hatten, war „das Stielchen“.
Das Stielchen hieß eigentlich Johannes Stiel und war bereits ein erwachsener Mann fortgeschrittenen Alters. In seinem Kopf jedoch war er aufgrund einer cerebralen Entwicklungsstörung ein kleiner Junge von vielleicht 9 Jahren geblieben. Sein dunkelblondes Haar wurde schon leicht schütter und seine braunen Augen waren umringt von unzähligen feinen Fältchen, die sich dann, wenn er besonders freundlich und breit lächelte, vertieften und aussahen, wie zwei Sterne mit dicht beieinander stehenden Zacken aus weicher, leicht gebräunter Haut.
Ich habe ihn immer nur lächelnd erlebt, immer freundlich und immer hilfsbereit. Wenn eines von uns Kindern mit dem Fahrrad nicht die steile Treppe zum Dorfplatz hinaufkam, das Stielchen war zur Stelle und trug es.
Ärgerten und bedrohten uns die großen Jungen, die sich immerzu mit irgendwem prügeln wollten, das Stielchen zog ihrem Anführer an den Ohren und jagte sie fort. Fiel einem von uns die einzige Kugel Eis aus dem Hörnchen und verursachte bittere Tränen, zauberte das Stielchen blitzschnell von irgendwo einen Lolli hervor, um den kleinen Unglücksraben zu trösten.
Wie er das gemacht hat, weiß ich bis heute nicht, denn sobald es wärmer wurde, bis in den späten Herbst hinein, trug das Stielchen immer nur eine rote Unterhose und weiße Turnschuhe und sonst nichts. Das sah für Ortsfremde vermutlich sehr seltsam aus, für die Einwohner meines Städtchens aber war es ganz normal.
Wenn ich mich nun in diesem Moment an das Stielchen erinnere, sehe ich ihn vor meinem geistigen Auge an den Markt-Samstagen in seiner roten Unterhose an der Bratwurstbude beim Rathaus stehen, genüsslich in seine heiße, fettglänzende Thüringer beißen, die dick mit Senf bestrichen war und sich inmitten der bekleideten Marktbesucher mit vollem Mund freudig und angeregt unterhalten mit all den Menschen, für die er ebenso selbstverständlich in seiner Andersartigkeit dazu gehörte, wie für mich. Dass er fast nackt war, fiel niemandem mehr auf.
Manchmal schenkte ihm einer der sehr alten Männer, die noch würdevoll Hüte trugen, eine Zigarre. Die rauchte er dann, stolz wie Oskar, auf einer Parkbank sitzend, die nackten Beine weit von sich gestreckt und pustete für uns Kinder grinsend Ringe aus weißem Qualm in die Luft, wenn wir ihn darum baten.
Keiner hat den liebenswert verrückten Kerl jemals ausgelacht. Wirklich keiner.
Das lässt mich gerade staunen und gleichzeitig wehmütig werden, denn das Stielchen ist schon lange tot.
Eines Tages hat ihn ein Auto überfahren. Da lag er, blutüberströmt auf der Hauptstraße, die Turnschuhe von der Wucht des Aufpralls von den Füßen gerissen, nicht mehr weiß, sondern ganz schmutzig vom Staub des heißen Sommerasphalts und sein Gesicht war verschwunden, obschon vom Unfall unversehrt geblieben. Doch es sah nun überhaupt nicht mehr so aus, wie er. Irgendetwas fehlte dort. Und das war nicht nur das Leben.
Ich war fürchterlich traurig und mit mir alle, für die er nun nicht mehr dazu gehörte, weil er fort war. Weit weit fort.
An dem Tag, als er starb, schlug das Herz unserer kleinen Stadt nur sehr leise und langsam und es wurde ein bisschen kälter als sonst.

Einige Wochen später wusste ich plötzlich, was in seinem Gesicht gefehlt hatte.
Es war sein Lächeln.
Und ich wusste auch, dass er nun im Himmel war. In seiner roten Unterhose auf einem Regenbogen saß, umringt von den Engeln, die mit ihm lachten und Späße machten, ihm seine Lieblingsbratwürste brieten und ihm Zigarren schenkten, aus deren Rauch er die besonders weißen Wölkchen blies, die ich genau jetzt von der Erde aus sehen konnte, während ich konzentriert nach oben schaute, um einen Blick auf dieses aberwitzige Szenario zu erhaschen. Als mir dabei die Sonne warm in mein Gesicht schien, begann ich voller Freude breit zu lächeln. So, wie das Stielchen, das ich niemals vergessen habe.

53 Kommentare

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Das ist eine wundervolle Geschichte, Rose...danke dafür...

In meinem Dorf gab es einen Hansi. Er war immer anders als alle anderen, aber er wurde von allen akzeptiert und gehörte einfach dazu. Halb nackt war er nicht, aber er trug seine Kleidung auf sehr ungewöhnliche Art und keiner störte sich daran. Er hatte sogar lebenslang "Arbeit" bei einem kleinen Baustoffhändler im Ort, was er dort genau machte, wusste eigentlich keiner, aber ich habe ihn früher oft stolz und voller Freude über den Hof laufen sehen...

In meiner Kindheit war das noch möglich, auch solche "besonderen" Menschen wurden akzeptiert und die Gemeinschaft integriert.
Heute ist das n.m.E. leider nicht mehr so. Als meine Mutter um das Jahr 2000 mehr und mehr "anders" wurde und bei ihren (da schon sehr seltenen) Dorfbesuchen durch ihren etwas seltsam wirkenden "Kleiderstil' auffiel, drohte man mir relativ schnell mit dem Amt, obwohl sie für keinen Menschen eine Gefahr darstellte und für eine "Entmündigung" zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Anlass bestand. Es hat sich vieles verändert...leider...
  • 16.11.2017, 16:00 Uhr
  • 1
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  • 14.11.2017, 16:15 Uhr
  • 0
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In meinem Ort gibt bzw, gab es auch so liebenswerte "Stielchen" . . . und sie fehlen ...aber es wachsen neue Stile nach.
  • 14.11.2017, 16:15 Uhr
  • 0
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in meinem Heimatort gab es etliche von diesen """"ORGINALEN"""""die auch heute noch lange nach ihrem Tod in aller Munde sind..
  • 13.11.2017, 12:27 Uhr
  • 1
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Solche Originale gibt es sicher noch in kleinen Dörfern. Du hast es sehr liebevoll beschrieben mit einem ganz besonderen Sinn für Details.
  • 13.11.2017, 08:14 Uhr
  • 1
ich habe den eindruck...diese menschen in den Dörfern sind erheblich weniger geworden...
die frage nach dem warum, möchte ich mir lieber nicht beantworten...

danke dir für deine freundlichen worte, Edith...
  • 13.11.2017, 08:33 Uhr
  • 1
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Eine sehr schöne und berührende Geschichte...
man merkt, dass Du mit dem schreibst!
  • 13.11.2017, 08:04 Uhr
  • 1
anders als herzlich könnte man über ihn gar nicht schreiben...
  • 13.11.2017, 08:32 Uhr
  • 0
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Eine sehr schöne und sehr berührende Geschichte.
  • 12.11.2017, 23:19 Uhr
  • 1
danke ruth...
  • 13.11.2017, 08:32 Uhr
  • 0
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Wieder mal eine sehr schöne Geschichte von dir.
Warum liest man soetws nur so selten?
Ich denke es liegt daran, dass du zu den wenigen Menschen gehörst,
die Erlebtes so bewusst wahrnehmen und die wunderbare Begabung besitzen andere an ihrem erlebten, nicht nur teilhaben zu lassen
sondern sie damit in besonderer Weise zu berühren.
  • 12.11.2017, 20:04 Uhr
  • 1
danke...
  • 13.11.2017, 17:10 Uhr
  • 1
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Du kannst sehr gut schreiben, meinen Respekt !
Den moralischen Zustand einer Gemeinschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren schwächsten und ärmsten Mitgliedern umgeht...
  • 12.11.2017, 19:35 Uhr
  • 3
das ist ein schöner satz...danke dir...
  • 12.11.2017, 19:49 Uhr
  • 2
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ein toller Beitrag, Dankeschön

unser Stielchen hieß Kurt und er liebte die Negerküsse, leider ist er letztes Jahr mit 62 gestorben
  • 12.11.2017, 18:21 Uhr
  • 1
und wetten, er liebt da, wo er jetzt ist, die negerküsse immer noch und isst sie mit genuss?...
  • 12.11.2017, 18:27 Uhr
  • 0
mit Sicherheit
und das ist auch gut so, den er war ein ganz lieber Kerl
Übrigens durfte er bei uns Kindern immer mitspielen, da wurde niemand ausgegrenzt
  • 12.11.2017, 18:28 Uhr
  • 1
für ihn und für dich ein
  • 12.11.2017, 19:50 Uhr
  • 1
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