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Oooh, du schöner Odenwald - Kapitel III

25.11.2017, 15:59 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Am nächsten Tag war es regnerisch und der Himmel hatte eine einheitlich mittel- bis dunkelgraue Farbe. War das eigentlich immer so an Tagen, an denen ich zu einer Beerdigung ging oder kam es mir nur so vor. Nein, es war natürlich nicht immer so, es kam mir heute Früh sicher auch deshalb so vor, weil es draußen kalt war und ich fror. Ich ging nicht gern zu dieser Beerdigung (ich gehe überhaupt nicht gerne zu Beerdigungen - macht das denn irgendwer). habe sie noch nicht getroffen, wir kommen ja kaum in den Norden. Der Cousin wohnt in Limburg. Er ist Ende 40 und – ich glaube – ein eingefleischter Junggeselle. Er war bis jetzt noch nie verheiratet. Er arbeitet in einer kleinen SoftwareFirma oder ist sogar Teilhaber. Aussehen tut er recht gut, er ist groß – bestimmt 1,85 m – und schlank, hat dunkle Haare, mit einigen weißen Haaren durchzogen und braune Augen.“
Ich sah mich in der Trauerhalle um, konnte allerdings niemanden entdecken auf den die Beschreibung passte.

Der Pfarrer kam herein und einige Trauergäste mussten stehen bleiben, da nicht mehr genügend Stühle da waren. Irgendwie konnte ich mich nicht so recht auf die Worte des Pfarrers konzentrieren, ich dachte an Karl, den ich wirklich nur sehr flüchtig gekannt hatte und dessen Leben nun so schnell zu Ende gegangen war. Ich überlegte, ob dies nun gut war, denn mir fiel ein, dass ein Bekannter von uns viele Wochen im Krankenhaus gelegen hatte und dann noch fast ein Jahr als Pflegefall Zuhause war und nur noch im Bett gelegen hatte. Dies war für seine Frau und seine Kinder eine schwere Aufgabe und hatte sie alle viel Kraft gekostet. Dann musste ich auch noch an ein Sprichwort denken, dass einmal eine ehemalige Kollegin zu mir gesagt hatte, als ein gemeinsamer Kollege von uns starb: ‚Du sollst den Lebenden Blumen schenken.‘

Nach der Trauerfeier gingen wir alle gemeinsam zum Grab und warfen noch ein Schippchen voll Sand oder ein paar Blumen auf Karls Sarg. Damit war er nun endgültig von den Lebenden verabschiedet. Wollte ich noch mitgehen zum ‚Leichenschmaus‘? Eigentlich schon, denn irgendwie war ich auch ein bisschen neugierig, wer denn nun die Leute sind, die bei der Beerdigung dabei waren. Eine Nachbarin kannte einige der Arbeitskolleginnen und Kollegen, was sie mir auch bereitwilligst erzählte. Ich hielt wieder Ausschau nach dem Cousin und glaubte ihn nun auch am Ende eines Tisches sitzen zu sehen. Dort saß zumindest ein Mann, auf den die Beschreibung passte. Ich fand, dass er wirklich gut aussieht mit seinen leicht gewellten dunklen grau melierten Haaren.
Als ich mich noch ein bisschen mit den anderen Nachbarn unterhalten hatte und wir bedauert hatten, einen so ruhigen und freundlichen Zeitgenossen verloren zu haben, ging ich nach Hause.

--

Das Telefon klingelte und meine Freundin Anne rief an: „Du stell dir vor, wen ich gestern in Frankfurt gesehen habe.“ – „Na sicher wirst du es mir gleich erzählen. Ich hab nämlich keine Ahnung. In der Stadt kannst du praktisch jeden gesehen haben.“ – „Es war Frau ... wie heißt sie noch gleich? Die Frau aus euerer Nachbarschaft. Der Name fällt mir im Moment nicht ein.“ – „Meinst du Frau Richter oder vielleicht Frau Meyer?“- Nein, die nicht, sie ist ungefähr in deinem Alter, klein und zierlich. Na, jetzt helf mir doch mal.“ – „Ich glaube, du meinst Gerlinde Öhmchen.“ – „Ja, genau die, und ich finde es deshalb so spannend, weil sie nicht allein war. Sie hatte attraktive männliche Begleitung.“ – „Jetzt, erzähl schon weiter. Also wirklich Anne, warum lässt du dir denn jetzt die Würmer aus der Nase ziehen. Sonst erzählst du doch auch viel schneller.“ Anne kann wirklich meistens ohne Punkt und Komma reden und ich muss mich dann schon beeilen, wenn ich auch etwas dazu sagen will.

„Tja, weist du, ich habe ja eigentlich nicht so viel von den Beiden gesehen. Auf der Zeil war wieder einmal ein großes Menschengedränge. Ich wollte mir doch so gern einen Pulli fürs Frühjahr kaufen, aber glaubst du ich hätte etwas Vernünftiges gefunden. Die Materialien sind einfach fürchterlich, wenn mir mal etwas gefallen hat, dann war es fast 100 % Polyamid. Schrecklich, ich möchte doch hauptsächlich etwas aus Baumwolle oder so. Also pass auf: Frau Öhmchen und ihr Begleiter sind eng umschlungen über die Zeil geschlendert. Ich hab sie in dem Gewimmel leider ziemlich bald aus den Augen verloren. Du hast mir doch erst vor ungefähr einer Woche erzählt, dass ihr Mann gestorben ist. Also aus dem Grund erstaunt mich die Sache doch nun umso mehr.“ – „Und nicht nur dich, ich bin platt. Es ist so wie ich dir erzählt habe. Sie ist vor 10 Tagen Witwe geworden.“ Ich erzählte Anne noch einmal in aller Kürze – das Telefonat dauerte wohl ungefähr 30 Minuten – vom Tod unseres Nachbarn. Und dann machte ich mich endlich daran die Küche aufzuräumen. Danach ging ich in den Keller und stellte eine Maschine mit schmutziger Wäsche an und überlegte nun bestimmt schon zum 5. Mal ob ich nicht auch einmal den Waschküchenboden saugen sollte, aber wie schon vorher vertagte ich dies auf ein anderes Mal. Ich hatte einfach keine Lust, um alles was dort so stand herum zu saugen und alles wegzuräumen, dazu war ich schon erst recht zu faul. Oben in der Wohnung räumte ich noch ein bisschen das Wohnzimmer auf und machte schnell die Betten – nicht ohne noch 5 Minuten die Fenster zum Lüften zu öffnen. In einem schlauen Infoblättchen hatte ich nämlich erst kürzlich wieder gelesen, man solle mehrmals am Tag (wie oft jetzt eigentlich?) ca. 5 Minuten das Fenster ganz weit öffnen, Untersuchungen bzw. Messungen hätten ergeben, dass dies die sinnvollste Art und Weise sei, da der Luftaustausch in einem Zimmer sich in dieser Zeit komplett einstellen würde.

Danach ging ich aus der Haustür und etwas weiter in die nächste Tür wieder herein, dies hatte ich zumindest so vor. Doch bevor ich durch die nächste Tür, die unter anderem in Waldemars Lager führt, gehen konnte begegnete mir Sammy. Er ist klein und erinnert mich immer etwas an einen leicht verwegenen Seeräuber, denn er hat einen dunklen Streifen quer über seinem Gesicht und dem einen Auge. Wenn da nicht dieses getigerte Fell wäre. Er ist der Kater unserer Nachbarn fünf Häuser weiter. Ein attraktiver und stolzer Kerl, der sich immer wieder mit unserem Kater Purzel anlegt, doch der war zum Glück weit und breit nicht zu sehen. Und ich musste nun wirklich mal an meine Arbeit in unserem kleinen Büro.

Zum Glück kann ich mir das Rauchen fast immer wieder ganz gut abgewöhnen, bis zum nächsten Rauchanfall. Neulich sagte mir jemand, dass Mark Twain auch schon meinte: ‚Aufhören mit Rauchen ist ganz einfach. Ich habe es selbst schon 100 Mal gemacht.‘Seit ich Waldemar bei seiner Arbeit im Büro unterstütze fühle ich mich manchmal etwas einsam. Denn ich bin tagsüber oft viele Stunden ganz allein und arbeite, mal mehr mal weniger gut konzentriert, im Büro so vor mich hin. Es ist nicht immer so schön ganz allein für sich zu arbeiten. Ich brauche auch ab und zu einmal jemanden mit dem ich etwas besprechen kann oder auch einfach nur so zum Erzählen. Außerdem ist es manchmal ganz schön problematisch auf meinen Lohn zu bestehen, vor allem in Zeiten in denen Waldemar jammert, dass sein Umsatz in diesem Monat zurück gegangen ist, weil die Kunden – vielleicht auch zum Teil bedingt durch die Ferienzeit – nicht so viel gekauft haben. Aber ich bestehe dann trotzdem auf meinen Lohn, denn ich will nicht immer unnötig darüber diskutieren wenn ich mir etwas kaufen möchte, sei es zum Anziehen oder auch Bücher. Es ist für mich auch völlig undenkbar ihn zu fragen: ‚Du ich möchte mich mit einer Freundin treffen. Wir gehen zusammen etwas Essen. Kannst du mir bitte mal Geld geben?‘

Waldemar kommt mit dem Telefonhörer aus seinem Lager und hält mir den Hörer hin: „Gerlinde ist am Apparat, sie fragt ob wir uns heute Abend treffen wollen.“ Ich schaue ihn fragend an – und wollen wir?, soll mein Blick bedeuten. Keine Reaktion von seiner Seite. „Hallo, grüß dich Gerlinde.“ – „Hallo Annette, du heute Abend ist in der Stadt eine tolle Jazz-Veranstaltung. Darauf freue ich mich nun schon seit Monaten, wollt ihr nicht mit mir zusammen dort hin gehen.“ – „Also Jazz ist nicht so Waldemars Ding.“ Er schüttelt auch schon den Kopf und winkt ab, dreht sich um und verschwindet wieder in seinem Lager. „Ach schade“, meint Gerlinde. „Weißt du was, Gerlinde, eigentlich könnte ich ja mit dir gehen. Wenn es nicht absoluter Free Jazz ist, dann mag ich die Musikrichtung eigentlich auch ganz gern.“ – „Nein, es sollen schon ganz schöne Stücke gespielt werden. Ich glaube, dass es dir bestimmt auch gefallen wird. Willst du so gegen 18:30 Uhr bei mir vorbei kommen? Wir können dann ja zusammen in die Innenstadt fahren.“ – „Mach ich, bis dann, also tschüss.“

Ich überlegte, ob wir mit der Straßenbahn fahren sollten. Zum Einen könnte ich dann in Ruhe ein Gläschen Wein trinken, wenn ich das Auto nehme, trinke ich keinen Tropfen Alkohol, denn schon ein Glas Wein steigt mir so in die Birne, dass meine Reaktionsfähigkeit sich dann rapide gegen Null bewegt. Außerdem bekam man in der Innenstadt höchstens in einem Parkhaus einen Platz für das Auto und dies ist auch nicht gerade einer meiner Lieblingsaufenthaltsorte bei Dunkelheit. Zum Dritten hält die Straßenbahn fast direkt vor der Halle, in der das Konzert stattfindet. Also ging ich um 18:20 Uhr von uns los und war genau um zwei Minuten vor halb sechs bei Gerlinde. Ich wollte gerade auf den Klingelknopf drücken, als von Innen die Haustüre aufgerissen wurde und mir Gerlindes Schwiegermutter mit einem hochroten Kopf entgegen kam. Sie sah mich kaum an und stürzte an mir vorbei zum Gartentor.

Ich war ganz perplex und klingelte bei Gerlinde, die mir auch gleich darauf entgegen kam. „Was hat denn deine Schwiegermutter?“ „Wieso, was war denn?“ fragte mich Gerlinde. „Nun ja, sie ist eben mit ‚wehenden Fahnen‘ aus dem Haus gerannt gekommen.“ „Vielleicht hat sie sich ja etwas über mich geärgert. Gerade war sie bei mir. Ich habe ihr nur gesagt, dass ich plane dieses schreckliche alte Haus zu verkaufen. Sie kann ja meinetwegen hier wohnen bleiben. Es ist notariell sowieso so geschrieben, dass sie lebenslanges Wohnrecht hat. Stell dir mal vor! Der Käufer muss sie dann praktisch mit übernehmen. Hoffentlich finde ich überhaupt einen Interessenten. Ich will auf jeden Fall so bald wie möglich hier ausziehen und mir eine schicke Eigentumswohnung kaufen. Möglichst in der Innenstadt, dann habe ich auch nicht so weit zu meiner Arbeitsstelle.“ „Das kann ich auch verstehen. Gerlinde lass uns losgehen sonst verpassen wir die Straßenbahn.“ „Wieso Straßenbahn, ich denke wir fahren mit deinem Auto.“ „Nein, machen wir nicht. Ich finde wir können sehr bequem mit der Straßenbahn fahren, denn sie hält ja direkt am Luisenplatz und von dort sind es nur ein paar Schritte bis zu dem Haus in dem das Konzert stattfindet.“ Sie sah mich etwas verständnislos an, sagte aber nichts mehr und holte ihren schicken leichten frühlingsgrünen Mantel und ihre etwas dunklere Handtasche.
Also eins musste man ihr lassen, sie war immer top gekleidet. Wir schlenderten die paar Schritte gemütlich zur Straßenbahnhaltestelle und ich sah in der Ferne bereits die Bahn anrollen. In den letzten Monaten kamen die Bahnen wirklich immer absolut pünktlich, zumindest dann wenn ich sie nutzte. Nach ca. 15 Minuten stiegen wir dann in Darmstadts Zentrum wieder aus und gingen die wenigen Schritte bis zum Carree, dort sollte die Jazz-Veranstaltung stattfinden. Ich finde ja, dass dieses Gebäude einen guten Rahmen für derartige Veranstaltungen abgibt. Es handelt sich hierbei um ein ca. 100 Jahre altes Haus der Elektrizitätswerke, das vor ungefähr 5 Jahren umfunktioniert wurde zu einem MultimediaZentrum in Verbindung mit Restaurant und Bar. Mir gefällt die etwas kühl-sachliche Atmosphäre, die es verbreitet sehr gut. Gerlinde hatte schon die beiden Karten zur Hand, sie wollte sich partout die Eine von mir nicht bezahlen lassen, also spendierte ich ihr ein Glas Sekt und mir bestellte ich einen Bergsträßer Rotwein.

Wir saßen in der großen Halle im Erdgeschoss an Tischen, wobei allerdings auch noch eine ganze Reihe von Solo-Stühlen aufgestellt waren, woraus ich schlussfolgerte, dass doch relativ viele Karten verkauft worden waren.
Plötzlich wurde Gerlinde ganz unruhig und rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Du, ich habe da gerade einen Arbeitskollegen gesehen. Ich gehe gerade mal zu ihm hin. Bin gleich wieder da.“ Und schon war sie aufgesprungen und zwischen den Tischen und Stühlen verschwunden. Ich verrenkte mir fast den Hals, um sie sehen zu können. Doch leider vergebens, denn es standen viele Leute so dass ich sie nur noch kurze Zeit sehen konnte. Ich überlegte, ob ich ihr folgen sollte, doch dies verwarf ich gleich wieder. Was sollte sie denn dann denken, außerdem musste ich nicht immer so neugierig sein. Aber ich musste an das Telefonat mit meiner Freundin aus Frankfurt denken. Das hatte mich natürlich schon auch etwas neugierig gemacht. Was dies wohl bedeutete, dass sich Gerlinde mit einem Mann in Frankfurt traf; nach meiner Meinung doch wohl, dass sie hier in Darmstadt nicht mit ihm gesehen werden wollte. Erst recht nicht so kurz nach dem Tod ihres Mannes.

Nach ungefähr einer viertel Stunde kam Gerlinde an unseren Tisch zurück. Der Saal war nun bestimmt schon bis auf den letzten Stuhl besetzt. Die beiden Musiker kamen auf die Bühne und ein schöner jazziger Abend begann, der leider schon nach eineinhalb Stunden zu Ende ging. Ich hätte diese Musik noch eine Weile länger hören können. Unsere Straßenbahn kam auch ganz schnell, als wir an der Haltestelle standen meinte Gerlinde: „Sei bitte so gut Annette, und erwähne meiner Schwiegermutter gegenüber nicht, dass ich meinen Arbeitskollegen getroffen habe. Sie meint dann sicherlich, dass ich Kurt betrogen habe. Das versucht sie mir ja schon seit längerem unterzujubeln. Was für ein Blödsinn!“, sagte sie entrüstet. Ich schaute Gerlinde nur kurz an und schüttelte den Kopf. Wie ihre Schwiegermutter wohl auf diese Idee kam. Ich konnte mir das nicht vorstellen, dass mit dem Fremdgehen. Aber warum eigentlich nicht. „Wie lange wart ihr eigentlich verheiratet, Kurt und du?“ – „Hm, was meinst du?“ fragte sie mich geistesabwesend. „Wie lange ihr verheiratet wart?“ – „Wir waren jetzt knapp sechs Jahre verheiratet. Am 15. Mai hätten wir unseren sechsten Hochzeitstag gehabt. Kennen gelernt habe ich Kurt vor etwas mehr als sieben Jahren. Wir haben zusammen in der gleichen Firma gearbeitet. Nach unserer Heirat habe ich dann ungefähr ein Jahr später zu Mekkes gewechselt. Ich wollte einfach nicht so gern mit meinem Mann in einer Firma arbeiten. Es hat sich dann angeboten, denn die hatten damals eine tolle Anzeige in der Zeit, mit der sie eine Assistentin für die Geschäftsleitung suchten. Ich hab’s auch nicht bereut, die Bezahlung stimmt und die Arbeit ist auch recht interessant und abwechslungsreich. Außerdem ist es nach meiner Meinung nicht sonderlich gut mit dem Ehemann in ein und der selben Firma zu arbeiten, denn auf Dauer verreisen sich die lieben Kolleginnen und Kollegen nur ihr Maul über einen. Findest du nicht auch?“

Also da konnte ich ja nun gar nicht mehr mitreden. Ich hatte aus einer Laune heraus vor 10 Jahren meine gut bezahlte Chefsekretärinnenstelle in einer großen Firma aufgegeben und half seit dieser Zeit meinem Mann in seiner kleinen
Süßwaren-Großhandlung mit.

--

Gerade rief mich meine Freundin an, die in der Lokalredaktion einer Frankfurter Zeitung arbeitet: „Du, habt ihr heute schon was vor? Ich hab hier noch zwei Karten für das nette kleine Theater in Darmstadt, da kommen zwei vom Frankfurter Müsli-Theater. Hast du nicht Lust da mit Waldemar hinzugehen?“ Natürlich hatte ich Lust, da dies bei Waldemar nicht so sicher ist, fragte ich ihn erst einmal. Er hatte auch Lust dazu. Also fuhren wir ca. 2 Stunden vorher mit dem Auto los, diesmal nicht ganz so zu meinem Leidwesen, denn es regnete ziemlich heftig. Wir gingen zu dem kleinen türkischen Restaurant, das ein Haus neben dem Theater, ist essen. Das Lokal war schon gut besucht, aber im Hinterzimmer war an einem langen, u-förmig aufgestellten Tisch noch Platz. Dort setzten wir uns dazu. An der anderen Ecke saß ein Pärchen, ich dachte von ihm: „Wieder so ein übrig gebliebener Hippie, der sich nicht von seinen dünnen langen Haaren trennen will.“ Aber sie haben sich nett und freundlich das Essen miteinander geteilt. Die Vorspeise haben sie zusammen miteinander gegessen und ihre Hauptspeise haben sie auch ausgetauscht und etwas davon dem struppigen Hund abgegeben. – Später in der Vorstellung sollte ich ihn wieder treffen, es war der männliche Teil des Frankfurter Müsli-Theaters. Die beiden sind ihrem Motto treu geblieben. Am Besten können sie sich selbst auf die Schippe nehmen und er kann ganz gut nörgeln.

Also, ich habe wirklich zum Teil Tränen gelacht. Denn er ist der Meinung, dass er total von ihr unterdrückt wird: „Wenn ich schon am frühen Morgen höre: Heute müssen wir mal wieder für dich eine Hose kaufen gehen. Also da könnte ich mich schon unter’s Bett zum Hund verkriechen. Da muss ich dann mit dir in ein Geschäft gehen, wo die Verkäuferinnen lauern, die sich – genau wie du – nur alle an einem Mann rächen wollen, für alles was ihnen – nach ihrer Meinung - irgendwann einmal von einem Mann angetan wurde. Nicht genug damit, dass du ständig den Vorhang der Umkleidekabine aufreißt und hämisch fragst: Na passt denn diese Hose endlich? – Ach nein, da verschwindet dein nicht vorhandener Hintern ja total. Auch die Verkäuferin muss noch ständig ungefragt ihren Senf dazu geben. Einfach schrecklich, grauenvoll.“
Ein ähnliches Erlebnis hatte er wohl gerade in der gemischten Sauna, die, außer ihm natürlich, nur mit Frauen bevölkert war. Und seine liebe Frau hatte ihm nur ein Gästehandtuch eingepackt. Wie er da so groß und schmal auf der Bühne stand und schimpfte, ich habe mich total amüsiert.

--

Am kommenden Vormittag, wir saßen gerade noch beim Frühstück und ließen es uns in aller Ruhe schmecken, denn es war ein Samstag, klingelte es schon um 8:30 Uhr Sturm. Vor der Haustür stand die Schwiegermutter von ... „Kann ich mal kurz herein kommen?“ – „Natürlich gern.“ – „Ich muss Ihnen jetzt unbedingt etwas erzählen. Meine Schwiegertochter hat vermutlich meinen Sohn vergiftet.“ Sie schnaufte heftig, sie war scheinbar im Eiltempo zu uns gelaufen. „Wissen Sie was, ich habe Angst vor ihr. Sie hat sich so verändert, ist freundlicher wie früher zu mir und bietet mir ständig Kaffee an. Völlig ungewöhnlich für sie. Irgendwie traue ich ihr nicht über den Weg. Sie ist mir schon fast unheimlich.“ „Nun setzen Sie sich doch erst einmal hin. Trinken Sie in Ruhe mit uns eine Tasse Kaffee.“ Sie lief immer noch ganz aufgeregt hin und her. Das Kleid, das sie heute an hatte, schlabberte ziemlich weit an ihr herum. Aber dies war eigentlich auch so ihr Stil. Große, lange und weite Kleider, meist aus Leinen und manchmal auch bunt gemustert, so lief sie meist herum. Ich finde dies ja nicht schlecht, auch wenn sie schon über 70 Jahre alt ist.

„Also noch einmal ganz in Ruhe. Was ist denn los?“ „Meine Schwiegertochter möchte das Haus gern verkaufen. Sie hat es vor einigen Tagen zu mir gesagt. Es würden zu viele Erinnerungen für sie damit verbunden sein. Sie möchte lieber eine Wohnung in der Stadt kaufen oder mieten. Dann hätte sie auch nicht so weit zu ihrem Arbeitsplatz. Ich bin natürlich dagegen, mich sollen sie irgendwann einmal mit den Füßen zuerst aus dem Haus tragen. Vorher möchte ich nicht dort ausziehen müssen. Trotz unseres Streits hat mich meine Schwiegertochter in den letzten Tagen ständig zum Kaffee eingeladen, wenn wir uns im Haus oder Garten zufällig getroffen haben. Der letzte Kaffee hat fürchterlich bitter geschmeckt. Also ich hab so das Gefühl, dass da etwas drin war. Vielleicht Arsen oder so.

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32 Kommentare

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Hallo Conny, toll geschrieben - ich bin neugierig wie es weitergeht und ein bißchen den Verdachte hatte ich auch, dass ..... lass mich überraschen.
  • 27.11.2017, 15:35 Uhr
  • 0
es gibt auch schon weitere Kapitel.
  • 27.11.2017, 19:19 Uhr
  • 1
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lach.... das da was im Busch war mit der Schwiegertochter und ,,einem Anderen" hat mich jetzt, nach deinem Erzählen doch nicht so sehr überrascht..... doch ob die Schwiegermutter jetzt gleich auch noch unter die Erde gebracht werden soll, das glaube ich jetzt mal noch nicht.... bin aber gespannt
  • 25.11.2017, 20:19 Uhr
  • 1
  • 25.11.2017, 20:29 Uhr
  • 0
@ wize.life-Nutzer du warst schneller
  • 25.11.2017, 20:31 Uhr
  • 1
schauen wir mal wie das noch endet wize.life-Nutzer
  • 25.11.2017, 20:34 Uhr
  • 0
  • 25.11.2017, 20:34 Uhr
  • 1
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Conny einfach super. Ich fühle mich, wie wenn ich dabei wäre. Super geschrieben Ich bewundere ich und bin schon gespannt auf den nächsten Teil
  • 25.11.2017, 19:42 Uhr
  • 1
Freut mich Helge!
  • 25.11.2017, 20:35 Uhr
  • 0
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Schaetzelein,was du in ein paar Stunden erlebst,dafuer brauche ich ein halbes Jahr.Sehr liebevoll alles Conny.Nur der neue Freund von Frau Oehmchen haette mich ja nun doch etwas mehr interessier.
  • 25.11.2017, 18:40 Uhr
  • 1
Kommt noch.
  • 25.11.2017, 18:43 Uhr
  • 1
Barbara spannend gelle?
  • 25.11.2017, 19:42 Uhr
  • 0
Conny mischt jetzt alles auf. Volkstheater waere ein Thema Helge
  • 25.11.2017, 19:57 Uhr
  • 1
Ja aber Conny macht das net so recht direkt sondern eher subtiler. Mir gefällt's
  • 25.11.2017, 20:24 Uhr
  • 0
  • 25.11.2017, 20:31 Uhr
  • 0
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oh oh ...der letzte sehr schön geschrieben liebe conny
  • 25.11.2017, 16:19 Uhr
  • 2
wie der letzte?
  • 25.11.2017, 16:21 Uhr
  • 0
kaffee für die schwiegermutter
  • 25.11.2017, 16:24 Uhr
  • 2
Na, dann husch husch zum nächsten Laden
  • 25.11.2017, 16:31 Uhr
  • 1
ich meine die schwiegermutter in deiner geschichte ...letzter absatz...
  • 25.11.2017, 16:37 Uhr
  • 0
Jetzt brech isch ab...
  • 25.11.2017, 16:38 Uhr
  • 1
Du siehst, ich lese den Text nur noch ganz oberflächlich mit. Er lag bestimmt 5 Jahre in der Schublade, kein Verlag will ihn
  • 25.11.2017, 16:40 Uhr
  • 2
conny, schön, dass du uns dafür die geschichte schreibst.
ich möchte wissen, wie es weiter geht
  • 25.11.2017, 16:42 Uhr
  • 0
Bitte noch ein bisschen Geduld, Kerstin. Ich muss ihn hier in wl immer noch umformartieren.
  • 25.11.2017, 16:46 Uhr
  • 2
verstehe...ich lasse dir die zeit
  • 25.11.2017, 16:56 Uhr
  • 2
ja, aber nicht zu lange !!! spannend !!!
  • 25.11.2017, 17:26 Uhr
  • 2
  • 25.11.2017, 17:40 Uhr
  • 2
wenn Conny den nochmal in die Lade legt und vergisst !!!Jahre !!!!!!
  • 25.11.2017, 17:44 Uhr
  • 2
  • 25.11.2017, 17:58 Uhr
  • 2
Nein, jetzt vergesse ich ihn nicht mehr.
  • 25.11.2017, 18:30 Uhr
  • 2
  • 26.11.2017, 11:24 Uhr
  • 0
  • 26.11.2017, 11:25 Uhr
  • 0
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