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Ostern

27.03.2018, 10:31 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Junkie-Woman vom Werderplatz

Tolle Mütze, sagt sie mit einer Flasche Bier in der Hand, und als ich stehen bleibe: Hast du 5 € ? Nicht für Alkohol, ich muss ein Rezept einlösen, Antibiotika. Ich lade Dich zum Essen ein und gebe Dir 20 €, erzähl mir deine Geschichte, meine ich. Und ihre wasserblauen Augen schwimmen bis an den Horizont. Sie winkt ab, geht zurück zu ihrer Gruppe der Biertrinkenden rund um den Indianerbrunnen auf dem Werderplatz. Ein paar Wochen später sehe ich sie wieder auf meinem Weg ins Rentnerkino in der Schauburg. Wir kennen uns, sage ich, ich lade dich zum Essen ein. Sie zögert, sagt dann: geh vor um die Ecke ich komme nach. Beim Griechen bestellt sie Kalamari und ein Bier und erklärt mir, dass es Gerede gäbe, wenn die anderen sehen, wie wir zusammen weggehen. Ins Rentnerkino komme ich heute nicht mehr, ihre Erzählungen sind abenteuerlich aus einer anderen Welt.

Mein selbstgebastelter Ansatz ist: ich biete ihr etwas, was interessanter ist als die Drogen Methadon oder Heroin. Ich erzähle ihr von Reisen ins Münstertal auf einen Bauernhof oder von einer Reise nach Paris. Erst nach und nach erkenne ich, sie ist auf Methadon als Ersatz für Heroin angewiesen. Schon dreimal hat sie entgiftet und danach Therapien von einem Jahr gemacht. Ihr Leben spielt sich ab zwischen 10 ml Methadon am Morgen und dann in ihrer Community beim Indianerbrunnen mit Flaschenbier für 53 Cent. Manchmal reicht das nicht und sie beschafft sich Marihuana oder pulverisiertes Methadon, das sie aufkocht und sich spritzt. Anhand der Leberwerte erfährt ihre Ärztin von diesem Beikonsum und ihr take home wird ausgesetzt. Über die Feiertage erhalten die Junkies ihre Tagesration in kleinen Döschen mit nach Hause, doch da muß der Leberwert unter 300 liegen. Von dieser benchmark ist Claudia weit entfernt. Meine nächste Idee ist, sie vom Werderplatz wegzuholen nach Landau. Hier erhält sie ebenfalls ihre Substitution, aber keine weiteren Drogen. In Karlsruhe muß sie jeden Tag von den Bellenäckern mit der Straßenbahn fast eine Stunde in die Südstadt fahren. Hier in Landau, sagt sie, kann ich sie mit dem Auto zum Neuen Meßplatz zum Arzt fahren und sie kann das im Jogging-Anzug erledigen. Dieser Komfort ist ein Ansporn. Allerdings muß sie von ihrer Ärztin eine Überweisung bekommen und mich davon informieren. Ihr handy weist kein Guthaben mehr auf und sie scheitert mit dem Aufladen. Immerhin kann ich sie anrufen, aber angeblich schaltet es sich wiederholt aus und sie will es nicht immer wieder aktivieren. Wenn ich sie am Werderplatz zum Essen abhole, reden wir über diese Probleme ohne sie lösen zu können.Und ihre wasserblauen Augen schwimmen bis an den Horizont und immer weiter. Nach ihrer über dreißigjährigen Drogenkarriere ist mein Wunsch nach einer baldigen Verhaltensänderung vermessen. Als ich die Selbsthilfegruppe Narcotics Anomynus erwähne, winkt Claudia ab, da geht sie nicht mehr hin. Sie möchte leben wie wir alle. Ostern feiern mit bunten Eiern und Lammbraten und wir möchten ein wenig leben wie sie. Halleluja schallt es aus den Kirchen, das ist nur ein Lippenbekenntnis. Claudia sitzt bei den Verfemten auf dem Werderplatz und schaut mit ihren wasserblauen Augen ins Unendliche. Für sie gibt es keine Auferstehung.

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