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Der Scherenschnitt

Der Scherenschnitt

21.05.2013, 17:54 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Mein Vater hat meiner Mutter während seiner Abwesenheit im Krieg als Zubrot eine Pension eingerichtet. Wir hatten viele Gäste, die vor den Luftangriffen aus Frankfurt geflohen sind, um in unserer kleinen Stadt durchschnaufen zu können. Nun war meine fleißige Mama doch ohne meinen Vater in vielen Dingen hilflos und beschwerte sich gern und jammerte bei unseren Frankfurter Gästen über Alltagssituationen und Probleme. So auch über mein langes dickes Haar, das sich nach dem Waschen so schlecht trocknen ließ. Haare abschneiden? Niemals - ohne mich. Ich war stolz auf meine dicken Zöpfe, saß geduldig samstags vor dem Küchenherd mit den langen Haaren und wartete auf das Trockenwerden. Ich stylte mir die unmöglichsten Frisuren mit meinen Haaren, mal Hochfrisur, die ich mit Klämmerle festhielt, mal die in den 40ern üblichen zweiseitigen Kammfrisuren. Aber meine Dauerfrisur waren meine zwei Zöpfe, die ich nach dem Vorbild meiner gleichaltrigen Cousine aus der Großstadt vor dem Ohr zopfte.
Eine Dame aus Frankfurt, die an den Wochenenden aus Frankfurt angereist kam, sah das Elend, hörte sich das Gejammer meiner Mutter an, wollte "helfen", nahm eine Schere und schnitt couragiert ritscheratsche einen Zopf ab.................Mein Nervenzusammenbruch war die Folge. Ich flüchtete über den Zaun zu meiner lieben Nachbarin, deren Tochter Irmgard - meine 10 Jahre ältere Freundin - immer Helfer in meinen Nöten war. In guten wie in schlechten Tagen. Was machen? Jetzt guter Rat teuer. Nur eine Lösung möglich. Nochmal ritscheratsche an Zopf Nummer zwei. Nun war die Zickzackfrisur perfekt. Irmgard gab sich alle erdenkliche Mühe, eine Gleichmäßigkeit zu erzielen Als Deko raffte sie auf dem Oberkopf die mittleren Haare zusammen und gestaltete so einen in den Vierzigern üblichen "Hahnenkamm", eine so idiotische Rolle, die mich nochmal nervlich zusammenbrechen ließ Ich kannte mich nicht mehr. Das war nichtmehr ICH.

Zuhause litt meine schwer getroffene Mutter. Die Gästin beruhigte sie, "das wächst wieder".

Frau Nägele aus Frankfurt strickte mir ein Kleid mit langen Ärmeln und häkelte mir aus unserer eigenen Schafwolle ein naturfarbenes Kleid mit einer bunten Passe. Sehr gelungen.

Frau Nägele habe ich verziehen, da mein Haar schnellstens nachgewachsen ist.

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2 Kommentare

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Das Frisieren war bestimmt einfacher - ich hatte als Kind lange, blonde Locken, der ganze Stolz meiner Mutter und das Kämmen war ein täglicher Kampf, bis meine Oma aus Kanada zu Besuch kam. Sie beobachtete das Theater einige Tage und dann ließ sie mir kurzerhand einen Bubikopf schneiden! Meine Mutter hat das ihrer Schwiegermutter nie verziehen,
  • 22.05.2013, 02:29 Uhr
Guten Morgen Monika. Ich kenne das und bereue. Meine Tochter Suzette hatte so ein lustiges Pferdeschwänzchen, das bei jedem Schritt hüpfte. Das blonde Kind hatte aber meiner Ansicht nach dünne Haare. Jetzt hörte ich: man muss die Haare offen lasssen, nicht mit Spängchen zusammenstecken. Also - kurzerhand zum Friseur, einen Bubikopf schneiden lassen. Sie war damals süße drei Jahre alt. Ich kam heim. Mein Mann: entsetzt ist gar kein Ausdruck. Seine Worte: nun hab ich mein kleines Kind verloren.

Ich wünsche einen schönen Tag liebe Monika und tschüss
Gabriele
  • 22.05.2013, 07:22 Uhr
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