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Der Ungläubige erinnert sich an Fronleichnam

Der Ungläubige erinnert sich an Fronleichnam

30.05.2013, 10:15 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Als sei es gestern gewesen

An diesem Morgen saß der alte Mann wie immer hinter dem Fenster und sah hinaus. Er sah die Bäume in ihrem satten Grün, rote Ziegeldächer und Wolken so hoch, weiße und dunkle, freundliche und beängstigende. Unter den Wolken waren die Bussarde seine Freunde. Ein Pärchen stolzer Flieger, welche hinter dem Haus in hohen Akazien seit Jahren horsteten.

Wenn man doch nur wie sie einfach davonfliegen könnte und bei diesen Gedanken schloss der Mann seine Augen und überließ sich bewußt Tagträumereien, bei denen er weder richtig schlief, noch wirklich wach war.
An seine Ohren klang plötzlich ganz schwach und wie von weiter Ferne her ein Lied, welches er aus seiner frühesten Kinderzeit schweren Tagen oft mit voller Inbrunst und Vertrauen gesungen hatte. Begleitet wurden die fernen Klänge von einer getragenen Musik.

Erst begann er mitzusummen, dann leise zu singen und dann brach es aus ihm heraus, dass
„ Großer Gott wir loben dich“.

Er war im späteren Leben kein gläubiger Mensch geworden. Seine Unschuld dem Glauben gegenüber war längst verloren gegangen und tief in ihm vergraben. Fast unauffindbar- dachte er.

Geboren wurde er in einem kleinen mittelalterlichen Habsburgerstädtchen am Grünen Strom gelegen. Die Häuser standen und stehen heute noch wehrhaft dicht beieinander und am jedem Ende, der mit groben Pflastersteinen versehenen Straße, waren mächtige Stadttore errichtet, jedem Feind zum Trotze, der es wagen würde in diese kleine in sich geschlossene Welt einzudringen.

An einem Tag des Jahres wurde auf der buckeligen Straße, zwischen den beiden Toren frisch gemähtes Heu dick ausgestreut. Vor einigen Häusern rechts und links der Pflastersteine wurden Altäre aus verschiedenfarbigen Blumen prachtvoll hergerichtet. Die Bewohner begannen mit der mühevollen frommen Arbeit bereits nach Mitternacht und es bestand ein Wettbewerb, den aller schönsten Altar zu Ehren Jesus Christi zu errichten.

Dann war es soweit, die Glocken der Kirche begannen ihre mächtigen Töne in den festlichen Himmel klingen zu lassen. Das Kirchenportal öffnete sich weit. Die Stadtkapelle kam heraus. Dahinter schritten ganz in Weiß die Marienkinder, mit umgehängten Körbchen, aus denen sie bunte Blumenblüten verstreuten. Dem folgte Jesus Christus- auf seinem Gottesthron sitzend- mit ausgebreiteten segnenden Händen. Getragen von 6 starken Männern, die ob ihrer Kraft heimlich bewundert und beneidet wurden. Christus zu tragen, welche Ehre!

Dahinter folgten die Schar der Ministranten in roten Röcken mit weißen Krägen. Weihrauchfässer und Weihwasserkessel und die Abendmahlglöckchen in den Händen. Unter einem prachtvollen Baldachin in goldgewirktem Prunkornat, der Stadtpfarrer mit der goldenen Monstranz, gefolgt von den Priestern in einfachem Schwarz. Dann kam wohl geordnet, die gesamte Katholische Gemeinde, eine geschlossene kraftvolle Gemeinschaft. Da fehlte niemand, sollte es nicht wirklich dringende Angelegenheiten geben, - sich an diesem Tag auf der Straße zu zeigen, seht her ich, ich gehöre zu dieser Gemeinschaft.

Die Prozession hielt an jedem der geschmückten Altäre. Er wurde gesegnet und geweiht. Es wurde gebetet. Die Stadtkapelle spielte und dann wurde inbrünstig gesungen. Gemeinsam bekennend mit festen Stimmen und vereint, dass
„ Großer Gott wir loben dich „
Es war der Tag Corpus Christi oder Fronleichnam*.
Der Mann am Fenster wischte sich über die Augen, war es ein Traum, war es Wirklichkeit? Die Klänge schwebten davon, immer weiter weg- verwehten in der Ferne.

*Fronleichnam stammt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt übersetzt
„Des Herren Leib“ bzw. die leibliche Gegenwart Jesus Christi.

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1 Kommentar

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Weil ich einem protestantischen Hohenzollern-Dörfchen groß geworden bin, fehlen mir solche Erinnerungen. Da danke ich dem Ungläubigen, dass er seine Erinnerungen mit uns teilt.
  • 30.05.2013, 08:27 Uhr
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