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Die Abenteuer eines Berufspendlers

Die Abenteuer eines Berufspendlers

Otto Huber
28.03.2012, 12:09 Uhr
Beitrag von Otto Huber

In der Regel garantiert die Deutsche Bahn zwischen München und Traunstein eine angenehme Reise. Am Fenster zieht wie ein endloser Tourismuswerbespot die oberbayerische Vorzeigelandschaft vorbei. Die Fahrt dauert 1 Stunde und 27 Minuten. Es sei denn auf dem Gleis liegt ein Selbstmörder. Dann beginnt das Abenteuer.

S-Bahn-Haltestelle Leuchtenbergring, 18.03 Uhr. Der kalte Nordost wirbelt Lidl-Prospekte über das zersprungene Pflaster. Eine Red-Bull-Dose fällt scheppernd auf das Gleis. Hier ist nicht die "Weltstadt mit Herz". Leuchtenbergring ist eher die South Bronx Münchens. Die S3 aus Zorneding kommt. Am Ostbahnhof ein kurzer Spurt zum Gleis 8. Der RE 31031 ist pünktlich. Ich lasse mich in die blau-schwarz gemusterte Sitzbank fallen.

Der Waggon verströmt wohlige Behaglichkeit. Ich hole den angefangenen Oscar Wilde aus der Tasche, amüsiere mich über Lord Henry Wottons Aphorismen und beneide den Nichtstuer Dorian Gray um seine ewige Jugend, bis mich eine quäkende Lautsprecherstimme aus der Idylle reißt. Ich verstehe Bruchstücke: Personenunfall, Rosenheim, Endorf, Busse. Durch den Waggon geht ein Raunen und Seufzen.

 

„Unerhört - die Leute soll'n sich doch wo anders umbringen!"

 

 

Am Rosenheimer Bahnhofsplatz stehen tatsächlich 6 Busse. Eine Dame lässt sich schwer atmend neben mich in den Sessel plumpsen. Sie trägt einen Trachtenhut, ein Seidenhalstuch im Landhausstil und einen Lodenmantel. Ihre barocken Körperformen und ihre altbayerische Erscheinung stehen in auffallendem Kontrast zu ihrem ostwestfälischem Dialekt. Sie legt sofort los: „Finde ich unerhört von den Leuten, sich vor'n Zug zu werfen, Tausende von Fahrgästen belästigen, soll'n sich doch wo anders umbringen!"

Die Dame ist empört, ihre Stimme zittert, ihre Wangen glühen. Als der Bus anfährt beruhigt sie sich und hinter Prutting bin ich genauestens informiert über die Einrichtung ihrer 62qm-Wohnung in bester Hanglage in Endorf und kenne die Familienverhältnisse der oberbayerischen Eltern ihrer Schwiegertochter.

Am Bahnhof Endorf ist kein Anschlusszug in Sicht. Jemand ruft „auf Bahnsteig 4 gehts weiter!" Einer Horde Lemminge gleich wallt die Menge der 120 gestrandeten Fahrgäste durch die Unterführung. Dann wieder eine Durchsage: „Wegen Personen . . ." Rattertatatt, Rattertatatt - der Rest der Durchsage geht im Lärm eines durchfahrenden Güterzugs unter. Jemand scheint Bescheid zu wissen: "Es geht doch mit Bussen weiter". Die Lemminge strömen zurück. Auf dem Parkplatz steht nur noch ein Bus. Der Busfahrer klärt auf: Nein, das sei die Durchsage vom Bahnhof Rosenheim gewesen. Warum diese in Endorf aus dem Lautsprecher komme, wisse er auch nicht. Ansonsten bitte er um Verständnis. Er habe jetzt Feierabend.

Da naht aus dem Dunkel der Nacht, wie der Deus ex Machina der griechischen Tragödie, der ersehnte IC 2393. Leider hält der Zug weder am Bahnsteig 2 noch auf 4 sondern auf dem mittleren Gleis, welches in Endorf keinen Bahnsteig hat. Ein kühner junger Mann entert einen der Waggons und - ein Wunder - die Türe lässt sich öffnen. Die Meute entert nun ebenfalls den Zug mit Hilfe unterschiedlichster Klettertechniken. Eine ältere Dame wird von beherzten Männern hoch gehievt. "Das ist ja wie im Krieg", ruft sie freudig erregt. Nach 10 Minuten ist der Zug erobert.

Seit Leuchtenbergring sind erst 4 Stunden und 17 Minuten vergangen. Ich hole den Oscar Wilde aus der Tasche. Der Waggon verströmt wieder jene wohlige Behaglichkeit, die ich an der Deutschen Bahn so schätze.

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