wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?
Der Himmel im Ceranfeld

Der Himmel im Ceranfeld

Deutscher Evangelischer Frauenbund Bayern
28.06.2016, 18:58 Uhr

Wir wohnen in einer Reihenhaussiedlung. In unserer Straße gibt es mehrere Riegel Reihenhäuser, und auf der nördlichen Straßenseite lauter Doppelhäuser. Man kennt sich so lala in unserer Straße, die unmittelbaren Nachbarn natürlich besser. Die Straße wirkt wie ein kleiner Fluss oder Graben: Die von der anderen Seite der Straße kennt man gar nicht so richtig. Die Straße trennt uns von denen auf der anderen Seite.

Aber gegenüber, das ist Karins Haus. Karin hat auch einen Mann, der immer in einem BMW zur Arbeit fährt. Kinder hat sie wohl auch, aber die sind schon erwachsen und aus dem Haus. Karin hat keine Tiere, eine Katze oder so. Aber sie liebt es, im Garten zu arbeiten. Manchmal haben wir ein ganz klein bisschen miteinander gesprochen.

Gestern abend sind wir aus der Arbeit nach Hause gekommen und haben angefangen zu kochen. Plötzlichh fährt mit Tatütata die Feuerwehr vor und hält auf der Straße direkt vor uns. Es war aber kein Rauch zu sehen. Ein Feuerwehrmann ist auf das Dach des Fahrzeugs gestiegen und hat schnell die Leiter heruntergereicht, und dann sind sie schnell um das Haus gegenüber herumgelaufen; der Eingang ist hinten. Karins Haus. Sein Gesicht und die Tatsache, dass sie sich so beeilt haben, hat uns mehr alarmiert als die Sirene des Löschfahrzeugs. Dann ist ein Krankenwagen dazugekommen. Und noch ein Arztwagen extra. Dann war auf einmal ein Junge da, ein junger Mann, der ist sehr schnell ins Haus gelaufen.

Wir haben uns Bratkartoffeln gemacht, Zwiebeln geschält, die Pfanne aufgesetzt. Natürlich haben wir geschaut, aber uns auch geschämt dafür. Wir wollten nicht stehen und gaffen, aber wir wollten auch nicht teilnahmslos erscheinen. WIr reden beide nicht viel, es geht nicht. Wir denken dasselbe. Ich rühre in der Pfanne, dass nichts anbrennt, aber ich bin nicht bei der Sache. Ich bin bei Karin. Ich bete für sie, durch das Fenster in den blauen Himmel, so gut oder schlecht ich es eben kann, und eigentlich bete ich für ihre Seele.

Karin war depressiv. Sie hat das selbst gesagt, und es sollte damals eine Erklärung sein, warum sie einmal ausgerastet ist und ihrer Nachbarin in meinem Beisein draußen auf der Straße eine fürchterliche Szene gemacht hat. Es war nicht so schön, wirklich nicht, aber gut, das muss vielleicht auch mal sein, dass man sich ordentlich die Meinung sagt, wenn man sich fürchterlich übereinander aufgeregt hat. Ich hatte versucht, die beiden ein bisschen zu beruhigen, aber es war mir nicht gelungen. Am anderen Tag dann kam Karin zu mir rüber und erklärte mir ihr Verhalten. Dabei sagte sie mir auch, sie sei schon viele Jahre depressiv.

Deswegen jetzt die Angst und etwas später auch die Gewissheit, als der Krankenwagen wegfuhr und niemanden mitnahm. Karin hat sich selbst etwas angetan, an diesem schönen Tag, ihr Garten in schönster Blütenpracht, in ihrem schönen gepflegten Haus. Die anderen waren wohl nicht da. Vielleicht hat sie es einfach nicht mehr ausgehalten, sicher sogar. Es ist furchtbar, dass es für sie so schwer war, und es ist furchtbar für ihren Mann und die Kinder, die ins Haus laufen und ihre Mutter nicht mehr lebend sehen. Die Polizei ist vorgefahren. Jemand kommt, ein Mann, und auf dem Weg ums Haus herum kommt der Junge und nimmt ihn in den Arm und führt ihn dann ins Haus.

Es tut mir so leid für Karin, aber auch für die anderen. Ich mochte Karin, obwohl ich sie ja gar nicht gut gekannt habe. Und ich bin traurig, dass sie es so schwer hatte mit dem Leben, dass es für sie vielleicht eine Last geworden war, die immer schwerer nur getragen werden konnte.

Ich rücke die Pfanne ab und schalte die Herdplatte aus. Der Himmel spiegelt sich blau und weiß auf dem Ceranfeld.

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.