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Sarina, Tochter des Universums 1.Teil

Sarina, Tochter des Universums 1.Teil

27.02.2017, 13:53 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

SARINA ......

Selbstvergessen hockte sie vor einem der Rosenbeete im Rheinpark. Sie bewegte eine Hand in Streichelbewegung über Blüten, ohne sie zu berühren. Ihre Lippen schienen Worte zu formen. Lautlos. Dann wieder hielt sie, als lausche sie, inne.
Als sei ich nicht vorhanden bewegte sich dieses Kind - meine Tochter Sarina - traumwandlerisch auf eine junge Erle zu. Kopf und Schulter gegen den Stamm gelehnt, begann sie leise zu summen.
Ich wagte nicht ihre Träumerei zu stören, schien sie doch ‘Lichtjahre’ entfernt.
Sarina bemerkte keinen der vielen Spaziergänger, nicht deren erstaunte Blicke.
In Gedanken verschob ich meinen Frisör Termin, als Sarina sich mir unvermittelt zuwandte: „ Mami, lass uns heimgehen, du wolltest doch noch zum Haare schneiden!“
Verblüfft erhob ich mich von der Parkbank, fühlte die Hand meiner Fünfjährigen nach Ring und Mittelfinger meiner Hand greifen.
Fröhlich hüpfte sie neben mir her, fuhr blitzschnell, mit gespreizten Fingern, einem jungen Jagdhund durchs Fell.
„Er ist gut,“ widerlegte sie meinen besorgten Gedanken, ehe ich ihn ausgesprochen hatte.
„Es ist aber doch gefährlich fremde Hunde zu streicheln“, protestierte ich. Sarina küsste flüchtig meinen Handrücken und begann ein Kinderlied zu singen. Das erstickte den Rest meiner erzieherischen Anwandlung. Daheim war das Essen bald zubereitet.
Sarina sog genüsslich Spagetti mit Tomatensauce ein, die ihr bis zu den Ohrläppchen spritzte. „Gehen wir morgen wieder in den Rheinpark, Mami?“
„Wollen wir nicht lieber wieder einmal hinunter an den Rhein?“ Meine Gegenfrage löste heftiges Kopfschütteln aus, während Sarina weitere Nudeln mit Daumen und Zeigefinger auffischte. „Neeee, der Park ist viel spannender. Dort sind so viele nette Hunde mit ihren Menschen
- UND – Blumen und Bäume wissen so schöne Geschichten!“
Oh, da war er wieder, einer dieser Undsätze, die mich irritiert nervös machten.
Einerseits empfand ich Sarinas herrliche Phantasie als liebenswert, andererseits bereitete sie mir Sorge, wenn ich an ihren Schulbeginn dachte. Irgendetwas, nicht Nennbares, hielt mich jedoch stets zurück mehr zu sagen, als das Allernötigste. Sarina erschien so sicher, frei und erstaunlich gelassen.
Strahlend fischte sie die letzten Spagetti vom verschmierten Teller, dem ihr Gesicht sehr ähnlich geworden war.
„Ab ins Badezimmer, ich will nicht zu spät beim Frisör sein, “klapste ich ihr meinen Abschied auf den Po.

Wieder zurück, hatte ich mir gerade Schweiß und Hitze von der Haut geduscht, als es stürmisch klingelte.
Mit gewichtiger Mine und einem Schuhkarton in den Armen stand Sarina vor der Tür. „Schau Mami, diese Taube haben Sandra und ich aufm Gehweg ‘vonner’ Hermeskeiler Straße gefunden. Sie is’ krank UND sagt, dass der Flügel ganz toll weh tut!“
Inder tat hockte das verängstigte Tier mit weit geöffnetem Schnabel hechelnd und zitternd in eine Ecke des Kartons gedrückt.
Ich verdrängte den Undsatz, um mich um Kind und Vogel zu kümmern. Der Flügel hatte fühlbar einen Bruch im Mittelgelenk. Also in Windeseile zum Tierarzt. Beruhigend sprach Sarina auf das Tier ein. Das zeigte schnell Wirkung.
„ Hoffentlich ist der Arzt noch in der Praxis“, unterbrach ich den Monolog von Sarina. Oder war es doch ein Dialog, wie es mir fast erscheinen wollte?
„Ja, du armes Vögelchen, bist gegen ein Auto geflogen“, hörte ich meine Tochter ‘antworten.’ Und nach kurzer Pause, „Ja Mami, der Arzt is’ noch da -UND - die Taube weiß dass wir ihr helfen wollen, sagt sie.“
„Sarina, die Taube kann nicht sprechen“, tadelte ich scharf, genervt ob des geballten Nachmittagverkehrs. „Aber Mami ...,“ brach Sarina mit zittriger Stimme ihre Erwiderung ab. Ich wagte nicht in den Rückspiegel zu schauen, hatte ich diesen endlos traurigen Blick doch schon mehr als einmal gesehen. Der Arzt versorgte die Patientin. Wir hatten nicht einmal lange warten müssen.
Und wir durften dabei bleiben. Sarina kommentierte fortwährend den Fühl zustand der Taube. Der Arzt kniepte ein Auge in meine Richtung zu und fragte Sarina:“ Hast du nicht Lust Tierärztin zu werden? Du weißt so viel von der Taube.“
Sarina legte den Kopf schräg und meinte tiefernst:“ Vielleicht ja, weil Menschen hören so ganz überhaupt nicht zu -Und- Tiere und Bäume wissen ‚wieso‘ viel mehr als Große. Mit heftigem Kopfnicken unterstrich sie ihre Worte.

Vorsichtig platzierte der Arzt die Taube im Karton und gab ihn Sarina in die Arme. Die bedankte sich kurz und als gäbe es nichts anderes auf der Welt, wandte sie sich der Tür zu.

„Sie haben da ein besonderes Kind, Frau Rudor, hoffentlich wird es in unserer rationalen Gesellschaft nicht zu oft verletzt“, verabschiedete mich der Arzt.
Als ich Sarina eilig folgte, machte sich ein sonderbares Gefühl in meiner Magengrube breit.
Sarina hatte nur noch Augen und Ohren für ihre Taubenpatientin. Der geschiente Flügel schien das Tier nicht zu belasten, denn es pickte eifrig Körnerfutter.
Ich sehnte den Abend herbei und die Schlafenszeit meines quirligen Energiebündels. Endlich, um acht Uhr schloss ich die Tür hinter Tochter und Taube, die ihre Tagesabenteuer verließen um ins Traumland zu reisen.
Aufatmend legte ich eine CD mit Entspannungsmusik in den Recorder, schenkte meinen Lieblingswein ins Glas und kuschelte mich in meinen Katzenkorb. So nannte ich den großen, halbrunden Ratansessel. In ihn zog ich mich zurück, wenn meine Seele in Aufruhr war. Immer wieder flog mir der Satz des Arztes durch den Kopf, der die verletzte Taube versorgt hatte.
Ich weigerte mich zu denken, legte meine Seele auf zarte Klänge und reiste unversehens zwei Jahre in die Vergangenheit.


Sarina und ich hockten zusammengekuschelt im gläsernen Gartenhäuschen. Wir waren noch von dem Naturschauspiel bezaubert das Regenwolken uns, im Wettlauf mit der Sonne, gezeigt hatten. Ein doppelter Regenbogen begann langsam zu verblassen. Mit ganzer Kraft brach die Sonne hinter Restwolken hervor.
Sarina sprang in die ländliche Idylle unseres Gartens hinaus und hinein in ihr Planschbecken, das vom Regen gefüllt überschwappte. Während ich tiefem Frieden in mir nach lauschte, sauste der kleine Rotschopf jubelnd seinem Vater entgegen. Blitzschnell sprang ich dazwischen, um den hellen Anzug meines Mannes zu retten. Er war gekommen, um sich zu verabschieden. Auf seinem Arbeitsplan standen noch ein paar Kundenbesuche.
Sarina reckte sich auf Zehenspitzen hoch, hielt ihm ihren Mund entgegen und meinte, mich naseweis zitierend, „dass du mir ja heil wieder Heim kommst.“ „Dem ist nichts hinzuzufügen“, verabschiedete ich ihn amüsiert.
Er lächelte und hupte übermütig, als er den Wagen startete. Ich wandte mich den Blumenbeeten zu, zupfte die Kräuter heraus, die man ‘Un’ nennt.
Müde Stille hing in der Nachmittaghitze, als die Sonne sich dem Horizont zuneigte.
Sarina lag dösend bäuchlings mit einem Bilderbuch auf einem der Liegestühle. Ich räumte Arbeitsgeräte ins Gartenhaus. Zeit fürs Abendessen. Beide schauten wir lauschend auf, als ein Wagen in unsere kleine Straße einbog. Den Sonnenuntergang im Rücken erschienen sie, lichtumflossen.
Zwei grün Uniformierte. Unschlüssig schauten sie zur Haustür, um dann doch in den Garten zu kommen. Plötzlich hörte ich meinen Herzschlag in den Ohren pochen. „Ja, hier, hallo, ja bitte?“ hörte ich mich mit belegter Stimme rufen. „Frau Rudor?“ Schlafwandlerisch bewegte ich mich den beiden Polizisten entgegen, wagte nichts zu sagen, viel weniger zu fragen, um so den ahnungsvollen Moment in die Ewigkeit hinaus zu schieben.
Mit gedämpfter Stimme schnitt mir einer der Beamten seine Botschaft ins Mark: „Es tut mir sehr leid, Frau Rudor, ihr Mann wurde in einen schweren Unfall mit einem Lastwagen verwickelt!“ In meinem Kopf klirrte es, als zerberste Kristall auf Stein. Der Mann mir gegenüber beantwortete meinen fragenden Blick nur mit leichtem Kopfschütteln. Sarina legte beide Ärmchen um mein Bein.
Wie aus weiter Ferne hörte ich einen gellenden Schrei, nicht begreifend, dass er meine Kehle verließ.
Die folgenden Wochen blieben vernebelt. Nebel, der sich wattig in meinem Kopf einnistete. Ich bewegte mich durch Zeit und Raum, tat was es zu tun galt. Ich ließ Menschen um mich her agieren. Mutter versorgte uns. Der Notar kam, verlas das Testament und ich hörte seine Worte „ Gott sei Dank hat ihr Mann sie und ihre Tochter gut versorgt hinterlassen.“
Hinterlassen!! Das Wort dröhnte wie Hohn in den Ohren. Blitzartig ‘sah’ ich das frische Grab auf dem Melatenfriedhof vor mir und....
Gnadenlos drang die Tatsache zu mir durch ... Keith ist tot ... tot ... tot, er wird nie wieder bei uns sein!
Innere Starre löste sich. Tränenstrom brach sich Bahn, als wolle er nie enden.
Mutter reichte mir einen Cognac, der erste Schluck brannte die Kehle hinunter. Ich schüttelte mich, wollte ganz in die Gegenwart und zu Sarina zurück.
Ich hatte das Kind die ganze Zeit über nicht wirklich wahrgenommen, schämte mich nun zutiefst. Was hatte ich ihr gesagt? Wie sie getröstet?
Was mochte meine Mutter ihr vermittelt haben? Hatte ich sie nicht nur immer wieder schweigend in die Arme genommen und abgelenkt? Ich suchte Erinnerung, fand sie nicht.
Mir war, als kehre ich von langer Reise zurück. Ich sah Mutters prüfenden Blick. Erkennend nahm sie mich in die Arme:“ Herzlich willkommen bei den Lebenden, Tochter, “ hörte ich sie sagen.
Sarina kam verschüchtert auf mich zu, legte ihre Arme um meinen Hals: „Kannst du nun auch mal wieder mit mir spielen?“ Sie flüsterte die Frage. Einsamkeit schwang in ihr mit.

In der Folgezeit verlor Sarina ihre Zurückhaltung. Ihre einstige Unbeschwertheit kehrte zurück.
An Keiths Grab versuchte ich zu erklären, dass ihr Vater hier ausruhe. Sarina hörte still, geduldig zu und meinte dann in leicht belehrendem Ton, „Mami, wir brauchen nicht mehr hier sein, geh’ lieber wieder mit mir in den Rheinpark zu den Blumen - UND - heute Abend sagt Vati mir doch wieder gute Nacht!“
Halt! Ich zuckte in die Gegenwart von 1994 zurück. Da war er, der erste UND-Satz von Sarina!
Der Wein stand unberührt vor mir, die Musik war längst verstummt, es begann zu dunkeln. In der Dämmerung spielten Fledermäuse vor dem Fenster. Leichten Herzens zündete ich eine Kerze an, nahm einen großen ‘Feierschluck,’ legte eine neue CD ein. Die ersten Klänge summte ich mit und gab ihnen die Worte: „ Ich habe den Schlüssel gefunden, hab’ den Schlüssel gefunden ... gefu-u-nden!“
Viele Undsätze fielen mir plötzlich ein, die Sarina immer scheinbar zufällig einzuflechten schien. Wieder sah ich ihren erschrocken eingeschüchterten Blick, wenn ich rügend oder belehrend über diese Sätze hinweg gewischt hatte. Sie waren doch offenbar die echten Botschaften. Auf sie zu achten galt es. Eine neue, spannende Ebene zu meinem Kind öffnete sich unmittelbar vor mir. Mir wurde klar, dass eine Dreijährige nicht in der Lage ist, wie ein Erwachsener in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie betrauerte das ‚SOISTES.’ Ein Kind ist offen für alle Wahrnehmungen.
Der Wein stand unberührt vor mir, die Musik war längst verstummt, es begann zu dunkeln. In der Dämmerung spielten Fledermäuse vor dem Fenster. Leichten Herzens zündete ich eine Kerze an, nahm einen großen ‘Feierschluck,’ legte eine neue CD ein. Die ersten Klänge summte ich mit und gab ihnen die Worte: „ Ich habe den Schlüssel gefunden, hab’ den Schlüssel gefunden ... gefu-u-nden!“
Viele Undsätze fielen mir plötzlich ein, die Sarina immer scheinbar zufällig einzuflechten schien. Wieder sah ich ihren erschrocken eingeschüchterten Blick, wenn ich rügend oder belehrend über diese Sätze hinweg gewischt hatte. Sie waren doch offenbar die echten Botschaften. Auf sie zu achten galt es. Eine neue, spannende Ebene zu meinem Kind öffnete sich unmittelbar vor mir. Mir wurde klar, dass eine Dreijährige nicht in der Lage ist, wie ein Erwachsener in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie betrauerte das ‚SOISTES.’ Ein Kind ist offen für alle Wahrnehmungen.

Sarina war dem Verlust ihres Vaters unmittelbar, wesenstief ausgesetzt gewesen. Sie konnte sich nicht hinter falschem Trost verbergen.
Während ich das ‘ich will ihn doch haben und behalten’ betrauerte, nahm dieses Kind pur und selbstlos wahr. Verlust und Trauer waren unablenkbar eins. Welch ein Reichtum. Unvermittelt fühlte ich mich klein und eingeschränkt.
Fragte Sarina nie mehr nach ihrem Vater, weil er wirklich bei ihr war? Was nahm sie wahr? Was suchte sie zu vermitteln? Wenn alle Undsätze nun nicht ihrer Phantasie entsprungen waren?
Mein Gefühl bäumte sich auf, Panik ließ mich frösteln. Welch eine Verantwortung kam da auf mich zu? Ich wollte kein Kind das „anders“ ist als Andere.
Oder waren die anderen Kinder schon blind angepasst? Wen konnte ich ansprechen, ohne als irre betrachtet zu werden? Wo war die Sinnlichkeit meiner eigenen Kindheit geblieben?

Nur dunkel erinnerte ich mich an einen Satz, den meine Großmutter häufig wiederholt hatte: „ Kind, das ist doch alles ‘Spökenkikerei’ was du da erzählst!“ Nein, Spukgeschichten waren es sicher nicht gewesen. War das der Augenblick, in dem ich mich angepasst hatte, an die genormte Welt Erwachsener?
Ich fühlte mich wie in einem Karussell, das sich im Dunkeln zu drehen begann, schneller und schneller. Mir wurde übel.

Unversehens spürte ich eine kleine, schlafwarme Kinderhand auf meiner Wange. „ Mami, ich habe von Vati geträumt - UND- er hat mich geweckt, damit ich bei dir sein kann.“ Ich wusste nicht ob ich lachen oder weinen sollte.
Da schneite mir ‘mein’ Kind in diese dunkle Stunde, als schlichte Antwort auf alle Fragen. Hatte ich ihm nicht in all den Jahren intuitiv vertraut, indem ich von Situation zu Situation mit ihm gegangen war? Ich zog die kleine Lehrerin auf meinen Schoß und fühlte mich wie eine vom Ertrinken Errettete.
„ Wie schön, dass Vati dich weckte, Sarinchen, nun ist alles wieder gut.“ In ihren Augen blitze ein Schalkteufelchen. Ihre Lippen huschten über meine Wange, hin zum Ohr: „ Mami, wir ‘drei’ lernen noch ganz viel und bleiben zusammen, weil wir uns so lieb ‘ham’. -UND - Vati weiß, dass wir ihn noch brauchen.“
Mit einem Anflug von Zorn presste ich die Lippen zusammen, empört, dass dieses kleine Wesen so sicher war. Im gleichen Moment aber erkannte ich meine Eifersucht. Mir fehlte diese Sicherheit.
Ausnahmsweise nahm ich an diesem großen Abend Sarina, auf ihren eindringlichen Wunsch hin, mit in mein Bett.
Wir schliefen eng umschlungen in einen neuen Lebensabschnitt hinein. Ein gemeinsamer Abschnitt von Abenteuern, Entdeckungen, Geheimnissen. An der Schwelle des Traumes dachte ich an ein Gedicht, das mir vor einigen Wochen aus der Feder geflossen war das nun Sinn in unsere Gegenwart trug.

TAG-TRAUM...

Frei von Körperschwere fliegen
geschmeidig pfeilgleich
Dimensionen entfesselnd von
knebelnden Gedanken
‘menschlicher’
Kulturen.
Berührung des vage erahnten
ganz Anderen.
Nun werden ein paar Menschen
ironisch lachen.
‘Du’ jedoch wirst leise lächeln
und verstehen…...


Herbstgold raschelte in den Kronen der Linden, nach denen unsere kleine Straße benannt war. Mutter war für ein paar Tage zu Besuch.
Kichernd, wie zwei Backfische, waren Sarina und Mutter gleich nach dem Frühstück verschwunden. Ich Genoss die Ruhe und wollte Berge herumliegender Papiere in die entsprechenden Ordner sortieren. Ein paar Freunden wollte ich auch schreiben, doch womit beginnen? Unschlüssig schaute ich auf die Bilder über dem Eichensekretär. Sarina hatte sie gemalt und liebevoll mit farblich passenden Reißzwecken an der Raufasertapete befestigt.
Das erste Bild zeigte, durchaus erkennbar, die Taube, die sie im Sommer gesund gepflegt und jubelnd in die Freiheit entlassen hatte.
Eines Morgens hatte sie gewichtig verkündet: „ Taubinchen ist gesund - UND - hat gesagt, dass sie wieder raus möchte.“
Das Bild nun, schwarzweiß, linkisch mit Kohlestift kreiert, zeigte einen Vogel der den Versuch zu wagen schien in die Lüfte zu starten. Ganz leichtes Rosa hatte Sarina, einem Schleier gleich, um die Taube herum gemalt. Ich stutzte. Auf dem Bild daneben hatte sie ihren Vater auf die gleiche Weise verewigt, wenngleich sein Farbschleier in dürftigem Blau davon zu schweben schien. Aufmerksam wanderte mein Blick zum dritten Bild, dass ihre kleine Lieblingserle aus dem Rheinpark zeigte. Sie umrahmte ein violetter Schleier.
Diese Eigenart der Zeichnungen war mir bisher gar nicht bewusst aufgefallen. Wieder ein ungelöstes Rätsel.br

Mich ablenkend begann ich Papiere einzuordnen. Doch meine Gedanken schweiften immer wieder ab. Vergangenheit wurde zur Gegenwart.


Sarina schien mir stets neue Rätsel aufzugeben oder bildete ich es mir nur ein? Sie lebte so fröhlich und unbeschwert in jeden neuen Tag hinein. Singend sprang sie morgens aus dem Bett, verspeiste voller Hingabe zwei Marmeladenbrötchen, um sich dann am Badezimmer vorbei zu mogeln, weil Sandra, unserer Wohnung gegenüber, ja schon so enorm lange warten würde. Sie nannte sie ihre aller-appel-dickste Freundin.
Die beiden Mädchen stritten kaum, ergänzten sich wunderbar.
An einem verregneten Sonntagnachmittag, die beiden Kleinen bauten Höhlen mit allem was an Decken und Kissen greifbar war, hörte ich aus dem Kinderzimmer Sandras kehlig dunkle Stimme: „ Und dein Papa kommt nun ganz- und-übersthaupt nich’ wieder, Sarina“? Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. „ Nö, hier zum wohnen nich’, erwiderte Sarina locker. „ Er is’ in ‘nem andern Land - UND - hat mir gesagt, dass er da bleibt und alles schön is’, nur wenn ich traurig bin isser bei mir und gute Nacht sagt er mir auch!“
„Hmmm“, war Sandras einziger Kommentar, als sei die Antwort die logischste der Welt.
„ Mein Papa wohnt aber ganz bei uns“, plapperte sie nach kurzer Pause weiter. „ Ja und er ist ein ganz lieber Papa“, stellte Sarina mit Nachdruck fest. „Ich finde es schön, wenn er mit uns schwimmen geht und deine Mutti ist auch doll lieb.“ Der Dialog tauchte in Höhlentiefen ab.
Wie würde er in der Schule abgelaufen sein, wenn ein Schüler X Sarina nach ihrem Vater gefragt hätte? Wieder einmal rüttelte Unsicherheit an den Toren meiner ganz alltäglichen Ereignisse!
Sarina freute sich so sehr auf den ersten Schultag, den ich liebend gern noch ein paar Ewigkeiten hinausgeschoben hätte. Meine Rückschau wurde jäh unterbrochen. Ich hörte den Schlüssel in der Haustür.
„ Hunger, Mami“, tönte Sarina und Jacke, Mütze und Stiefel flogen in die verschiedensten Richtungen. „ Aufräumen, Sarina“, war meine Antwort. „Wenn’s sein muss“, maulte sie und brachte vertretbare Ordnung in die Garderobe.
Mutter und ich deckten den Tisch. Sarina berichtete begeistert von ihren Erlebnissen auf dem Abenteuerspielplatz.
Am schönsten hatte sie die Herbstastern gefunden, die nun überall den Rheinpark schmückten. Und noch aller-aller-schöner war‘s, als bunte Blätter wie kleine Raumschiffchen aus den Bäumen gesegelt waren.
„Komm, kleine Münchhausin, vergiss das Essen nicht“, stupste meine Mutter ihr einziges Enkelkind an. „Nix Münchhausin, “ kam es mit vollem Mund zurück. Mutter stutzte irritiert, als sie meinen fragenden Blick sah und das Runzeln meiner Stirn. „Ja, es ist einfach druckreif, was deine Tochter so an Geschichten aus dem Ärmel schüttelt“, protestierte sie schwach.
„Was heißt druckreif, was Münchhausin“? Kaute Sarina zwischen ihren Wurstbissen hindurch.
„Druckreif ist, “ kam ich meiner Mutter zuvor, „Wenn Jemand eine schöne Geschichte aufschreiben will und Münchhausen war ein Mann, der spannende Abenteuer erlebte, die in einem Buch erzählt werden.“
„Ja und er wird der Lü.....“ „Ja, ich habe das Buch“, schnitt ich meiner Mutter das Wort ab, bevor sie das Wort Lügenbaron aussprechen konnte. „Wenn Sarina lesen kann werde ich es ihr geben.“
Mutter schaute mich nun völlig verständnislos an. Ich stand auf und holte das Buch. Sarina schaute sich aufmerksam das Bild auf dem Einband an und lachte vergnügt, „ der fliegt ja auf ‘ner großen Kugel, hihihi, das geht doch gar nicht, also kann ich keine Münchhausin sein, Omi!"
Teil 2 folgt

1 Kommentar

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  • 19.03.2017, 14:53 Uhr
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