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Paris on my mind

28.02.2017, 00:12 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Manchmal denk ich noch an Annabelle

Eine Flasche Rosè Côteaux d'Aix en Provence habe ich entkorkt und schenke mir den frischen Wein in ein kleines Glas ein. Es ist nicht der Geruch oder der Geschmack des Weines, der mich in die Vergangenheit führt, es ist dieses kleine zylindrische Glas. Es stammt aus dem kleinen Zimmerkühlschrank des Hotels Eugenie in Paris. Ich weiß nicht mehr, wann ich dort mit Annabelle gewohnt habe, ich weiß aber genau, daß wir uns beeilen mußten, um nach der Nacht im Quartier latin, wo wir nach der Liebe Stirn an Stirn einschliefen, manchmal auch wegen des größeren Hautkontakts in der sogenannten Löffelstellung aufwachten und nach dem Aufflammen der Begierde am Morgen, uns beeilen mußten, um noch das Frühstück im Hotel zu bekommen. Meist gingen wir in das Bistro St. Andrè und ein Cafè au lait mit einem Croissant war uns genug.

Komme ich nach Paris, geht mein erster Weg zur Fontaine St. Michel am Beginn des Boulevards St. Michel. Dahinter ist das Bistro Lutece und Annabelle wartet schon. Im Sommer draußen auf der Terrasse, im Winter am Tresen. Sie ist immer vor mir da und erinnert mich an unsere Zeiten in Paris. Früher hat mich das gestört. Die Erinnerungen an Annabelle waren lästig, wehmütig. Ich konnte ihnen nicht ausweichen. Je mehr ich ihnen auszuweichen versuchte, desto freundlicher und verführerischer lächelte Annabelle im Bistro Lutece.

Das war nicht immer so. Bei meinen ersten Fahrten nach Paris mit dem Fahrrad, mit dem Moped und mit meinem Fiat 500 ging ich zuerst ins Bistro Le Depart, gerade gegenüber der Fontaine St. Michel. Dort trank ich einen Diabolo menthe. Doch seit ich mit Annabelle in Paris war, trinke ich im Bistro Lutece einen Pastis, manchmal auch einen Perroquet. Meist gibt es dazu eine kleine Schale mit gesalzenen Erdnüssen oder kleinem Salzgebäck.

Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat mit Annabelle. War es damals in diesem kalten Winter Ende der siebziger Jahre als ich nachts durch das Quartier latin stromerte, da einen Calvados trank, dort Oeufs mayonaise aß und mir in einem Cabaret Appetit auf Annabelle machte? Oder geschah es erst oben hinter der Sorbonne als wir in der Dusche, die mitten in dem hohen Zimmer stand Spaghetti kochten mit unserem Butan-Kocher? Es kann auch sein, daß es damals geschah, als wir an dieser lauten Kreuzung des Boulevards St. Germaine-des-Prés wegen der lärmenden Autos kein Fenster öffnen konnten, die roten Vorhänge zuzogen und unser Napping in ein Liebesspiel mündete. Irgendwann hat es angefangen mit Annabelle. Und wenn ich davon erzählte, so suchten meine Reisepartnerinnen ein Hotel oben in Montparnasse aus, wo Annabelle sich nicht aufhielt oder sie verzichteten auf die Reise. Ich fand die Rue St. Andrè des Arts mit dem chicen Hotel Eugenie und wenn meine Partnerin in den Galeries Lafayette shoppen ging, schlich ich mich zur Fontaine St. Michel, trank eine Pastis im Lutece und sagte Annabelle, sie brauche nicht mehr auf mich warten. Sie lächelte, ihre Augen funkelten und sie wußte, ich würde immer wieder kommen.

Mit den Jahren ist sie aber auch älter geworden und so könnte es sein, daß sie an Sex Appeal verloren hat, so hoffe ich. Aber die vielen gemeinsamen Erinnerungen verführen uns dazu, wieder ins Restaurant Chantier zu gehen, in der Rhumerie einen Daiquirie mit einer Plat crèole zu bestellen und in der Orangerie die Nymphèas von Monet anzusehen. Meine Versuche in Metz oder Nancy von Annabelle loszukommen sind hilflose Schreie gegen die Erinnerungen und Annabelle weiß das. Zumal nicht ausgeschlossen ist, daß dort ihre Zwillingsschwester auftaucht, die ihr zum Verwechseln ähnlich ist. Aber ein Versuch sollte es wert sein. Was meint ihr dazu?

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