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Enthüllen oder schweigen?

Enthüllen oder schweigen?

Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
15.12.2017, 18:54 Uhr

Wenn dunkle Geheimnisse ans Licht kommen, stellen sie alles infrage. Nichts kann so bleiben, wie es war, weder für den Geheimnisträger noch für den Belogenen. Aber Entdeckung und Enthüllung zerstören nicht nur, sie bieten auch eine Chancen zur Neuordnung. Soll man Geheimnisse enthüllen oder verschweigen?
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Mein Großvater hatte ein dunkles Geheimnis.

Es war im Jahr 1943, das „Stalingrad-Jahr“, in dem die meisten Deutschen zu ahnen begannen, dass der Krieg verloren und Schreckliches auf sie zukommen würde.
Fernab von Krieg und Feldzügen war es aber auch ein Jahr, in dem in unserer Familie Geschichte geschrieben wurde: Es war das Geburtsjahr meiner Mutter und wahrscheinlich das katastrophalste im Leben meiner Großmutter.
Denn Großvaters dunkles Geheimnis ließ sich nicht länger verbergen.

Großvaters Geheimnis


Es war im März, knapp zwei Monate nach Stalingrad.
Meine Großmutter hatte gerade ihr drittes Kind geboren, ein kleines Mädchen, meine Mutter. Kurz nach der Geburt kam mein Großvater Karl nach Hause, Heimaturlaub bei Frau und seit kurzem drei Kindern. Kämpfen musste Karl nicht, er war Kameramann bei der ‚Deutschen Wochenschau‘, oft an allen Fronten unterwegs, aber häufig auch an der ‚Heimatfront‘ in Berlin.

Zur großen Überraschung aller kam er aber nicht alleine, sondern in Begleitung einer jungen, hübschen Berlinerin. Sie sei die Frau eines gefallenen Kameraden, schwanger, ausgebombt und wisse nicht wohin, erklärte er. Sie solle bei ihnen wohnen, bis sich eine andere Lösung gefunden habe.
Selbstverständlich nahm meine Großmutter die junge Frau auf – Frauensolidarität eben.
Außerdem waren im Krieg alle gewohnt, enger zusammenzurücken und zu helfen. Die beiden Frauen verstanden sich gut, die junge Berlinerin ging meiner Großmutter im Haushalt und bei den Kindern, die sie ebenfalls mochten, zur Hand.

Karl reiste nach wenigen Tagen Urlaub wieder ab. Wie immer ließ er meiner Großmutter einen Koffer mit Geschäftskorrespondenz und Belegen zum Sortieren da.
Als meine Großmutter nach einigen Wochen endlich zum Ordnen des Kofferinhaltes kam, fand sie neben Geschäftsbriefen und Belegen auch ein privates Schreiben an ihren Mann, meinen Großvater. Dieser Brief führte ihr sehr deutlich vor Augen, dass ihr Ehemann Karl unter ‚Enger-Zusammenrücken‘ etwas anderes verstand als sie.

Denn der Brief stammte von ihrer neuen Mitbewohnerin, der jungen Berlinerin und angeblichen „schwangeren Frau eines gefallenen Kameraden“, die ihrem „Lieben Karl“ beichtete, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt, obwohl Großvaters Geheimnis einen lebenslangen tiefen Schmerz hinterlassen hat.
Natürlich war meine Großmutter entsetzt und verzweifelt, nachdem sie den Brief mehrmals gelesen hat. Wahrscheinlich hat sie erst beim fünften Mal begriffen, was los ist — wer begreift schon schnell, wenn ihm gerade sein komplettes Lebenskonzept um die Ohren fliegt?

Dann tat sie das, was wahrscheinlich viele an ihrer Stelle getan hätten: Sie zerriss den Brief, um wenigstens das unselige Beweisstück loszuwerden, das ihr Leben völlig aus den Angeln gehoben hatte. Sie vernichtete es und warf die Fetzen in die Sickergrube hinters Haus (was sie vermutlich lieber mit meinem Großvater getan hätte, aber der war wieder an irgendeiner Front).
Ihre alarmierte jüngere Schwester zog sich später Gummistiefel an und kletterte beherzt in die Grube, um die Papierfetzen als Beweismaterial für eine etwaige Scheidung zu bergen.

Die schwangere Berlinerin wurde vor die Tür gesetzt (geheiratet hat mein Großvater später eine andere) und kurze Zeit nach dem Brief in der Sickergrube stand meine Großmutter die letzten entbehrungsreichen und unsicheren Kriegsmonate als „Geschiedene“ mit drei kleinen Kindern alleine durch.
(Alleinerziehende Frauen mit kleinen Kindern waren in der Nachkriegszeit fast schon üblich — in Deutschland lebten 1,7 Millionen Witwen und 2,5 Millionen Halbwaisen.)

Enthüllen oder schweigen?


Fast wirkt es so, als hätte mein Großvater die Entdeckung gewünscht und herbeigeführt, denn wer wirklich (s)ein Geheimnis bewahren möchte, steckt es nicht in einen Koffer und übergibt ihn dann dem Menschen, der dadurch am heftigsten verletzt wird.

Ist „geteiltes Leid“ auch „halbes Leid“? Fühlt man sich nach einem Geständnis — ob bewusst oder unbewusst herbeigeführt — wirklich besser?

Ein dunkles Geheimnis ist für den, der’s verschweigt, eine enorme psychische Belastung, aber auch eine körperliche Anstrengung.
Je ‚gefährlicher‘ das Geheimnis ist, desto mehr Energie muss der Geheimnisträger in die Kontrollarbeit stecken, und es bleibt trotzdem immer die Angst, durch einen dummen Zufall entdeckt zu werden. Das fordert nicht nur Hirnleistung sondern führt, wie man heute weiß, beispielsweise auch zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektions- und chronischen Erkrankungen.

Muss also alles raus, um an Leib und Seele gesund bleiben zu können?

Die Enthüllung eines Geheimnisses ist ein zweischneidiges Schwert, denn wer sich offenbart, hat mit den Konsequenzen seiner Enthüllung zu rechnen – bei Großvater Karl die Scheidung. Schwerer wiegt, dass man die Menschen, die einem vertrauen, in tiefes Unglück stürzt und sie an vielem (ver-)zweifeln lässt.

Vermutlich hat mein Großvater, wie viele andere auch, sein Geheimnis auf den Präsentierteller (in den Koffer) gelegt, weil er sich selbst erleichtern, sein Doppelleben und seine Schuldgefühle nicht mehr ertragen wollte.

Ein Geheimnis zu offenbaren, um die eigenen Schuldgefühle loszuwerden, ist aber der schlechteste Grund, um eine Lüge zu gestehen. Denn wer sein Geheimnis nicht länger verbergen möchte, trägt auch Verantwortung. Das Motto: „Ich sag’s einfach, sollen die anderen was daraus machen“, ist unfair und schafft neue Probleme.
Geholfen ist damit niemanden.

Ausschlaggebend für die Entscheidung, ob man ein Geheimnis beichten oder für sich behalten sollte, ist die Antwort auf die Frage, ob es dem Menschen, der getäuscht wird, weiterhilft. Ob es dem anderen langfristig etwas „bringt“, dieses Geheimnis zu erfahren, beispielsweise bei der Neuausrichtung seines eigenen Lebens oder der Beziehung zueinander.
Dafür gibt es keinen allgemeingültigen Weg. Die Entscheidung „Enthüllen oder Schweigen?“ ist immer eine sehr einsame Entscheidung.

Warum wir belogen werden wollen


Eigentlich wird an der Stelle; „ … kam nicht allein, sondern in Begleitung einer jungen, hübschen Berlinerin …“ jeder stutzig.
Und es gab auch für meine Großmutter an dieser Stelle keinen Grund, nicht stutzig zu werden, selbst wenn man in Kriegszeiten das „Enger-Zusammenrücken“ und helfen eher gewohnt war als heute.

Wie gestalteten sich das Zusammenleben und der Alltag dieser eigenartigen Ménage-à-trois während des Urlaubs meines Großvaters? Wie verliefen die Abende, wenn die Kinder im Bett waren, und man zu Dritt zusammensaß?
Gab es Blicke, ein Flüstern, flüchtige Berührungen?

Vermutlich gab es sie. Aber wer belogen und betrogen wird, will die Anzeichen dafür oft nicht sehen. In der Psychologie spricht man von der Vermeidung einer kognitiven Dissonanz: Wir wollen an unseren einmal getroffenen Entscheidungen festhalten und sie als „gut“ und „richtig“ empfinden. Unser Glaube führt zu einer Vermeidungsstrategie, denn wir wollen Gegenteiliges weder sehen noch hören. Alle Hinweise, dass es möglicherweise anders sein könnte als wir erwarten und erhoffen, werden ignoriert.

Unser Bauchgefühl lässt sich meistens nicht täuschen. Wir spüren zwar, dass etwas nicht stimmt, wollen das aber im wahrsten Sinne des Wortes nicht wahrhaben.

Ein weiterer Effekt, der bei der Verdrängung unangenehmer Wahrheiten eine Rolle spielt, ist der sogenannte sunk cost effect, der Effekt der versenkten Kosten.
Wenn wir an etwas glauben und hart dafür arbeiten, fällt es uns schwer zu akzeptieren, dass alle Mühen und Anstrengungen umsonst gewesen sein sollen. Wir haben viel investiert — jetzt soll es auch funktionieren.
Auch dann, wenn sich die Grundvoraussetzungen verändert haben und das Ziel unerreichbar geworden ist (oder nie erreichbar war).

Umso schlimmer ist es, wenn ein Geheimnis offenbart wird, und all die schönen Strategien für: „Ich mach‘ mir die Welt, wie sie mir gefällt“ nichts mehr nützen.

Der Moment, wenn der Mantel der Lüge gefallen und der Teppich unter den Füßen weggezogen ist. Wenn von einem Augenblick auf den anderen alles infrage steht, und der oder die Betroffene erschüttert vor den Trümmern einer ehemals heilen Welt steht.

Das Schlimmste ist für viele, dass sie nicht nur das Vertrauen zum Geheimnisträger verlieren, sondern auch das Vertrauen in sich selbst: Wie konnte ich mich nur so täuschen lassen? Habe ich mein Leben auf Sand gebaut? Warum habe ich jemandem vertraut, der meines Vertrauens nicht würdig war?

In jeder Krise steckt auch eine Chance


Jede Enthüllung oder Entdeckung eines Geheimnisses hat ihren Preis.
Die Getäuschten verlieren das Vertrauen in einen nahen oder geliebten Menschen und sind häufig bis in ihre Grundfesten erschüttert und ‚ent-täuscht‘.

Dazu kommen die Selbstzweifel als Folge von Verrat und Betrug: Wie soll man jemals wieder zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen real und nicht real unterscheiden können? Wem kann man überhaupt trauen?

Aber auch der Geheimniskrämer, der sich bewusst oder unbewusst offenbart hat, zahlt: Der Erleichterung, dass jetzt alles „raus“ ist und offen auf dem Tisch liegt, folgen neue Probleme, nicht zuletzt die Schuldgefühle gegenüber dem, den man verletzt hat.

Doch auch in der Krise nach der Enthüllung eines Geheimnisses steckt eine große Chance – für beide Seiten.

Für den Belogenen und Betrogenen ist jetzt klar, dass er sich und seine Welt neu definieren muss. Bei genauem Überlegen merken viele im Nachhinein, dass das Bauchgefühl im Grunde schon lange Alarm geschlagen hat, aber nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Jetzt gibt es kein Zurück und keine Ausreden mehr, die Tatsachen liegen auf dem Tisch. Wer klug ist, nimmt seine Enttäuschung zum Anlass und beginnt mit der Revision seiner eigenen Geschichte.

Es ist verlockend, den anderen schuldig zu sprechen und sich selbst moralisch überlegen zu fühlen.
Im ersten Moment der Krise ist das eine durchaus sinnvolle Strategie, um sich und seine Seele zu schützen; langfristig hilft diese Haltung allerdings nicht weiter.

Denn um später wieder vertrauen zu können, muss die Wunde heilen. Das geht nicht ohne das Aufarbeiten des Geheimnisses – ohne zu beschönigen und zu verleugnen –, und es geht auch nicht, ohne irgendwann verzeihen zu können.
Denn auch der Lügner und Betrüger hatte seine Gründe für sein dunkles Geheimnis, und er hatte vielleicht gute Gründe, es dann schließlich doch zu offenbaren.

Die Wahrheit zu kennen, auch wenn man sie fürchtet, kann sehr viel Kraft geben.
Ein ungutes Bauchgefühl und Verdrängung kann dagegen auf Dauer sehr viel Kraft kosten.

Für meine Großeltern gab es allerdings weder Verzeihen noch Happy End.
Zwar hatte mein Großvater Karl meiner Großmutter nach dem Gerichtstermin für ihre Scheidung noch ein „In zehn Jahren heirate ich Dich vielleicht wieder“, zugeraunt, doch trotz ihrer drei gemeinsamen Kinder konnten sie ein Leben lang kaum mehr als das Nötigste miteinander sprechen.

Weder Großmutter noch Großvater konnten über einen zugegebenermaßen sehr langen Schatten springen.
Großvater konnte sich nicht entschuldigen, Großmutter nicht verzeihen.
Mein Großvater war noch zweimal verheiratet, meine Großmutter einmal; keine ihrer Ehen wurde glücklich.

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Den vollständigen Artikel mit allen Darstellungen und weiterführenden Leseempfehlungen ist in meinem Blog Generationengespräch zum Nachlesen: Dunkle Geheimnisse

Copyright: Agentur für Bildbiographien, www.bildbiographien.de 2013 (Überarbeitet 2017)

Die Agentur für Bildbiographien veröffentlicht seit 2012 hochwertige Bildbände und Chroniken über Familien- und Unternehmensgeschichten und bietet zusätzlich einen Ghostwriting-Service für Unternehmen und Privatpersonen an. Weitere Informationen auf unserer Homepage www.bildbiographien.de

7 Kommentare

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Eine Frau mit 3 Kindern, total hart,
aber trotzdem eine gute Entscheidung.
In den Kriegsjahren gab es eine Menge
solcher Schicksale
  • 16.12.2017, 07:37 Uhr
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
Sehr viele! Mich interessiert dabei vor allem die 'transgenerationale Vererbung', also das, was letztendlich an die nächste Generation weitergegeben worden ist. Denn auch, wenn die Männer aus dem Krieg zu Frau und Kindern zurückgekehrt sind, waren viele tief traumatisiert und von der Aufgabe "Jetzt vergiss alles, was war, funktioniere und sieh zu, dass Du für Deine Familie wieder etwas aufbaust" schlichtweg überfordert.
  • 16.12.2017, 08:46 Uhr
Viele Väter sind aber im Krieg geblieben
und die Mütter haben Kräfte entwickelt,
die ihnen keiner zugetraut hätte. Ansonsten
war es doch in den meisten Familien so
wie Sabine Bode es in ihrem Buch
°Die vergessene Generation° beschrieben hat.
  • 16.12.2017, 09:36 Uhr
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Sehr interessant geschrieben. Da werde ich doch gleich mal bei den dunklen Geheimnissen weiterlesen....
  • 16.12.2017, 07:00 Uhr
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
Lieben Dank, Kerstin! Viel Spaß bei den 'Dunklen Geheimnissen' ...
  • 16.12.2017, 08:42 Uhr
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Klasse
Sehr verständlich und ausführlich geschrieben
  • 15.12.2017, 19:51 Uhr
Agentur für Bildbiographien Susanne Gebert
Herzlichen Dank!
  • 16.12.2017, 08:41 Uhr
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