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Stille Nacht

Stille Nacht

24.12.2017, 10:59 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Stille Nacht



Als ich ein kleines Mädchen war, gab es wohl nichts Schöneres in meinem Kinderleben, als die Weihnachtszeit. Schon Ende November begann meine Mutter mit den Vorbereitungen. Da wurden Plätzchen gebacken, Transparente gebastelt, die Wohnung herausgeputzt und festlich geschmückt und überall roch es nach Orangen und Zimt und Geborgenheit.
Abends saßen Mama und ich gemütlich aneinander gekuschelt auf dem Sofa, in den Fenstern leuchteten Kerzen, die den Raum heimelig beleuchteten und sie las mir Geschichten vor.
Jeden Morgen öffnete ich vorsichtig ein neues Türchen meines Adventskalenders und sah voller Vorfreude, wie immer mehr von ihnen weit aufgesperrt, den 24. Dezember willkommen hießen.
Am Heiligabend wurde der Baum im Wohnzimmer aufgestellt, das Schlüsselloch mit einem roten Papier verklebt - aus Schutz vor allzu neugierigen Kinderaugen - und die Türe gut verschlossen. Meine Aufregung steigerte sich über den Tag nahezu ins Unermessliche. Gelegentlich war aus der Stube geheimnisvolles Rascheln und Poltern zu hören. Würde ich wohl die Puppenstube bekommen, die ich mir so sehnlich wünschte und die ganz oben auf dem ordentlich gefalteten Zettel stand, der für das Christkind und die Engel im Kinderzimmer auf die Fensterbank gelegt worden war?
Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die wie leergefegten Gassen unserer kleinen Stadt, aßen wir zu Abend und dann endlich, war es soweit: Das Glöckchen bimmelte, das unmissverständliche Zeichen, dass der große und einzigartige Moment gekommen war, in dem ich all die Pracht, die sich nun ganz sicher in unserem Haus befand, mit eigenen Augen betrachten konnte.
Ich selber durfte die Tür zum größten Geheimnis und zum größten Wunder des Jahres öffnen.
Und da stand er, der Baum und erstrahlte unter den unzähligen Lichtern goldfarbender Kerzen.
In seinen Zweigen hingen die Strohsterne, die meine Mutter in geduldiger Akribie angefertigt hatte, duftende Spekulatius, altbronzebesprühte Walnüsse, die prächtigen Rauschgoldengel mit dem unsagbar weichen Haar aus feiner weißer Watte, getrocknete Apfelsinen, bunt verzierte Lebkuchen und natürlich das niedliche Himmelsvolk mit den winzigen Flügeln, das überall in den Ästen seinem geschäftigen, lustigen Treiben nachging, Schlitten fuhr oder Ski, auf fragilen Schaukelpferdchen ritt oder eine Reise auf der Bimmelbahn unternahm.
Verstohlen schaute ich nun nach unten und mein Herz begann wild zu pochen beim Anblick der wunderschön verpackten Geschenke, in denen sich gewiss ein Herzenswunsch befand.
So ging es Jahr um Jahr und Jahr um Jahr empfand ich diese Zeit als ein einziges Wunder.
Als ich ein größeres Mädchen war, wurde meine Mutter sehr krank und konnte sich nicht mehr um mich kümmern.
Ich wohnte nun bei meinem Vater, der uns verlassen hatte, lange Jahre bevor ich verstand, dass er der Verantwortung für eine Familie nicht gewachsen war und deshalb all das ablehnte, was eine Familie ausmacht.
So war ihm auch der Gedanke daran, ein Weihnachtsfest auszurichten nicht angenehm.
Mit den Worten, ich sei ja nun schon alt genug, zu begreifen, dass Weihnachten nur aus Geschäftemacherei bestand, ließ er mich an den 24. Dezembern alleine, um mit seinen Junggesellenfreunden um die Häuser zu ziehen, bis in die frühen Morgenstunden.
Die Stille im Haus war mir unerträglich und die Leere ließ mich frösteln, obwohl die Heizung aufgedreht war.
Da waren kein Baum, keine Kerzen und keine Geschenke.
Da waren keine Lieder, keine freundlichen Blicke, keine Umarmungen, keine Freude und kein Glück.
Um mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher ein, es kam „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und schon bei den ersten Takten der Titelmelmelodie, liefen ohne Kontrolle die Tränen, weil das der liebste Film meiner Mutter gewesen war. Ich schaltete das Gerät wieder aus.
Dann zog ich Schuhe und Mantel an, nahm meine Schlüssel und ging hinaus in die Dunkelheit, die nicht so dunkel war, wie die Schwärze in mir und begann zu laufen. Ich lieg und lief. Durch die Straßen der Großstadt, die nun mein Zuhause war, ohne Plan, wohin ich lief. Roch die kalte Luft, hörte meine Schritte und sah dann hinein in die Fenster der anderen Leute.
Sah ihre Bäume, die Lichter und ihre lächelnden Gesichter. Es schnürte mir den Atem ab und ich begann zu weinen, weil ich mich nach etwas sehnte, das nicht mehr da war und diese Sehnsucht war kaum auszuhalten. Es war furchtbar. Furchtbar traurig in mir.
Aber dann, ganz plötzlich, geschah etwas mit mir, wandelte sich meine tiefempfundene Traurigkeit in ein unbeschreibliches Gefühl.
Eine schier ewig vermisste Wärme durchströmte meinen ganzen Körper. All die Bilder der vergangenen Weihnachten begannen in meinem Kopf wieder lebendig zu werden. Ich fühlte die Aufregung, die Freude und das Glücksgefühl von damals, als sei ich geradewegs mitten darin.
Da erkannte ich, dass ich in diesem Moment das größte Geschenk von allen erhalten hatte: Dankbarkeit für all das Schöne, das ich früher erleben durfte und das ich bis an mein Lebensende in mir tragen würde, wie einen kostbaren Schatz.
Die Schwärze war fort, ich lächelte über das ganze Gesicht, sog genussvoll die klare Winterluft ein und schaute weiter in die fremden Häuser. Freute mich an der Freude der unbekannten Menschen, freute mich an den leuchtenden Kerzen und den vielen unterschiedlich geschmückten Bäumen.
Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich so verbracht habe.
Aber ich weiß, dass diese leeren Weihnachten meines Lebens reich waren, ebenso reich, wie die, die ich heute im Gedenken an meine Mutter, ihre Traditionen fortführend, mit meinen Kindern feiere.

Ich wünsche allen Menschen, die heute Abend alleine sind, dass sie sich ebenfalls erinnern.
Lebendig erinnern.
Seid nicht traurig, denn Eines kann Euch niemand mehr nehmen:
den unschätzbaren Wert Eurer Erinnerung.

Euch von Herzen FROHE Weihnachten.




(Gewidmet denen, die heute alleine sind und ganz besonders Manuela)

12 Kommentare

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Danke!...und für 2018 alles Gute.....
  • 01.01.2018, 21:03 Uhr
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Die Erinnerungen sind wertvoll und ich denke auch gerne an
meine Kindheit zurück. Eine schöne Restweihnacht!
  • 26.12.2017, 09:27 Uhr
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Danke Rose
  • 24.12.2017, 19:22 Uhr
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Danke für diese schöne Erzählung und frohe Weihnachten
  • 24.12.2017, 18:20 Uhr
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Sehr schön geschrieben,Alice !
Merry Christmas...
  • 24.12.2017, 15:09 Uhr
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Frohe Weihnachten
  • 24.12.2017, 14:29 Uhr
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So schön wie die Erzählung auch ist, nur eins werden die Menschen die im Krieg oder danach in Weisenhäusern verbringen mussten nicht tun, sich erinnern wollen.
  • 24.12.2017, 12:36 Uhr
"Es gibt Leute, die nur aus dem Grund in jeder Suppe ein Haar finden, weil sie davor sitzen und so lange den Kopf schütteln, bis eines hineinfällt." von Friedrich Hebbel

Ich kann das ja auch ganz gut, aber manchmal ist es einfach besser zu schweigen ..
  • 24.12.2017, 13:39 Uhr
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Sehr schön geschrieben.
  • 24.12.2017, 11:57 Uhr
hab ich jemand versprochen...
  • 24.12.2017, 12:05 Uhr
Aber ich durfte es ja auch lesen.
  • 24.12.2017, 12:07 Uhr
war ja auch nicht verboten...
  • 24.12.2017, 12:08 Uhr
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