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Die Wahrheit über Harry

08.03.2018, 14:27 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Wahrheit über Harry

Am Tresen des Electric Eel kam ich mit Harry ins Gespräch. Er bevorzugte das Porter, nachdem ihm Ben, der schwule englische Inhaber des Pubs, erklärt hatte, es sei smoother than Guinness and Kilkenny. Zur Mittagszeit aß Harry meist eine Steak&Kidney Pie und am späten Nachmittag einen Plum Cake. Danach gingen wir um die Ecke ins Rentnerkino. Zum verbilligten Eintritt gab es noch ein Glas Sekt pur oder mit Orange und es wurden die aktuellen Filme abgespielt. Isolde erwartete ihn schon in der letzten Reihe des Kinossaals. Kaum war der Vorfilm vorüber, öffnete sie mit einem leisen Klicken ihre Plastikbox und und der Geruch von Pfälzer Leberwurst erfüllte meine Nase. Zwischen den Brotscheiben lagen noch ein oder zwei Cornichons und Harry bekam eine Hälfte des in der Mitte zerteilten Leberwurstbrotes ab. Später, als mich Isolde näher kannte, wurde das Wurstbrot gedrittelt. Links von mir machte es Plopp. Karl hat seine Bügelflasche Hoepfner Kräusen Bier geöffnet. Und nach ein paar Minuten hörte ich drei Reihen vor mir ein melodisches Schnarchen.

Der Weg vom Electric Eel zum Kino führte über den Werderplatz mit dem Indianerbrunnen. Manchmal sah uns Edith mit einem Lächeln entgegen. Sie stand dort inmitten ihrer Freunde, alle hatten eine Bierflasche in der Hand. Sie hatte mal Harry angesprochen: „Hast'n Euro für mich? Ich kauf keen Alkohol, ich muß ein Rezept einlösen.“ Harry sah vor sich eine Frau noch keine 50 und nicht verwahrlost: „Hast Du Aids? Lebst Du auf der Straße?“ Und als sie beides entrüstet verneinte, lud er sie zum Essen ein und lobte ihr noch 20 € aus, wenn sie ihm ihre Lebensgeschichte erzähle. Harry wußte, die meisten Berber nahmen sein Angebot an. Sie nennen sich Berber, nicht Penner, erläuterte mir Harry. In Edith hatte er sich getäuscht. Erst als er ihr das Geld ohne Bedingungen gab, fing sie an zu erzählen. Im Electric Eel hatte sie Hausverbot seit sie Ben aus irgend einem Grund, an den sie sich nicht mehr erinnern konnte oder wollte, das Pint Ale übers Hemd gegossen hatte. So setzten sie sich zu Schwarzbier und Spaghetti Carbonara ins Litfass. Ediths Geschichte ist das Übliche, sozusagen der Klassiker. Ihr Mann Uwe, Manager bei SAP, ist mit seiner Assistentin viel auf Reisen. Den Rest brauche ich nicht zu schildern. Die kinder sind schon außer Haus. Der Ehevertrag schreibt den Ausschluß der Zugewinngemeinschaft fest und noch gravierender den gegenseitigen Verzicht auf Unterhalt. Uwe ist mit einem bekannten Anwalt befreundet, der mit dem Familienrichter ab und zu einen Bordeaux trinkt. So wird der Ehevertrag als rechtens angesehen. Edith stand auf der Straße und ging zurück in ihren Beruf als Arzthelferin bei einem Urologen.

Je mehr Geschichten Harry von seinen Freunden vom Indianerbrunnen sammelte, desto mehr sah er sich darin gespiegelt. Er hat Glück gehabt, dass ihm das bier nach drei Flaschen nicht mehr so recht schmeckte, dass er in einem Elternhaus ohne Bücher aufwuchs und deshalb viel las und dass ihm das Studium verboten wurde und er gerade deshalb studierte. Nach dem Examen bemühte er sich in die bürgerliche Welt einzutauchen. Er heiratete seine Studienfreundin, mietete eine große Wohnung, kaufte eine eichenfurnierte Schrankwand und eine mit schwarzem Leder bezogene Couchgarnitur. Seine Mutter ergänzte den Haushalt mit einem zwölfteiligen Rosenthal Geschirr und einem Cromargan Besteck im aktuellen Design. Im Schlafzimmer stand ein Echtholz Kleiderschrank aus Dänemark und Harry legte sich mit Steffi in ein französisches Grand Lit und – langweilte sich. Die Nachbarn luden sie zu einem Souffle aus hirse an Ochsenbäckchen ein mit Löwenzahnsalat aus dem eigenen Garten. Harry öffnete die Flasche trockenen Riesling Kalkmergel, die er vorsichtshalber mitbrachte, um nicht Peters halbtrockenen Hauswein kosten zu müssen. Das Gespräch plätscherte von Karins Kochrezepten über Peters Gartenpflanzen bis zu ihren Urlaubsreisen nach Bali: der Sonnenuntergang! Bis zu dem Pyramiden der Inkas – oder waren es die Majas? - in Mexiko. Nach dem dritten Glas Kalkmergel begann Harry von 68 zu erzählen und skandierte: No penny, no man for the war in Vietnam und: wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Jetzt amüsierte sich nur noch Harry, Peter und Karin löffelten angestrengt ihre Tiramisu, schauten auf die Uhr und meinten, es sei schon spät geworden. Als dann Steffi sich immer mehr in ihre paranoiden Gedanken verstrickte, Stimmen hörte, von einer Matratze berichtete, die als Sperrmüll auf der Straße lag und sie eindeutig zum Geschlechtsverkehr mit Passanten aufforderte, war eine Trennung nicht mehr zu verhindern.

Harry versuchte noch einmal Zugang zum bürgerlichen Leben im Spätkapitalismus zu finden, wie er es formulierte, mit seiner Freundin Ivanka aus Kroatien. Sie besuchten ihre Großeltern in Sokolovac und der alte Großvater, der stets mit einem Beil neben seinem Bett schlief, führte ihn in den Keller mit den Eichenfässern gefüllt mit Slovowitz drei Jahre alt, fünf Jahre alt und sieben Jahre alt. Nach dieser Slovowitz-Probe war Harry nicht nur integriert, sondern als Schwiegersohn akzeptiert. Daheim, allerdings schlug Ivanka vor, meine „eigenartigen abstrakten Gemälde“ durch Spitzwegs Der arme Poet und Rosenduft zu ersetzen und für das Schlafzimmer favorisierte sie einen weißen Schleiflack-Kleiderschrank. So endete diese Episode ziemlich abrupt.

Harry hörte auf, nach einer adäquaten Partnerin zu suchen. Er ließ sich finden. Im internet entstanden viele dating-Portale, Harry postete sein Profil mit einem Schnappschuß als Portrait-Foto, auf dem er nicht so verkrampft wie üblich zu erkennen war. Beim Spargelessen im Botanischen Garten erzählt Marianne von ihrer Arbeit. Sie ist keine Sozialarbeiterin wie in ihrem Profil angegeben, sondern Psychoanalytikerin. Um Männer nicht abzuschrecken, hat sie einen beruflichen Downgrade vorgenommen. Sie möchte wissen, ob Harry nicht nur an Psychologie interessiert ist, sondern ob er auch schon psychologische Hilfe in anspruch genommen hat. Harry erzählt von einer Gesprächstherapie, von Selbsterfahrung in der Gruppe und vom Urschrei. Von seinem Aufenthalt in der Psychosomatischen Klinik Kullenmühle bei Walther Lechler sagt er nichts. Marianne ist von seinen Berichten angetan. Für sie ist eine Erfahrung mit psychologischen Therapien ein Qualitätsmerkmal, mit Männern, die glatt durchs Leben schlendern, wie sie sagt, möchte sie keinen Kontakt haben. Sie lädt ihn zu einer Radtour und einem Picknick im Schwarzwald ein und trotz seinem anfänglichen und immer wiederkehrenden Unvermögen sie zu beglücken, bleiben die gegenseitigen Besuche bestehen. Das ändert sich nach Harrys Prostata-Operation. Er weiß damit nicht umzugehen. Er weiß, daß sich die Hälfte aller Männer nach dieser Operation, die ihre Männlichkeit in Frage stellt, umbringt. Dieses Wissen hilft ihm, aber eine geplante Reise nach Paris mit Marianne sagt er ab. Ab und zu, wenn er in Frankreich ist, schreibt er ihr eine Postkarte mit dem Satz: A la recherche du temps perdue..

Edith, seine Bekannte vom Indianerbrunnen, erläutert ihm gewisse Maßnahmen. Sie reichen von der Vakuumpumpe über ein Implantat bis zur SKAT-Spritze in die Schwellkörper. Wir fangen mal mit der Pumpe an, meint sie und es funktioniert mit einiger Übung, aber es fehlt etwas, mehr Harry als ihr und nach einigen Versuchen auf der zum Bett ausgezogenen Couch stellen sie ihre Treffen ein. Die Technik allein ist zu wenig, es mangelt an der gefühlvollen Hinwendung.


Du glaubst jetzt die Wahrheit über Harry zu kennen? Aber er, Harry Haller, kennt sie noch lange nicht.

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