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Junkie-Woman

Junkie-Woman

05.04.2018, 19:34 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Junkie-Woman vom Werderplatz

Tolle Mütze, sagt sie mit einer Flasche Bier in der Hand, und als ich stehen bleibe: Hast du 5 € ? Nicht für Alkohol, ich muss ein Rezept einlösen, Antibiotika. Ich lade Dich zum Essen ein und gebe Dir 20 €, erzähl mir deine Geschichte, meine ich. Und ihre wasserblauen Augen schwimmen bis an den Horizont. Sie winkt ab, geht zurück zu ihrer Gruppe der Biertrinkenden rund um den Indianerbrunnen auf dem Werderplatz. Ein paar Wochen später sehe ich sie wieder auf meinem Weg ins Rentnerkino in der Schauburg. Wir kennen uns, sage ich, ich lade dich zum Essen ein. Sie zögert, sagt dann: geh vor um die Ecke ich komme nach. Beim Griechen bestellt sie Kalamari und ein Bier und erklärt mir, dass es Gerede gäbe, wenn die anderen sehen, wie wir zusammen weggehen. Ins Rentnerkino komme ich heute nicht mehr, ihre Erzählungen sind abenteuerlich aus einer anderen Welt.

Mein selbstgebastelter Ansatz ist: ich biete ihr etwas, was interessanter ist als die Drogen Methadon oder Heroin. Ich erzähle ihr von Reisen ins Münstertal auf einen Bauernhof oder von einer Reise nach Paris. Erst nach und nach erkenne ich, sie ist auf Methadon als Ersatz für Heroin angewiesen. Schon dreimal hat sie entgiftet und danach Therapien von einem Jahr gemacht. Ihr Leben spielt sich ab zwischen 10 ml Methadon am Morgen und dann in ihrer Community beim Indianerbrunnen mit Flaschenbier für 53 Cent. Manchmal reicht das nicht und sie beschafft sich Marihuana oder pulverisiertes Methadon, das sie aufkocht und sich spritzt. Anhand der Leberwerte erfährt ihre Ärztin von diesem Beikonsum und ihr take home wird ausgesetzt. Über die Feiertage erhalten die Junkies ihre Tagesration in kleinen Döschen mit nach Hause, doch da muß der Leberwert unter 300 liegen. Von dieser benchmark ist Claudia weit entfernt. Meine nächste Idee ist, sie vom Werderplatz wegzuholen nach Landau. Hier erhält sie ebenfalls ihre Substitution, aber keine weiteren Drogen. In Karlsruhe muß sie jeden Tag von den Bellenäckern mit der Straßenbahn fast eine Stunde in die Südstadt fahren. Hier in Landau, sagt sie, kann ich sie mit dem Auto zum Neuen Meßplatz zum Arzt fahren und sie kann das im Jogging-Anzug erledigen. Dieser Komfort ist ein Ansporn. Allerdings muß sie von ihrer Ärztin eine Überweisung bekommen und mich davon informieren. Ihr handy weist kein Guthaben mehr auf und sie scheitert mit dem Aufladen. Immerhin kann ich sie anrufen, aber angeblich schaltet es sich wiederholt aus und sie will es nicht immer wieder aktivieren. Wenn ich sie am Werderplatz zum Essen abhole, reden wir über diese Probleme ohne sie lösen zu können.Und ihre wasserblauen Augen schwimmen bis an den Horizont und immer weiter. Nach ihrer über dreißigjährigen Drogenkarriere ist mein Wunsch nach einer baldigen Verhaltensänderung vermessen. Als ich die Selbsthilfegruppe Narcotics Anomynus erwähne, winkt Claudia ab, da geht sie nicht mehr hin. Sie möchte leben wie wir alle. Ostern feiern mit bunten Eiern und Lammbraten und wir möchten ein wenig leben wie sie. Halleluja schallt es aus den Kirchen, das ist nur ein Lippenbekenntnis. Claudia sitzt bei den Verfemten auf dem Werderplatz und schaut mit ihren wasserblauen Augen ins Unendliche. Für sie gibt es keine Auferstehung.
Von ihrer Crew am Werderplatz werde ich akzeptiert, zumindest von den Frauen, sie grüßen mich mit einem leichten Kopfnicken. Dass ich nicht dazu gehöre, bemerke ich, wenn sie mich siezen. Und Claudia trifft mich hinter dem Kiosk, sonst gäbe es Gerede, sie würde mit einem alten Mann anschaffen. So hat sie sich das Geld verdient für eine Reise in die Phillippinen. Zwei Jahre war sie dort, schwanger von Viktor, einem Phillippino, ist sie zurück geflogen. Ihr Sohn Viktor ist inzwischen 24 und möchte keinen Kontakt mehr mit seiner Mutter. Ihre Tochter Madeleine hat sie während eines Methadon-Entzugs auf die Welt gebracht. Auch das Kind mußte entgiftet werden und wurde an Pflegeeltern nach Landau vergeben. Zu ihrem Geburtstag schickt sie ihr Geschenke. Den Kontakt zu den Pflegeeltern meidet sie, aber ihre Tochter besucht sie ab und zu in den Bellenäckern. Dort draußen wohnt sie zwischen Zigeunerfamilien in einer Zweizimmerwohnung. Der Abfluß ist verstopft, die Klobrille ist zerschmettert und alle Glühbirnen bis auf eine sind durchgebrannt. Da fühlt sie sich auf dem Werderplatz wohler. Ihr Kleiderschrank ist voller chicer Tops und Hosen. Sie macht keinen Hehl daraus – alles geklaut. Claudia klaut nur von Ständern vor den Geschäften, sie schaut nach der richtigen Größe, kommt zurück und nimmt die mit Kaninchenfell drapierte Jacke mit – sie ist ein Profi. Ich gebe ihr ein Viererticket für die Straßenbahn, es bleibt unbenutzt und sie sagt, aus dem Frauengefängnis in Bühl würde ich sie sicher auslösen. Da liegt sie richtig.

Dort, wo das Methadon ist, ist Claudia. Wenn ich ihr Methadon verwalte ist sie hier, wenn ich es nicht habe, ist sie am Indianerbrunnen. Der Ausstieg aus Methadon sei schwieriger als der Entzug von Heroin sagt mir eine Frau im Segafreddo. Sie kennt sich aus, sie war mit einem Junkie zusammen und wünscht mir viel Glück. Die ganze Sache ist nicht rational zu entscheiden. Bei unserem ersten Treffen hat sie sich professionell verhalten: gib mir das Geld im voraus; denn vielleicht gefällt es dir nicht, aber ich mach es gut. Und sie machte es gut. Aber dass dann später sogar Gefühle mit ins Spiel kommen, das haben weder sie noch ich erwartet. Claudia lebt im Hier und Jetzt, ist sie am Werderplatz, ist sie ganz dort bei ihren Freunden, ist sie hier bei mir, ist sie ganz hier, aber am liebsten ist sie in der warmen wohligen Welt des Rausches. Das ist doch menschlich, oder? Schon Freud hat darüber philosophiert im Unbehagen über die Kultur.

Claudia bekommt über Ostern take home, zweimal 10 ml Methadon, das sie bei einem Arzt in Landau bekommen kann. Aber als ich sie am Werderplatz abholen möchte, hat sie noch etwas zu erledigen. Sie handelt mit Lyrika, einem starken Betäubungsmittel, das sie von einer Freundin für 1 € einkauft und für 3 € weiter verkauft. Dieser Handel ist ihre Arbeit und er ist ihr so wichtig, dass meint, ich würde zwei Stunden warten bis sie ihre Geschäfte erledigt hat. Auch das Geschenkpäckchen für ihre Tochter ist nicht mehr so wichtig. So verbringt sie Ostern auf ihre Weise am Brunnen vor dem Vierortbad, wo Flaschenbier für einen Euro aus einem Fahrradanhänger verkauft wird. Die Läden am Werderplatz haben geschlossen. Die Gier nach einem Rausch ist ihr wichtiger als alles andere und ich bin nur der freundliche Mann und Sexpartner, der ihr ab und zu Geld gibt. Anfangs sagte sie, sie brauche es für einen neuen BH und Socken, aber sie kaufte davon Heroin. Zusammen mit mir möchte sie nicht einkaufen, sie möchte Bargeld und da setze ich eine Grenze. Ich gebe ihr kein Bargeld zu Beschaffung von Drogen. Und diese Grenze wird uns trennen. Es ist nicht das Geld, das ich vermissen würde, es ist die Erkenntnis, dass ihre Liebesdienste, die durchaus zärtlich sind, letztendlich nur zum Kauf von Drogen dienen. Da hilft auch nicht ihr fröhliches Lachen, ihre Spontaneität und ihre Freude an meinen farbenprächtigen Ölbildern, die sie voller Beisterung betastet. Ihr Drogenkonsum stört mich nicht, es ist die Würdelosigkeit, die sie mir entgegen bringt, wenn sie mich nur als Geldgeber sieht.

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2 Kommentare

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Das ist schon schlimmer so eine Geschichte,ich kenne so eine ähnilche,. aber mit Alkoholkomsum.Ich finde es klasse das du dir Zeit genohmen hast.
Grüsse aus Rheinland-pfalz
  • 12.04.2018, 12:39 Uhr
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