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Das verloren gegangene Kirchenjahr

Das verloren gegangene Kirchenjahr

Thomas Bily
01.04.2012, 13:41 Uhr
Beitrag von Thomas Bily

Manchmal habe ich den Sonntagmorgen verflucht. Jede Woche diese langweilige Leier, die immer gleiche ermüdende Liturgie. Es gab sogar eine Zeit, in der unser Pfarrer die Messe bis auf 1 1/2 Stunden streckte. Nach der Devise: länger hält besser. Das Eigenartige an dieser Sonntagsprozedur ist, dass mir nur der Messen-Betrieb selbst in schlechter Erinnerung blieb. Das Rahmenprogramm - also die Zeit vor Betreten und nach Verlassen der Kirche - habe ich als bunt und lebendig abgespeichert. In der Früh das Treffen mit Freunden, die Gott sei Dank das Schicksal teilten. Nach der Kirche der Frühschoppen im Wirtshaus, den wir Kinder nutzten für Spiele oder Raufereien. Das festschmausmäßige Sonntagsmittagessen, der riesige Adventskranz, der Jahrmarkt nach dem Kirchenfest, Palmgerten flechten, das besonders defensive Fernsehprogramm am Karfreitag, die Prozessionen... das sind sehr präsente Gefühlswelten, die mir heute fehlen. Und ich habe die Vermutung, dass ich sie mir nicht mehr zurückholen könnte in irgendeiner Kirche meiner heutigen Umgebung.  

Bald wird der heilige Sonntag wohl vergessen sein

Unsere Kinder gehen sehr selten in die Kirche. Sie haben das Kirchenjahr mit seinen Festen und Riten und das damit verbundene bunte Rahmenprogramm nie richtig kennen gelernt. Ich muss zugeben: Unsere Rolle als Eltern war nicht besonders fördernd und vorbildlich dafür. Die Zahl der Gottesdienstbesucher nimmt stetig ab: 1950 ging noch die Hälfte der Leute in die Kirche, heute nur mehr etwa jeder Zehnte. Tendenz: weiter fallend. Die Kinder unserer Kinder werden schon gar nicht mehr wissen, dass der Sonntag mal ein besonderer Tag in der Woche war. Mit dem Verzicht auf die Messe geht auch der Rest verloren: das ganze bunte Kirchenjahr. Ich weiß nicht, ob ich dies einfach als zeitgemäße Entwicklung abhaken soll oder etwas dafür tun soll, dass es wieder anders wird. Auch weil ich meine, dass den Menschen Orientierung gut tut und sie diese gerade in der schnelllebigen Zeit mehr brauchen als je zuvor.

Wie kann die Kirche diese Entwicklung drehen? Wie kann es gelingen, positive Erfahrungen in den Vordergrund zu rücken und so einzusetzen, dass wieder mehr Menschen zwischen Neujahr und Sylvester das Leben in der Kirchengemeinschaft mit gestalten? Anstatt nur das Gewissen zu beruhigen mit dem einmaligen Besuch der Weihnachtsmesse... Oder war´s das schon mit der Kirche? Ist das nur noch ein Abschöpfen der Restsubstanz? Irgendwie wirkt die Kirche hilflos gegen den Lauf der Zeit.

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3 Kommentare

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"Die Kirche" ---- wer ist denn das? Das Gebäude, der Pfarrer, der Bischoff oder Papst?
Neee - ich denke, das ist die Gemeinde! Und wenn es einigen gelingt, etwas auf die Beine zu stellen und andere mitzuziehen, dann gibt es auch wieder so etwas wie eine lebendige Kirche.
  • 10.02.2013, 11:57 Uhr
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Kirchenjahr, kirchliche Rituale - das war oft genug die Last, sich Sonntags in die Messe zu schleppen. Ostern und Pfingsten auch noch Montags. Man hat sich dann emanzipiert von solchen zeitlichen Zwängen, gleichzeitig wollte und konnte man auch andere moralische, gesellschaftliche etc. Zwänge loswerden. Sind wir dadurch auch wirklich immer freier geworden? Oder haben wir häufig die kirchlichen Rituale nur durch weltliche ersetzt, die so viel schicker scheinen, aber doch eher sinnfreie Veranstaltungen sind. Allerheiligen ist sicher nicht so sexy wie Halloween. Über all den brennende Kürbissen ist der gemeinsame Hintergrund, das Totengedenken, aber eher in Vergessenheit geraten. Es bleibt nur ein weiterer Termin im Partyjahr. Für den trüben und unerfreulichen Hintergrund kann der moderne Mensch dann spirituelle Selbstfindungsseminare besuchen, bezahlen und dort dann auf die Ankunft des Großen Kürbisses warten.
  • 23.05.2012, 18:23 Uhr
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Das Kirchenjahr war früher, meiner Meinung nach, stark von dem bäuerlichen Jahreskreis geprägt. Das neue Auskeimen zu Ostern wurde versinnbildlicht durch die Auferstehung. Fronleichnam sollte die wachsenden Feldfrüchte schützen. Die Gänse zu Sankt Martin wurden geschlachtet, weil sie im Winter gefüttert hätten werden müssen und sich ihre Nahrung nicht mehr selber suchen konnten. Mit dem Ende des bäuerlichen Jahres als bestimmendes Element der Gesellschaft, musste das Kirchenjahr zwangsläufig an Bedeutung verlieren. Und dann haben die Kirchenoberen ja auch einiges an Brauchtum als "heidnisch" oder Aberglauben verdammt, so dass viele Traditionen nicht mehr gefördert wurden. Schade - ja, vielleicht.
  • 16.04.2012, 18:06 Uhr
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