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"Neither- weder...noch"

Marion Dr. Diwo M.A. -HP
20.04.2012, 10:36 Uhr


„Neither"= Weder- Noch

Samuel Beckett (gest.1989) hat 1976 ein Gedicht geschrieben, das einen „Wandler zwischen nicht definierten Welten" skizziert, einen Zustand des Dazwischen –Seins" ausdrückt.
Daraus:
„Hin und Her vom inneren zum äußeren Schatten, vom unergründlichen Selbst zum unergründlichen Nicht-Selbst-Weder so noch so-wie zwischen zwei erleuchteten Zufluchten deren Türen beim Nähern sacht sich schließen, beim Abwenden sacht sich wieder öffnen"
(zit. Nach Fr. Rathjen, Beckett zur Einführung, Hamburg 1995, s. 37 f.)
Das ist sie, die Relation zwischen Kunst und Design, ihre Verbindungen sind häufig vage, undefiniert, schwer oder gar nicht zu fassen, und deshalb ist es zunächst von Vorteil, die Unterschiede herauszuarbeiten, dann werden die gemeinsamen Aspekte deutlich:
Kunst ist autonom,
sie unterliegt nicht einem Zweck, dennoch ist sie politisch, denn sie reflektiert Zustände, Probleme, Bedingt- und Verfaßtheiten als ganz persönlichem Selbst-Ausdruck. Der Rezipient kann diese nachvollziehen, rational oder emotional, und wenn ein wie auch immer geartetes Verstehen entsteht, bedeutet das Glück.
Der Begriff politisch ist nicht im Sinne einer Ideologiedefinition zu verstehen. Überall da, wo sich Kunst in die Abhängigkeit politischer Strukturen begeben hat, wurde sie schlecht, flach und peinlich.Es ist vielmehr die ganz subjektive Bezugnahme auf Existenzstrukturen, die interessieren.
Sigmund Freud hat diese Form der Erkenntnis der Zusammenhänge einmal im Briefwechsel mit Romain Rolland 1927 als „ozeanisches Gefühl" diskutiert, bei Beckett taucht es in der Formulierung „erleuchtete Zuflucht" mit ganz ähnlicher Konnotation auf. Das bedingungslose und nicht korrumpierbare Vor-Augen-Führen der Kunst ist nicht nur der kreative Ausdruck schlechthin (in Literatur und Bildender Kunst, Tanz, Theater, etc.), sondern ein ziemlich schmerzhafter, anstrengender Prozess, nicht nur für den Betrachter, sondern natürlich für den Künstler selbst.
Beuys verwies 1981 im Gespräch mit Erika Billeter auf das Schamanistische in der Kunst-als wesenlichem Aspekt des Künstler-Seins.
„Ich habe ja die Figur des Schamanen wirklich angenommen während der Aktion...allerdings nicht, um zurückzuweisen, in dem Sinn, dass wir wieder dahin zurückmüssen, wo der Schamane seine Berechtigung hatte...sondern ich benutze diese alte Figur, um etwas Zukünftiges auszudrücken, in dem ich sage, dass der Schamane für etwas gestanden hat, was in der Lage war, sowohl materielle wie spirituelle Zusammenhänge in eine Einheit zu bekommen."
Es ist dieses Visionär-Analytische, das die Kunst leisten kann, den Finger auf die Wunde legen, Trost verbreiten und zum Handeln auffordern, das der Kunst immanent ist.
Deshalb die unbedingte Autonomie: Dafür ist Respekt zu zollen.

Design als Referenzsystem:

Design bedeutet - anders als die freie Kunst- zunächst einmal Dienstleistung, Verbesserung von Strukturen und Inhalten, Anwendungsmöglichkeiten, auf den User hin geprüft. Getreu dem Motto von Manfred von Ardenne: „Jedes Ding kann man immer noch besser machen" -implementiert Design immer auch die Idee der positiven Entwicklung: Fehlentwicklungen aufhalten, Lebenszustände verbessern, Probleme lösen.
Wir haben wirklich mit einer Reihe von Problemen zu tun, bei denen Design hochwirksam dosiert werden kann.
Das heißt nicht, dass ähnlich wie der Künstler auch der Designer eine eigene, ästhetische, wiedererkennbare Sprache entwickeln kann, einen spezifischem Ausdruck, das heißt aber auch, dass beim Design, anders als bei der Kunst die Frage nach dem Rezipienten immanent ist.
Als Beispiel sei die Shelter Box genannt, eine Erfindung des Entwicklungshelfers Tom Henderson, eine 58 kg schwere Überlebenskiste, gedacht für den Einsatz bei Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Dürren. Es ist nicht zu verifizieren, ob das ganze gestalterische Know-How, das Verpacken auf kleinem Raum, die Auswahl der Produkte, die Mehrfach-Verwendungsmöglichkeiten der leeren Box als Tisch und Wasserbehälter allein von ihm stammt, klar ist aber, da hat einer nachgedacht und ist am Puls der Zeit. Die Designprofessorin Gudrun Scholz hat einmal- und das erscheint ein wesentlicher Punkt für die Zukunft des Design zu sein- den Begriff der „Liebe" im gestalterischen Werk von Starck analysiert, bei der Box ist dieser Aspekt zur Höchstrelevanz gebracht. Etwas zu entwickeln, das Chancen birgt und Mitmenschlichkeit in dieser pragmatischen, anwendbaren Art vorführt, altruistische Ziele setzt, das kann Design -anders als die Kunst- leisten.
Nun könnte man diese Leistung als Grundprämisse für gutes Design setzen und die gesamte Industriedesigngeschichte-und die Architektur gleich mit- nach diesem Forderungskatalog durchdeklinieren. Ein kleines Büchlein aus den 20er Jahren, fragte ganz simpel: „Wie wollen wir leben"?
Das ist d i e Frage an alle Fachrichtungen des Designs: Wie wollen wir leben?, Wer sind überhaupt wir?

Was verstehen wir unter (gutem) Leben? Wo findet das statt? Was können wir dazu beitragen?
So etwa forderte der berühmte Entwickler des BRAUN-Designs, Dieter Rams, in den 90er Jahren vehement, dass die Entsorgung der von ihm entwickelten Geräte flächendeckend gelöst werden müsste, etwa durch Abgabemöglichkeiten an Tankstellen. Ökologische Fragestellungen werden das Design, die Gestaltung von Dingen, nicht mehr verlassen.Daher: Die Kunst hat die Idee, das Design muss die Realität leisten

Zu den Relationen:

Die Kunst wirft die existenziellen Fragen auf und entwickelt sie durch ihre autonomen Sprachformen. Das gilt für alle Formen und alle Richtungen. Ob sie sich dabei der Neuen Medien bedient, der klassischen Bildformen oder der Sprache. Aber sie ist rücksichtslos im positiven Sinne, sie muss sich keines referentiellen Systems bewusst werden.
Das Design nimmt diese Fragen auf und verarbeitet sie zu Objekten angewandter Nutzbarkeit, zielt auf eine reale Zukunft ab. Hier steht immer die Frage im Raum: Was für Wen? Jeder Designausdruck, vor allem in den wichtiger werdenden Bereichen Interface-Design oder Corporate Design, zielt auf den Anwender ab.
Innovativ, vorausschauend fordernd in ihrer Kompetenz können beide sein, müssen sie sogar- und das macht die Beschäftigung mit Kunst und Design so spannend.
Es wird darum gehen müssen, dass wir selbst- durch all´ den Wirrwarr der persönlichen, wissenschaftlichen, psychologischen, wirtschaftlich-motivierten, politischen Meinungen hindurch dazu kommen, unsere Lebensumgebungen selbst zu definieren, bzw. auszuwählen und zu entwickeln. Es kommt auf die Ausbildung eines individuellen Wertesystems an, das zukunftsbeständig ist und das es zu verteidigen gilt. Marion Diwo

 copyright Foto: blitzmob-fotocommunity.com 2009

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