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Islam III - Islamischer Fundamentalismus – die politische Variante einer unp ...

Islam III - Islamischer Fundamentalismus – die politische Variante einer unpolitischen Religion

13.05.2016, 10:15 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Eine politische Religion gibt es nicht und wenn sie politisch wird, dann ist es Fundamentalismus.

Um es gleich zu Beginn zu sagen, der geistiger Vater des islamischen Fundamentalismus ist nicht Mohammed, sondern der Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966), der wie auch Hasan al Bannā (1906-1949), dem Gründer der Muslimbruderschaft, Gewalt gegen die westliche Zivilisation legimitiert, um einen totalitären Gottesstaat (Hakimiyyat Allah) zu errichten. Sayyid Qutb rief auch zum Kampf gegen die Juden auf (den Zusammenhang zwischen Terrorismus und Antisemitismus legte der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem Buch „Djihad und Judentum“ dar).

Weder der Koran noch die Hadithe (Schriftsammlungen aus dem Leben des Propheten) legimentieren einen Hakimiyyat Allah (Gottesstaat, vgl. Bassam Tibi, Seite 9). Trotzdem haben Sayyid Qutb und der Pakistani Abu al- A‘la al Maududi (1903-1979) diesen Begriff geprägt. In seinem Buch »Der Islam und die moderne Zivilisation« hämmerte al Maududi seinen Lesern ein, die säkularisierte Demokratie vertrage sich nicht mit dem Islam und Sayyid Outb schließt in seinem Pamphlet »Der Weltfriede und der Islam« den internationalen Frieden ohne weltpolitische Geltung eines Gottesstaates aus. In diesen Schriften liegen also die Grundzüge des islamistischen Hasses auf den Westen. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen, es geht hier nicht um den Islam, sondern um die politische Ideologie des fundamentalistischen Islam, wofür wir im Westen das Wort Islamismus erfunden haben. Dieses Wort gibt es nicht im arabischen Raum.

Martin Marty und Scott Appley haben in den neunziger Jahren in sechs Bänden Forschungsergebnisse zum Fundamentalismus herausgegeben (Chicago 1991-1996). Schon im ersten Band kristallisierten sich folgende Ergebnisse heraus (kurz gefasst): Der religiöse Fundamentalismus ist totalitär, Fundamentalisten sind politische Aktivisten. Sie betrachten sich allerdings als Gotteskämpfer, sie sind schriftgläubig, auch wenn sie die heiligen Texte selektiv auswählen und einen Kontext zur Moderne herstellen. In Führungspositionen sind vornehmlich Männer. In der Schlüsselposition ist ein charismatischer Führer (vgl. Bassam Tibi, Seite 14, 15).

Fundamentalisten agieren gegen die Moderne, obwohl sie in der Moderne entstanden sind. Sie wollen die feindliche Welt außerhalb ihrer Gruppe verändern. Die Muslimbruderschaft ist eine elitäre Vereinigung, organisiert wie ein Geheimbund. Durch Islamisten sind bisher mehr Moslems umgekommen als sog. Ungläubige. Nach dem Koran darf ein Moslem keinen Moslem töten, wenn er das tut, landet er in der Hölle (Sure, 4.93). Zwischen 1992 und 1998 wurden in Algerien 100000 Muslime ermordet und 150 Europäer (Bassam Tibi, Seite 17).

Die seit dem Westfälischem Frieden ausgehandelten Grundsätze einer säkularisierten Ordnung wollen Terroristen zerstören, wo bei auch angemerkt werden muss, dass nicht jeder Fundamentalist ein Terrorist ist, wie auch nicht jeder Salafist dazu bereit ist, Bombenanschläge zu begehen. Für die Ursachen des islamischen Fundamentalismus sind wir Europäer selbst verantwortlich. Er entstand aufgrund von Reaktionen auf die Kolonisation arabischer und afrikanischer Staaten, wo damals schon kleine Gruppen von Muslimen erfolglos gegen die Vorherrschaft der Kolonialherren kämpften.

Die Menschen, die Angst vor dem Islam oder sogar Angst vor einer Islamisierung haben, haben wohl weniger vor dem Islam Angst, sondern eben vor dem politischen islamischen Fundamentalismus, den selbst die meisten Muslime mit gutem Recht verabscheuen. Denn einen Gottesstaat wollen sie nicht. Sie wollen nach unseren Gesetzen unserer demokratischen Verfassung leben. Eine Religionsfreiheit würde nur Einschränkungen erfahren, wenn gegen Gesetzte verstoßen wird. Minarette als Herrschaftssymbol sehen zu wollen, wie es Anhänger einer rechtspopulistischen politischen Partei tun, ist blanker Unsinn. Selbst im muslimischen Ägypten wollte niemand einen Gottesstaat haben und Muslimbruder Mohammed Mursi hielt sich dort bekanntlich nicht lange.

Der politische Islam ist die verzerrte Fratze einer Religion. Dort wo islamische Fundamentalisten an die Macht kommen, führen sie ohne ordentliche Gerichtsverhandlungen archaische Strafen wieder ein. Im Sudan »wuchs eine Heerschar von gliedmaßenamputierten Menschen heran, die nach dem Gesetz der archaischen Hadd-Strafen schon für schlichten Mundraub verurteilt wurden« (Khadija Katja Wöhler- Khalfallah, E-Book, Position 103). Leider neigen wir im Westen dazu, diese Gewalt dem gesamten Islam anzulasten.

Wenn wir einen Blick auf die fünf Grundsäulen des Islam werfen (islamisches Glaubensbekenntnis, Pflichtgebet, Almosengabe, Fasten im Ramadan, Pilgerfahrt nach Mekka) und auf die Sechs Glaubensgrundsätze (Allah, seine Engel, seine Bücher, seine Gesandten, das jüngste Gericht, das Schicksal) so finden wir keinen Ansatz für ein Bestreben für ein weltweites Kalifat. Natürlich haben Muslime Vorstellungen von Gerechtigkeit, Moral und von einer mit ethischen Werten gestalteten politischen und wirtschaftlichen Prozesse. »Und tatsächlich befinden sich im Verhaltenskodex der frühen Herrscher einige ansprechende Leitlinien und Ansprüche, die den Vorstellungen für eine soziale gerechte Ordnung entgegenkommen.« ( (Khadija Katja Wöhler- Khalfallah, E-Book, Position 6762). Alle Muslime sind vor Gott und dem Gesetz gleich, verantwortlich mit den Gütern der Gemeinschaft umzugehen, jedem Untertan Gehör zu schenken, das Bemühen in der Rechtsprechung, die Wahrheit herauszufinden und einiges mehr. Dass Leitlinien alleine nicht ausreichen, sondern vom guten Willen der Menschen abhängig sind zeigt sich bei den frühen Kalifen, den unmittelbare Nachfolgern Mohammeds, die keineswegs dem gewünschten Ideal entsprachen, sondern selbst in ihre menschlichen Schwächen verstrickt waren.

So führte Abu Bakr Krieg gegen Muslime, die keinen Armenabgabe entrichteten, er protegierte einen Feldherrn, der seine Kompetenzen überschritt, was zu unnötigem Blutvergießen und zu Geldverschwendung führte. Während der Herrschaft von Uthman und Ali brachen Machtkämpfe um Positionen, Ämter,und Geldverteilung aus. Blanke Eitelkeiten führten zu Verleumdungen und innermuslimischen Kriegen. Rückwärtsgewandte Fundamentalisten werden es nicht besser machen, als die ersten Kalifen, auf die sie sich nur berufen, weil sie die alte Zeit verklären, die angeblich eine besserer Zeit gewesen sei, als die heutige. Das trifft aber keineswegs zu.

Mohammed hatte vor seinem Tod keinen Nachfolger bestimmt, er hatte keine Herrschaftsordnung ausgerufen. Ein Mensch (auch ein Kalif) kann nach dem Koran Gott nicht ebenbürtig sein, damit die Idee eines angeblichen Gottesstaates hinfällig ist. (Sure 112,4: und keiner ist ihm ebenbürtig / Sure 42,11: ...Es gibt nicht seinesgleichen ...).

Islamisten schöpfen ihre Greultaten aus der Geschichte und begehen damit den Fehler, die Welt z.Zt.. Mohammeds mit unserer Zeit verbinden zu wollen.. Und das kann niemals funktionieren. Fundamentalisten nehmen alles wörtlich und denken nicht weiter darüber nach. Als Mohammed aus Mekka floh, weil er des Lebens bedroht war, ließ er sich in Medina nieder. Da sie viel zurücklassen müssen, warum sie gezwungen Karawanen zu überfallen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das war in der damaligen Zeit völlig normal. Im Heiligen Monat des Ramadan galt es aber als Sitte, von Karawanenüberfällen abzusehen. Es ergab sich aber, das zu dieser Zeit eine Gruppe ausgesandt wurde, die die Quraisch, Mohammeds Gegner, die ihn aus Mekka vertrieben haben, ausspähen sollten. Dieses Unternehmen geriet aber außer Kontrolle und endete im unnötigem Blutvergießen. Über das eigenmächtige Handeln war Mohammed aufgebracht, aber später verkündete er einen Vers, den er von Gott erhalten haben will.

Sure 2, 217: »Sie fragen dich nach dem heiligen Monat, nach denn Kampf in ihm. Sprich: Kämpfen in ihm wiegt schwer. Doch vom Wege Gottes abzuhalten – und dabei nicht an ihn zu glauben. Von der heiligen Anbetungsstätte und die dort wohnen aus ihr zu vertreiben, das wiegt bei Gott viel schwerer. Die Versuchung aber wiegt noch schwerer als das Töten. Sie werden euch immer weiter bekämpfen, bis sie euch von eurem Glauben wieder abgebracht haben – wenn sie‘s vermögen. Wer von euch sich von seiner Religion abkehrt und dann als Ungläubiger stirbt – die sind es, deren Werke im Diesseits und Jenseits zuschanden werden. Die werden des Bewohner des Höllenfeuers sein, darin sie ewig bleiben.«

Eine »selbstgefällige Offenbarung«, bemerkt die Islamwissenschaftlerin Khadija Katja Wöhler- Khalfallah und weist in ihrem Buch (E-Book, Position 716) darauf hin, dass »selbst gemäß Ibn Ishaq Muslime zum betreffenden Zeitpunkt nicht mehr den den Quraisch verfolgt wurden; alles was sie sich inzwischen schlimmstenfalls gefallen lassen mussten, war Spott.» (Ibn Ishaq gilt als erster Mohammed - Biograf, achtes Jahrhundert). Radikale Islamisten benutzen solche Vorgänge als Legimitation für ihre Greultaten. Sie benutzen den Koran als Steinbruch und greifen einen Koranvers auf, ohne sich darum zu kümmern, unter welchen Umständen er entstanden ist. Das macht den Fundamentalismus so gefährlich.

Liberale Muslime werden es mir sicher zugestehen, dass »wenn der Gegner Frieden mit ihnen schließen will und seine Kampfhandlungen einzustellen bereit ist, sie darauf hören sollen, was alle vorangegangenen Aufrufe zum unerbittlichen Vorgehen gegen Nichtmuslime aufhebt.« (Khadija Katja Wöhler- Khalfallah, E-Book, Position 6827, vgl. Sure 8,61).
So lehrt es der Koran.

Bei Rechtspopulisten und anderen steht der Islam unter Generalverdacht, dass er nicht kompatibel ist mit unserer Demokratie. Dieser Generalverdacht ist unfair und sagt nur das eine aus, das viele in unserem Land das Menschenbild im Islam nicht kennen. Manche wollen es auch nicht kennenlernen und plappern den Zungen nach, die nichts anderes tun als eine Religionshetze voranzutreiben. Natürlich stellt der Islam heute für uns eine Herausforderung da, aber ich hoffe, er wird unsere Kultur bereichern. Es ist mir völlig klar, dass schwere Hadd-Strafen mit unserer Vorstellung der Menschenrechte nicht zusammenpassen. Es sind Fundamentalisten, die solche Strafen einfordern. Die Religionsfreiheit ist eingeschränkt, wenn Staatsgesetze durch eine Religion gebrochen werden.

* Angelika Neuwirth, Professorin für Arabistik, über den sog. Islamischen Staat (IS):

»Das erinnert eher an die frühislamische Sekte der Charidschiten aus dem 7. Jahrhundert, die mit ähnlich triumphalem Gestus roheste Gewalt anwendete. Sie hat mit extremer Grausamkeit alle nicht zur eigenen Gruppe gehörenden Muslime systematisch verfolgt. Damals ließ man aber Andersgläubige, Christen und Juden, unbehelligt. Die mussten nicht dafür bestraft werden, dass sie sich der radikalen Sekte nicht anschlossen. So etwas wie ISIS hat es sonst in der gesamten islamischen Geschichte nie gegeben, schon gar nicht unter dem Deckmantel der islamischen Religion.«


Benutzte Literatur:

Der Koran, übersetzt von Hartmut Bobzin, Verlag C.H. Beck

Petra Ramsauer: Muslimbrüder - Ihre geheime Strategie für ihr globales Netzwerk, Wien-Graz-Klagenfurt, 2014

Bassam Tibi: Fundamentalismus im Islam – Eine Gefahr für den Weltfrieden?, 2002, Darmstadt

Khadija Katja Wöhler- Khalfallah: Islamischer Fundamentalismus – Von der Urgemeinde bis zur Deutschen Islamkonferenz, 2009 , 2010, Berlin /Tübingen (E - Book)


* Interview mit Angelika Neuwirth

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2 Kommentare

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Ob Islam oder Christentum. Alle religiösen Wesen sind "sublime Mißgeburten"**** und haben nur ein Ziel: Gehe als Individuum zugrunde. Die Gemeinschaft ist höher bewertet als der Einzelne und von diesem Einzelnen erwartet die religiöse Gemeinschaft bedingungslosen Gehorsam gegen Moral, Sitten und Gebräuchen.

Hinweis gab schon Friedrich Nietzsche bezüglich Christentum:

"Der christliche Glaube ist von Anbeginn Opferung: Opferung aller Freiheit, alles Stolzes, aller Selbstgewissheit des Geistes; zugleich Verknechtung und Selbst-Verhöhnung, Selbst-Verstümmelung."
(Jenseits von Gut und Böse).

Das gilt nach meiner Meinung auch für den Islam.

**** sublime Mißgeburten" hat Friedrich Nietzsche alle religiösen Menschen definiert. Dazu sein Text:
" Menschen, nicht hoch und hart genug, um am Menschen als Künstler gestalten zu dürfen; Menschen, nicht stark und fernsichtig genug, um, mit einer erhabenen Selbst-Bezwingung, das Vordergrund-Gesetz des tausendfältigen Mißratens und Zugrundegehns
walten zu lassen; Menschen, nicht vornehm genug, um die abgründlich verschiedne Rangordnung und Rangkluft zwischen Mensch und Mensch zu sehn"
(Jenseits von Gut und Böse).

Ob islamischer Fundamentalist oder nur Islamist. Ob etablierte christliche
Kirche oder christliche Sekte. Religion hat auf die Kutur einen schädlichen Einfluß. Da alle Religionen in sich nihilistisch sind. Sie verneinen das aufstrebene Leben durch Selektion und sind somit "nihil", daher "nihilistisch".
  • 13.05.2016, 19:02 Uhr
  • 0
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Vielleicht sollte man sich das mal dazu ansehen:
  • 13.05.2016, 14:51 Uhr
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