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Islam V - Scharia – Normenrichtlinien für ein göttliches Gesetz?

Islam V - Scharia – Normenrichtlinien für ein göttliches Gesetz?

02.06.2016, 14:47 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Zugegeben, die Überschrift kann aus diversen Gründen provozieren.

Erstens, Atheisten sagen, so etwas gibt es nicht, weil es keinen Gott gibt.
Zweitens, die Scharia könnte zum Unwort eines Jahres werden, denn viele denken bei diesem Wort an das Abhacken von Händen und Abschlagen von Köpfen.
Drittens, da kommt jetzt wieder so ein Apologet, der sagt, diese Brutalitäten haben nichts mit dem Islam zu tun. Ein Träumer, schau dich um in der Welt und siehe, was Moslems anrichten.

Atheisten brauchen meinen Beitrag nicht unbedingt lesen, es sei denn, sie sind offen für Themen, die die Welt spätestens seit dem Anschlag am 11. September bewegen. Ich möchte den Schleier um die Scharia zumindest etwas lüften und einen kleinen Einblick verschaffen, worum es sich bei diesem Begriff handelt. Ich versuche das Thema, soweit es mir möglich ist, sachlich anzupacken, d.h. pauschale Verurteilungen, wie man sie immer wieder in sozialen Netzwerken oder Foren liest, werdet ihr in meinem Beitrag nicht finden. Wem das nicht gefällt, der braucht nicht weiterlesen. Ich gehöre zur alten Schule und werde von dem geflügelten Wort »Lesen bildet» angetrieben. Bildung ist ein Mittel, um Vorurteile abzubauen, ich muss aber zugeben, dass der Koran für uns westliche Menschen eine Lektüre darstellt, die uns herausfordert. Die Lektüre des Korans ohne Vorbildung der historischen Umstände seines Entstehens ist zum Scheitern verurteilt. Um Spekulationen vorzubeugen, ich bin kein Moslem und bin auch nicht mit einer Muslimin verheiratet. Ich schreibe auch nicht im Auftrag von Muslimverbänden. Ich schreibe aus freien Stücken, weil mich die Thematik einfach interessiert. Es gibt vereinzelte SB-Nutzer, die Überlegungen angestellt haben, woher ich mein Wissen über den Islam beziehe. Nun, unter vielen Beiträgen habe ich die Quellen genannt. Mein Bild über den Islam setzt sich aus der Lektüre einiger Islamwissenschaftler, Religionswissenschaftler und Politikwissenschaftler zusammen, z.B. Karen Armstrong, Mathias Rohe, Gudrun Krämer, Bassam Tibi. Ich habe auch Literatur von Islamkritikern wie Hamed Abdel Samad gelesen. Diesen Autor darf man ruhig lesen, aber man muss nicht alles glauben, was er schreibt. Ich denke aber, er meint es eigentlich gut und ist selbst davon überzeugt, aufklären zu wollen. Aber wenn er den Propheten als Terroristen bezeichnet und sein Buch über Mohammed mit „Eine Abrechnung“ im Untertitel versieht, dann gehe ich davon aus, dass solch ein Buch mit Islamwissenschaft nicht zu tun hat, sondern aus einer Abneigung zum Propheten geschrieben ist, was Gift für eine sachbezogene Islamkritik ist. Darum empfehle ich als Parallellektüre andere auch andere Bücher über den Propheten und über den Islam zu lesen. Wer mich jetzt immer noch als Träumer und realitätsfern bezeichnen will, der möge es weiterhin tun. Es ist nicht meine Aufgabe, hartgesottene Islamkritiker - oder Hetzer auf meine Seite zu ziehen. Ich sehe mich nicht als Missionar. »Euch eure Religion und mir die meine« (Sure 109,6) – oder eben keine.

Das war meine Vorrede, doch nun möchte ich einige grundsätzliche Dinge über die Scharia kurz anschneiden.

Ihr könnt in eine Buchhandlung gehen und Bücher über die Scharia kaufen, aber es gibt kein Buch, in dem alle Gesetze der Scharia aufgezeichnet sind wie in unserem Bürgerlichen Gesetzbuch oder Strafgesetzbuch. Wir müssen mit der Vorstellung aufräumen, dass die Scharia ein Gesetzbuch ist nach westlicher Manier ist. Wenn man die Scharia im Koran sucht, stößt man in Sure 45,18 auf den „gebahnten Weg“, den man zu folgen hat. Die Scharia entstand aber erst durch islamische Rechtsgelehrte zwischen dem achten und neunten Jahrhundert nach Christus. Sie ist das Konglomerat der Islamischen Normenlehre und beinhaltet Vorschriften der religiösen Praxis, Regelungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Scharia ist auf das Diesseits und auf auf das Jenseits ausgerichtet. Das unterscheidet sie grundsätzlich von Gesetzesvorschriften weltlicher Staaten. Nach islamischen Glauben kommt die Scharia von Gott. Sie besteht allerdings nur zu einem verhältnismäßig kleinen Teil aus Rechtsvorschriften, was wir darunter verstehen. Die Scharia umfasst eben sehr viel mehr. Sie als göttliches Recht zu bezeichnen, wäre zu ungenau. Wenn man sich mit dem islamischen Recht befasst, ist es ratsam sich nicht auf europäische Normen der Rechtsvorstellungen zu beschränken, sondern die im Islam angelegte Trennung zwischen religiösen Normen und rechtlichen Normen zu berücksichtigen.

»Die meisten Muslime halten die religiösen Aspekte ihrer Religion für entscheidend, während sie das geltende Recht – gerade auch in demokratischen Rechtsstaaten – respektieren und unterstützen.« (Mathias Rohe, Pos. 128)

schreibt Mathias Rohe, Islamwissenschaftler und Jurist. Ich habe dieses Zitat bewusst gewählt, weil von hartnäckigen Islamkritikern immer wieder pauschal behauptet wird, der Islam vertrage sich nicht mit Demokratie. Richtig ist zu sagen wäre, der totalitäre Djihadismus, wie er z.B. vom sog. IS vertreten wird, verträgt sich nicht mit der Demokratie. Das wird wohl niemand bestreiten.

Die Entstehung der Scharia ergibt sich aus der Entstehung des islamischen Gemeinwesen, dass ausgehend von Mohammed in der Frühzeit des Islam sich über die arabische Halbinsel ausbreitete. Jedes Gemeinwesen braucht gewisse Rahmenbedingungen, damit es funktioniert. Wurde in der Frühzeit das Recht nach gesundem Menschenverstand ausgelegt, bildeten sich im zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert unter den Sunniten und Schiiten verschiedene Rechtsschulen heraus. Ein einziges festgelegtes islamisches Recht gibt es nicht, da sich sie sunnitischen und schiitischen Schulen erheblich unterscheiden. Nur über die Rechtsquellen ist man sich einig. Erstens der Koran und zweitens die Hadithe, die überlieferten Aussagen des Propheten. Die Gesamtheit der Überlieferungen wird als »Sunna« bezeichnet. Die Authenzität der Hadithe wird von der traditionellen Hadithwissenschaft überprüft. So gibt es Hadithe, die als nicht authentisch angesehen werden. Mahmūd Schaltūt (1893-1963), ehemaliger Rektor der Azhar-Universität in Kairo sprach sie gegen den Hadith aus (Mathias Rohe, Pos.190), der dazu aufruft, Apostaten zu töten (Apostasie = Austritt aus der Religion). An diesem Beispiel sehen wir, dass es diverse Auslegungen der Scharia gibt. Das Abhacken von Händen oder das Abhacken von Köpfen wird nicht automatisch in allen islamischen Ländern angewandt, in der Türkei wurde die Scharia sogar abgeschafft. Die Scharia ist grundsätzlich eine Sache der Auslegung und die Auslegung kann eben unterschiedliche ausfallen. Darum sind pauschalisierte Behauptungen, die Scharia sei so überaus schrecklich und menschenverachtend, erst einmal pauschale Behauptungen, bei der man hinterfragen muss, in welchen Ländern denn wirklich übel mit Menschen gerichtet wird. Die eine Scharia gibt es genausowenig, wie es den einen Islam nicht gibt. Was die Norm der Scharia betrifft, muss immer geprüft werden, ob diese Norm zu allen Zeiten gilt, oder ob es eine Norm ist, die auf eine Bestimmte Situation bezogen ist und nur für einen ausgewählten Teil der Betroffenen gilt. Wir müssen uns also immer fragen, von welcher Scharia reden wir eigentlich?

Diese Unterscheidungen werden von manchen hartnäckigen Islamkritikern (vielleicht auch bewusst) nicht in Betracht gezogen, solche Exegeten eine ganze Religion in Verruf bringen. Das finde ich mehr als nur ungerecht. Wir sollten nicht auf die lauten Rufe djihadistischer Terroristen hören, die selbstverständlich aus dem Koran ihre Rechtfertigung zur Gewalt herauspicken, darum der Terrorismus dieser Verbrecher im Islam begründet ist. Diese Verbrecher aber nicht an einer theologischen Koranauslegung interessiert sind. Jede monotheistische Religion kann auf diese Weise fundamentalistisch ausgebeutet werden und für Gewalt instrumentalisiert werden.

Neben der Scharia hat sich seit dem achten Jahrhundert die Rechtsliteratur entwickelt,, die im Fachjargon Jurisprudenz (=fiqh) genannt wird. Diese Literatur wurde als notwendig erachtet, da der Koran verhältnismäßig wenig Handlungsanweisungen erhält. Die Mehrzahl dieser rechtlichen Bestimmungen sind von Rechtsgelehrten aufgrund der Sunna und aufgrund lokaler Bräuche entwickelt worden. Da Menschen nicht unfehlbar sind, sind solche fiqh‘s allerdings Wandlungen unterworfen. Sie sind nicht feststehend wie die göttliche Scharia.

Warum die Scharia im Westen mit Angst und Schrecken belegt ist, verdanken wir totalitären Islamisten, auf die wir kurioser Weise unsere Aufmerksamkeit besonders richten, wenn es um den Islam geht. Islamisten setzen zur Anwendung der Scharia eine islamische Staatsgewalt voraus. Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer betont ausdrücklich, darüber bestehe keineswegs ein Konsens in der weltweiten Gemeinschaft der Muslime (Gudrun Krämer, Pos.1412). Ich habe an anderer Stelle über den politischen Islam geschrieben, darum vertiefe ich hier nicht das Thema.

Die Scharia auf dem Weg zu den Menschenrechten ist zugegebener Maßen steinig. In der Gemeinschaft der Muslime (Umma) gibt es zwar keine rassisch, ethnische Unterschiede, was eine gute Voraussetzung für Menschenrechtsnormen ist. Im Koran wird sogar die Würde des Menschen thematisiert:

Sure, 17,70: »Wir erwiesen den Kindern Adams Ehre und trugen sie ans Meer und Festland, versorgten sie mit guten Dingen und zeichneten sie besonders aus vor vielen, die wir erschaffen haben.

Was die Rollen der Geschlechter angeht, nur mal als Beispiel, da gibt es durchaus Defizite, die auch nicht unter den Teppich gekehrt werden sollen. Auch wenn für Mann und Frau die gleiche Würde zugesprochen werden (z.B. Sure 30,21) sind sie nicht vor dem Gesetz gleich, insbesondere dann, wenn sie in einem patriachalem System aufwachsen. Bei Muslimen, die sich in Deutschland integriert haben, mag das anders aussehen. Die iranische Wissenschaftlerin und Feministin Ziba Mir-Hosseini setzt sich für ein gleiches Recht für alle ein. Die Ungleichbehandlung der Geschlechter sei kein Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit, sondern eine Konstruktion männlicher Juristen, sagt sie (Mathias Rohe, Pos.1220). Erst in unserer Gegenwart gibt es solche reformfreundliche Stimmen. Das gibt Anlass zu verhaltendem Optimismus.

Als Abschluss verlinke ich einen öffentlichen Brief angesehener muslimischer Gelehrte an den sog. Islamischen Staat. Der Tenor des Briefes: Wir wollen mit euch Terroristen nichts zu tun haben.

Offener Brief an al-Baghdadi und Isis

Verwendete Literatur.

Alexander Flores: Islam, Zivilisation oder Barbarei, e.book, suhrkamp-verlag, Berlin 2015
Gudrun Krämer: Demokratie im Islam, Der Kampf von Toleranz und Freiheit in der arabischen Welt, Verlag C. H. Beck, München, 2011
Mathias Rohe: Das Islamische Recht, Eine Einführung, Verlag C.H. Beck, München, 2013

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1 Kommentar

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wie wieder zu lesen ist:

Pseudoängste schüren gepaart mit Wahnvorstellungen...

du bist was du denkst passt auf untere Kommentare gut.

Der Themenbeitrag ist sehr gut, zumal sich der Einsteller mit einem Thema auseinandersetzt, was hier merh als gehasst ist: Islam

Viele hören Islam und schon beginnt deren Kopfkino, oft kennen sie nichtmal einen Muslimen oder sehen "ihre" Muslime nicht als Musliem wie den Dönermann, der ja immer lustige Sprüche drauf hat z. B.

Hahnebüchen ist, wenn alles durcheinander geschmissen wird und es zu einem Einheitsbrei hervorquillt, Koranverse werden rausgepickt, ohne weitere Erläuterungen dazu hinzuziehen. Diese sagen, die Bibel wurde auch angepasst, oft von Menschen, die überhaupt nicht gläubig sind...

Muslim sein hier heißt neuerdings sich ständig rechtfertigen zu müssen, dass man diese IS nicht unterstützt und diese genauso verabscheut wie alle anderen Menschen auch.

Mir persönlich ist es unverständlich wie hier Menschen, die nicht glauben aus welchen Gründen auch immer, denen es absprechen wollen, die es können, indem sie beleidigend und herabsetzend werden. Halten es für nicht zeitgemäss zu glauben... Als wenn Glauben eine Mode sei.

Eine konsturktive Diskussion ist oft nicht zu führen.
  • 03.06.2016, 23:23 Uhr
  • 2
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