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Ein Treffen mit Wilhelm Busch

25.10.2016, 22:18 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war schon spät, als ich zurückkam. Ich öffnete die Tür und da saß er dann leger auf einem Sessel in der Ecke des Raumes. Unverkennbar mit dem Försterbart und dem Hut mit seitlich hochgeschlagener Krempe. Er lächelte mich an. Aber eigentlich ist er doch schon lange gestorben, dachte ich. „Vor 175 Jahren“ fing er an, als läse er meine Gedanken. „bin ich geboren“ und nahm einen tiefen Zug aus der Zigarre. Ein spöttisches Lächeln umspielte das, was der Bart vom Mund sehen ließ. Er freute sich offenbar, mir einen kleinen Streich gespielt zu haben. Wilhelm Busch wie man ihn kennt.

In der Überzeugung, dass er auch diesen Gedanken lesen würde, begann ich dann: „Streiche haben Sie ja Ihr ganzes Leben lang gespielt:

Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen“

„Jaja, damit bin ich berühmt geworden. Ich war der erste, der Gedichte mit Bildern illustriert hat. Heute ist das ja ganz normal. Und wie bei den Kaufleuten, das was läuft, bietet man an, so habe ich halt weiter gemacht. Mein „Antonius“ war sogar eine zeitlang verboten, weil sich die bigotten Leute darin gesehen haben“ Wieder setzte er sein zynisches Lächeln auf. „Für das Geschäft war das sehr förderlich. Wobei das meiste ohnehin die Verleger verdient haben.

Interessiert haben mich aber eigentlich ganz andere Sachen, bloß die wollte niemand lesen. Kennen Sie meine „Kritik des Herzens“, „zu guter Letzt“ oder „Sein und Schein“? Er blickte in die Ferne, als dichte er gerade an etwas Neues. Aber unversehens fuhr er fort:
Schopenhauer, der hat mich viel beschäftigt. Aber wie gesagt, der Spott kam besser an:

Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es:
Die Herrschaft fuhr eben aus!
Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleineren Leuten an
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.“

Ich versuchte ihn zu trösten. „Und Bilder haben Sie ja auch gemalt“ Und zum Maler, fand ich, passe auch sein bohemienhaftes Outfit mit der verwegenen Kopfbedeckung und dem üppigen Mannesschmuck.

„Über tausend Stück sogar. Aber wissen Sie, wenn ich meine kärglichen Versuche dann verglichen habe mit den Werken von Rubens, Brouwer, Teniers oder Frans Hals, die ich in Antwerpen lange studiert habe, da wollte ich dann meine Bilder lieber für mich behalten.“

Der Mond schein warf ein gespenstisches Licht auf den Zigarrenrauch, der sich nach oben kringelte.

„Meine Weltanschauung, die habe ich für mich behalten. Ihnen sage ein Stück davon. Aber versprechen Sie mir, dass sie sie niemandem weitererzählen:

Nahmst Du in diesem großen Haus
Nicht selbst Quartier?
Mißfällt es Dir, so zieh doch aus.
Wer hält Dich hier?
Und schimpfe auf die Welt, mein Sohn,
Nicht gar zu laut.
Eh’ Du geboren, hast Du schon
Daran gebaut.“

Ich war tief bewegt. Solche Worte von dem, den man nur als den Berichterstatter des Boshaften kennt?

Das Gute, dieser Satz steht fest,
Ist stets das Böse, das man lässt

„Ja, die Menschen finden außen immer das, was innen drin lebendig ist“ – hatte er doch schon wieder meine Gedanken erkannt. Er erhob sich „Ich habe mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen“ fuhr er fort. „Wenn Sie an meinen kläglichen Bildern dennoch interessiert sind, können Sie sie ja in Hannover mal anschauen, bis zum 3. Juni, danach geht es wieder um den üblichen Busch. Vielleicht treffen wir uns dort wieder.“

Eine Wolke schob sich vor den Mond. Es war dunkel im Zimmer. Als der fahle Schimmer wieder erwachte, war es leer.

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4 Kommentare

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Emil, DAS hast Du soooooo wunderbar geschrieben. Ne Wucht in Tüten!!!!
Ich hüte seit meiner Jugend den großen Band seiner Werke und habe den Kindern vieles auswendig erzählen können. Danke für Deine Erzählung
  • 29.10.2016, 19:37 Uhr
  • 1
Danke. Das freut mich ja.
  • 29.10.2016, 20:08 Uhr
  • 0
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Dass ich neben all den "Zeugentraktaten" einen so spannenden, liebenswerten Beitrag über einen unserer großen Dichter gefunden habe, freut mich sehr. Danke, Emil, für diese Erinnerung an einen Menschen, hinter dessen Humor sich so viel tiefe EInsicht versteckte.
  • 29.10.2016, 19:23 Uhr
  • 1
Danke Edith, freut mich sehr.
  • 29.10.2016, 20:10 Uhr
  • 0
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