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Mirjam - die anders Liebende

27.02.2017, 17:20 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Sie sah ihn zum ersten Mal, als er ein Kind war, er stand auf der anderen Straßenseite und winkte ihr zu. Aber sie konnte nicht hinübergehen, ihre Füße waren wie gelähmt. Sie wusste nur, dass sie ihm ewig folgen würde, wenn die Zeit reif sein würde.

Und dann kam eine lange Zeit, wo ihr ein Mann nach dem anderen von ihrem Vater vorgestellt wurde, und sie konnte keinen begehren, nicht einmal den Wunsch spüren, an seiner Seite zu sein und ihm zu dienen, ihm vielleicht eine Reihe Erben zu schenken.
Ihr Vater liebte sie, denn sie war schön mit langem rostbraunem Haar, das in der Sonne wie flüssiges Gold schimmerte. Haare bis zur Taille, oft in einen strengen Knoten geflochten oder in einem einfachen Zopf gebändigt. Sie war schön – wie ihre Mutter, die ihrem Vater diente, die ihm jeden Wunsch von den Augen las und dennoch nicht von ihm als gleichwertig angesehen wurde, die immer hinter ihm stand, sich zeigen durfte, aber niemals etwas erwarten durfte. Ihr Leben war im langen Schatten ihres Mannes zu leben.

Das wollte Mirjam nicht, nie. Sie verschmähte alle Männer, lachte ihnen kühn ins Gesicht, bleckte die Zähne, wenn sie anfingen, sie von oben bis unten zu betrachten. Wie ein Pferd. Dem sie ja auf dem Markt auch ins Maul schauten, um am Gebiss die Qualität des Tieres zu erkennen. Sie kam ihnen entgegen - und lachte sie aus.

Als ihr Vater vorzeitig gestorben war, wartete sie auf i h n.

I h n war er, den sie einmal gegenüber auf der Straße gesehen hatte und der ihr Herz bis zum Halse schlagen ließ. Jeshua, der verschwunden war, aber der wiederkommen würde, um seinem Volk einen Weg zu zeigen, den Weg der Liebe. Einer Liebe, die alle einschloss, auch die Kranken, die Hässlichen, die Hassenden, die Armen und Armseligen, die ganze menschliche Rasse, allen Trost spendend, Heil bringend, Gesundheit spendend. Ein Lächeln von ihm würde Wunden heilen lassen, das ahnte sie.

Ihre Seele war voller Ahnungen und Erwartungen.
Und eines Tages hörte sie, dass der, der in Nazareth geboren war, wieder zurückgekommen sei. In das Land seiner Väter. Sie sattelte ein Pferd und ritt in die kleine Marktstadt, um ihn wieder zu sehen. Da stand er, in ein einfaches weißes Gewand gehüllt, gegürtet mit einer dunklen Kordel, wie einer jener Essener Mönche. Aber sie sah den Glanz um ihn herum, seine strahlende Aura, die Güte in seinen Augen, die lange feingliedrige Gestalt. Er stand da, umgeben von einer Schar von Männern, die ihm zuhörten.
Als sie sich dem kleinen Kreis näherte, wollte man sie zurückweisen, und es ergab sich ein Wortgefecht. Niemand würde sie hindern, in seine Nähe zu kommen, das wusste sie. Als der Mann handgreiflich werden wollte, schickte sie einen bittenden Blick in seine Richtung, und er wandte sich langsam um, sah sie und gebot dem Jünger Einhalt.
„Was hinderst du Mirjam, zu uns zu kommen“, sagte Jeshua,und machte eine einladende Handbewegung in ihre Richtung.
Und sie kam auf ihn zu und dankte ihm mit einem Lächeln, das sich wie ein Zauber auf ihrem Gesicht ausbreitete.
Das war ER, dem sie angehörte von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Von dem Tag an, gehörte sie zu seinem Trupp, der ihn begleitete, der alle Kontakte zu seiner Familie abgebrochen hatte, der seine Botschaft verstand und leben wollte. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ hatte der Meister gesagt, sagte es täglich, lebte es täglich, machte daraus die Grundlage seines und ihrer Leben.

Natürlich war sie zu einem Ärgernis geworden. Wie konnte eine Frau ihm nachfolgen, sie durfte ihm täglich einen Dienst erweisen, manchmal bereitete sie ihm ein Gericht zu, manchmal wusch sie ihm die Füße, manchmal saß´sie zu seinen Füßen und lauschte, hörte die Stimme, die sie verzauberte. Sie kannte ihn, das war nicht die erste Begegnung, er wusste das auch.
Man munkelte in der Umgebung – auch in dem Kreis der Jünger – dass sie ihn vielleicht von seinem Weg abbringen würde, dass sie ihn verführen würde, dass er ihr verfallen würde. Aber sie stahl ihm nichts, was nicht schon ihr gehörte. Sie war eine Erinnerung für ihn, eine kostbare, ein Bild in seiner Seele, das seine Farben und Umrisse erneuerte. Nichts veränderte, lediglich erneuerte.

Eines Tages waren sie im Garten Gethsemane allein. Sie war ihm gefolgt, ohne dass er es oder die anderen gemerkt hatten.
Sie wagte nicht, ihm näher zu kommen, um nicht in seinem Strahlen zu verbrennen. Sie sah sein Leiden voraus, seinen frühen Tod am Kreuz , sie hätte ihn verstecken können, ihm ein Kind entlocken können als Andenken, als Erinnerung an das Kostbarste in ihrem Leben, sie würde ihn eintauchen in die Süße der Liebe, von der er sprach.
Sprach er denn von dieser Liebe? Nein, er sprach von jener Liebe, die nichts für sich haben wollte, die nur geben wollte.

Sie spürte, dass sie diese selbstsüchtigen Gedanken fortjagen und Verzicht üben musste. Als sie das spürte, nein wusste, wandte er sich um und schenkte ihr einen Blick, der sie in der Tiefe ihrer Seele traf. Er wusste alles, er wusste, wie sehr sie ihn liebte, wie sehr sie ihn begehrte, wie sehr sie ihn anbetete.
Er wusste, dass er seinen Weg gehen musste, bis zum Ende – sie würde ihn begleiten, nicht mehr – und es war doch alles.

Mirjam, die anders Liebende, ging nach seinem Tod in die Einsamkeit. Sie gehörte keinem Mann, da sie ihm gehört hatte, ohne menschliche Nähe erlebt zu haben, der Duft seiner Seele war alles, was sie besessen hatte.

Mirjam, die Schöne und Bittere, die die unermessliche Schönheit des Lebens erlebt und die unermessliche Bitterkeit der Liebe erfahren hatte.
Mirjam, vielleicht die engste Gefährtin Jeshuas, die verstanden hatte, dass Liebe nichts für sich haben will, die nur den anderen glücklich sehen will und auf alles andere verzichten kann.
Mirjam. die Gebenedeite.

© ez+k

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