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Von Beruf Schriftsteller (Haruki Murakami)

10.05.2017, 14:12 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Von Beruf Schriftsteller (Haruki Murakami)

Wer könnte der Versuchung widerstehen, eine gerade erschienene Autobiographie seines Lieblingsschriftstellers im Schaufenster zu sehen und sofort zu kaufen?
Zumal man bei diesem Autor schon einige Herausforderungen hatte bestehen müssen, z.B. die Aufeinanderfolge der Vokale a u i u a a i zu lernen, die seinen Namen so absolut unverwechselbar machten: Haruki Murakami.

Naokos Lächeln (1987) hatte mich vor Jahren so verzaubert, dass ich ungeduldig auf weitere Werke wartete und mich auch tatsächlich wochenlang durch seinen längsten und seltsamsten Roman mit dem sperrigen Titel "Mister Aufziehvogel" hindurch las .
Inzwischen sind Murakamis Werke in 50 Sprachen übersetzt worden, und eigentlich hätte er längst den Nobelpreis für Literatur bekommen sollen.

Mit 66 Jahren erlaubt Murakami seinen Lesern einen Einblick in sein Leben als Schriftsteller in seiner Autobiographie (2016), kongenial übersetzt von der Japanologin Ursula Gräfe.
Man erfährt jedoch keineswegs in chronologischer Abfolge, wo er geboren, zur Schule gegangen und geheiratet hat. Er beobachtet sich selber aus wechselnder Perspektive, wobei bestimmte Aspekte jeweils in einem Kapitel behandelt werden.

Das erste Kapitel "Schriftsteller - ein toleranter Menschenschlag" versucht, das Wesen dieses seltsamen Typs in der Tiefe zu erfassen, es ist also ein Versuch, sich dem Mysterium eines schöpferischen Menschen anzunähern, eine psychologische Analyse.

Das zweite Kapitel "Wie ich Schriftsteller wurde" ist ausnahmsweise ein chronologischer Bericht, wie ein verheirateter Student, der ein Lokal eröffnet hatte, plötzlich in einem Tokioer Stadion während eines Baseball-Spiels eine Eingebung hatte, die sein ganzes weiteres Leben bestimmte:
"Der schöne satte Ton, mit dem der Ball auf den Schläger traf, hallte im ganzen Stadion wider. Es ertönte vereinzelter Applaus. Und just in diesem Moment kam mir völlig unerwartet der

Gedanke: 'Das ist es! Ich werde einen Roman schreiben.'“ (S. 32)

Später nennt er diese Erfahrung „Epiphanie“!

In den anderen Kapiteln geht es um Originalität, Inhalte, Marathonlauf, Schule, Romanfiguren, Leser und die Bedeutung des Auslands im Leben eines Schriftstellers.

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So exzentrisch ein Schriftsteller-Leben beginnt, so eigenartig muten Ereignisse in dessen Werk an. Sicher sind es diese merk-würdigen Szenen, die den Leser gleichzeitig verwirren und faszinieren.
Man empfindet ihn als „anders“ als z.B. bekannte zeitgenössische Autoren, Walser, Ortheil, Auster, Philipp Roth, Elena Ferrante, Orban Pamuk … was natürlich keine präzise Beschreibung des Sachverhaltes ist, sondern eher als „Umschreibung“ durchgehen muss.

Ein Beispiel aus einem seiner Werke soll genügen:

Nennen wir es die „Brunnen-Szene“. Da begibt sich der Protagonist in einen tiefen Schacht, um dort die Nacht zu verbringen. Er träumt, er begegnet einem Kollegen und gibt ihm eine Ohrfeige.
Am nächsten Morgen steigt er die Leiter hinauf ins Freie, begegnet wenig später diesem Kollegen, der eine rote, geschwollene Gesichtshälfte hat!

Überlappen sich hier Bewusstseinszustände? Hat Murakami im realen Leben vielleicht auch 'merkwürdige Erfahrungen' gemacht?
Auf S. 25 berichtet er, was ihm eines Tages passierte:
„Als meine Frau und ich eines Monats den Betrag für die Rückzahlung an die Bank partout nicht aufbringen konnten, gingen wir noch spätabends verzagt und mit gesenkten Köpfen durch die Straßen. Da lag plötzlich Geld vor uns auf der Straße. Wie soll ich es nennen? Zufall oder glückliche Fügung? Jedenfalls war es exakt die Summe, die uns für den nächsten Tag noch fehlte. … Mir sind übrigens schon öfter in entscheidenden Augenblicken meines Lebens derlei unerklärliche Dinge passiert.“

Es gibt kein einziges Werk, in dem er nicht von solchen erstaunlichen Fügungen, Zufällen und Wundern erzählt, über die man zunächst stolpert und sie dann zu verstehen sich bemüht. Unterscheidet sich Murakamis Welt so sehr von unserer? Oder lebt er auf einer höheren Entwicklungsstufe und hat einen erweiterten Zugang zum Leben?
„Man muss gegen den Strom schwimmen, um zur Quelle zu kommen.“ (Zbigniew Herbert, S. 73)br

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Obwohl er für seinen ersten Roman Wenn der Wind singt einen Nachwuchspreis erhielt, sich damit für ihn das Tor zur Schriftstellerei öffnete, bleibt seine Einstellung gegenüber Preisen skeptisch.
Die für Japan wichtigste literarische Auszeichnung, den Akutagawa-Preis, erhielt er nicht.
Seine Leser sind ihm allerdings wichtiger als Literaturpreise. (Kap. 3)

Voraussetzung für einen Schriftsteller sei es, eine Menge Bücher zu lesen. An zweiter Stelle stehe die Beobachtung von Menschen. Plastische Beispiele könne man besser in Erinnerung behalten, außergewöhnliche, widersprüchliche, geheimnisvolle Erfahrungen mit Menschen gehören dazu. Später könne man dann vieles aus diesem Erinnerungsspeicher abrufen.
James Joyce definierte Fantasie als „Erinnerung“. (Kap. 4)

Im Laufe der Zeit habe sich eine gewisse Methode des Schreibens herausgearbeitet. Regelmäßigkeit spiele dabei eine Hauptrolle. Er schreibe täglich 10 Seiten - „ohne Hoffnung, ohne Verzweiflung“ (S. 109).
Ist ein Roman geschrieben, folgten nach einer kurzen Erholungsphase mehrere Durchgänge, also mindestens drei Überarbeitungen. Dabei sei seine Frau die erste Kritikerin, und es könne dabei sehr lautstark zugehen. (Kap. 6)

Haruki Murakami ist Marathonläufer. Er läuft auch jetzt noch, mit 67 Jahren, täglich eine Stunde. Einen Roman zu schreiben, sei eine „einsame Tätigkeit“ (S. 128) Man brauche sehr viel Durchhaltevermögen, und das könne durch Körperertüchtigung erreicht werden.
„Wenn ein Autor Fett ansetzt, ist er am Ende.“ (S. 131)
Einmal im Jahr läuft Murakami noch einen Marathon, damit physische und spirituelle Kraft miteinander in Einklang stehen können. (Kap. 7)

Natürlich fragt man sich als Schriftsteller, ob die Schule vielleicht einen Einfluss auf die Wahl eines solch ausgefallenen Berufs habe.
Murakami ging als Kind von Lehrer-Eltern nicht gern zur Schule. Lesen war seine liebste Beschäftigung. Alles mechanisch gelernte Wissen, so stellt er fest, verschwinde nach kurzer Zeit in einer Art „Friedhof des Wissens“ (S. 150). Warum sollte sich dann ein vernünftiger Mensch damit beschäftigen!
Ganz wichtig sei es, - und das ist die Folge einer sehr intensiven Lektüre - „den eigenen Standpunkt aus mehreren Perspektiven zu betrachten … die Welt nimmt an Plastizität und Flexibilität zu.“ (S. 162)
Sein Wunsch ist, dass die Fantasie der Kinder in der Schule nicht erstickt werde. (Kap. 8)

Am wichtigsten sind natürlich die Figuren des Schriftstellers.
Murakami bestreitet, dass seine Figuren reale Vorbilder hätten. Sie entwickeln sich ganz spontan im Zuge der Handlung, wobei den Autor oft das Gefühl überfällt, sie gestalteten sich selber und er brauche sie nur zu entdecken.
Wichtig sei es, dass auch negative Charaktere auftreten.
Wichtig sei die Erzählperspektive und die Namengebung.
Schreibe der Autor nicht in der ersten Person als ICH, entwickelten die Figuren ein Eigenleben, „nehmen den Autor fast an die Hand und führen ihn in völlig ungeahnte Gefilde.“ (S. 179)
Dem Fluss der Imagination zu folgen, sei „eine der großen Freuden des Romanschriftstellers.“ (S. 183; Kap 9)

Als Laie meint man oft, der Schriftsteller schreibe für den Leser. Oft identifiziert man sich mit einer seiner Figuren und stellt damit eine enge Beziehung zum Autor her. Aber Murakami schreibt im 10. Kapitel, er schreibe „vor allem für [sich] selbst.“ (S. 185). Er erkennt die therapeutische Energie, die im Schreiben steckt. Widersprüche, Brüche, Zerrbilder, die sich in der eigenen Seele festgesetzt haben, können aufgelöst oder zumindest sublimiert werden. Sein höchstes Ziel bleibt jedoch: Freude an der Arbeit zu haben.

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Ein sehr persönliches Nachwort sei mir erlaubt.
Lange wunderte ich mich darüber, dass mich dieser exzentrische Schriftsteller aus einem ganz anderen Kulturkreis beinahe magisch anzog.
Als ich vor Kurzem Haruki Murakamis Horoskop machte
(12.1.1949), stellte ich fest, dass er im Zeichen Steinbock geboren war und sein Jupiter direkt auf meiner Sonne stand .

Wenn man nun dieses sehr persönliche und vorerst letzte Werk von Murakami liest, stößt man immer wieder auf eine Selbstbeschreibung, die mit den Eigenschaften dieses Tierkreiszeichens frappierend korreliert:

Auf S. 19 beschreibt er den Typus des Schriftstellers als einen Menschen, der nicht den Fuji in der Ebene umkreist, sondern der die große Anstrengung nicht scheut, auf den Gipfel zu steigen (S. 19).
Schriftsteller müssten eine „konsequente Beharrlichkeit“ haben, um sich über lange Zeit „einer einsamen Beschäftigung“ zu widmen (S. 21)
„Ich arbeitete rund um die Uhr und ertrug [die Kritik] einfach schweigend.“ (S. 26)
Er sagt von sich, er sei „kein leutseliger und geselliger Charakter … „ (S. 31)
Er wolle das Wesentliche akzentuieren, „alles vereinfachen“ ...“ (S: 76), „ den gesunden Ehrgeiz nicht verlieren ...“ (S. 98)

Und Arbeit sei ihm ein Synonym für Freude. (S. 193)

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„Ich schlief und träumte, das Leben sei Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“ (Rabindranath Tagore)

© ez

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