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Eins - im Leben und Tod

19.07.2017, 15:03 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Eins – im Leben und Tod

Da geht sie gebeugt mit einem kleinen Bündel in der Hand. Es sind ihre Zwillinge, ein Mädchen und ein Junge, und sie hat sie gerade mithilfe einer jungen Frau auf die Welt gebracht. Schöne Kinder, lebendig, aber ohne Vater. Der Vater war einer jener Bettelmönche gewesen, den sie in ihre Hütte eingelassen und ihm eine Suppe angeboten hatte. Sie hatte ihm gefallen, die junge Frau, und als er sich über sie beugte und auf den Boden legte, hatte sie sich nicht gewehrt. Sie hatte es einfach über sich ergehen lassen, denn sie wusste, dass es ihre Aufgabe war, Männern das Leben zu erleichtern. Oft waren solche Männer in ihren Kutten von den hohen Gipfeln herabgekommen, eher Greisen ähnlich, mit langen zerzausten Haaren und fiebrigen Augen, und wenn sie ihren Durst gestillt hatten, wollten sie die Nähe einer Frau spüren. Sie wusste, dass es ihnen nicht erlaubt war, aber sie ahnte, dass hinter dem Zwang auch ein Geheimnis verborgen war, das sich nur jenen erschloss, die sich ganz dem Pfad hingegeben hatten.
Die jungen Mönche nahmen sich, was ihnen nicht verwehrt wurde.

So hatte Tian nun ein Zwillingspärchen zur Welt gebracht; sie waren beide winzig, und sie wusste nicht, ob sie es schaffen würden, unter den Lebenden zu bleiben. Ihre Helferin hatte ihr eine Adresse gegeben: eine christliche Gemeinde in der nächsten kleinen Stadt, die auch elternlose Kinder aufnahm und in einem Heim erzog.. Dahin wollte Tian gehen. Sie hatte beiden die Brust gegeben und wurde von ihrer Helferin begleitet. Sie machten oft Halt unterwegs, bekamen von den wenigen Touristen mitunter eine Münze zugesteckt, und einmal nahm sie ein klappriger Wagen eine Strecke mit.

Als sie in die Stadt kamen, fragte Tian nach den Christen. Man zeigte ihnen den Weg hinunter, und bald sahen sie ein kleines Haus, das auf seinem Giebel ein Kreuz trug. Sie wagten es nicht zu läuten. Sie stellten einfach den kleinen Korb vor die Haustür und versteckten sich hinter einem mächtigen Baum in der Nähe.

Die beiden Babies wachten auf, und als sie weinten, öffnete sich die Tür, und eine ältere Frau kam heraus, schlug die Hände über dem Kopf zusammen, hob den Korb hoch und trug ihn in die Wohnung.

Tian schluchzte, aber sie hätte beide nicht ernähren können, sie war eine einfache Näherin, die nur ab und zu ein Scherflein verdiente. Sie schämte sich dennoch, dass sie ein Teil von sich einfach abgegeben hatte – aber vielleicht waren es ja gute Hände.

Sam und Elisa kamen in ein Haus, wo es bereits ältere Kinder gab. Sie erregten Aufsehen, weil sie sehr ähnlich aussahen und aneinander hingen wie die Kletten. Sie zu trennen, war nahezu unmöglich, es löste immer Probleme aus, zunächst ein Verstummen, dann einen Zornausbruch. Wer wagte es nur, sie auseinanderzudividieren, sie waren e i n e Person, vom Schicksal zusammengeschweißt. Wenn es Sam gut ging, ging es Elisa auch gut, wenn er krank war, wurde sie aus Kummer auch krank. Sie waren wie ein Klang mit seinem Echo. Etwas stärker war Elisa, und das kam daher, dass sie ein paar Minuten älter und ein paar cm größer war. Sie war in allem Sams Vorbild.

Beide waren intelligent und besuchten bald die christliche Schule, wo man ihnen erlaubte, gemeinsam in eine Klasse zu gehen, obwohl die Trennung der Geschlechter an der Schule vorgesehen war. Wieder war es Elisa, die auch hier die Stärkere war, die mehr Ausdauer hatte, die mehr ertragen konnte, die ihre Ziele hartnäckig verfolgte. Sam brauchte sie, er, der keine Mutter hatte, brauchte sie als Ersatz. Sie liebten sich so sehr, dass sie ohne Mahlzeiten hätten leben können. Es genügte, den anderen zu sehen, seine Stimme zu hören, sein Lächeln zu erwidern, um in einer Hülle von Zärtlichkeit einzutauchen. Sie waren e i n s im Geiste, von den Eltern verlassen, dem Leben überlassen, sich selber hingegeben.

Als sie volljährig waren und in Madras studieren sollten, begegneten sie ihrem Lehrer, der einer alten priesterlichen Familie entstammte. Er lehrte sie die alte heilige Sprache Sanskrit, und sie lasen gemeinsam die alten geheimen Texte.
Aber es gelang Sam nicht, mit seiner Schwester Schritt zu halten. Da er von Stunde zu Stunde mit seinen Leistungen nachließ, riet man ihm, Mönch zu werden und in das Kloster in der Stadt einzutreten.
Sie wussten, dass das für sie beide das Ende bedeutete, aber es gab keine Möglichkeiten des Aufschubs.

Eines Tages trafen sich beide am Fluss, entledigten sich ihrer Kleider und schwammen, bis ihre Kräfte nachließen und ihre jungen Körper ans Ufer geschwemmt wurden, lächelnd und ineinander verschlungen lagen sie im roten Sand, e i n s geworden wie zuvor.

© est

10 Kommentare

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Hallo liebe Edith,
danke für die Geschichte. Sie zeigt, wie wir denken... eigentlich sind wir doch alle EINS. Jedoch in unserem niederen Denken fühlen wir uns getrennt. Die Beiden konnten sich nicht als EINS betrachten, so dass sie den Freitod wählten. Es war ihr niederes denken welches sie das tun ließ. Hätten sie sich WIRKLICH EINS gefühlt, hätten sie weiter leben können. So denke ich...
Lieber Gruß an dich
  • 20.07.2017, 16:27 Uhr
  • 0
Liebe Sylvia,

Deine Interpretation ist recht interessant.
Ich weiß nicht, ob eine biologische Trennung für Zwillinge auszuhalten ist. Diese hier wählten den Freitod.

Die Entstehung dieser Geschichte hat mich selber verblüfft.

Mehr kann ich öffentlich nicht dazu sagen.
  • 20.07.2017, 17:32 Uhr
  • 0
Über die Entstehung der Geschichte weiß ich natürlich nichts, das ist klar.-

Mit dem denken der Theosophie aus habe ich das so empfunden. -
Die Beiden haben ihren Willen und ihr Wollen benutzt um beieinander zu sein im Physischen, bis zum physischen Tod. Dabei sind sie doch immer beieinander, oder? ALL-EINS
Trennung denke ich, ist möglich, da doch jeder SEINEN Weg gehen kann und soll. Das zeigen doch die Anlagen die sie mitgebracht haben.
So geht es uns Allen. Das berühmte K.... was wir mitbringen.
  • 20.07.2017, 17:51 Uhr
  • 1
Ja, Sylvia,
freue mich, einer Theosophin zu begegnen. Die sind hier EInzelexemplare, die sonst niemand versteht.

Die Geschichte ist per 'telepathischer Übermittlung' entstanden und bezieht sich auf eine frühere Inkarnation.
  • 20.07.2017, 17:56 Uhr
  • 1
Verstehe, liebe Edith.
Es ist nicht einfach, aber ich versuche es einfach und verständlich auszudrücken, wenn ich den Menschen von "diesen Dingen" erzähle.

Letztlich geht es doch immer um unser Denken und wie wir damit das Leben gestalten und es uns dann "trifft".

Ein guter Freund hat einmal gesagt, dass wir nicht erwarten können, dass uns die Menschen alles glauben und auch alles verstehen. Aber das macht nichts. denn sie haben zumindest einmal davon gehört... in dem Sinn: steter Tropfen....
wir haben ja auch mal klein angefangen, in einem unserer Leben die wir schon hatten, und nun wissen wir und können auch schneller verstehen.

In dem Wort von A. de Saint-Exupery ist das gut ausgedrückt:
Der Mensch wird nur die Welt gewahr,
die er schon in sich trägt.

Gibt es denn hier überhaupt noch Theosophen?

In dem Sinn, hab einen schönen Abend und alles Gute dir
  • 20.07.2017, 18:08 Uhr
  • 1
Das wünsch ich Dir auch, Sylvia, und ich freue mich, nun zu zweit zu sein

Es gibt übrigens einen kanadischen Zweig: www.germanussanctus.com
Dr. Mau, der Sekretär, hat eine erstaunliche Biographie ... und es gibt sehr schöne Webinars.

Ich bin auf der Suche nach der Identität von Justin Moreward Haig ("Der Eingeweihte") auf diese Seite gestoßen.
  • 20.07.2017, 18:19 Uhr
  • 0
Hallo Edith,
gern schau ich mal auf die Seite, die du angegeben hast.

Ja, die Bücher kenne ich von Cyrill Scott, sehr eindringlich und gut geschrieben. Wobei ich den ersten Band bevorzuge, da dort mehr von dem Wissen steht und viel intensiver,
oder liegt es nur daran, "dass sie auf dem Weg sind?"

Wenn du einmal ein ebenso schönes und gut zu lesendes Buch lesen möchtest, welches du auch anderen Menschen, die noch nicht so erfahren sind, aber an den Dingen interessiert, zukommen lassen möchtest, dann kann ich dir das Buch "der Traumhändler" empfehlen von Augusto Cury.
Trotzdem ich ja nun schon sehr viele Jahre dabei bin, hat mich dieses Büchlein wirklich beeindruckt, wie einfach und mit viel Witz dort drin das gute und richtige Denken und Handeln erklärt wird.
Es handelt von einem Meister, der auf der Straße seine Schüler einsammelt und ihnen dabei guten Anschauungsunterricht gibt.

Übrigens, sind wir hier schon des Öfteren aufeinander gestoßen und ich habe dich auch in meiner Kontaktliste. Jedoch bin ich nur noch wenig hier, da ich Anderes als z. Zt. wichtiger erachte für mich und mich damit beschäftige.

Ja es ist gut, aber auch traurig, dass wir nur so Wenige sind mit unseren Interessen.
Doch ich denke die Menschen kommen auch ALLE dort hin, wenn auch auf Umwegen oder auf anderen Wegen, am meisten jedoch weil das der Plan ist und es keinen anderen Weg gibt. Auch die Möglichkeit des Leides... wie es so schon heißt: 3 Wege gibt es....

Einen wunderschönen Tag dir noch und liebe Grüße lasse ich dir hiermit zukommen
  • 21.07.2017, 13:41 Uhr
  • 0
Sylvia,
recht vielen Dank für die Erinnerung, dass wir uns eigentlich kennen.
Meine Kontaktliste ist mittlerweile so umfangreich geworden, dass ich sie gar nicht mehr berücksichtigen kann. Kontakte ergeben sich einfach aus dem Gespräch.
"Der Traumhändler" - das kenne ich tatsächlich nicht, werde es mir besorgen.

Wenn ich Dich lese, spüre ich diese Vertrautheit ganz deutlich.
Das Problem bleibt jedoch , dass die meisten Menschen es nicht akzeptieren würden, dass jemand schon in seinem früheren Leben Dinge gelernt hat, die er nicht kennt.
Da kann man dann mit Sicherheit den Vorwurf, man sei arrogant, erwarten.

Dabei ist es nichts weiter als ein chronologisches Merkmal, kein qualitatives.

Inzwischen freie ich mich über Zustimmung oder Offenheit, und Kritik erreicht mich fast gar nicht mehr.
Alles hat seine Zeit. Und andere müssen auch auf 'ihre Zeit' warten.
  • 21.07.2017, 14:21 Uhr
  • 0
Ja liebe Edith,
da gebe ich dir bei Allem, was du geschrieben hast, meine Zustimmung. Es ist nicht einfach für die Menschen etwas Neues anzunehmen, aber ich denke wir waren mal genauso. Erst bei stetiger Wiederholung und "dranbleiben" kommt der Mensch zur "Einsicht". Aber auch wie meist durch Leiderfahrung. Wie schön, dass wir wissen, dass alles Negative das uns erreicht, zu unserem Heilwerden dient.
Gern arbeite ich mit der Spiegelgesetzmethode, da kann ich den Menschen auch mal erklären wie und was sie damit anfangen können. Am Besten geht das durch Beispiele, die das Leben ihnen beschert.

Weißt du, ich habe es mir auch abgewöhnt zu wollen, dass alle Menschen mich mögen.
Habe gelernt, dass es auch wichtig ist, manche (oder viele) von denen liebevoll los zu lassen, weil sie für sich selber im Zusammenhang mit mir und für mich nicht mehr wichtig sind.
Das tut soooo gut.

Freue mich für dich, dass auch du weniger für Kritik anfällig bist.
Denn wenn wir alles Negative annehmen, dann machen wir ja die Probleme der Andern zu unseren. Das ist doch auf keinen Fall, was sein soll.
Konzentration auf den rechten Weg, das ist unser!
Lieber Gruß
  • 23.07.2017, 16:51 Uhr
  • 1
Ja, Sylvia,
Du kennst sicher auch die Bände von Djhwal Khul, die Alice Bailey empfangen hat (Bücher der ARKANschule).
In einem Band findet man den Hinweis, dass der Mensch die 4 wichtigen Stationen Jesu, Taufe, Verklärung, Kreuzigung, Auferstehung '
nachvollziehen' muss.
Damals, als ich das las, habe ich es nicht verstanden. Jetzt aber schon.

So hat alles seinen tiefen Sinn, gerade auch die Erfahrung, gar nicht verstanden zu werden.

Dafür habe ich einen Kreis lieber Menschen im realen Leben, und es gibt auch hier immer wieder großartige Überraschungen. Z.B. auch die Begegnung mit Dir!
  • 23.07.2017, 22:07 Uhr
  • 0
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