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Über das Schräge in der Welt

Über das Schräge in der Welt

12.11.2017, 00:09 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Eine launige Betrachtung dessen, was schief laufen kann:

Vor kurzem stieß ich in einem Beitrag auf einen Begriff, der mir schon häufig genug begegnet ist, um auch bei mir Teil meines Alltagswortschatzes geworden zu sein. Die Rede ist von einem 'schrägen Vogel'. So nennt man schon mal etwas abschätzig oder ironisch Menschen, die – sei es in ihrem Äußeren oder in ihrem Verhalten – 'anders sind', nicht normal, die auffallen, weil sie etwas an sich haben, was Aufmerksamkeit erregt.

In seiner Grundbedeutung bezeichnet das Beiwort 'schräg' zunächst einmal die Abweichung von einer horizontalen oder vertikalen Linie. So gesehen wäre 'schief' das passende Synonym für 'schräg'. Wir sprechen von einer 'schiefen Ebene', wenn sie abschüssig ist, und der Turm von Pisa ist 'schief', weil er nicht lotrecht dasteht. Dennoch käme man nicht auf die Idee, beide 'schräg' zu nennen. Semantisch sind die beiden Wörter wohl doch nicht deckungsgleich.

Die Adjektive 'schräg' oder 'schief' bekommen übrigens nur dann ihren eigentlichen Sinn, wenn sie in Bezug gesetzt werden zu einem gegensätzlichen Begriff, wie z.B. 'horizontal' oder 'senkrecht'. Schief ist der Turm von Pisa lediglich im Verhältnis zum Rest der Welt.

Seltsam finde ich, dass bei der 'schiefen Ebene' der Blick fast immer nach unten geneigt scheint. Das Licht des Mondstrahls fällt schräg auf die Erde. Würde man auch einen ansteigenden Weg als 'schief' oder 'schräg' bezeichnen? Wohl eher nicht. Das 'Schräge' beinhaltet offenbar auch eine Lageveränderung von oben nach unten, nicht aber umgekehrt.

In zahlreichen gebräuchlichen Wendungen begegnet uns das Adjektiv 'schräg' in seiner übertragenen Bedeutung. wie im oben genannten Beispiel. Der schräge Vogel ist nicht wirklich schräg, schief oder uneben, sondern nur nicht so, wie du und ich. Er ist ein besonderer, ein absonderlicher Vogel, Und ein Vogel ist er auch nicht, denn niemand würde auf die Idee kommen, eine Schwalbe oder einen Adler 'schräg' zu nennen.

Das im übertragenen Sinne Schräge, also Abartige, Anormale, wird deutlich, wenn wir uns vergegenwärtigen, was alles 'schräg' sein kann. Es gibt den 'schrägen Blick', den wir jemandem zuwerfen, dem wir nicht recht vertrauen können, oder der uns irgendwie verdächtig vorkommt. Ein solcher Mensch kann uns dann auch meistens nicht 'gerade in die Augen, ins Gesicht schauen', und wer Letzteres kann, zieht keine schrägen Blicke auf sich. Ein 'gradliniger' Mensch, der also nichts Schräges an sich hat, hat auch keine 'schrägen' Gedanken oder Ansichten. Wird man von jemandem schräg angeschaut, empfindet man das als unangenehm und geht ihm aus dem Weg.

Trägt jemand 'schräge' Kleider, dann sind diese entweder von einem ausgefallenen, also ebenfalls 'schrägen' Designer oder aus der Altkleidersammlung. Es kann aber auch daran liegen, dass der auffällig Gekleidete einen 'schrägen' Geschmack hat, Ein 'schräger Typ' favorisiert schon mal 'schräge Musik', gespielt von einer Band, die 'schräge Töne' von sich gibt. Geht es also um Geschmacksfragen, dann nähert sich das Wort 'schräg' immer mehr der Bedeutung von ',
absonderlich, befremdlich, bizarr, eigenartig, merkwürdig schrill, skurril, seltsam, sonderbar, ungewöhnlich, unpassend. Und 'schräge Musik' ist in der Regel auch dissonant.

Wird nun alles, was im übertragenen Sinne 'schräg' ist, als unangenehm, unschön oder gar hässlich empfunden? Aus den aufgeführten Beispielen könnte man diesen Eindruck gewinnen. Sehen wir uns in der uns umgebenden Welt um, dann gibt es dort kaum etwas, was nicht in irgendeiner Weise 'schräg' – also nicht grade oder eben – ist. Ich glaube, es waren bildende Künstler, die zuerst darauf aufmerksam machten, dass in der Natur das Ungerade, das Krumme, das Unebene, das nicht Gleichförmige die Regel ist und nicht die Ausnahme.

Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, ist es doch gerade das Ungewöhnliche, Überraschende, nicht irgendeiner Norm entsprechende, manchmal auf den ersten Blick abwegig und verstörend Erscheinende, welches unsere Welt und unser Dasein, unser Leben interessant und abwechslungsreich macht. Wenn uns etwas zu schräg, zu schief, vorkommt, können wir versuchen, es gerade zu rücken. Nicht immer gelingt uns das. Und wo es uns gelungen ist, stellen wir nachher oft fest, dass uns das 'Schräge' doch besser zusagte.Wo allerdings etwas ganz und gar schiefläuft, wo also etwas aus der Balance gerät, wo etwas 'krumm läuft', kann es doch nötig werden, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Eine 'Unwucht' bringt ein Rad zum Taumeln, stört den Gleichlauf.

Ja, es ist schon eine 'schräge' Welt, in die uns das Schicksal hineinversetzt hat. Sie hat scharfe Ecken und Kanten, an denen sich der leicht verletzen kann, der nicht auch ein bisschen 'schräg' ist. Das Schräge ist nun mal Bestandteil dieser Welt. Also tun wir gut daran, uns damit abzufinden.

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47 Kommentare

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Gerade irgendwo geklaut:
"Steigungen sind nichts weiter als Anomalien im Gefälle!"
  • 16.11.2017, 10:49 Uhr
. in der Wirtschaft spricht man dann schon mal vom 'Negativ-Wachstum'.
  • 16.11.2017, 13:32 Uhr
eine schräge Wirtschaftslage.
Gut, dass die Verantwortlichen sich nicht damit abfinden, und gegensteuern
  • 16.11.2017, 13:51 Uhr
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Danke ,Meine Quintessenz ist , "ständig angepasste Leute haben keinen Mut. Es ist doch viel einfacher mit dem Strom zu schwimmen."
Mein meistgehasstestes Wort ist z.B. "man".
"Man muss schön brav zu sein ,nur nicht mucken..." habe ich mal vor langen Jahren in einem Gedicht geschrieben.
Ich bin ein Idividium ,mich gibt es nur einmal. Da ich in einer Gemeinschaft lebe,muss ich mich gewissen gesellschaftlichen Normen und Regeln beugen,das ist klar.
Das geht aber nicht so weit ,dass ich meine Einmaligkeit nicht zur Schau stelle, wenn mir danach ist.
Ich bin und war schon immer eher ein "buntscheckiger" Hund , das ist nicht weit von schrägen Vogel entfernt. "Hoch lebe die Individualität. "
  • 12.11.2017, 11:40 Uhr
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Einen, nicht unmaßgeblichen Aspekt hast Du nicht erwähnt, Friedhelm.
Nämlich den Sitz einer Herren- Mütze.

Meine Mutter hat mich immer ermahnt: Setze die Mütze nicht schräg, sondern gerade auf.
Schräg bedeutete für mich damals so viel wie kühn.

Die Abneigung meiner Mutter gegen "schräge Mützen" hatte einen besonderen Hintergrund.
  • 12.11.2017, 11:05 Uhr
und der wäre
  • 12.11.2017, 11:08 Uhr
Weil sie anfangs keine Abneigung gegen Gerade-Mützen-Träger hatte.
Das hat sich dann geändert.
Aber die Abneigung gegen Schräg-Mützenträger ist ihr geblieben.
  • 12.11.2017, 11:30 Uhr
Schräg-Mützenträger waren meiner Oma auch suspekt, sie meinte dahinter verstecke sich ein Frauen-Belästiger und Nichtsnutz.
  • 12.11.2017, 13:30 Uhr
Hoffentlich hast Du das Vorurteil Deiner Oma nicht übernommen.
  • 12.11.2017, 13:50 Uhr
Übrigen, bei denen, die ich meine, hat sich nur der Linzer Skorzeny getraut, die Mütze schräg zu tragen.
  • 12.11.2017, 13:53 Uhr
Wie trägst Du Deine Mütze?
Meine Mutter:
Sag mir, wie du deine Mütze trägst und ich sage dir, wer du bist
  • 12.11.2017, 13:56 Uhr
Vielleicht weil Skorzeny Österreicher war und seines hohen SS Dienstgrades wegen?
  • 12.11.2017, 16:12 Uhr
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Friedhelm,
Wenn es hier schon um die deutsche Sprache geht:

Du hast hier keine "launische Betrachtung" veröffentlicht, sondern eine "launige" Betrachtung...

Mir als eher sprachlich Unbegabtem ist das auch nur aufgefallen, weil wir am Gymnasium einmal eine "launigen" Aufsatz schreiben sollten und ein Mitschüler eben einen "launischen" Aufsatz abgegeben hat - wofür er prompt eine Fünf kassiert hat.
  • 12.11.2017, 10:55 Uhr
Ups ! In der Tat, Volker, ein typischer 'lapsus linguae' ist mir da unterlaufen, der unbedingt einer Korrektur bedarf.
'Launische' Beiträge gibt es hier im Übermaß - 'launige' nicht so häufig. Danke für den Hinweis.
  • 12.11.2017, 11:20 Uhr
Korrektur ist erfolgt !
  • 12.11.2017, 11:38 Uhr
Ich kenne Deine Körpergröße nicht, Edith, aber so hoch hatte ich doch die Messlatte gar nicht gesteckt, dass auch Du nicht mit Leichtigkeit darüber hinwegblicken könntest.
  • 12.11.2017, 16:32 Uhr
Edith,

Was den "Schriftsteller-Aspekt" betrifft:

Wie an anderer Stelle grade erwähnt finde ich es wichtig, sich nicht selber zu beurteilen sondern sich von anderen, von Fachleuten beurteilen zu lassen.
Ich wurde diesbezüglich im Gymnasium geprüft, von Lehrern, die Germanistik studiert hatten, und ich war immer froh, mit einem "ausreichend" beurteilt zu werden. "Befriedigend" war schon ein seltenes Highlight.
Insofern ist das Horoskop zwar schmeichelhaft, jedoch unzutreffend.

Ich hatte ja auch oben geschrieben, warum mir der Unterschied launig/launisch aufgefallen ist. Hätte es besagtes Schulaufsatz-Thema und das Missverständnis meines Klassenkameraden nicht gegeben, wär mir das im Leben nicht aufgefallen.
  • 12.11.2017, 18:56 Uhr
Volker, Deine Bescheidenheit ehrt Dich - und daher möchte ich auch Deinem ehemaligen Deutschlehrer dankbar sein.
  • 12.11.2017, 19:00 Uhr
Is ja alles sehr interessant und lehrreich.
Bloss: das Thema hat nicht das Zeug für kontroverse Diskussionen. Drum wird sich die Unterhaltung wohl weiter so schleppend hinziehen und bald versiegen.
  • 15.11.2017, 11:59 Uhr
Diskussionen, die kein Ende finden, weil die Kontrahenten auf ihren jeweiligen Standpunkten beharren, können aber auch sehr nervtötend sein.
Im vorliegenden Falle ging es ja auch nicht um Meinungen über oder Berurteilungen von Sachverhalten, sondern um den Austausch von Wissen und Erfahrungen mit sprachlichen Eigenheiten. Das muss nicht jeden interessieren, kann aber!
  • 15.11.2017, 12:21 Uhr
Welchen Einfluss Sprache auf den Charakter haben kann - und auch umgekehrt - , das hat z.B. die deutsche Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling untersucht. Besonders interessant ist das, was sie in ihrem 2016 erschienenen Buch 'Politisches Framing' über die Sprache als Manipulationsinstrument ausführt.
Bei Youtube findet man zahlreiche Videos von Vorträgen, die sie zu diesem Thema gehalten hat.
  • 15.11.2017, 13:10 Uhr
Political Framing, wohlgemerkt, ist in jeder gewünschten politischen Himmelsrichtung möglich, von extrem links bis extrem rechts. Wenn man sich ein wenig damit befasst und darin übt, ist es nicht schwer, zu erkennen. woher der Wind weht. Also: uffbasse ! So manch einer, der geglaubt hat, ein halbvolles Glas gekauft zu haben, stellt erstaunt fest, dass es halbleer ist.
  • 15.11.2017, 17:29 Uhr
So anspruchslos bist Du doch sonst nicht, Edith !
  • 15.11.2017, 17:50 Uhr
Edith,
Das glaub ich sofort...

Im Übrigen nehm ich alles zurück: ist doch kein langweiliges Thema.
  • 15.11.2017, 21:34 Uhr
Nikolaus,

"Es ist ja eine einfache eine ganz banale Erkenntnis, dass es nicht nur darauf ankommt, was jemand sagt, sondern auch darauf, wie es jemand sagt. "

Es will mir in der Politik so vorkommen, als sei es sogar völlig unwichtig, was gesagt wird, ja sogar ob überhaupt etwas gesagt wird - es ist ausschliesslich das "wie" entscheidend.

Die Botschaft, die rüberkommt lautet immer öfter: guck mich an, ich trage Anzug und Krawatte, hör, wie ich rede: ohne regionalen Akzent, schön laut und deutlich und vor allem überzeugend klingend. Deswegen: vertrau mir einfach. Ich weiss sowieso besser Bescheid als du, ich mach das schon. Ich brauch nur dein Kreuzchen auf dem Stimmzettel.
  • 16.11.2017, 11:56 Uhr
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Hervorragender Beitrag

also ist "schräg" nicht etwas Besonderes oder Außergewöhnliches wie uns die Begriffe, "schräger Vogel", schräge Gedanken", usw. eigentlich suggerieren, sondern es ist in unserer Welt völlig normal

Das finde ich jetzt echt schräg

Dazu fällt mir eine Episode im Bus ein
Es war Mittagszeit und es waren viele Schüler auf dem Heimweg drin.
Eine Gruppe von 4t-Klässlern, alles Mädchen, warfen sich harmlose Wörter zu, dann kicherten sie. Wenn eine nicht mitkicherte, rief eine: "Denk schief!" und alle prusteten los
Das fand ich dann wiederum schräg
  • 12.11.2017, 10:34 Uhr
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am besten gefällt mir der Schlußsatz....
  • 12.11.2017, 09:56 Uhr
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Ein Beitrag, der mir wirklich gut gefällt.
  • 12.11.2017, 09:16 Uhr
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Klasse....also ist das horizontale Gewerbe auch kein "Schräges"
  • 12.11.2017, 06:04 Uhr
Diese Feststellung bringt mich zum Nachdenken. Vielleicht sollte ich einen Beitrag über das Widerspsrüchliche in der Welt schreiben.
  • 12.11.2017, 08:52 Uhr
Ich bin gespannt...
  • 12.11.2017, 08:53 Uhr
Nun muss ich achtgeben, dass ich nicht auf die 'schlüpfrige Schiene* gerate, daher versuche ich es mal ganz diskret:
Aufgeklärte Zeitgenossen wissen, dass die für das horizontale Gewerbe typischen Tätigkeiten nicht notwendigerweise in der Horizontalen stattfinden. Schräglagen (oder sollte ich besser von Positionen sprechen?) in jedem nur erdenklichen Winkel sind dort durchaus gang und gäbe. Und Schrägheit - auch im übertragenen Sinne - kennt keine Grenzen.
  • 12.11.2017, 09:49 Uhr
  • 12.11.2017, 10:29 Uhr
  • 12.11.2017, 10:37 Uhr
  • 12.11.2017, 12:18 Uhr
  • 12.11.2017, 13:41 Uhr
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Ich liebe deine schräge Philosophie! Es darf auch gerne ein bisschen mehr sein!
  • 12.11.2017, 06:04 Uhr
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