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Yaaba

Yaaba

13.07.2018, 02:35 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer



YAABA

Als ich ihr begegnete hatte sie gerade dieses fruchtbare Tal durchwandert und ausruhend auf einem morschen Stamm Platz genommen.
Ihre rechte Hand streichelte die Rinde des abgestorbenen Baumes. Sie schloss die Augen und streckte ihr Gesicht der Abendsonne entgegen. Sie schien nicht zu bemerken, dass ich mich neben sie setzte. Einerseits wollte ich nicht stören, andererseits zog mich sonderbar zwingend Neugier an. Überraschend erreichte mich die weiche Stimme der alten Wanderin:
„Viele Jahre bin ich gewandert. Über Höhen, die zu erreichen manchmal unmöglich erschien, über Berge, die ich mit der Leichtigkeit einer Gämse erklomm. Enge und weite Täler durchmaß ich, die manchmal fruchtbar, dann wieder endlos öde kein Ende nahmen.“
Sinnierend sprach sie weiter: „Manchmal begleiteten mich Kinder ein Stück meines Lebensweges.
Unwissend nannte ich sie „mein“. Sie lernten von mir wie ich von ihnen. Sie gingen von mir zur Zeit ihrer Reife.
Ich traf Menschen, mit denen ich Brot teilte, ohne dass sie mich kennen lernten, so wenig wie ich sie. Zu manchen sprach ich über mich, nicht von mir. Vertrauen mich zu offenbaren, fand ich nur in der Natur. Sie weiß, wer ich wirklich bin und mit ihr eins.
Unter vielen Dächern versuchte ich ein Zuhause zu finden. Vergeblich, die Räume blieben zu oft ‘leer’. Das sei im Leben so, wurde ich belehrt. Es habe keinen Sinn nach dem Warum zu fragen.
Man stünde am vorgegebenen Platz und ein Dach sei so gut wie jedes andere. ‚Schick dich drein, wir tun es alle, du bist doch nichts Besonderes.’ Warum ich ihnen glaubte, weiß ich heut’ noch nicht. Ergeben sah ich keinen Weg die ‘Räume’ selbst zu füllen. Wortkarg werdend, schnürte ich mein Bündel, Jahr um Jahr durchwandernd.
Ich sammelte Früchte, Beeren, Antworten. Derer gab es wenige, denn allerorten hieß es, keine Zeit für Humbug. Fragen sind lästig wie das Unkraut auf dem Feld, schweige, arbeite und gehe deiner Wege“
Kaum hörbar wiederholte die Wanderin, als wolle sie jedes Wort noch einmal schmecken: „Unkraut!?“ Dann nachdenklich Un…? Unrat, Untugend, Unwahrheit,
Unsinn, unerreichbar, unsagbar, unmenschlich, Unmensch Unkraut? Es gibt doch nur Kraut, kein Kraut ist un…!“
Ihre Worte verloren sich im beredten Schweigen der Natur. Die Sonne schien sich in die Tiefe des Horizontes zu kuscheln. Der Gesang der Vögel verebbte und ich fühlte mich gebannt in zartem Zauber.
Ruhig betrachtete ich das wettergegerbte Gesicht, wagte nicht die gläserne Stille zu zerbrechen. Viele Fragen brannten mir auf der Zunge. Vage jedoch fühlte ich, dass ich sie nicht laut zu stellen brauchte.
Die Freundin der Natur spannte die Schultern, stützte beide Hände auf dem Baumstamm ab. Die Füße mit schweren, verstaubten Wanderschuhen stellte sie bequemer nebeneinander. Welch unbändige Kraft strahlten Schultern, Arme und Hände aus! Die Züge um ihren Mund erzählten tausend Geschichten von Freud’, Leid, Verletzlichkeit, von Mühsal und Kampfesmut. Die vielen Runen unter kurzem, weißen Schopf sprachen von Trauer, Glück, von nie preis gegebenen Geheimnissen und Hoffnung auf fehlende Antworten.

„Ich bin Yaaba“, schreckte mich der nun lebhafte Ton ihrer Stimme auf. Sie legte den Kopf schräg und blinzelte mich an.
„Achtzig Jahre habe ich hinter mir gelassen!“ Der Ton ihrer Stimme kündigte Wichtiges an. „Heute feiere ich meinen Geburtstag und mein Geschenk ist die-ses wunderschöne Tal.“ Ihr Blick verlor sich in der Ferne.
Stunden schienen vergangen zu sein. Meine Gedanken kreisten um das beachtliche Alter dieser forschen Frau.
Als höre Yaaba meine Gedanken, sprach sie mit Schalk in der Stimme: „Wären diese achtzig Jahre Reiskörner, nicht ein Vogel würde an ihnen satt.
Seit heute weiß ich, dass alle Antworten in uns selbst begründet liegen. Nur brauchen wir eben manchmal achtzig Jahre sie zu finden.“
Unvermittelt wandte sie mir ihr Gesicht voll zu. Jede Spur von Müdigkeit war verflogen, ihre Augen strahlten.
Schelmisch verkündete sie: „Fast alle Menschen glauben, sie trügen ihr Schick-sal als schweren Packen auf dem Rücken durch ihr kleines Leben, haha und sprechen von ‘nem schweren Kreuz, dass sie zu tragen haben. Sie tun es freiwillig, und darum gehen so viele so gebeugt! Sie glauben, sie seien alt, nur weil die Jahre es so sagen und weil es angeblich stets so war. Welch ein Trick, mit dem man uns hunderte von Jahren weis machen wollte, Leben ginge zu Ende. Und viel verrückter, wir glauben es bis heut‘.
Heute Morgen begrüßte ich den Baum, unter dessen Dach ich schlief. Dreihun-dert Jahre mag er zählen, oder mehr. Mit meinem Rücken lehnte ich an seinem Stamm, im Zwiegespräch.
Ach, jammerte ich, nun liegen achtzig Jahre hinter mir. Oh weh. So viele Ant-worten will ich doch noch finden, wo bleibt die Zeit?
Der Morgenwind rauschte in der mächtigen Krone und mir war, als höre ich des Baumes Stimme.
„Auch ich bin in diesem Augenblick hinter dir, drehe dich einfach um. Du wirst mich vor dir sehen, wie deine achtzig Jahre auch und viele mehr. Wenn du das im Sinne der Natur verstehst, dann bist du frei! Erlausche in der Natur das Wesentliche. In ihr ist alles rhythmisch, zeitlos, unbegrenzt und möglich. Allein der Mensch begrenzt sich und das SEIN!“ Yaaba erhob sich fröhlich lächelnd.
Voller Energie nahm sie mit einer Hand ihr Bündel, mit der anderen strich sie mir sanft durchs Haar. „Also, du Tochter des Lebens, strahlte sie mich zuversichtlich an, „in kurzen achtzig Jahren ‚sehen wir uns wieder‘ und dann wirst du mir Vieles zu erzählen haben, bis ‚gleich’!“
Weiche Abenddunkelheit umhüllte sie, nahm sie mir aus dem Blick, doch nie mehr aus den Sinnen!

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17 Kommentare

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Du schreibst so bildhaft, das man sich mitten im Geschehen findet!
  • 13.07.2018, 15:08 Uhr
Besonders glücklich, mit Dank an Dich wize.life-Nutzer, macht mich, dass "mein" Mann mich ent-DECKTE. So kamen die Schubladenseelenkinder ein bisschen in die Welt!
  • 13.07.2018, 16:10 Uhr
  • 13.07.2018, 16:22 Uhr
  • 13.07.2018, 17:04 Uhr
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eins mit der Natur... mit sich... in sich...
  • 13.07.2018, 14:32 Uhr
Danke Sandra Vor 25 Jahren sah ich einen Film, der mit originalen Menschen eines Afrikanischen Dorfes gefilmt, deren Lebenalltags zeigte. Eine Alte Frau wurde als böse Zauberin verbannt, an den Rand des Dorfes. Sie hieß Yaaba (Großmutter) Nur ein kleiner Junge wusste, fühlte, dass sie das Gegenteil war. Er stahl Essen für sie und verbrachte mit ihr viel Zeit. Nach dem Film stieg diese fertige Geschichte in mir auf, Ich folgte nur meinem inneren Fühlen! Binnen kurzer Zei war sie fertig, musste nicht einmal überarbeitet werden. Ich war selber verblüfft!
  • 13.07.2018, 14:54 Uhr
schön - dass aus diesem Film und deinem Fühlen solch ein Text entsteht
  • 13.07.2018, 15:12 Uhr
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Weisheit pur , wunderschön in Worte gefasst. Danke, liebe Frauke.
  • 13.07.2018, 08:39 Uhr
Liebe Edith, mein Mann hat öfter mal gefragt: Wer da wohl durch mich hindutch schriebe!? Sei es auf einer Serviette im Restaurant, oder auf Papierhandtüchern auf den Gasttoiletten. Wir haben oft gelacht, wenn die innere Sektflasche den Korken raus schoss!!!! Er war dann einfach still. Und pssssstttt........, manchmal ein wenig eifersüchtig.
  • 13.07.2018, 15:00 Uhr
Ja, Frauke, das wäre/ist die Erklärung. Das ist eigentlich das Geheimnis alller Kreativität, weil sie uns g e s c h i e h t. Unser Anteil ist nur die Offenheit (und ein paar Leben).

Und das Wichtigste, Dein Mann hat es zugelassen ... welche großzügige Intelligenz!!!
  • 13.07.2018, 15:43 Uhr
Und was ich auch interessant finde bei DIr ist die Zweipoligkeit. Du schreibst Gedichte, zum Teil sehr strenge klare Logik, Gedankenlyrik ... und in den Erzählungen bist du geradezu verschwenderisch emotional und so farbig im Ausdruck.
  • 13.07.2018, 15:45 Uhr
Vielleich hat sich der Zwilling in mir, mit unterstützender Waage, mein Mann und meine "ANTI"-Mutter waren beide Waage, untereinander abgestimmt, mich mit Melancholie, messerscharfem Verstand und Übersensibilität auszustatten! Sehr arbeitsintensive Gaben, mit sehr tiefen Felsspalten und manchmal zu weitem Horizont. Das hilft, um als freier Schmetterling über den Regenbogen zu flattern!
  • 13.07.2018, 17:25 Uhr
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Irgendwie erinnert mich so ein Getippsel an Hesse Siddhartha.
  • 13.07.2018, 03:03 Uhr
Das "Getippsel, N.M. stammt ausschließlich aus meinem kleinen reichen, Leben.
  • 13.07.2018, 15:03 Uhr
Sorry - Getippsel sollte nicht abwertend klingen. Siehs als Kompliment an, wenn ich deins mit Hermann Hesse vergleiche.
  • 13.07.2018, 15:51 Uhr
Ich habs verstanden wie es gemeint ist, als NICHT abwertend, keine Sorge.
  • 13.07.2018, 17:08 Uhr
Dieser Siddharta ist mein meist gelesenes Buch und hat mich nie wieder ganz losgelassen, seit ich es las. Ist wesentlich dünner als die Bibel oder Koran, aber steht für mich mehr sinnvolles drin. Auf jeden Fall im Vergleich zur Seitenzahl.
  • 13.07.2018, 17:14 Uhr
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