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Ein Ausnahme-Leben (Hanns-Josef Ortheil)

12.08.2018, 17:25 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Es war nicht der seltsame Titel "Erfindung des Lebens", der mich verlockte, das Buch zu kaufen. Auch der ungewöhnliche Name des Autors - Hanns-Josef Ortheil - löste keine Erinnerung an ein überwältigendes Leseerlebnis aus. Es war auch nicht die Signalfarbe, das Rot des Einbands, die mich in Versuchung brachte, das Buch zu kaufen. Jemand lieh es mir: Knapp 600 Seiten! In 20 Sprachen übersetzt, erfuhr ich von GIovanni di Lorenzo, der es als "überwältigendes Buch" gewürdigt hatte.

Der Inhalt lässt sich schnell zusammenfassen. Die zentrale Figur ist der Autor selber, der in Rom lebend, auf sein Leben zurückschaut. Ein Leben, so angefüllt mit tiefem Schmerz, brutalen Niederlagen und seligem, rauschhaftem Glück. Ein Ausnahmeleben, das nachzuleben, nachzuempfinden den Leser geradezu zwingt, weil der Autor so zu sprechen versteht wie kein zweiter, weil die Sprache die Geliebte geworden ist, die sich ihm endlich hingibt.

Johannes wächst in Köln auf. Er lebt mit seiner stummen Mutter in einer glücklichen Symbiose. Wenn der Vater abends von seiner Arbeit zurückkommt, erfährt er, was im Tagesverlauf geschehen ist, indem er die vielen Zettel liest, auf denen die Mutter alles akribisch vermerkt hat.

Der kleine Junge, der auch nicht spricht, hört die kräftige Stimme des Vaters, sieht seine liebevollen Gesten und fühlt sich geborgen.
Den ganzen Tag sitzt er am Fenster und schaut auf den großen ovalen Platz vor dem Kölner Wohnhaus hinab. Die Welt besteht aus Bildern, Vogelschwärmen, hastenden Menschen, hupenden Autos. Er, Johannes, hört alles, taub ist er nicht.

Eines Tages hält ein neues Möbelstück Einzug in ihre geräumige Wohnung. Es ist ein Flügel.
Mit diesem Flügel beginnt ein neuer Lebensabschnitt in der Familie. Eines Tages setzt sich die Mutter ganz unerwartet auf den Hocker und beginnt zu spielen.

"Heute weiß ich, dass ich einen stärkeren und schöneren Augenblick nie erlebt habe ... Jetzt spürte ich plötzlich das Leben, da war es, frisch, überwältigend, hinreißend ... es war wie eine Offenbarung ..." (S. 70f.)
Und danach das Entsetzen, dissonante Akkorde, Schreie und Schluchzen.
Johannes schleicht sich heran, krabbelt auf den Hocker, legt seine Hände auf die Tasten, 'spielt' zwei Stunden - und von nun an beginnt ein neuer Lebensabschnitt für ihn. Seine Mutter wird seine Klavierlehrerin, und er will ein großer Pianist werden, der auf diese Weise zu und mit den Menschen s p r e c h e n kann.

Mit 6 Jahren steht die Einschulung bevor, die zunächst ohne größere Probleme erfolgt. Das ändert sich jedoch im Laufe der Zeit, und bald erträgt Johannes die bösen Blicke der Mitschüler, den Spott und die offene Ablehnung des jungen Lehrers nicht mehr, man nennt ihn "eine blöde Sau, einen kompletten Idioten, der in die Klapsmühle gehört."
Schließlich schickt ihn der Lehrer mit der Empfehlung, eine Sonderschule zu besuchen, nach Hause.
Für Johannes ist das der erste absolute Tiefpunkt seines Lebens.

An diesem Abend erfährt der Sechsjährige von seinem Vater, dass er eigentlich 4 Brüder gehabt hätte. Zwei seien im Krieg getötet worden, zwei danach tot geboren. Irgendwann habe die Mutter aufgehört zu sprechen.

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Die Enthüllung des Familiengeheimnisses entlastet Johannes. Er freut sich nun auf einen längeren Besuch bei den Verwandten auf dem Lande. Es soll ein längerer Besuch werden, vielleicht auch ein Versuch, das KInd aus der Vereinsamung und Umklammerung durch die Mutter herauszuholen.
Der Vater, Geodät, durchstreift mit seinem kleinen Sohn das Land und beschreibt alles, was sie sehen, genau: "Das ist ein Baum", sagt er, und Johannes zeichnet in seine Kladde einen Baum.
"Das ist eine Weide ... und das ist eine Pappel ..." und Johannes zeichnet, hört die Worte und prägt sie sich ein.

Die Tage auf dem Land sind wunderbar. Morgens spielt er auf dem Klavier, während die anderen in der Küche und in den Ställen arbeiten, und nachmittags ist er mit dem Vater unterwegs.

So vergehen Wochen, und als eines Tages die Mutter zu Besuch kommt und das Kind sie im nahe gelegenen Bach nackt baden sieht, sie am Abnend am Flügel als Pianistin erlebt, fängt er plötzlich beim Abendessen an der langen Tafel zu s p r e c h e n an: "Da ist eine Suppenschüssel und daneben ist eine Suppenkelle. Da ist ein Unterteller ...(S. 236)

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Johannes kehrt nach Köln zurück, wird in einer anderen Schule aufgenommen, erhält einen berühmten Klavierlehrer, nimmt an einem Klavierwettbewerb teil, geht nach Rom, um am Konservatorium zum Pianisten ausgebildet zu werden. Seine Spielweise, seine Technik, sein vielseitiges umfangreiches Repertoire von Bachs Italienischem Konzert bis zur großen C-Dur-Fantasie von Schumann erregen überall Aufsehen. Man feiert ihn bereits als "Stern am Pianistenhimmel" ... und dann schlägt das Schicksal erneut zu: Er bekommt eine Sehnenscheidenentzündung am rechten Handgelenk, und die Ärzte raten ihm, seine Pianistenlaufbahn abzubrechen.

Wieder steht er vor dem Nichts, kehrt nach Hause zurück, plant nun, Kellner zu werden, bis ihn sein alter Klavierlehrer an seine Zettelkästen erinnert. Er solle doch mal sein Leben nacherzählen, meint er, verschafft ihm die Möglichkeit, an einem Lesewettbewerb teilzunehmen, und schon wird ein großer Verlag auf dieses Schreibtalent aufmerksam.

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Ein Ausnahme-Leben. EIne traumatisierte Familie, die erst buchstäblich den Schutt des Kriegs wegräumen muss, um das eigentliche L e b e n zu entdecken, das Glück, sich anderen mitteilen zu können, mit den Mitteln der Musik, der Sprache.

Heute gilt Hanns-Josef Ortheil, 65-jährig als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Seine Autobiographie wurde in 20 Sprachen übersetzt.

Ich habe dieses Buch erschüttert und gleichzeitig mit großer Bewunderung gelesen

(c) ez, "Erinnerungen, Betrachtungen, Träume", 2018.

4 Kommentare

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  • 12.08.2018, 19:49 Uhr
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Dies scheint ein interessantes Buch zu sein. Ich werde es mir kaufen. LG
  • 12.08.2018, 18:42 Uhr
Ich habe es zweimal gelesen, weil es mich so bewegt hat. Inzwischen hat er tatsächlich eine Karriere als Schriftsteller gemacht, mehrere Werke geschrieben, alle faszinierend, kommen aber an diesen Erstling nicht heran.
  • 12.08.2018, 18:47 Uhr
Das Buch macht mich neugierig und ich bin gespannt. Danke Dir.
  • 12.08.2018, 18:49 Uhr
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