wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

Mein Wort zum Sonntag: Was bringt 'positives Denken'?

News Team
26.05.2013, 20:51 Uhr
Beitrag von News Team

Vor einigen Jahren war die Methode des 'positiven Denkens' populär. Mit ihrer Hilfe sollten Pessimisten zu Optimisten werden und Optimisten noch glücklicher. Hübsche Idee - die Frage ist nur: Klappt das wirklich?

Aus empirischen Untersuchungen wissen wir, dass Optimisten mehr Abwehrstoffe besitzen, und schneller gesund werden. Pessimisten fangen sich leichter eine Grippe und laborieren länger daran. Schlimmer noch: Optimisten erreichen tatsächlich mehr im Leben, weil sie etwas ausstrahlen, was andere positiv stimmt, sodass sich ihnen mehr Türen öffnen als denjenigen, die griesgrämig, verzagt oder gar ängstlich anderen gegenüber treten. Soweit die Fakten.

Nun drehen die Anhänger des "positiven Denkens" die Sache um und sagen: Wenn du kein geborener Optimist bist (ja, auch sowas ist angeboren!), dann zwinge dich geistig dazu. Und da es um eine längerfristige Angelegenheit geht, musst du dich jeden Tag dazu zwingen. Was dir dabei hilft, ist lächeln.

Auch hier können sich die Verfechter dieser Eigentherapie auf empirische Fakten stützen. Tatsächlich hebt sich die Stimmung, wenn sich die Mundwinkel heben. Wir können also den Seelenzustand durch unsere Mimik beeinflussen. Zumindest vorübergehend. Aber auf Dauer? Und funktioniert die Sache auch bei unglücklichen oder gar depressiven Menschen? Da haben Untersuchungen gezeigt, dass die - scheinbar vernünftigen - Grundannahmen nicht mehr zutreffen. Ein ängstlicher oder unglücklicher Mensch wird durch positives Denken noch ängstlicher oder unglücklicher. Der Grund: Da die Methode ja angeblich funktioniert, bei ihm aber nicht, gibt er sich selbst die Schuld daran, aus seiner Misere nicht herauszukommen. Ich habe eben zu wenig positiv gedacht, denkt er, ich bin eben ein Versager. So schlägt ein scheinbar gutes Argument ins Gegenteil um.

Mehr Schein als Sein?

Dazu kommt noch etwas anderes. Positives Denken, an der falschen Stelle angewandt, ist wie eine Soße, die über eine verdorbene Speise geschüttet wird: Jetzt schmeckt die Speise zwar halbwegs, aber das verfaulte Zeugs ist immer noch da und rumort später im Magen. "Verdrängung" nannte Sigmund Freud das. Seine Methode, mit Kindheitstraumatas fertig zu werden: die alten Wunden wieder aufbrechen lassen, damit der seelische Eiter, der unter den Narben der Erinnerung verschütte liegt, endlich abläuft, sodass sich gesundes Gewebe neu bilden kann. So ähnlich arbeitet auch die Homöopathie: Erst muss sich die Krankheit entfalten, dann kann der Mensch gesund werden. Nicht immer hat die Methode Erfolg, aber wer die Vergangenheit verdrängt, hat später Probleme damit - was übrigens auch im politischen Bereich gilt.

Verdrängen von negativen Gefühlen hilft also nichts. Die Methode, wieder positiv zu werden, liegt darin, negative Emotionen - Schmerz, Trauer, Wut, Angst - voll zuzulassen. Nur auf diese Weise können diese Gefühle (die oft durchaus sinnvoll sind) auch wieder verschwinden. Und danach ist positives Denken angesagt: Such dir Methoden, mit deren Hilfe du deine Probleme lösen kannst - oder Menschen, die dir dabei helfen.
Möglicherweise haben aber auch die Verbreiter des positiven Denkens einen ihrer "Väter", den amerikanischen Schriftsteller Dale Carnegie (1888 - 1955), missverstanden. Der hat nämlich nicht gesagt: Denke jeden Tag, du bist der Größte. Carnegie hat etwas ganz anderes propagiert: Sieh in deinem Nächsten immer irgendetwas Gutes. Der "Nächste" muss nicht dein Partner sein. Es kann auch der Beamte sein, der dich abblitzen lässt; der überarbeitete Polizist, der dich anschnaubt; der Unbekannte in der Straßenbahn, der dir dienen Platz wegnimmt; vielleicht sogar dein Chef, der dich mobbt. Sie alle haben etwas Positives. Finde es und zeigt es ihnen. Danach geht es den anderen besser - und dir auch.

Das ist das wahre positive Denken!

31 Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
mit donald duck
  • 06.04.2014, 19:00 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Natürlich bin ich auch mal sauer oder traurig oder hab das Empfinden, hilflos zu sein aber nie lange.
Denn erstmal werd ich wütend - entweder auf mich oder dem Schuldigen.
Dann überlege ich, welchen Anteil ich an der Situation habe und was er mir für Vorteile bringt. (meist überwiegen die)
Dann freu ich mich lieber über die Vorteile anstatt weiterhin wütend aud etwas zu sein das eh nicht zu ändern ist.
  • 04.06.2013, 15:11 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
immer und immer nur positiv geht nicht.ist nicht die natur des menschen.es gibt gut und böse,wie positiv und negativ.richtig ist standpunkte zu haben.sich alles so einzurichten,daß das schöne überwiegt.nur sinds dinge von außen,dies wieder kippen.dann trotzdem weiter machen,nicht verzweifeln.die sonne geht wieder auf.und auch traurigkeit gehört zum leben.
  • 04.06.2013, 09:55 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
weiss ich, was mich wirklich begeistert? Kenne ich meine Talente? Liebst Du etwas an Dir?
Ach, Du merkst auf einmal, dass Du lächelst?
Na, das ging doch ohne Bekenntnis zu Positivem Denken
  • 02.06.2013, 10:10 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich habe ein bewegtes Leben mit mehr Tiefs als Hoch hinter mir, und ich kann nur sagen,daß mich diese positiv Denken Idee jahrelang aufgeregt hat. Ich bin ein Mensch, der jedes Ding von allen Seiten betrachtet, und auch im größten Unglück immer die schönste Seite der Sache nimmt. So kann man auch das größte Leid ertragen. Und der Lebensrucksack ist dann richtig gepackt, das verarbeitete liegt unten und gehört dazu, belastet aber nicht mehr, und das Neue ist ganz oben und wird noch bearbeitet. Mein bekam die Diagnose einer dominant vererblichen Demenzerkrankung, bei der das Gehirn langsam abstirbt, und bekommt dann zum Geburtstag von der Tante ein Buch über positiv denken. Da hat es bei mir erstmal ausgesetzt. Der war so sauer, ich konnte es verstehen.Gott sei Dank stellte sich nach 15 Jahren heraus, daß es eine Fehldiagnose war. Aber die 15 Jahre wäre uns Keiner willkommen gewesen der über positives Denken erzählt hätte.
  • 02.06.2013, 09:41 Uhr
Habe DeineAntwort erst heute gesehen, aber so kann ich das nicht stehen lassen. Ich bin schon zweimal von der Schippe gesprungen, das hat aber nichts damit zu tun, daß es völlig daneben ist, einem Menschen von dem man zu dem Zeitpunkt weiß, daß sein Gehirn langsam stirbt, ein Buch zu schenken daß er denken soll. Gerade das geht ja bei einem absterbenden Gehirn eigentlich nicht. Und der Gedanke diese Krankheit an die vier Kinder gegeben zu haben war mehr als belastend. Ich denke wirklich immer positiv, aber damals war jedes Mal wenn ich die Kinder angesehen habe diese Angst oder das Schwert über mir was aus denen werden soll. Dagegen waren meine zwei schweren Krebserkrankungen eigentlich gar nichts, die konnten mir keine Angst einjagen, weil ich vorm Tod einfach keine Angst habe. Aber daß Kinder die man grad erst geboren hat einmal so elendiglich enden sollten, das war schon sehr schwer zu ertragen, da half auch kein positives Denken mehr.
  • 18.06.2013, 23:44 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
ein klares "NEIN"
  • 01.06.2013, 01:22 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Positives Denken und Fühlen, ein Leben lang.
  • 27.05.2013, 00:57 Uhr
Leid und Schmerz lassen sich nicht leugnen, sind Bestandteil eines erfüllten Lebens, ebenso wie Freude und Glück.
Die Freuden des Lebens genießen, ohne sie festhalten zu wollen und die negativen Erlebnisse nicht abwehren, leugnen und ablehnen, das unterscheidet eine positive Lebenseinstellung vom Selbstbetrug des "Positiven Denkens".
  • 30.05.2013, 20:08 Uhr
Die Einstellung von Peter Hanausch teile ich auch. Eine positive Lebenseinstellung und liebe deinen nächsten wie dich selbst.
  • 31.05.2013, 12:27 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich bin zwar ein positiv denkender Mensch; aber ich habe auch das Sprichwort meiner Mutter nicht vergessen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Diese Ansicht hat sich durch meine Ausbildung und Arbeit als Rechtsanwalts-und Notargehilfin nur verstärkt.
  • 26.05.2013, 21:07 Uhr
Ja, Ulrike,
vorsichtig sein, da stimme ich Dir zu. Man kann nicht nur positiv denken, man muss sich mit den Gegebenheiten auseinandesetzen und abwägen. Wenn mir einer eine runtehaut, kann ich nichts Positives daran erkennen. Aber wo es angebracht ist, bin ich es.

LG

Ingrid
  • 04.06.2013, 09:04 Uhr
Liebe Ingrid, ich gebe Dir Recht; ich gehe meistens in Konfliktsituationen den unteren Weg - ich versuche immer, den guten Kern im Menschen zu sehen . . . aber das beinhaltet auch viele Enttäuschungen. Somit ist es richtig, dass man immer abwägen muss. LG Ulrike
  • 04.06.2013, 09:11 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Ich glaube nicht, dass unter positives Denken ein popeia gemeint ist und meine, dass Frau Vogel des richtig interpretiert hat.
  • 26.05.2013, 17:50 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.
Positives denken bleibt nur Makulatur, solange der Mensch sich selbst nicht liebt und die Anerkennung im Aussen sucht.
  • 26.05.2013, 12:53 Uhr
Hallo Brigitte,
Deine Kommentare finde ich ausgesprochen gut, Du stellt alles immer so wunderbar klar da. Auch hier hast Du den Nagel auf den Kopf getroffen, danke.

LG

Ingrid
  • 04.06.2013, 09:08 Uhr
Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren