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Solar-Industrie: das böse Wort der De-Industrialisierung

Solar-Industrie: das böse Wort der De-Industrialisierung

Hans-Herbert Holzamer
19.04.2012, 10:34 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Die Solarstrom-Erzeugung in Deutschland ist im ersten Vierteljahr 2012 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als 40 Prozent gewachsen auf insgesamt 3,9 Milliarden Kilowattstunden. Soll man da nicht jubilieren? Das entspricht dem Stromverbrauch von rund vier Millionen Haushalten. In den letzten drei Jahren wuchs der Solaranteil an der deutschen Stromversorgung damit von einem auf rund vier Prozent. Im gleichen Zeitraum ist es der Solarbranche durch eine Vielzahl von Innovationen und Rationalisierungsmaßnahmen gelungen, die Preise für schlüsselfertige Solarstromanlagen zu halbieren und damit die wiederholte Reduktion der Solarstrom-Förderung weitgehend zu kompensieren. Der weitere Ausbau der Solarstrom-Nutzung wirkt sich damit kaum noch auf die Verbraucher-Strompreise aus, erläutert Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Solarwirtschaft e.V. (BSW-Solar). Aktuell liegt der durchschnittliche Endkundenpreis für fertig installierte Solarstromanlagen bis 100 kWp Leistung bei 1.969 Euro ohne Mehrwertsteuer pro Kilowatt (1. Quartal 2009: 3.922 Euro).

Warum die Konkurse ?

Aber warum gehen dann hierzulande Firmen wie Q-Cells, Solar-Millennium und jetzt First Solar in Konkurs? Warum wird das Gespenst einer De-Industrialisierung der neuen Länder an die Wand gemalt? Es stimmt: Der internationale Wettbewerb in der Solarstrom-Branche hat sich in jüngster Zeit erheblich verschärft. Insbesondere in China wurden in den letzten Jahren staatlich gewollt gewaltige Produktionskapazitäten aufgebaut, erleichtert wesentlich durch sehr einfachen Zugang zu Kapital und besonders attraktive industriepolitische Rahmenbedingungen.

Aber das wissen wir doch: Die Globalisierung setzt die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie immer stärker unter Druck und führt zu einem scheinbar unaufhaltsamen industriellen Strukturwandel.

Da bieten sich nun vier Wege an

Da bieten sich nun vier Wege an: 1. Man bremst die Chinesen mit Handelshemmnissen aus. 2. Man subventioniert die heimischen Firmen. 3. Man ist in den umkämpften Bereichen Technologieführer und macht so die Produktionsvorteile der Chinesen wett. 4. Man gibt diese Technologie auf. Derzeit wird besonders heftig gegen den Subventionsabbau gewettert.

Natürlich es wäre sinnvoller, die Arbeitsplätze in Frankfurt/Oder und in Bitterfeld – Wolfen zu erhalten, als diese Leute mit Sozialleistungen zu alimentieren. Und vermutlich stimmt es auch, dass man nicht gesehen hat, dass die Solarwirtschaft noch nicht aus eigener Kraft laufen kann. „Der europäische Solarmarkt ist zum jetzigen Zeitpunkt ohne Förderung größtenteils wirtschaftlich nicht überlebensfähig", sagt Christopher Burghardt, Geschäftsführer der First Solar GmbH.

Falsche Subventionen

Aber es lohnt sich ein Blick darauf, was man in Deutschland subventioniert hat: Nicht die Entwicklung höchsteffizienter Module, sondern deren Zusammenschrauben, um möglichst viele Menschen in Bort zu bringen. Dies hat einen Markt geschaffen, den es sonst nicht gegeben hätte. Man hätte sich an die Arbeitsteilung halten sollen: Wir schaffen das Wissen, die Werkbänke bauen wir in Osteuropa auf, zur Not auch in China. Die Ziele sind verrutscht; Es ging um Arbeitsplätze und um die schnelle Ausbreitung der Solarenergie, um die Energiewende. Wenn First Solar die gekürzte Vergütung für den Umsatzeinbruch verantwortlich macht, ist das die halbe Wahrheit. Denn der Markt ist trotz Kürzungen weiter gewachsen, wie König berichtet.

Was ist De-Industrialisierung?

Was De-Industrialisierung genannt wird, ist eine ständige, strukturelle Veränderung der Wirtschaft. Die Bedeutung des produzierenden Gewerbes wird weiter abnehmen. Hilfe kommt nur von wissensbasierter, innovativer Technologie, deren Nachteil ist, dass sie keine Arbeitsplätze in Masse anbieten. Diese können nur aus der Dienstleistungsgesellschaft kommen. Tatsächlich zeigen viele Studien, dass in hoch industrialisierten Ländern seit den 1970er Jahren eine Verschiebung vom Industrie- zum Dienstleistungssektor stattgefunden hat. Der Anteil des tertiären Sektors an der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung nahm stetig zu.

Zur Bedeutung der De-Industrialisierung in Europa schreibt die EU-Kommission: „Es sollte zunächst klargestellt werden, dass Sorgen über De-Industrialisierung und Standortverlagerung ihre Ursachen in einer unvollständigen Wahrnehmung der Wirtschaftsrealität zu haben scheinen. Internationale Verlagerungen von Industriestandorten spiegeln Veränderungen bei den komparativen Kostenvorteilen wider.“ Also ist die De-Industrialisierung per se nicht „böse“. Sie passiert, und man muss mit geeigneten Mitteln reagieren: Mit Forschung und nicht, wie man eigentlich bei der Kohle gelernt haben soll, mit der Subventionierung nicht wettbewerbsfähiger Industrien.

  • Foto: DAPD
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