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Feindbild-Syndrom

Feindbild-Syndrom

05.11.2017, 11:49 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Aus gegebenem Anlass melde ich mich mal wieder zu Worte mit ein paar Gedanken zu hier Beobachtetem:

Wenn wir uns selbst unvoreingenommen und mit der Bereitschaft zur Selbstkritik betrachten – und ich empfehle, das fast täglich routinemäßig zu tun -, dann müssen wir feststellen, dass wir in mancher Hinsicht auch nicht so 'fehlerfrei' sind, wie wir es uns wünschen würden. Allzu oft lassen wir uns zu Äußerungen hinreißen, die wir am liebsten wieder ungeschehen machen würden, kaum dass sie uns 'entfleucht' sind. Aber einmal Gesagtes/Geschriebenes ist 'in der Welt', lässt sich nicht ausradieren, ohne hässliche Spuren zu hinterlassen. Ich weiß, wovon ich rede, denn auch ich bin nicht ohne Fehl und Tadel.

Beispiele für das, was ich hier anspreche, gibt es mehr als genug. Eine 'Unart' ist mir in letzter Zeit aufgefallen, auf die ich näher eingehen möchte, da diese wohl am schwersten zu erkennen und zu vermeiden ist, wenn sie einem 'zur Gewohnheit geworden' ist: Ich möchte sie hier einmal mit dem Ausdruck 'Feindbild-Syndrom' kennzeichnen. Mir scheint, dass niemand von uns ganz frei davon ist.

Natürlich kennen wir unsere 'Pappenheimer' - viele von ihnen so gut, dass wir schon fast im voraus wissen, was sie von sich geben und wie sie argumentieren, ohne dass wir sie gelesen haben. Und wenn wir etwas von ihnen lesen, sehen wir uns meistens bestätigt – was uns natürlich auch Genugtuung verschafft. „Wieder mal typisch XYZ ! Wir haben's doch gewusst ! Der/die kann doch gar nicht anders ! Was sonst kann man von dem/der erwarten? Den/die kann man doch schon lange nicht mehr ernst nehmen !“ - So oder ähnlich sind unsere Reaktionen.

Wenn man einander hier schon häufiger begegnet ist, sich mit jemandem heftig gestritten hat, ist es nicht verwunderlich, wenn man sich über seinen Kontrahenten ein Urteil bildet. Man meint ihn zu 'kennen', und man ist sich immer sicherer, dass man sich nicht täuscht. Bei jeder neuen Begegnung festigt sich das einmal gewonnene Bild. Die Konturen schärfen sich, werden immer deutlicher.

Am Ende genügt es, einen Namen zu lesen, ein Profilbild (ganz gleich, ob 'echt ' oder 'getürkt') zu erblicken, und wir glauben zu wissen, mit wem wir es zu tun haben: „Der schon wieder! Den kennen wir doch!“. Emotionen werden geweckt, der kritische Verstand wird – fast automatisch – ausgeschaltet. Und nun geschieht etwas Seltsames: Wir lesen/hören/(miss-)verstehen Dinge, die gar nicht geschrieben/gesagt/gemeint wurden. Was unser vermeintlicher 'Gegner' auch immer von sich gibt, das kann nur das sein, was wir von ihm erwarten - selbst wenn es ganz anders klingt. Und sollte er wirklich einmal etwas schreiben, dem wir zustimmen könnten, dann zeigt das nur, wie hinterhältig er ist, denn er will uns damit nur aufs Glatteis führen. Es kann doch gar nicht sein, dass auch er einmal recht hat ! Er ist eben ein 'Schlechtmensch', und Lug und Trug ist ihm Gewohnheit, basta ! Aus dieser Nummer kommt er nicht heraus, und wenn er sich noch so sehr bemüht.

Seien wir ehrlich: Leiden wir nicht alle unter diesem 'Feindbild-Syndrom', der eine mehr, der andere weniger? Wer von uns kann behaupten, er sei frei von Vorurteilen? Und leisten wir nicht oft genug der Verbreitung von Vorurteilen Vorschub, indem wir von uns selbst ein falsches (weil 'geschöntes') Bild abzugeben versuchen? Legen wir nicht größten Wert darauf, bei unserem Gegenüber einen guten Eindruck zu hinterlassen? Der Prozess der Vorurteilsbildung vollzieht sich in beiden Richtungen, zum Negativen wie zum Positiven.

Ich fasse zusammen, worum es mir hier geht:
Das geschilderte 'Feindbild-Syndrom' führt in aller Regel dazu, dass die meisten Debatten über kontroverse Themen in einer 'Schlammschlacht' enden, aus der keiner der Beteiligten herauskommt, ohne Schaden zu nehmen. Jegliche Chance auf Annäherung der verfeindeten Seiten, auf Ausgleich oder auf Kompromiss, ist von vornherein ausgeschlossen. Ein Austausch von Argumenten beider Seiten findet nicht mehr statt, weil man nicht mehr bereit ist, die Ansichten und Meinungen der Gegenseite auf Stichhaltigkeit zu prüfen, sondern sie einfach schon deswegen ablehnt, weil es nicht die eigenen sind. Vor dieser Betriebsblindheit bzw. Scheuklappen-Mentalität zu warnen, das war und ist mein Anliegen.

Meine gutgemeinte Empfehlung:
Bevor man eine Gegenmeinung in Bausch und Bogen ablehnt, sie als 'Unsinn' aburteilt, nur weil sie von der 'Gegenseite' kommt, prüfe man sie eingehend daraufhin, ob die eigene Kritik daran wirklich gerechtfertigt ist. Und wenn man sich seiner eigenen Sache ganz sicher ist, sollte man das zwar ganz deutlich machen, ohne jedoch seinen Meinungsgegner respektlos zu behandeln. Es könnte doch vielleicht sein, dass er in dem einen oder anderen Punkt auch recht hat.

237 Kommentare

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Lieber Friedhelm, was für ein zutreffender Beitrag.
Leider gehöre ich auch zu den Menschen, die manchmal über das Ziel hinaus schiessen.
Ich glaube aber auch, dass ich gar nicht anders kann.
Wenn mir etwas gegen den Strich geht muss ich einfach meine Meinung sagen und da bin ich nicht zimperlich.
Das ist aber privat - also von Angesicht zu Angesicht - auch so.
Insofern - alles ok.
  • 17.11.2017, 21:27 Uhr
  • 1
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Können sich die Leute hier nicht daran gewöhnen, "gewaltfrei" zu diskutieren, was bitte sollen diese Leute von Politikern erwarten ? Ich habe hier allerdings auch schon einige gute Diskussionsrunden erlebt.
  • 14.11.2017, 10:46 Uhr
  • 0
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Lieber Friedhelm! Das hast Du wunderbar geschrieben! Es gibt natürlich viele Zeilen und Äußerungen, die ich hier ablehne und auch kritisieren möchte, wenn sie denn nun schon mal zur Diskussion gestellt werden.. jedoch richtet sich meine Kritik dann gegen die Zeilen und Äußerungen und nicht gegen den Menschen, der sie verfasst hat.. Und wenn ich selbst täglich mehr über mich selbst erfahre und warum ich so handle, wie ich handle.. und so reagiere, wie ich reagiere.. wie könnte ich einen vollkommen Fremden in ein kleines Bild pressen und ihm seine Entwicklung absprechen und nur die Facette, die ich sehe, anklagen, beurteilen und verurteilen?
Leider bin ich mit meiner Haltung zu friedfertig für die einen und zu kritisch für die anderen. Ändert das meine Haltung, mein Verhalten? Nein.
  • 12.11.2017, 03:43 Uhr
  • 2
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Klar habe ich ein Feindbild und das heißt Frau Raute.Hier bei WL habe ich keine Feinde, da es hier nur Menschen gibt, die ich ernst nehme, Menschen über, die ich mich köstlich amüsiere und Menschen, die für mich schlicht unwichtig sind.
  • 11.11.2017, 08:33 Uhr
  • 1
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Zunächst einmal... ich finde deinen Beitrag gut, wize.life-Nutzer, aber......

seine oder eine Meinung zu vertreten ist hier so eine Sache. Oft nicht möglich oder auch gar nicht gewollt. Gibt es denn tatsächlich Diskussionen über Meinungen ? Ich glaube da schon lange nicht mehr dran. Ich schreibe hier, wenn ich Zeit und/oder Lust dazu habe, teile meine Meinung mit, und kommentiere wo es mir möglich ist. Ich gebe zu, aus guten Grund, auch nicht immer nur sachlich oder fundiert. Wie soll man dann auf die hier oft gelesenen Worthülsen, Sprechblasen usw. usw. reagieren! Und ja, es gibt hier einige, bei denen ich nur den Namen zu lesen brauche...... was nicht heißt, dass ich bei einem guten Kommentar oder einer guten Notiz so es mir möglich ist, kommentiere oder LW`s geben würde. Passiert aber äußerst selten, was daran liegt, dass sich mit jedem Kommentar, jeder Notiz von diesem User oder dieser Userin meine Meinung nicht nur bestätigt oder gefestigt wird, und ich auch gar nichts anderes mehr erwarte. Ich würde mich gerne vom Gegenteil überzeugen lassen.

Es kommt aber auch vor, dass es in ganz wenigen - sehr sehr wenigen Notizen oder Kommentarsträngen gelegentlich Diskussionen gibt, die sachlich-freundlich am Thema bleiben, und einen mit einem guten Gefühl den PC herunter fahren lassen. Das lässt hoffen......

Meistens ist es aber anders, es wird versucht einen vorzuführen, oder sonst wie zu Diskreditieren.
Jedoch habe ich eine Maxime, bevor ich mich anfange zu ärgern, PC aus und dann interessiert mich WL nicht die Bohne.
  • 09.11.2017, 23:03 Uhr
  • 6
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Feinbild-Syndrom..? Sind doch dabei es abzuschaffen >>Angie wird den Globus retten und mit unseren Steuergeldern schon helfen. Wir sind ja für die ganze Welt zuständig.
  • 09.11.2017, 17:25 Uhr
  • 3
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Friedhelm: interessante Themen, über die man kontrovers - aber respektvoll diskutieren kann, haben sich doch hier schon lang rar gemacht. Wo sind all die Menschen, die interessante Themen eingestellt haben? Schaut man auf die neuen Themen, da gibt es doch fast nur noch Sensationsmeldungen vom Team und Kochrezepte.
Ich denke, die meisten von den ehemaligen Stammusern haben sich abgewandt. weil sie die ständigen Angriffe unterhalb der Gürtellinie satt hatten und immer lauter "geschrien" wurde.
  • 06.11.2017, 15:51 Uhr
  • 5
Leider, Heidi, stimmt Deine Beobachtung wohl. Vielleicht könnte man der Entwicklung aber ein weinig entgegenwirken, indem man dann und wann ein interessantes Thema aufgreift und es in einem Beitrag zur Diskussion stellt. Versuche es doch mal !
  • 06.11.2017, 18:41 Uhr
  • 3
Es gab einige Beiträge von mir, aber das ist lange her. Diejenigen, mit denen ich zwar kontrovers - aber respektvoll diskutiert habe, haben sich wohl alle davon gemacht. Du bist Gott sei Dank noch da
  • 06.11.2017, 19:46 Uhr
  • 2
Ich werde auch wohl noch eine Weile aushaalten, wenn mein Gesundheitszustand es erlaubt.
  • 06.11.2017, 20:02 Uhr
  • 2
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Filmproduzent Samuel Golwyn: "Lebenskunst besteht zu 90 Prozent aus der Fähigkeit, mit Menschen auszukommen, die man nicht leiden kann".
  • 06.11.2017, 11:54 Uhr
  • 5
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Um zu bewältigen was hier gemeint ist, genügt es einfach den Blick abzuwenden! Das kostet aber Disziplin! Mich stört gewaltig wenn wichtige Themen vernachlässigt werden, um der Gruppendynamik zu entsprechen! Feinde, Syndrom... sind Wörter die mir dafür zu abgehoben! sind!
  • 06.11.2017, 11:10 Uhr
  • 8
  • 09.11.2017, 22:20 Uhr
  • 0
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Sprache ist neben Gesten und Lächeln eine Brücke zum anderen, die über den körperlichen Kontakt hinausgeht. Sprache überschreitet also die körperliche Hülle und bringt uns andere Menschen auf geistige Weise näher.

Im realen Leben ist die Sprache nur e i n Weg unter vielen anderen, um einen Menschen kennenzulernen.
Gefällt uns dessen Stil vielleicht nicht, so können andere Dinge dafür eintreten.
Hier - online - findet eine Einschränkung statt, eine Begegnung wird zur Einbahn-Straße.
Man hat nur Wörter zur Verfügung. - um sich auszudrücken, anzugreifen oder zu verteidigen.

Vielleicht ist diese EINSCHRÄNKUNG der Grund dafür, dass es bei wize.life so viele Ent-gleisungen gibt.

Es gibt nicht nur zwei Meinungen, wenn es um einen Tatbestand geht. Es gibt viele. Man kann einer Sache mit dem Verstand oder mit Gefühlen oder mit Vorurteilen begegnen.
A priori davon auszugehen, dass das sog. Recht ausschließlich bei der eigenen Meinung liegt, ist selbstgerecht. Die andere Meinung zu achten, ist mensch-lich.
Wer mit Worfen schlägt, verletzt mitunter mehr als mit der Hand oder mit dem Messer.

"Energie folgt dem Gedanken."
  • 06.11.2017, 08:52 Uhr
  • 6
Danke, Edith, für diesen Kommentar, der die Bedeutung der Sprache als eines von mehreren Kommunikationsmitteln hervorhebt. Ergänzend könnte man hinzufügen, dass Sprache sehr verräterisch ist, mindestens genau so viel verrät über den Sprechenden (oder Schreibenden) wie Gestik, Mimik, usw. Für mich ist die Sprache eines Menschen ein Teil - und zwar ein wesentliches - des Gesamtbildes einer Persönlichkeit.
  • 06.11.2017, 09:46 Uhr
  • 4
Ja, wenn ich mich in einen Mann verliebt habe, war mir immer sein Umgang mit Sprache wichtig.
Dazu gehörte natürlich auch immer die Stimme ...

Wagner hat einmal gesagt, die Sprache sei die Schwester der Musik.
Wenn hier jemand s p r i c h t, so ist das ja auch nur ein Teil des Ganzen.
EIn defizitäres Erlebnis - dieses wize.life
  • 06.11.2017, 09:59 Uhr
  • 3
Was mir dabei spontan einfällt, versuche ich mal im Bild auszudrücken:
Bei einem Spaziergang am Meeresstrand sieht man oft, dass die Wellen eine Menge Unrat angespült haben. Aber wer sein Auge darauf richtet, Erfreuliches zu entdecken, findet in all dem Unrat den glitzernden Stein, der nicht nur das Auge staunen lässt.
Ein einzelnes Juwel kann genügen um den Unrat drum herum vergessen zu machen.
  • 06.11.2017, 10:36 Uhr
  • 6
Das ist ein schönes Bild, Friedhelm, so würde auch mein Urteil über dieses Forum ausfallen.
Ich habe hier wunderbare Menschen kennengelernt, als erste nenne ich eine Frau im Rollstuhl, die mir spontan Dutzende von Büchern geschickt hat und deren Lebensmut mich ungemein beeindruckt hat.
Ich habe auch sehr kluge und liebenswürdige Männer kennengelernt und bekomme täglich Informationen, die ich nicht missen möchte.

ABER. Bleiben wir bei Deinem Bild, einem Spaziergang am Meer.
Natürlich kann man dem Unrat aus dem Weg gehen, aber es gibt auch Menschen, die vielleicht darüber stolpern, hinfallen, sich verletzen, vielleicht sogar in Not geraten.
Nicht alle sind unverwundbar.
Das wird man erst - wenn überhaupt - wenn man viele Prüfungen im Leben bestanden hat.

Außerdem habe ich - obwohl ich keine Familie mehr in Deutschland habe - einen realen Kreis von wunderbaren Freunden, die ich als meine geistige Familie bezeichnen möchte. Dieses Glück erlebt auch nicht jeder, und dafür bin ich sehr DANKBAR!
  • 06.11.2017, 11:28 Uhr
  • 3
Man sollte den Blick auch nicht NUR auf den Spülsaum des Meeres richten. Gen Horizont in die unendliche Weite, das Spiel der Wellen, die malerische Küstenlandschaft, ein Meer ist immer iin Bewegung, stündlich, täglich anders. So sollte es auch hier sein: In Bewegung bleiben! Im Kopf ud wie Edith sagt, auch in der Sprache, denn hier zweigen wir nur über diese, was in unseren Köpfen vor sich geht. Schadde, wenn sich da, um im Bild zu bleiben, nur noch Spülsaum mit Unrat abgelagert hat. Den müssen einige dann wohl hier ständig heraus schaufeln, um nicht selber daran zu verkommen.
Ich beobachte lieber ud schaue auch auf schöne Steine, besondere Muscheln, finde ab und zu mal einen Seestern und vielleicht sogar mal eine "Message in a bottle".
Für Müll müsste ich nicht ans Meer, da reicht der Gang zur Tonne!
  • 07.11.2017, 07:17 Uhr
  • 1
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