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Blaubeermund

Blaubeermund

28.06.2017, 18:46 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Wenn ich westlich der Bäderstraße in der Ortschaft Wieck den Wald betrete, erstreckt sich ein Meer von Köstlichkeiten. Im Herbst fordern mich Maronen, Steinpilze und Birkenpilze heraus und im Juli die kleinen Blauen. Die, die nur das geübte Auge entdeckt, wenn man sich tief hinunterbeugt, die Blättchen der niederen Sträucher anhebt in der Hoffnung, mit Früchten belohnt zu werden. In vielen Jahren konnte ich nur Restbestände entdecken, zupfte mal hier und mal da eine Beere vom Strauch. In diesem Jahr aber treffe ich sie in Hülle und Fülle an. Die hohle Hand reicht nicht für die Ernte. Je weiter ich vom Weg abkomme, wächst mein Appetit. Appetit auf Hefeklöße und Heidelbeeren! Vorsichtig schiebe ich meine Füße von einem Strauch zum anderen. Auf Kreuzottern und Blindschleichen habe ich keine Lust. Canvas an meinen Füßen müssten ausreichend Schutz bieten. Klick, klack machen die Blauen, wenn sie von meinen Fingern aus auf den Boden des kleinen Eimerchens fallen, was bis gestern noch Joghurt enthielt. Klick, klack, so wie vor einem halben Jahrhundert.
Anfang Juli, Hitze, knackende Zweige, Nadeln und Zapfen unter meinen Füßen in Turnschuhen aus blaugrauem Leinen. Schwitzen, trotz kurzer Hose und Baumwollpulli. Klick, klack. Eine Ewigkeit, bis die kleinen Dingerchen aus meiner hohlen Hand dann endlich lautlos in den Becher glitten. Die Rechte zum Pflücken, in der Linken der Becher. Blau und grün, aus Plastik mit Henkel. Braunverfärbt vom kühlen Kräutertee, der zur Entnahme im Thermokübel im Speiseraum bereitstand. Wie viele Kinderferienlagertage sie erlebt hatten konnte man nur erahnen. Die Becher schienen unkaputtbar.
Nun, jetzt keinen Tee in die Becher. Heidelbeeren. Hefeklöße und Heidelbeeren standen auf dem Speiseplan. Für jeden, der einen Becher voll Beeren pflückt. Wer nicht, muss den Kloß trocken essen, sagte Monika, die Begleiterin. Klare Ansage. Wer gut essen will muss seinen Beitrag leisten.
Zwanzig kleine runde Rücken schoben sich am frühen Morgen durch die Lichtung im nahegelegenen Wald, suchten und fanden und zupften sie, die kleinen blauen Dingerchen. Wer Glück hatte fand einen Strauch voller Früchte und hockte sich hin. Blaue Münder verrieten die Naschkatzen. Wer zu viel nascht muss trocken Kloß essen. Klare Ansage.
Ich wollte leckere Heidelbeersoße dazu und leistete mir keine einzige Frucht. Ein prüfender Blick in Freds Becher nebenan zeigte, dass ich gut im Rennen lag. Meine Beeren machten nicht mehr klick, klack. Sie fielen inzwischen weich und machten Mut. Fred sammelte seine hohle Hand voll und schob sich alle auf einmal in den Mund. Der wird trocken Kloß kriegen, dachte ich.
Das Bücken und die aufkommende Hitze machten müde. Reicht das? Ich hielt meinen Becher Monika unter die Nase und hoffte auf Erlösung. Ein bisschen geht noch, entschied sie.
Fred stopft sich weiter seinen Mund voll.
Endlich. Monika schleppte links und rechts am Arm kleine Wassereimer voll Beeren in das Lager. Jeder hatte seine Ernte ihr anvertraut.
Später standen wir mit Löffel und Gabel in den Händen in der Warteschlange an der Essensausgabe. Fred hinter mir. Trocken Kloß, dachte ich schadenfroh.
Als die Luke sich öffnete, drang der Geruch von gedämpftem Hefekloß nach draußen. Die freundliche Küchenfrau in weißer Schürze und mit nach hinten geknotetem Kopftuch reichte jedem eine Portion heraus. Inmitten von dunkelblauvioletten Beeren und Saft thronte er auf meinem Teller, der Hefekloß.
Kurzer Blick nach hinten: Auch auf dem Teller von Fred.

4 Kommentare

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Erinnerungen an die Kindheit und ganz nebenbei Reklame für Wieck
  • 03.07.2017, 18:18 Uhr
  • 0
Wenn Du es so siehst da hätte ich noch mehr
  • 03.07.2017, 18:33 Uhr
  • 1
Ich finde es wunderbar, dass hier über Fischland/Darss geschrieben wird...kenne ich wie meine Westentasche
  • 03.07.2017, 19:17 Uhr
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Ich kenne das auch noch aus meiner Kindheit. Bewaffnet mit Eimern und Milchkannen ging es mit den Eltern und meinem älteren Bruder in den Wald. Und daraus wurde je nach Ausbeute...Marmelade und Pfannkuchen oder Hefekuchen mit Waldbeeren gebacken. Dies galt aber nicht nur für Waldbeeren, auch Himbeeren und Brombeeren. Ebenso gingen wir in den Wald zum Pilze sammeln..was ich wieder sehr amüsant fand. Mein Vater war ein sehr guter Pilzkenner..aber wenn diese Köstlichkeiten zubereitet wurden die packte er wenn es um den Verzehr ging nicht an.
  • 29.06.2017, 00:14 Uhr
  • 0
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