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Bronte: das grüne Gold der Gebliebenen

Bronte: das grüne Gold der Gebliebenen

Hans-Herbert Holzamer
01.10.2017, 11:39 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Das grüne Gold, seine Heimat sind die westlichen Hänge des Ätna. Es wächst auf knorrigen, baumartigen Sträuchern, die wild ihre Äste spreizen, wohin sie wollen. Pflanzen, die anspruchslos und oft so alt sind, dass auch Laura Lupo, Chefin einer Firma, die sie anbaut, pflegt und erntet, und die sie uns zeigt und zu erklären versucht, nicht genau weiß, wie alt sie sind. Und die Früchte, die Rede ist von Pistazien, sind auch nicht so leicht zu öffnen, wie die, die wir aus unseren Läden kennen. Dafür schmecken sie ungleich besser.

Wann? Alle zwei Jahre. Wann genau?


Es schwebt ein Geheimnis um den Pistacchio, der in Bronte, seiner Stadt, nur alle zwei Jahre geernet und dann gefeiert wird. Wann und mit welchem Programm wusste man vorher nicht, bei der ENIT, dem italienischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt nicht, und Vincenzo, seine Schwester Lucia und seine Braut Valentina waren nicht wenig überrascht, als wir uns in ihrem Haus mit der Begründung einbuchten, dieses mysteriöse Fest besuchen zu wollen. Als wir dann im Tourismusamt „Pro Loco“ in Bronte das Programm erbaten, war es zuerst nicht fertig, dann nur im Netz abrufbar. Als wir endlich das Einverständnis des Chefs hatten, es uns ausdrucken zu lassen, funktionierte der Drucker nicht. Guasto, kaputt. Herrliches Sizilien.
In Aci Castello, feiert man das Sagra dell'Arancino, jeder Commissario-Montalbano-Fan kennt diese frittierte Reiskugel mit allerlei Füllungen. Man feiert die Salsiccia, die scharfe Wurst, in Aragona in der Nähe von Agrigent, den Couscous in San Vito Lo Capo am nordwestlichsten Punkt Siziliens, das Sherbeth Festival in Palermo ist ein Muss für Eis- und Granita-Liebhaber. Die Weinernte gilt es zu bejubeln, das sizilianische Bier feiert man mit dem Birrocco in Ragusa. Und eben die Pistazie mit ihrer Sagra in Bronte.
Und immer weiß man nie vorher genau, wann und wie. Warum diese Unsicherheit? Weil diejenigen, die es feiern, eh da sind. Sie leben dort, es sind die Einheimischen. Irgendwann werden die Stände aufgebaut, der Bürgermeister redet. Da man ohnehin auf der Piazza sitzt oder über sie promeniert, ist man zu Beginn des Festes da, verwurzelt wie ein Pistacchio-Baum. Nur Heilige haben ihren festen Tag im Kalender. Die feiert man natürlich auch. Und wer von auswärts kommt, das sind alle, die nicht aus Bronte sind, haben die Chance, in den Kreis der Einheimischen aufgenommen zu werden. Das ist so schön, so warmherzig, das lohnt jede Anreise. Besonders, wenn man aus Germania kommt. Denn jeder hat in dieses ferne Land eine Beziehung und freut sich, seinen Freunden und der Familie ein Exemplar zeigen zu können. Da ist die Erasmusstudentin, da ist Salvatore, der in Bünde bei Herford geboren wurde, dann mit seinem Vater in Bronte eine Bar aufmachte und erneut nach Deutschland geschickt werden sollte, wobei das Reisebüro versehentlich ein Ticket nach Erfurt und nicht nach Herford ausstellte. An der Grenze zur damaligen DDR wurde er wegen seines westdeutschen Geburtsortes für 24 Stunden eingebuchtet. Ein Taxi brachte ihn schließlich ans Ziel. „500 Mark“, Salvatore erinnert sich genau. Seit 15 Jahren ist er wieder hier, sein Deutsch kaum noch erkennbar, auch wenn er damit bei seinen Freunden punktet.
Am Donnerstag, 22. September, irgendwann nach 18 Uhr beginnt das offizielle Programm mit dem Durchschneiden eines Bandes durch Bürgermeister Graziano Calanna, mit der Eröffnung einer „Expo“, der 28., und der Zubereitung zahlreicher Köstlichkeiten durch die „rinomati chef“ von Bronte, das sind die Spitzenköche. „Wenn Euch die Farben des Herbstes gefallen, sagt Calanna, „dann liebt Ihr auch die Frische des Abends, die typischen Gerichte und Süßspeisen, die mit der besten Frucht der Welt zubereitet worden sind.“

a leccarsi i baffi


Artiger Applaus, es ist nicht überfüllt, wir schlendern von der Viale Catania zur Piazza Spedialieri, dort probieren wir den risotto al pistacchio, zum mit der Zunge schnalzen, a leccarsi i baffi, wie ein Nachbar schwärmt. Es gibt ein Karussell, mit Freikarten für uns, als wir sagen, es wäre schöner als die Münchner Wiesn. Die Musik spielt auf, die Band S. Biagio Città di Bronte und die Rione Panzera, eine Tanzgruppe zeigt, was sie kann, wir gesellen uns dazu, keiner schickt uns weg. Jung und Alt freuen sich mit uns, dann kommen die nonni in festa, der Circolo Anziani lässt die Großväter feiern.
Natürlich ist die Überalterung ein Problem, Vincenzo und Lucia haben 24 Cousinen und Cousins, die Hälfte von ihnen hat den Ort und Sizilien verlassen, das ist noch ein vergleichsweise guter Wert. Die Trinacria, das Symbol Siziliens, erstmals auf einem griechischen Mosaik in Tindari dargestellt, hat drei Beine: Mit dem einen sind viele weggegangen, Mailand, Deutschland oder USA. Auf dem zweiten stehen die Mächtigen, die sich mit gegenseitigen Gefälligkeiten ihre Positionen sichern. Die Mafia gehört dazu. Die Dritten sind die Menschen, die sich nur um ihren eigenen Kram kümmern und überleben wollen. Das sind die, die heute feiern, weil sie sich nicht unterkriegen lassen. Die, die bleiben.
Pistazien und Tourismus, der Wein des Ätna, Oliven und etwas Viehzucht. Das ist es, und es könnte für bescheidenen Wohlstand genügen. In Bronte gibt es das Castello di Nelson, nicht weit ist es zum Nebrodi-Park, eine Stunde zur Nordküste, etwas länger nach Catania oder Toarmina. Es gibt viele unbekannte Schätze zu entdecken, wenn man sich die Mühe macht, zu suchen und die verfügbaren Informationen zu studieren und sich nicht davon abschrecken lässt, dass die angebotene Wegführung nicht stimmt oder das Ziel versperrt ist.
Das Schönste liegt aber in der unmittelbaren Nähe von Bronte. Damit ist nicht einmal das Schloss des britischen Admirals Nelson gemeint, auch nicht die Kirchen, sondern beispielsweise eine von den Sarazenen gebaute Brücke über den Fluss Simeto, die so Laura Lupo die „einzige Verbindung zwischen dem östlichen und westlichen Sizilien war“. Sie muss es wissen, ihr Pistazien-Landgut, eines von den 24 Anlagen, die Karl V. bauen ließ, liegt ganz in der Nähe. Davor Auswaschungen in der Lava, forre laviche, die den Marsch durch das Unterholz wert sind. Dann natürlich seine Majestät der Ätna selbst. Wanderungen eröffnen sich von der Straße nach Linguaglossa oder direkt von Bronte aus. Wenn man sein Auto am rifugio piano dei grilli stehen lässt, bieten sich Exkursionen in jeder beliebigen Länge an, durch lichte Kastanien-, Eichen- und Pinienwälder, bizarre Lavafelder, flache Krater, Blumen und Büsche in endloser Zahl. Die Wege sind naturbelassen und frei von Müll. Wer zum Ätna reist, will zumeist hinauf, am Hang zu bleiben ist aber deutlich reizvoller als sich in 3 000 Meter Höhe in der Kälte zu drängeln. Wer´s bequem mag, kann in Bronte in den Zug circumetna besteigen und einmal schmalspurig im großen Kreis fahren.

In Laura Lupos Pistazien-Labor


Natürlich besuchen wir auch Laura Lupos Pistazien-Labor und -Produktionsstätte in Bronte, Aricchigia. Dort erfahren wir, dass die scornabecco, spaccasassi, frastuca oder fastica, wie die Pistazie im Dialekt genannt wird, von den Römern aus dem antiken Persien importiert wurde. Die Früchte werden vom Baum geschüttelt, wenn der Boden es zulässt, sie mit einem Netz aufzufangen, ansonsten mit der Hand gepflückt, alle zwei Jahre. Daher ist das grüne Gold auch teuer und international nicht wirklich konkurrenzfähig. Laura Lupo macht pro Jahre etwa für 600 000 Euro Umsatz. Das sei „ausbaufähig“ meint sie. In Bronte, das 90 Prozent des italienischen Marktes beliefert, gibt es viele Firmen wie die von Laura Lupo. Die Pistazie ist eine gesunde Frucht, sie enthält Eiweiß, Öl, Aminosäuren, Mineralstoffe und Vitamine. Seit 2009 hat die „Pistacchio di Bronte“ das D.O.P. Qualitätssiegel der Europäischen Union.
Da hat sie auch ihr eigenes Fest verdient, eines deren Teilnahme man sich durch sorgfältige Vorbereitung bei gleichzeitiger Bereitschaft zu absoluter Spontanität erarbeiten muss. Dafür hat man jetzt fast zwei Jahre Zeit – bis zur nächsten Sagra im Jahre 2019.

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