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Sorbas soll auch im Winter tanzen

Sorbas soll auch im Winter tanzen

Hans-Herbert Holzamer
08.11.2017, 16:45 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Ob Alexis Sorbas, der Grieche, tanzen würde? Einen Sirtaki aus Freude über den Ansturm der Deutschen, die gut 72 Jahre nach ihrem letzten Einfall erneut in Massen auf der griechischen Insel Kreta niedergehen? Diesmal nicht mit Fallschirmen, um dieses Eiland, fünftgrößtes im Mittelmeer und rund 200 Kilometer vor der libyschen Küste gelegen, den Engländen aus den Händen zu reißen, um so mit einem unsinkbaren Flugzeugträger den Afrika-Feldzug vorzubereiten. Diesmal mit Billigflügen der Aegean und anderer Airlines, um einen Ersatz für die politisch inkorrekten und für viele geradezu gefährlichen Reisen in die Türkei zu finden. Große Touristik-Unternehmen haben Erdogans Herrschaftsgebiet aus ihren Prospekten gestrichen und steuern nunmehr ihre Scharen gen Süd-Süd-Ost und nicht mehr gen Süd-Ost-Ost. Die RSD (Reise Service Deutschland GmbH) alleine hat 40 000 Pax (persons approximately) umdirigiert. Und ihre türkischen Reiseleiter, die ihre Schäfchen durch die Ruinen von Troia und Ephesos trieben, erklären jetzt die Trümmer von Phaistos und Knossos.
Für Attila und Volkan, zwei von ihnen, ist das ok. In Schnellkursen haben sie sich das Notwendigste in minoischer und hellenischer Kultur angeeignet, und den Reisenden ist das egal, ob ihre Betreuer Griechisch können oder sich mit local guides auf Englisch unterhalten. Bei dem Alter mancher in der von uns beobachteten Gruppe drängte sich ohnehin die Frage auf, ob statt historischem Interesse nicht späte Schuldgefühle sie zurück an den Tatort trieben.

Angebote rasch vergriffen


Während 2016 die Hoteliers noch verzweifelt auf Buchungen warteten, waren die Sommermonate in diesem Jahr rasch ausgebucht, sodass jetzt eine Ausdehnung der Reisezeit in den Winter und über das ganze Jahr erfolgt. Bei RSD, so erfuhren wir, waren auch diese Angebote, die bis in den Monat April gelten, rasch vergriffen. Es gilt vor allem für die Insel des Zeus, aber ganz Griechenland erlebt einen Boom. Schon das vergangene Jahr lieferte mit 27,8 Millionen Besuchern einen Besucherrekord, 2017 wird einen neuen bringen. Es werden mehr als 30 Millionen ausländischer Urlaubern erwartet. Neben den britischen Stammgästen sind nicht es nur die Deutschen, die kommen, sogar die Chinesen haben Kreta entdeckt. Immerhin gehört der Hafen von Piräus ja schon ihnen. Der Ansturm erfolgt nicht nur mit dem Flugzeug, sondern auch mit dem Schiff. Kreuzfahrschiffe drücken mehr Pax ins Land als jeder Reisebus. Der Boom im Fremdenverkehr tut dem ganzen Land ökonomisch gut. Für 2017 erwartet die griechische Regierung ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent. Der Tourismus trägt mit 18,6 Prozent zum griechischen BIP bei, und 25 Prozent aller Arbeitsplätze bei – mit wachsender Tendenz.
Dazu werden vor allem die deutschen Gäste beitragen. Bei ihnen steht Griechenland 2017 hoch im Kurs. „Kein anderes Reiseland gewinnt in absoluten Umsatzzahlen derzeit so stark“, ermittelte das Marktforschungsunternehmen GfK jetzt in einer Analyse zum Reiseverhalten der Deutschen. Danach haben sich im Vergleich zum bislang schwächsten Sommer im Jahr 2012 die Griechenland-Umsätze der Reiseveranstalter mehr als verdreifacht. „Griechenland steigt damit nach den Balearen zum zweitstärksten Urlaubsziel im deutschen Markt auf“, stellt GfK fest.

Die Teppichhändler sind auch schon da


Die Organisation der Reisen verläuft, wir haben uns davon überzeugt, wie üblich professionell. Am Flughafen von Iraklion wird die Humanfracht aus den Fliegern auf bereitstehende Busse verteilt. Bei RSD sind es große, die über 40 Leute fassen. Studiosus und andere Operators, die Ziele sind weitgehend dieselben, kalkulieren mit weniger Personen pro Fahrzeug. Was einen Teppichverkäufer zu Bemerkungen über den sozialen Status der RSD-Reisenden – im Vergleich zu denen von Sudiosus - und Größe und Güte der zu kaufenden Webware animierte. Denn natürlich sind Teppich-, Leder- und Schmuckfirmen im Programm, warum auch immer, und die scheinen ihren oft peinlich aggressiven Verkaufsapparat einfach von der kleinasiatischen an die kretische Küste verlagert zu haben.
Im kulturellen Programm befindet sich zu Erwartendes: Chania, Iraklion, Knossos, Phaistos, die Hochebene von Lassithi und einige Kloster, die mit Bussen angefahren werden können. Denn natürlich findet nur statt, was Platz für die Dickschiffe bietet. Alles andere nicht. Das mag den Individualtouristen trösten, dem die Masse der kretischen Schätze bleiben, wenn sie nicht winterfest verriegelt sind. Der Pauschaltourist hat keine andere Wahl, als staunend oder resignierend zu erkennen, dass auf dem angesteuerten Platz bereits fünf Busse stehen und ihm der Blick auf Landschaft, Kirchen und Tempel von anderen Reisenden verstellt wird. Aber da eh das Meiste kaputt ist, nicht nur aber auch von deutschen Bomben und Sprengungen, mag ihm das verkraftbar erscheinen.
Ärgerlicher ist es bei den gastronomischen Angeboten. In den Städten verteilt es sich auf die zahlreichen Tavernen, die sich auf den überraschenden Ansturm eingestellt haben, auch mit Preisen, wie sie in Deutschland verlangt werden. An besonderen Plätzen, wie Kloster und der Lassithi-Hochebene kommen nur Gaststätten mit großen Parkplätzen in den Genuss des Booms. Bei den Hotels hat man sich damit beholfen, dass das Klientel selektiert wird: für die Masse den großen Frühstücks- und Speiseraum, für die Elite die feineren Lokale. Und natürlich haben die einen dann den See- die anderen den Fabrik- oder Innenhofblick. Dem kann man nur durch Zuzahlung, die tunlichst vor den verborgen bleiben muss, entgehen.
Dass das Wetter mitspielt, ist nicht garantiert. Wir erlebten Ende Oktober starke Schwankungen in Temperatur und Sonnendauer. Schon von der Klimaanlage im Flugzeugt strapaziert, meisterten einige die Reise nicht ohne Erkrankung. Die Hotels sind natürlich nicht auf winterliche Verhältnisse eingestellt, die Apotheken nicht auf deutsche Arzneiwünsche.
Devisen sind für die arme Insel ein Segen
Ansonsten gehen die Kreter gelassen, wie es ihre Art ist, mit dem Ansturm der Reisenden um. Auch wenn sich für viele die Arbeitszeit verlängert, Jobs und Devisen sind für die arme Insel ein Segen. Investoren stellen sich auf das geänderte Reiseverhalten ein, man hört und liest von neuen Projekten. So soll bis Mai 2019 ein 850-Millionen-teurer Flughafen bei Kastelli, in der Nähe von Iraklion, entstehen, dort gibt es bislang ein von der griechischen Luftwaffe genutztes Flugfeld. Der gegenwärtig betriebene Airport Nikos Kazantzakis musste im vergangenen Jahr mehr als vier Millionen Besucher bewältigen. Mehr geht nicht.
Wenn nur die modernen Ruinen fertiggebaut oder abgerissen würden, wäre dies für die Insel ein Segen. Einheimische, die man nach dem Grund für die Ruinen und nicht fertiggestellten Geschosse fragt, erklären die leeren Fenster und die in den Himmel ragenden Moniereisen damit, dass diese Baumaßnahmen als Mitgift für die Töchter gedacht seien. Und solange diese keinen Bräutigam gefunden haben, bleibt die Wohnung unfertig. Kreter seien eben schlau. Das sind sie bestimmt, aber so viele suchende Töchter kann es dort gar nicht geben. Auf deutsche Senioren werden sie nicht spekulieren. Grieche sucht Griechin, Kreter weiblich sucht Kreter männlich. Schon Sorbas wusste, dass Gott am Ende alles verzeiht – bis auf eins: Wenn ein Mann eine Frau haben könnte und sie verschmäht, kommt er in die Hölle. Sorbas tanzte, nachdem der grandiose Lastenlift krachend zusammengestürzt war. Wenn ihn das nicht erschütterte, warum sollte er jetzt die Geduld verlieren? Da kann kommen, wer wolle.

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