wize.life
Neu hier? Jetzt kostenlos registrieren und mitmachen! Warum eigentlich?

InselSafari

InselSafari
15.12.2017, 10:35 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

InselSafari ,
oder wie wir die Insel lieben lernten


Aus dem Schnupfen wurde ein grippaler Infekt. Nach überstandenem Fieber folgte eine viertägige, massive Nasenblutung. Für eine solide Vorbereitung auf den Campingurlaub blieb also keine Zeit. Meine Freundin äußerte arge Bedenken ,“zu alt“ , zu „unbequem“ etc.,aber das unschlagbare Gegenargument war :
„Man ist nur einmal jung“
und überhaupt, das letzte campen lag 50 Jahre zurück, so viel Zeit bleibt nun auch nicht mehr um jung zu sein.
Die Wandlung ihrer Einstellung vom „kritischen Pensionär hin zum enthusiastischen Camper erstaunte mich.

Damals reichte eine Zahnbürste, ein Handtuch und ein Leichtzelt (welches wasserdurchlässig war), billiges Segeltuch oder so, das Smartphone für die Reise war noch nicht erfunden, nicht einmal ein Handy.

Anfang Juno 2017, Reisebeginn
- 2 -

Mit der letzten Kraft werden unzählige „Campingartikel“ in das Auto geworfen, bis die Sicht versperrt ist.
Meine Freundin ordnet das Chaos.

Noch ist die große Reisewelle nicht im Gang, die Hitzeperiode noch nicht in Sicht.
Die Autobahn ist herrlich frei , 650 km bis zur größten Insel im wiedervereinten Deutschlands,ein Campingplatz im Wald, ein sog. „Naturcampingplatz“.

Zeltaufbau, wie geht denn das ?
Ein Däne war so nett und hat uns zügig geholfen.
Die ersten vier Nächte waren grausam, hart und unbequem.
Die mitgebrachten Feldbetten? Fehlanzeige, kein Platz.Selbst wenn man auf dem Boden des Zeltes sitzt stößt man mit dem Kopf an.
- 3 -


Mir kam es vor als würde ich auf Baumwurzeln schlafen. Diese chinesische Luftmatratze verlor während der Nacht die Luft. Das Prinzip Hoffnung
„Doppelt so viel Luft hält doppelt so lange“ bewirkte das ich erst von dem Ballon runterrutschte und die zweite Nachthälfte die Härte der nordischen Natur kennenlernte.
Dieses „große“ Zelt , 4 Meter mal 1,50 Meter, dies hört sich für den Laien wie ein Mannschaftszelt an. In der Praxis hatten zwei Leute nebeneinander keinen Platz. Einer mit dem Kopf nach unten, einer nach oben, das ging.
Aber die Qualität des Zeltes überzeugte.Nachts regnete es heftig,
Windböen fegten über den Platz doch das Zelt hielt stand,alles war trocken im Innenraum , selbst dieses gefürchtete Kondenswasser
blieb aus. Wenn die Außentemperaturen auch stark schwankten, das Zeltklima war gut und blieb bei 20° .
Doch wenn nachts die Blase drückte, dann ähnelte das robben durch das Tunnelzelt zum Ausgang einer Grundausbildung der Kampfschwimmer im 2. Weltkrieg. Neben dem Geländegewinn gab es den Kampf gegen die Mücken um sich im Vorzelt dann auf Schuhe oder harte Gegenstände zu setzen.
ABER :
Wie das Schicksal es so wollte offerierte eine Drogeriekette . . . just in time eine Camping-Luftmatraze. Von diesem Tage an war der Schlaf gesichert. Ein Mann ist ein Mann.
Er war nun sogar tiefer und geruhsamer als zu Hause und das will
etwas heißen.
Die Luft, diese herrliche ,reine, salzhaltige Luft, diese Ruhe inmitten der Natur, diese wunderbaren hohen Kiefern mit den ebenso wunderbaren Baumwurzeln (die sich zum Schluß als
durch Mühlmäuse aufgehäufte Erde erwieß).
Und diese die Tierwelt, noch nie habe ich so viele Mücken hautnah erlebt.
- 4 -

(Zu Hause hatte ich schon trainiert wie ich mit einem Wildschwein kämpfen würde wenn es in unser Zelt stürmt.
Meine Mutter war beeindruckt. )

Die Kortisonmenge konnte halbiert werden. Von Symbicort 320 2x tgl. auf Symbicort 160 2x tgl.
Nur bei einem Vortrag, in einem kl. stickigen Bunker, voller Menschen , bei 30° im Schatten vom Koloss Prora, da ging mir die Luft aus.
„MACHTURLAUB“-das KdF Seebad Rügen und die deutsche Volksgemeinschaft

Das Ganze hört sich nach Abenteuer für Senioren an und genau das sollte es ja auch sein, kein Urlaub für Spießer.

Natürlich war das Kulturangebot von erheblicher Wichtigkeit für uns Bildungsbürger , die ohne dieses nicht sein können. Sonst würden wir ja direkt nach Malle fahren, zum großen Ballermann.
-5-

Aber ohne uns, wer sind wir denn ?
Auf den Spuren von Wilhelm von Humbold, dem großen Weltenentdecker wollten wir wandeln. Wie viele Berühmtheiten haben diese Insel besucht, da durften wir nicht fehlen.
Doch ach, zwei Seelen schlagen in unserer Brust, sollten wir es nicht lieber mit Klaus Störtebecker halten und den kulturellen Raubzug ganz anders einordnen ?

Unser Standort, in der Mitte aller relevanten Seebäder zwischen Cap Arkona und dem romantischen Göhren.

Die hochmondänen Seebäder Binz und Sellin waren eine
herbe Enttäuschung. Dichter Verkehr wie in einer Großstadt, Parkplatznot, hohe Preise, Geschäfte die der Düsseldorfer Kö alle Ehre bereiten würde. Nein Danke, darauf können wir aus der nordhessischen Metropole nun wirklich verzichten. Nur die knapp 400 Meter lange Seebrücke von Sellin ist ein promenieren wert, ansonsten sollte der Porsche vor einem gediehgenem Hotel stehen
bleiben um hochpreisig per pedes zu shoppen.

Prora, Sassnitz und der Norden, da kann man noch Mensch sein, dort liegen die Immobilienpreise auch nicht über denen von Düsseldorf oder Hamburg. Diese Kantine in Prora mit den roten Banner . . . , der große Trödelladen an der Straße mit dem offen Hang zur DDR Nostalgie. Überhaupt ist die DDR auch nach 30 Jahren erstaunlich präsent, an den Straßen und Häusern in abgelegenen Orten
und vermutlich auch in den Köpfen der alten Rotfront- Kämpfer, die den Tod von Hr. Honecker und seiner reizenden Gemahlin bedauern.
Trotz allem sichtbaren Milliardenaufwand für die „neuen“ Bundesländer , die ja genauso alt sind wie die Alten, hat sich mehr Ursprünglichkeit erhalten, mehr Natur. Allerdings auf Rügen gährt es an vielen Orten, Millioneninvestitionen sind weiterhin überall geplant, aber die ansässige Bevölkerung will mehr als ein zweites schickimicki Sylt sein. Die Störtebeckers von heute arbeiten legal mit Firmen wie :
Fa. „Immobilien Störte“ und „Investment Becker“
-7-

Die Wirtschaftspolitik dahinter, in den Urlaubsgebieten der Nord-und Ostsee, scheint zu sein nur noch zahlungskräftiges Klientel anzulocken . . . keiner braucht den Normalbürger,den Schüler ,
Studenten oder den Rentner.
Die „KdF“ Projekte der 30ger Jahre waren schon faszinierend und reizvoll für den Normalbürger, die Regierung sollte vorsichtig sein
wenn sie nur an die Wohlhabenden denkt. (1)

In Sassnitz ist die Zeit auch stehen geblieben. In der Mitte des Ortes ein zehnstöckiges Hotel mit dem Charme der sozialistischen Vergangenheit. Eine Gedenktafel erinnert an die Fahrt Lenins 1917 von Sassnitz nach St. Petersburg .


Danach begann der
Siegeszug
der
Bolschewiki,
mit Tränen und Blut unzähliger
Opfer.

Sehenswert war das U-Boot, so viel Technik auf kleinstem Raum
Immerhin hat sich die Kombüse in den letzten 50 Jahren von 2qm auf 4 qm vergrößert, da das Wohlbefinden sich erheblich auf die Kampfmoral auswirkt.
Dieses Cafe . . . am Hafen, lud zum verweilen ein, das hatte was . . . da wäre ich gerne jeden Tag gesessen.
Die Einwohnerzahl von Sassnitz ist beträchtlich geschrumpft, „man machte nach Westen“,so wie überhaupt.Aber die Touristen kommen.

Nicht weit von diesem Ort ist der weltbekannte Königsstuhl,von Kasper David Friedrich in Öl gemalt,
stellt er eines der bemerkenswertesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands da.
Ein Foto blieb mir verwehrt, alleine für den Parkplatz sollte
es 8 Euro kosten. Nein Danke. Da schaut man sich doch lieber


- 9 -

eine Postkarte an . . .

Wir unternahmen zahlreiche Tagesausflüge in entlegene Winkel dieser Insel und erlebten eine atemberaubende Idylle.

Zurück auf dem Campingplatz.
Eine Ruhe und Gelassenheit empfängt uns, als sei die Zeit stehen geblieben.
Leider waren auch die mitgebrachten „Campingstühle“ unbequem und Improvisation war unser tägliches Geschäft.
Aber das Zelt, zwar zu klein aber erstaunlich wetterfest,
denn jede Nacht regnete es heftig und die Böen waren
ordentlich.doch wir blieben trocken und hatten nichts zu klagen. Das „Zeltklima“ war erstaunlich gut, Kondenswasser im Innenraum ? Kein Problem.


Trotzdem kamen wir mit aller Bescheidenheit und ihren Umständen zur Ruhe und Nachts lockte kein Kühlschrank um sich ein Würstchen einzuverleiben.
Endlich mal wieder ein Buch lesen, nach so vielen Jahren der Unruhe. Nichts drängt einen, es gibt keine Termine . . .

Die Kommunikation unter den Besuchern hatte etwas gesellschaftsuntypisches. Nahezu jeder Besucher war interessant und es gab keinerlei Probleme in Gespräche zu kommen und sich auszutauschen. Da gab es die Harley-Fahrer, die Traktorenkolonne die von Österreich nach Finnland fuhr . . . die Wohnwagenpaare, die Ultra-High-TechWohnmobile für 150.000 €, die Schüler die
eigentlich nur die Zahnbürste und das Zelt hatten und sich keine Limo leisten konnten und die gutverdienenden Akademiker die durch teures Equipment hervorstachen und meist mit dem Fahrrad unterwegs waren.


Eine maßlose Ernüchterung trat ein als es zur Kasse ging.
14 Tage für dieses besagte kleine Zelt machten 500 € !
Wie bitte ?

500 Euronen für das Lagern auf dem Waldboden. Die Dusche mußte extra bezahlt werden und einen Aufenthaltsraum z.B bei Regen gab es nicht. In diesem Betrag sind 80 € Kurtaxe erhalten. Ich muß lange überlegen was Stadt und Land denn für die Kurtaxe zu bieten hat . . .

Die Problematik sehe ich darin das die Jugend durch diesen horrenden Preiswucher davon abgehalten wird die NATUR kennenzulernen.
Ein Preisnachlaß von 50% für Schüler und Studenten sollte daher selbstverständlich sein.
Da dies ein Traum ist bleibt nur das wilde campen.

-

Mehr zum Thema

Kommentare

Melden Sie sich jetzt mit Ihrem Nutzerkonto an, um Kommentare zu hinterlassen.

wize.life News per Push Benachrichtigung in Ihrem Browser aktivieren

Benachrichtigungen aktivieren