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Paris

Paris

07.08.2018, 01:15 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Manchmal denk ich noch an Annabelle

Eine Flasche Rosè Ile de Beaute habe ich entkorkt und schenke mir den Wein in ein kleines Glas ein. Es ist nicht nur der Geruch oder der Geschmack des Weines, der mich in die Vergangenheit führt, es ist dieses kleine zylindrische Glas. Es stammt aus dem Kühlschrank im Zimmer des Hotels Eugenie in der Rue St. Andrè des Arts in Paris. Ich weiß nicht, wann ich mit Annabelle dort gewohnt habe, weiß aber genau, daß wir uns beeilen mußten, um nach der Nacht, in der wir nach der Liebe Stirn an Stirn einschliefen und morgens Haut an Haut aufwachten uns beeilen mußten, um noch das Frühstück im Hotel zu bekommen. Versäumten wir es, gingen wir in das Bistro St. Andrè und ein Cafè au lait mit einem Croissant war uns genug.

Komme ich nach Paris, geht mein erster Weg zur Fontaine St. Michel am Beginn des Boulevards St. Michel. Daneben ist das Bistro Lutece und Annabelle wartet schon am Tresen. Sie ist vor mir da und erinnert mich an unsere Zeiten in Paris. Früher hat mich das gestört. Die Erinnerungen waren lästig, wehmütig. Ich konnte ihnen nicht ausweichen. Je mehr ich ihnen auszuweichen versuchte, desto freundlicher und verführerischer lächelte Annabelle.

Ich weiß nicht mehr, wann es angefangen hat mit Annabelle. Mag sein, dass ich sie damals sah oben an der Place Pigalle, wo die Straße steil zu Sacre Coeur hinaufführt. Sie flüsterte: viens, blondisse, viens. C'est gratuit pour toi. Aber damals war ich zu scheu, sie kennenzulernen. Oder sah ich sie im Winter als ich nachts durch das Quartier stromerte, da einen Calvados trank, dort Oeufs mayonnaise aß, während meine Reisebegleiterin im Hotel schlief? Oben hinter der Sorbonne kochte ich mit Annabelle auf einem Butan-Kocher mitten in einem hohen Zimmer Spaghetti. Es kann auch sein, dass es damals geschah, als wir an dieser lauten Kreuzung des Boulevards St Germaine-des-Près kein Fenster öffneten, die roten Vorhänge zuzogen und unsere Siesta in ein Liebesspiel mündete. Irgenwann hat es angefangen mit Annabelle und wenn ich meinen Reisepartnerinnen davon erzähle, suchen sie ein Hotel oben in Montparnasse aus, weit weg vom Quartier latin. Wenn sie in den Galeries Lafayette einkaufen gehen, schleiche ich mich hinunter zur Fontaine St. Michel, trinke einen Pastis im Lutece und sage Annabelle, sie brauche nicht mehr auf mich zu warten. Sie lächelt, ihre Augen funkeln und sie weiß, ich werde immer wieder kommen.

Mit den Jahren ist sie älter geworden und hat an Attraktivität verloren, hoffe ich. Aber die vielen gemeinsamen Erinnerungen verführen uns dazu, wieder ins Restaurant Chantier zu gehen, in dem Art deco Interieur Austern mit Sauce vinaigraitte zu essen und in der Rhumerie einen Daiquirie mit einer Plate crèole zu bestellen, während wir auf Ernest Hemingway warten, der uns von den Soirèes bei Gertrude Stein erzählt. Meine Versuche in Metz im Cafè Comedie von Annabelle loszukommen sind hilflose Schreie gegen die Erinnerungen und sie weiß das. Zumal nicht auszuschließen ist, dass dort im Cafè Comedie, während die Alkoholiker und Nutten Dart-Pfeile ins Publikum werfen, Annabelles Zwillingsschwester auftaucht und alles wieder beginnt.

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