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Kalt, still, schön - aber hört man mich auch schreien?

Kalt, still, schön - aber hört man mich auch schreien?

Dagmar Gehm
27.05.2013, 16:25 Uhr
Beitrag von Dagmar Gehm

Von weit unten dringt ein Rauschen wie aus einer anderen Zeit: Der Gletscherbach, hundert Meter tief und hundertfach akustisch verstärkt. Acht Meter hat man mich bereits in die Gletscherspalte abgeseilt. Nur acht Meter – doch wer sich dort unten befindet, ist Lichtjahre entfernt von allem, was Bodenhaftung, Sicherheit und Orientierung bedeutet. Noch weiter lässt Bergführer Hermann von oben das Seil ab, zwölf Meter mögen es jetzt sein. Fest haken sich meine Steigeisen in die Vorderwand, auch hinten stützt mich kaltes Eis.

Vertrauen? Schwierig!

Nackte Angst steigt auf, das Seil könnte reißen oder die Spalte zugehen – obwohl der Bergführer gesagt hat, dass es etwa ein Jahr dauert, bis das klaffende Eis sich schließt. Dann folgt das bedrückende Gefühl der Einsamkeit. Allein mit der Kälte und dem ständigen Gluckern hinter den Eiswänden. Doch endlich wächst das Vertrauen in die Seilsicherung. Zeit zum Entspannen, zum Schauen und Staunen. Unsagbar schön schimmern die glatten Wände – in Türkis, Jadegrün, Aquamarinblau und Amethystviolett. Eine jahrtausendealte Pracht, so frisch und unverbraucht wie gestern.

Vorbei an Gletschertischen, Schneebrücken und haushohen Eistürmen

Zwei Kilometer lang zieht sich die Gletscherspalte durch den 2.627 Meter hoch gelegenen Sulztalferner, einem der größten Gletscher der Stubaier Alpen. „Vor dem Rückgang der Gletscher reichte die Zunge bis fast zur Hütte heran“, hatte mir Hermann anhand vergilbter Fotos vorher in der „Amberger Hütte“ auf 2.135 Meter Höhe erklärt. Heute muss man nach rund anderthalb Stunden Fußweg von Gries im Ötztal von hier aus noch gut zwei Stunden marschieren, um den Ferner zu erreichen, wie in Österreich die Gletscher bezeichnet werden.

Doch die Mühe lohnt sich, auch ohne die Absicht auf das Abseilen in eine Spalte. Am Seil und mit Eispickeln und Steigeisen versehen, bahnt sich unsere kleine Expedition den Weg über Blankeis, vorbei an sogenannten Gletschertischen und später durch Altschnee, bis hin zu einem Eisbruch aus Blöcken, Schneebrücken und haushohen Eistürmen.

Nur im Sommer sind die Gletscher für Wanderungen zugänglich. Doch wir sind keinem einzigen Menschen auf dem Sulztalferner begegnet. Vielleicht, weil noch weitere der insgesamt 86 Ötztaler Ferner begehbar sind, wie der Tiefenbach- und der Rettenbachferner bei Sölden.

Vielleicht finde ich einen zweiten Ötzi

So haben wir die ganze Pracht für uns allein. Und auch die enge Gletscherspalte, zu der ich mich bäuchlings heranrobbe, um mich dann im 90-Grad-Winkel rückwärts nach unten zu schlängeln. Bis es immer schmaler wird, immer ruhiger, immer einsamer. „Wenn jemand in eine Spalte abstürzt“, sagt Hermann, „hört man sein Schreien nur noch in einem Meter Entfernung, so stark wird der Schall vom Eis geschluckt.“ Das sind ja beruhigende Aussichten.

Seltsame Gedanken kommen in dieser skurrilen Umgebung auf. Vielleicht, so grüble ich, finde ich dort unten eine Gletscherleiche, einen zweiten Ötzi; doch alles, was der Ferner freigibt, ist ein langes Stück Holz mit ein paar regelmäßig gebohrten Löchern. Mit viel Phantasie Teil eines alten Schlittens. Ich lasse es in seiner eiskalten Behausung und rufe Hermann zu, er möge mich wieder nach oben ziehen. Stück für Stück dem Licht entgegen, der Sicherheit, dem Leben.

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