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Liebe kennt keine Liga - Mein Leben als Fan des TSV 1860 München

Liebe kennt keine Liga - Mein Leben als Fan des TSV 1860 München

Thomas Bily
21.05.2016, 19:00 Uhr
Beitrag von Thomas Bily

Die letzte Sommerpause nach der dramatischen Relegation gegen Kiel habe ich mit einer Transsib Reise überbrückt. Eigentlich wollte ich mich nach dem Desaster der letzten Saison komplett lossagen. Die sibirische Steppe schien mir perfekt für diesen kalten Entzug. Aber es klappte nicht. Ich kriegte es nicht weg dieses "Einmal Löwe, immer Löwe."
Also ging ich wieder ins Stadion und erlebte eine Saison, die - wenn überhaupt - nur dem Tabellenplatz nach etwas besser endete. Auf Platz 15 statt auf 16. Gesichert schon am vorletzten Spieltag! Dieser Aufwärtstrend wird den einen oder anderen schon wieder vom Aufstieg träumen lassen. Und ich überlege, mir mal wieder eine Saisonkarte zuzulegen. Dann ist es EINE Entscheidung mit Schrecken und erhöhten Kosten - und der Rest des Jahres wird geschluckt. So beim Kauf einer Jahresvignette für Österreich, wenn es im Sommer regnet und im Winter nicht schneit. Ein schlechtes Geschäft halt.

Ausgerechnet die 60er

Schuld an meiner Psychose ist ein Münchner Wochenend-Urlauber, der mir im Alter von 8 Jahren im Wirtshaus meines Onkles im Bayerischen Wald einen blauen Schal schenkte. Davor hatte ich ihm erzählt, dass ich eigentlich Bayern Fan sei. Jahrelang hab ich als unwissendes Kleinkind am Samstagnachmittag Heute im Stadion gehört und Bayern-Wappen gemalt. War ja eigentlich ganz schön. Damals haben die Roten zwar noch nicht so oft gewonnen wie heute, aber doch meist viel öfter als der Rest.

Mir kam es damals gar nicht in den Sinn, dass es noch andere Mannschaften aus der gleichen Stadt geben könnte. Es reicht doch eine pro Stadt. So wie bei uns auch im Bayerischen Wald. Wer braucht denn bitte zwei? Da kommt man ja nur durcheinander. Aber der Zugereiste aus München meinte nur trocken: "Da hast einen Schal, damit du mal Fan von einer g´scheiten Mannschaft wirst." Ausgerechnet 1860.

Gutsherrn-Sportart Fußball

Heute, eine Saison nach Kiel, weiß ich, dass es wieder nichts wurde mit dem lange herbeigesehnten Aufwärtstrend. Sehnen und Beten und Berufung auf Traditionen hilft halt nichts. Unterm Strich ist ein Profifußballverein ein mittelständisches Unternehmen. Es braucht vernünftige Führungskräfte und gutes, motiviertes Personal. Manche Fußballvereine werden aber selbst heute noch - im kapitalistischen Ära der TV Gelder - geführt wie Stammtisch-Clubs. Einer hat den Vorsitz und die anderen kuschen und kommen, wenn sie Zeit und Lust haben. Dann gibt es noch den Kassier, der in einer nüchternen Phase das Geld zählt, und den Schriftführer, der ihm das alles beglaubigt. Dass beide gleichzeitig längere Zeit nüchtern sind, weiß spätestens der Vorstand zu verhindern mit einer neuen Lokalrunde. Und das Stadion, das Lokal tobt. Bis zum Kater am nächsten Morgen.

Einigermaßen Führungskräfte, passables Personal zu beschaffen - das kann doch alles nicht so schwer sein? Meint man und sieht man ja auch anderenorts wie in München (bei den Bayern), Gladbach oder von mir aus auch Heidenheim.
Es schien ein Geschenk des Himmels, als den 60ern kurz vor der Pleite wie aus dem Nichts ein Scheich ins Haus schneite. Die Funktionäre anderer Bankrottkandidaten sieht man im Herrgottseck des Vereinsheims kauern und beten: "Lieber Gott, bitte, bitte schick uns einen Scheich vorbei, damit das Elend ein Ende hat!" Bei den Löwen fliegt ein Scheich ein und wirft nach 2 Monaten seinen Teppich Richtung Mekka: "Bitte, bitte, lieber Allah, lass mich einigermaßen heil nach Hause kommen!". Die Löwen scheinen mit aller Macht der erste Verein sein zu wollen, der einen Scheich ruiniert. Samt Schatzkammer, Pipeline und Bauplänen für ein neues Stadion.
Wer denkt, das könne nicht sein, der glaubt wahrscheinlich daran, dass das Fußballgeschäft hoch professionell aufgestellt sei - wenn es schon um so viel Ruhm und Geld geht. Vorab: Es gibt schon ein paar gute Teilnehmer. Aber mindestens die Hälfte aller Beteiligten - vom Präsidenten, über Manager, Spieler, Vermittler, Trainer, Funktionäre, Journalisten, Reporter - sind einem Gutsherrendenken verhaftet mit etwas Fachwissen, ganz viel selbst verordneter Autorität und einer Verweigerung für die professionelle Neuzeit unter Berufung auf wenig einträgliche aber populistische Werte wie Tradition und Beständigkeit. Diese Dilettanten stützen sich gegenseitig in einem Buddy-System. In dieser Liga spielten meine 60er in den letzten Jahren ganz weit vorne mit.

Ü18 geht der Ofen aus

Ausgeschlossen als Entschuldigung für die sportliche Talfahrt ist die Option, dass die 60er keinen Zugriff hätten auf gute Fußballer. Die Benders, Johnson, Lehmann, Volland, Aigner, Leitner, Wood, Schäfer, Baier, Weigl, Baumgartlinger - alles Löwenspieler der letzten Jahre. Man hat sie wegen Missmanagements abgeben müssen und ihr Talent nicht entwickeln können.
Als Ersatz für diese hoffnungsvollen Fußballer wurden ausrangierte und derangierte Ex-Stars, No-Names oder Grob-Motoriker geholt. Mein Freund Lutz schickte mir mal ein Foto aus dem Urlaub mit der Bemerkung: "Die Frau vom Torben Hoffmann hat sich neue Brüste machen lassen." Darauf schrieb ich ihm zurück: "Wenn noch Geld übrig ist, soll er sich neue Haxen machen lassen."
Auch mit seinen alten Haxen konnte sich Torben Hoffmann zum Publikumsliebling mausern, indem er mit viel Leidenschaft und wenig Können an das Kämpferherz appellierte. Selber aber selten was rumriss. Schon gar kein Spiel. Vielleicht mal einen Gegenspieler. Wenn er ihn erwischte.
Fakt ist: Über 18 verliert sich die Qualität bei 60 ins Nirwana. Als bekämen die Jungs zu Weihnachten einen Einlauf vom Jugendtrainer: "Jetzt schaut´s, dass ihr weg kommt, sonst verlernt´s es noch." Für diese Ansage hat er Samstag für Samstag knallharte Beweise.

Hannes Ringlstetter schildert das Drama aus Zuschauersicht - ab Minute 4:55 dieses Videos:

Kehrtwende mit Verstand - nicht nur Leidenschaft

Also: Geld wäre da in München. Fans stünden 30 bis 40 Tausend parat, wenn ein paar engagierte Spiele abgeliefert würden. Die Stadionfrage? Soll der Rasen Schuld sein, dass der Gummi-Ball vom Holz-Schienbein springt oder ganz woanders hinfliegt als gewollt? Der gleiche Ball schafft jeweils eine Woche früher und später auf dem gleichen Platz eine Genauigkeit von 95% - es sind nur andere Beine im Spiel. Tradition? Von mir aus sollen sie weiter 57, 58, 59, 60 spielen. Besser für die Erneuerung scheint mir ein Musikprogramm wie bei den Pauletten. Entscheidend aber bleiben Trainer, Sportchef und Spieler. Es muss doch möglich sein, dass wir ein paar finden, die von Fußball Ahnung haben und eine Mannschaft aufbauen à la Nowak, Abedi Pele, Hässler, Jeremies, Schwabl, Stranzl, Heldt... Das waren nicht mal alles Youngster - aber alle hatten eine vernünftige Beziehung zum Spielgerät. Einfach eine kleine, feine Auswahl von Fußball-Spielern: Das würde ich mir erhoffen. Dann wird alles andere von alleine.

3 Kommentare

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1860???? das ist doch der verein, der seine seele an den scheich verschachert hat.... was hat ewald lienen letzt gesagt: schlimmer als rb leipzig.....bravo ewald
  • 09.10.2016, 14:02 Uhr
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Thomas Bily
Zettel-Ewald ist ein alter Sozi der setzt lieber auf Tradition und Bratwurst.
  • 09.10.2016, 17:48 Uhr
  • 0
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Sehr guter guter Beitrag! Ich als Fan der Roten
bin schon immer der Meinung, das keine Liga kennt, und
gehe zur Zeit mit meinem 1.FCK durch ein Tal der! Ich bin aber
sicher, dass ich es noch erleben werde, das ROTE und
die von 1860 in einer Liga spielen, und wir gemeinsam
singen, was wir von dem FCB halten!
  • 09.10.2016, 08:14 Uhr
  • 1
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