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Scheinargumente in Diskussionen

Scheinargumente in Diskussionen

08.04.2018, 08:59 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Die Soziolinguistik definiert eine Reihe von Scheinargumenten, die den Diskussionsgegner mit unlauteren Mitteln außer Gefecht setzen sollen. Dieses Fehlverhalten ist in den Diskussionen gut und oft zu beobachten, können aber leicht entlarvt werden.

Oft beginnt es schon mit einer diffamierenden Einleitung:

1. Brunnenvergiften
Das ist eine bösartige Attacke, die nicht abgewehrt werden kann.

Beispiel:
„Heute möchte ich mit Frau M. von der Gewerkschaft über Sinnhaftigkeit oder
Sinnlosigkeit von Mindestlöhnen diskutieren. Leider gibt es nämlich noch immer viele Menschen, die unsinnigen sozialistischen Ideen des sogenannten Arbeitnehmerschutzes anhängen, mit denen sie unsere Industrie weniger konkurrenzfähig machen.“

2. Persönlicher Angriff (argumentum ad hominem - Argument an den Menschen)
Hat keinen Bezug zum Thema

Beispiel:
„Ihnen glaube ich gar nichts, was Sie über die Kelten sagen, denn Sie haben Ihren
behinderten Mann sitzen lassen.“

3. Ablenkung vom Thema (Red Herring)
Themenverfehlung

Beispiel:
A: „Das waren die Fakten. Sehen Sie: die antiken Kelten *haben* geschrieben.“
B: "Wichtig ist mir, dass Sie respektieren, dass ich hier anderer Meinung bin. Das wichtigste im Leben ist Respekt.“
A: „Das ist jetzt nicht unser Thema!“
B: „Mir ist es aber am wichtigsten. Reden wir über Respekt.“

4. Strohmann-Argument
Einer Aussage wird ein böswillig verfälscht und nur darüber weitergeredet (‚das Wort im Mund umgedreht‘)

Beispiel:
Ein Anhänger der Grünen sagt, dass es am gesündesten ist, vegan zu leben. Darauf erfolgt die Antwort: „Die Grünen wollen uns also alle zwingen, Veganer zu werden. Reden wir doch darüber, wie unser Leben als Zwangsveganer aussehen wird!“

5. Reduktion auf das Lächerliche (reductio ad ridiculum)
Die Gegenposition wird verkürzt und lächerlich gemacht

Beispiel:
„Nur Deppen können an die Evolution glauben! Wenn sich die Affen zu Menschen
entwickelt hätten, gäbe es heute keine mehr!“

6. Reduktion auf Hitler (reductio ad Hitlerum, Leo Strauss 1953)
Die Privatmeinung eines lange toten Verbrechers ist zwar irrelevant, wird aber als Argument missbraucht, und die Gegenposition zu verunglimpfen.
Beispiel:
„Ich mag Schäferhunde.“
„Ha! Genau wie Hitler!“

7. Verletzung der Regeln der Logik (non seguitur – es folgt nicht)
Die Schlussfolgerung ist aus dem Argument nicht nachvollziehbar.

Beispiel:
„Cú Chullain ist der Archetyp des jugendlichen Helden. Theseus ebenfalls. Deswegen ist Theseus gleich Cú Chullain: die Griechen haben aus irischen Quellen abgeschrieben.“

8. Falsche Schlussfolgerung aus dem Schweigen (argumentum e silentio)
Aus der Verweigerung einer Aussage wird etwas unterstellt.

Beispiel:
„Du sagst mir nicht, wo deine Freundin wohnt? Wahrscheinlich hast du gar keine!“

9. Falsche Schlussfolgerung aus dem Nichtwissen (argumentum ad ignorantiam)
Man behauptet, dass etwas so lange als richtig gelten muss, bis es widerlegt ist, und fordert eine unzulässige Umkehr der Beweislast

Beispiel:
„Solange du mir nicht beweisen kannst, dass Krishna nicht existiert, müssen wir davon
ausgehen, dass er die Geschicke der Welt steuert.“

10. Behauptung eines Sonderfalls ohne sinnvolle Begründung
Eine nicht genehme Tatsache wird ohne Beweise zum Sonderfall deklariert. Damit wird die eigene Behauptung nicht hinterfragbar.

Beispiel:
„Alle Männer wollen Fußball schauen. Das ist angeboren.“
„Ich nicht!“
„Na gut, du nicht. Aber alle ECHTEN Männer wollen Fußball schauen.“

11. Gehirnwäsche (argumentum ad nauseam - Argument bis zur Übelkeit)
Eine Behauptung wird so lange wiederholt, bis niemand mehr Widerstand leistet.

Beispiel:
Cato wiederholte bei jeder Senatssitzung den Satz: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam.“ – „Übrigens denke ich, dass Karthago zu vernichten ist.“

12. Appell an die Ehrfurcht (argumentum ad verecundiam)
Er hat selbst gesagt (ipse dixit)
Es wird auf eine Autorität verwiesen, die als kompetent anerkannt wird.

Beispiele:
„Auch der Kardinal Schönborn glaubt ans intelligent design!“
„Jesus sagt selbst, dass niemand in den Himmel kommt außer durch ihn!“

13. Berufung auf die Mehrheit (argumentum ad populum)
Man beruft sich auf ein ‚gesundes Volksempfinden‘, obwohl dieses nicht zwingend im Recht ist.

Beispiel:
„Bei uns im Bezirk mag keiner die Tschuschen. Das wird schon einen Grund haben.“

14. Appell an das Mitleid (argumentum ad misericordiam)
Wechsel der Diskursebene ohne Zusammenhang zum Thema

Beispiel:
„Herr Rat, schauen sie mich doch an. Ich bin krank, leide an Gicht und kann kaum noch gehen. Glauben Sie wirklich, jemand wie ich könnte einen Betrug begehen?“

15. Falscher Kompromiss (argumentum ad temperantiam - Argument an die Mäßigung)
Es wird behauptet, dass der Mittelweg zwischen zwei verschiedenen Ansichten immer richtig ist.

Beispiel:
„Du sagst, Frau X. sei schwanger. Ich sage, sie ist es nicht. Einigen wir uns darauf, dass sie ein bisschen schwanger ist.“

Grundlage: ein Handout von Univ.-Lekt. Mag. Albert Bock, Institut für Sprachwissenschaft / Indogermanistik / Keltologie der Universität Wien

https://homepage.univie.ac.at/albert...gumente.pdf

24 Kommentare

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Wo issa denn, der Meister dieser Tastatur?
Seit Tagen oder sogar seit Wochen schon meidet er das Brett
  • 08.04.2018, 12:21 Uhr
  • 0
Wen vermisst du denn?
  • 08.04.2018, 12:56 Uhr
  • 0
Von wem sprichst du?
  • 08.04.2018, 14:04 Uhr
  • 1
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Punkt 11 ist dann hier nicht "Carthaginem esse delendam", aber auch ein Dreiwort Satz, dem nicht mal ein "Et cetero censeo" vorausgeht, was ja noch eine "Ich-Botschaft" wäre. Im Übrigen interessant: Cato schloss JEDEN Redebeitrag mit diesem Satz, auch wenn es zuvor um ein ganz anderes Thema ging. DAS ist heute genauso.
Meine Lottozahlen waren falsch? Tja, wer muss dann wohl weg?
  • 08.04.2018, 11:49 Uhr
  • 1
So läuft Gehirnwäsche.
  • 08.04.2018, 13:04 Uhr
  • 0
Eine Ich-Botschaft, die sich "verkleidet", ist aber keine Ich-Botschaft:
Zu sagen "Ich glaube, dass du blöd bist" und hinterher mit Unschuldsmiene zu behaupten, das sei eine Ich-Botschaft gewesen, ist auch ganz schön schräg...
  • 08.04.2018, 14:22 Uhr
  • 1
Ist trotzdem anders, als wenn das "ich" (A) sagt zu B: Du bist blöd. So kann man immer noch entgegnen, wenn du das glaubst, ist es dein Problem, darfst du das gerne, DEINE Meinung, ich finde mich gar nicht blöd. Und jeder Dritte (C) kann sagen: Ach, die/der A wieder mit ihrer/seiner Meinung über B...
Es ist schon anders...
  • 08.04.2018, 15:43 Uhr
  • 0
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Das Traurige:
Hier auf Wize Life kann ich täglich und in nahezu jedem Beitrag irgendeine "Schein"-Argumentation erkennen.
Wir alle sollten uns trainieren, sie zu durchschauen und dabei in Diskussionen gelassener zu werden. Wenn ich weiß, es sind nur üble Tricks, fällt es leichter, sich ihnen schmunzelnd entgegen zu stellen.
  • 08.04.2018, 10:24 Uhr
  • 2
Wie wahr.
  • 08.04.2018, 13:06 Uhr
  • 0
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Da isser ja, prima!
  • 08.04.2018, 10:19 Uhr
  • 1
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Ein prima Beitrag .... vielen Dank.
Ich wünsch Dir einen entspannten Sonntag
  • 08.04.2018, 10:16 Uhr
  • 1
Danke Iris, werde ich haben und wünsche dir dasselbe!
  • 08.04.2018, 13:00 Uhr
  • 0
Hab Va Bandscheibenvorfall .... Schmerzen ohne Ende.
Ich wusste nicht was man umsonst bekommt .... als ich 'hier' geschrien hab ... vorgestern. So kommts, wenn man schwerhörig ist😂
  • 08.04.2018, 13:04 Uhr
  • 0
Baldige Besserung
Ich melde mich per PN.
  • 08.04.2018, 13:07 Uhr
  • 0
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Danke für den Link - hatte ich so zusammengefasst noch nicht gelesen.
  • 08.04.2018, 09:40 Uhr
  • 1
Ich wurde auch erst durch eine andere Userin darauf aufmerksam.
  • 08.04.2018, 13:03 Uhr
  • 0
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Das Argumentum ad hominem ist sehr beliebt in Internetforen. (hier auch?)
Wenn die Argumente ausgehen, der Diskusionsgegener spürbar überlegen ist, geht man zum persönlichen Angriff über, der im Notfall auch in Beleidigungen endet.
Einfach ein Problem der überhöhten Selbstbewertung, welche andere Wahrheiten nicht zulässt.
Schade aber menschlich.
  • 08.04.2018, 09:26 Uhr
  • 2
Ja, hier auch . Das erkennt man deutlich an den relativ häufigen Schlammschlachten, die hier abgehen. Es zählt nicht mehr, WAS jemand sagt, sondern WER es sagt.
  • 08.04.2018, 13:02 Uhr
  • 1
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stimmt , guter Beitrag, läuft mir täglich übern Weg . Ins lächerliche ziehen , weil man keine Ahnung hat , gerade bei sexuellen Themen weit verbreitet
  • 08.04.2018, 09:07 Uhr
  • 1
Auf dem Gebeit der Sexualität halte ich das für ein untrügliches Zeichen von Verklemmtheit. Wenn jemand eine unvoreingenommene, natürliche Einstellung dazu hat, hat er/sie keinen Grund, den Sex in der 'Schmuddelecke' zu plazieren und darüber zu witzeln - ebenso wenig wie beispielsweise über die Nahrungsaufnahme.
  • 08.04.2018, 09:12 Uhr
  • 1
Nur können einige mit dem Thema nicht umgehen , weil sie nach der ersten Erfahrung , wenig oder nichts dazu gelernt haben. Oft erlebe ich Frauen die zwar verklemmt sind , sich aber dann öffnen, weil sie feststellen , das Sex sehr vielfältig sein.
  • 08.04.2018, 09:22 Uhr
  • 0
Mag sein. Aber Sexualität ist nicht das Thema ds Beitrags
  • 08.04.2018, 09:24 Uhr
  • 2
wie schön das du es wieder auf den Punkt bringst eine gute Moderatorin auch noch
  • 08.04.2018, 09:26 Uhr
  • 0
Danke
  • 08.04.2018, 09:29 Uhr
  • 0
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