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Psychologie für Anfänger: Das Gewissen wird einfach überbewertet!

Christine Kammerer
09.06.2013, 16:11 Uhr
Beitrag von Christine Kammerer

Freud hat‘s erfunden. Bevor sich der Sigmund an seinen Schreibtisch setzte, war die Welt noch ziemlich einfach. Damals konnte der Mensch nämlich noch alle seine Probleme durch bloßes Nachdenken lösen. Frauen zählten ja damals noch nicht wirklich zur Menschheit und waren sowieso hysterisch. Aber der Mann war Gottseidank von Anfang an total rational und eigentlich immer schon vollkommen kopfgesteuert.

Und dann kam dieser Freud. Er fand heraus, dass wir eigentlich überhaupt gar kein bisschen rational sind. Oder höchstens ein ganz kleines bisschen vielleicht. Jedenfalls stellte er fest, dass es unterhalb des Kopfes noch jede Menge andere Dinge gibt, die unser Denkvermögen erheblich beeinträchtigen. Irgendwo um die Gürtellinie herum genau genommen. Und von dort gelangen diese seltsamen kleinen Impulse dann in unser Gehirn. Deswegen machen wir merkwürdige Dinge und tun dann nachher eben mal so, als ob.

Tu doch nicht so erwachsen!
Zum Beispiel tun wir gerne so, als ob wir alles lange im Voraus per Verstand entschieden hätten. Obwohl die Entscheidung in Wirklichkeit aus dem Bauch kommt. Aber meistens merken wir das noch nicht einmal so genau. So wie bei dem schicken, neuen Sportwägelchen zum Beispiel. Das hat sich Ihr Mann auch nur deswegen gekauft, damit er Sie damit schneller zum Großmarkt bringen kann. Auch wenn Sie im Kofferraum bestenfalls eine Getränkekiste verstauen können. Und weil er es gut von der Steuer absetzen kann. Aber doch ganz bestimmt nicht, weil es ihm einfach Spaß macht. Höchstens vielleicht, um die Nachbarn zu ärgern. Klingt doch vernünftig, oder?

An der Stelle kommt dann gerne mal das Bildchen mit dem Teufelchen und dem Engelchen auf der Schulter. Aber so einfach ist das ja nun auch wieder nicht. Denn wer ist denn nun das Teufelchen? Etwa die Stimme aus dem Bauch? Die uns vor der appetitlichen kleinen Konditorei in der Innenstadt leise zuflüstert: „Oh, schau mal! Die Schwarzwälder Kirschtorte! Sieht die nicht unglaublich lecker aus? Du solltest dir unbedingt ein Stück davon gönnen!“ Und schon stehen wir von einem unwiderstehlichen inneren Drang geleitet mitten im Café vor der Kuchentheke und setzen zur Bestellung an. Der reinste Magnetismus. Da ertönt ein vernehmliches Raunen auf der anderen Seite: „Hallo?! Was tust du da eigentlich? Du bist doch eh schon viel zu fett! Du gehst jetzt sofort wieder raus!“ Und – merken Sie was? Da war jetzt noch gar kein Kopf dabei.

Ein klares Jein
Inzwischen ist die sympathische, rundliche Konditorin auf den Plan getreten und fragt: „Was darf‘s denn sein?“ Und schon sind Sie gleich in mehrere Konflikte verwickelt. Sie können jetzt unmöglich zu der netten Frau sagen: „Nein, danke. Ich hab’s mir anders überlegt.“ Das wäre peinlich. Und irgendwie auch unhöflich. Das können Sie doch jetzt nicht machen. Schließlich haben Sie mit Ihrem Verhalten Kaufabsicht bekundet. Nun ja, eigentlich können Sie jetzt sowieso nichts mehr richtig machen. Aber dafür auch nichts falsch. Oder?

Die Stimme aus Ihrem laut knurrenden Bauch, also dieses Es, spürt Aufwind und legt noch einmal nach: „Hey, jetzt wo du schon einmal hier bist, tu dir doch einfach mal was Gutes! Du kannst doch jetzt die nette Frau nicht enttäuschen! Und das Leben ist sowieso viel zu kurz, um sich dauernd von diesem blöden schlechten Gewissen die Laune verderben zu lassen!“ Das Über-Ich ist entrüstet und schimpft: „Siehst du, was du angerichtet hast! Weil du immer so kopflos und unvernünftig bist, hast du jetzt auch noch die nette Bedienung verärgert. Du entschuldigst dich jetzt sofort und gehst! Schließlich wolltest du doch unbedingt abnehmen!“

Der Kompromiss: Wenn einer vorgibt und keiner wirklich nach...
Die Bedienung hat sich inzwischen Gottseidank einem anderen Kunden zugewandt. Sie haben also kurz Zeit, um nach einer Lösung zu suchen. Jetzt – endlich - schaltet sich das Ich zu und sagt: „Ok. Ist ja alles schön und gut. Ihr habt beide irgendwie Recht. Wie wär‘s mit einem Kompromiss? Ein kleines Stück Himbeerkuchen vielleicht? Das hat nur halb so viele Kalorien und eine kleine Sünde darfst du dir nach vier Wochen strenger Diät schon mal erlauben!“ Es und Über-Ich ziehen leise grummelnd ab. Sie genehmigen sich schnell noch einen Schlag Sahne obendrauf und sind zumindest so lange glücklich, bis Sie abends auf der Waage stehen. Und schon sitzt Ihnen das Über-Ich wieder im Nacken und zetert: „Hab ich‘s dir nicht gleich gesagt? “

Moral wird überbewertet...

Ein schlechtes Gewissen ist ja manchmal gar nicht so schlecht. Oder auch gar nicht so gut. Je nach Perspektive. Also irgendwie auch wieder nicht wirklich kopfgesteuert. Aber was ist denn nun eigentlich rational? Und ist es denn so unvernünftig, sich etwas Gutes zu gönnen? Oder sollte man doch besser auf sein Gewissen hören? Auf Dauer ist das doch mindestens genauso ungesund wie das tägliche Stückchen Torte extra. Wie zum Teufel bringt man denn nun das, was man unbedingt, ganz dringend und am besten sofort will und das, was gerade lustig ist und Spaß macht, mit dem zusammen, was man eigentlich tun, lassen oder (auf keinen Fall) wollen sollte? Funktioniert das überhaupt oder prinzipiell gar nicht? Wo doch das Über-Ich auch nur so ein zäher Mainstream ist. Dieser Katalog, den wir ständig mit uns herum schleppen. In dem alle Gebote und Verbote drin stehen. Aber eben nur so im Allgemeinen und Generellen. Im speziellen Fall meistens nicht. Immer irgendwie knapp vorbei am wirklichen Leben.

...denn, das wirkliche Leben ist schon hart genug!
Es macht ja oft auch irgendwie Sinn, dass wir uns möglichst konform zum gerade herrschenden Zeitgeist verhalten. Und zum Beispiel an roten Ampeln anhalten und unsere Steuererklärung einigermaßen korrekt ausfüllen. Aber ganz oft ist der Katalog ja außerdem auch noch veraltet. Angefüllt mit Regeln und Werten, die längst gar nicht mehr aktuell sind. Weil sich sowieso keiner daran hält. Auch, weil man Regeln meistens ziemlich frei interpretieren kann. Selbst wenn man es eigentlich nicht kann. Anwälte können das. Oder weil es einfach keine Freude macht. Sie kleben aber trotzdem wie alter Kaugummi hartnäckig in unseren Gehirnwindungen. Und sorgen dafür, dass wir eigentlich dauernd ein schlechtes Gewissen haben. Falls wir überhaupt eines haben. Einfach lästig eben. Besonders wenn wir – wie so oft - nicht im Mainstream schwimmen, sondern uns auf einen dieser vielen verführerischen Abwege begeben haben. Und weil es uns der liebe Gott nicht allzu schwer machen wollte, hat er uns diesen kleinen Trick mit auf den Weg gegeben – die Verdrängung. Wir dürfen schon mal schummeln und einfach nur so tun als ob. Das macht das Leben auf Dauer auch heute noch irgendwie einfacher.

13 Kommentare

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Liebe Frau Kammerer, ich habe Ihren Artikel zwar nur überflogen, aber denke nicht, dass ich falsch liege, wenn ich sage: Freud war sicher einer, der Zusammenhänge zwischen Mensch und Psyche klargestellt hat - aber was sich seither getan hat in der Hirnforschung ist fulminant. Man kann jedem Interessierten nur raten, sich in einem guten Sachbuch mal selber zu informieren. Ich bin wirklich überrascht, seit wie kurzer Zeit (meiner Jugend), sich das Bild von der Arbeitsweise des Gehirns total verändert hat - und die Zukunft kann man im Segen und im Fluch darüber sehen.
  • 15.04.2014, 17:10 Uhr
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Christine Kammerer
Dennoch hat Freud eine gigantische Pionierleistung vollbracht, indem er das damalige Wissen über die Seele und vor allem über das Unbewusste (also zwei Bereiche, die man mit dem Skalpell nicht erkunden kann und die für die Naturwissenschaften absolutes Neuland waren) erstmalig wissenschaftlich strukturiert zusammengefasst hat, und sich damit auch gegen viele der damals geltenden Auffassungen anderer behaupten konnte. Die Neurowissenschaften profitieren davon bis heute, auch wenn sicher nicht alles zutreffend war.

Für mein Gefühl schießt auch die Hirnforschung teilweise weit über das Ziel hinaus, indem sie aus den bisher bekannten Fakten Schlüsse zieht, die so einfach nicht haltbar sind, weil wir vieles über die Funktionsweise des Unbewussten noch gar nicht wissen.
  • 16.04.2014, 09:21 Uhr
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War einfach herrlich, diesen Beitrag zu lesen! Hab mich zwischen den Zeilen auch gleich wiedererkannt *lach*
  • 10.07.2013, 06:51 Uhr
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sry, habe noch eine generelle frage vergessen. Wieso ist eigentlich nur schlank schön? ich habe in meinem leben sehr viele sogenannte "dicke" frauen kennen gelernt, welche überaus attraktiv waren.. da waren viele echte "sahneschnittchen" dabei, wie die chauvs sagen würden.. (das wort sahneschn... passt, glaube ich, ganz gut her.)
  • 15.06.2013, 08:29 Uhr
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Christine Kammerer
(ausnahmsweise mal ein Komliment an den Chauvinismus )
  • 15.06.2013, 13:07 Uhr
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der is jut hihi
  • 29.01.2014, 17:52 Uhr
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hallo, ich habe mein gewissen permanent ausgeschaltet, solange ich damit niemandem schade. bauchgefühl kann m.e. durchaus logische vorgaben machen und sit wesentlich wichtiger als das ratio. ein sehr amüsanter bericht. besten dank. michael hamm
  • 15.06.2013, 08:22 Uhr
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Wäre er etwas kommunikativer gewesen, der Sigmund, dann hätte er im Wiener Kaffeehaus mit seinen Hawaras Karten gespielt oder Billard oder ein bisschen über die Monarchie und den alten Kaiser geschimpft.

So aber saß er mutterseelenallein in seiner Ecke, vom Ober hin und wieder mit einem Einspänner und Powidldatschgerl verwöhnt und hatte nix besseres zu tun, als die Psychoanalyse zu erfinden.

Das haben wir nun davon, wenn einer aus purer Langeweile neue Berufszweige erfindet und das schlechte Gewissen gleich mit dazu ...
  • 10.06.2013, 12:42 Uhr
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Christine Kammerer
Das klingt fast so, als hättest du damals am Nebentisch gesessen und ihn zu seiner Erfindung inspiriert
  • 10.06.2013, 12:46 Uhr
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Souffliert, nicht inspiriert.

Weil mir der Kerl leid tat, so mutterseelenallein, habe ich ihm öfter aus der Kronen Zeitung vorgelesen, also, nicht ich, sondern die Person, die ich vorher war, so um Neunzehnhundert rum, hat dem Siggi vorgelesen und ihm aus dem Leben davor, so um Achtzehnhundert rum, erzählt. Der Siggi glaubte mir bzw. meinem Vorgänger, sowie dessen Vorgänger kein Wort, war aber trotzdem irgendwie von dem Erzählten fasziniert und schrieb in seinen Schulheften fleißig mit. Nichtsahnend soufflierte ich ihm die Psychoanalyse, die eigentlich von mir stammt bzw. von der Person, die ich vorher war, bevor ich ich wurde. Vom Urheberrecht und so weiter damals freilich noch keine Rede ...
  • 10.06.2013, 13:54 Uhr
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Christine Kammerer
Plagiate machen ja auch nur ein schlechtes Gewissen, wenn man dabei ertappt wird! Aber es wird Zeit, diesen eklatanten historischen Fehler richtig zu stellen, findest du nicht? Lorbeer, wem Lorbeer gebührt! Nur die Zuerkennung der Autorenschaft dürfte bei so vielen geistigen [Ur-(Groß-)-]Vätern, die ja alle gewissermaßen multipel und persönlich irgendwie beteiligt waren, schwierig werden...
  • 10.06.2013, 14:11 Uhr
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So ist es. Wir, das heißt ich und meine Vorfahren aus früheren Leben, waren ja schon wegen dem Urheberrecht gerichtlich unterwegs. Aber anstatt mir/uns die zustehende Leistung anzuerkennen, hat man mir bloß die Visitenkarte eines guten Psychotherapeuten überreicht ...
  • 10.06.2013, 19:46 Uhr
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Eine angenehm unterhaltsame Darbietung und ein überzeugendes Plädoyer für mehr Lockerheit im Umgang mit den eigenen Ansprüchen. Toll geschrieben, vielen Dank, Christine!
  • 09.06.2013, 14:11 Uhr
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