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Der Schlüssel

Der Schlüssel

29.05.2013, 18:26 Uhr
Beitrag von wize.life-Nutzer

Ich bin glücklich! Heute habe ich einen Schlüssel bekommen. Er wurde mir gegeben, weil man mir zutraut, dass ich ihn sorgsam aufhebe und ihn auch nicht weitergebe. Was ist das für ein Schlüssel? Wenn man ihn in der Hand hält und ihn ansieht, ist es ein ganz normaler Schlüssel, der sogleich von meinem Nachbarn als Torschlüssel identifiziert wurde. "Das ist ein alter DDR-Torschlüssel, die sahen damals alle so aus."

Der Schlüssel ist groß und er hat die Form eines alten Wohnungsschlüssels. Er passt in das Tor zu meinem geheimen Obstgarten. Warum ist es mein geheimer Obstgarten? Er ist es, weil ich nicht weiss, wem er gehört und auch noch nie gesehen habe, dass jemand in diesem wundervollen, stets perfekt gepflegten Garten spazieren gegangen ist. Kennt niemand diesen herrlichen Aufenthaltsort? Es ist kein Haus oder eine Hütte in diesem Garten, wo ich darum bitten könnte, diesen wundervollen Garten besichtigen zu dürfen. Darum habe ich ihn meinen geheimen Obstgarten genannt.

"Darf man das denn?"

Lange schon habe ich bei jedem Spaziergang mit meinem Hund sehnsüchtig in diesen wundervollen Garten geschaut und an dem verschlossenen Tor gerüttelt. Leider war es immer verschlossen. Ein vorübergehender Mann, der den Garten wohl kannte, gab mir den Rat: "Sie müssen einfach den Pflock des Tores aus der Erde ziehen, dann können sie den Garten betreten." "Darf man das denn" fragte ich zweifelnd?" "Na ja, wer viel fragt, bekommt viel Antwort" lachte er. Mir widerstrebte es, so den Zutritt zu meinem geheimen Garten zu bekommen. Ich wollte nicht in ein Grundstück eindringen, in dem ich vielleicht nichts zu suchen habe. Aber dann traf ich einen der Gärtner, die für die Pflege der städtischen Anlagen und auch für diesen Garten zuständig sind.

"Wissen sie vielleicht, wie ich in diesen wunderschönen Garten kommen kann? Er ist immer verschlossen, wenn ich hier vorbeigehe." "Ja, wir sollten eigentlich immer morgens den Garten aufschließen; wenn sie allerdings schon vor acht Uhr vorbeigehen, ist er eben noch zu. Aber ich gebe ihnen hier einen Schlüssel für den Garten. Sie dürfen ihn aber auf keinen Fall verlieren!" Mit diesen Worten überreichte er mir diesen alten Torschlüssel. Ich hätte den Mann umarmen können. "Ganz herzlichen Dank" konnte ich nur stammeln. Ich konnte mich vor Freude kaum fassen. Nun habe ich den Schlüssel zu diesem wundervollen Garten und kann darin herumspazieren, wann ich will. Ich bin einfach nur glücklich!

Barfuß durch das noch taufrische Gras
Ich schließe also morgens den Garten auf und wandere barfuß durch das noch taufrische Gras, höre dem fröhlichen Gezwitscher der Vögel zu, sehe die wunderschönen, in noch nie gesehenen Farben blühenden Tulpen an, ohne sie abzubrechen, bewundere die Vergissmeinicht, die in einer Ecke versteckt wuchern und überlege bei den kleinen, blauen Blümchen, wie sie wohl heißen mögen. Ich bücke mich, um daran zu schnuppern. Aber sie sind nur schön, duften jedoch nicht.

Die großen,alten Bäume, die jetzt auch in voller Blüte stehen, versprechen eine gute Obsternte. Da sehe ich Kirschbäume, Apfel- und auch Birnbäume. Wie werde ich mich freuen, wenn ich mich in diesem Wundergarten im Herbst an den Früchten bedienen kann. Ob ich es wohl darf? Hoffentlich. An den mit Knüppelholz eingefassten Rändern des Gartens haben die Gärtner sich Liebstöckel, Pfefferminze und Zwiebeln auf kleinen Beeten gepflanzt. Ich nehme gerne das Blättchen einer Pflanze in die Hand und zerreibe es, um seinen Duft zu genießen. Aber auch Kartoffeln und Erdbeeren wachsen dort, gut gepflegt.

Ohne Leine
Mein kleiner Hund, ein wunderschöner Pekinese, freut sich übüer die plötzliche Freiheit, die er genießt. Auf den Straßen des Städtchens darf er nur an der Leine laufen. Er hat etwas gegen schwarze, große Hunde und schwarze Autos. Wenn er auf der Straße ein schwarzes Auto erblickt, würde er ohne Leine ungehemmt und ohne Vorwarnung auf die Fahrbahn und auf diesen Gegner zuspringen.

Wenn es ein schwarzer, großer Hund ist, wird die Sache noch gefährlicher. Da ist er überhaupt nicht mehr zu halten. Wenn ich da die Leine nicht fest in der Hand halte, geht er auf diesen großen Hund los, ohne an die Folgen zu denken. Deshalb kann er also in der Stadt nur an der Leine laufen. Weil der Garten jedoch umzäunt ist, kann er dort frei laufen. Das nutzt er weidlich aus. Er wälzt sich in dem frischen Gras und untersucht gründlich die Ecken des Gartens, wo seiner Freiheit ein Ende gesetzt wird. Ich sitze auf der schon sonnenwarmen, einfachen Holzbank und sehe ihm dabei zu.

Was besonders schön für mich ist: Ich habe nur die Freude an diesem Garten. Die notwendigen Arbeiten führen die Gärtner aus, die wohl hierfür zuständig sind. Aber eine Aufgabe habe ich doch auch von ihnen bekommen: Ich darf im Winter die armen, hungrigen Vögel, die in das hübsche Futterhäuschen auf einem abgesägten Baumstamm kommen, füttern. Das werde ich auch gewissenhaft tun. Ich denke, es wird den Gärtnern, die mich inzwischen schon gut kennen, eine Freude sein, wenn man ihre Arbeit so bewundert, wie ich es tue.

Dankbar sehe ich in den blitzeblauen Himmelö und freue mich, dass mich Gott in dieses wunderschöne Fleckchen Erde geschickt hat, wo ich nur glücklich sein kann.

Ingrid Schmahl
März 2013

Am Hafen, 18356 Barth auf der Karte anzeigen:
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10 Kommentare

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Sonja Bissbort
Das klingt wirklich nach einem himmlischen Geschenk - ein verwunschener Garten jenseits von Zeit und Raum! Da wäre ich auch gerne einmal.
  • 02.06.2013, 20:07 Uhr
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Deine wunderschöne Geschichte erinnert mich an eine Story, die wir in der Schule durchgenommen hatten im Englischunterricht. "The selfish giant". Der selbstsüchtige Riese. Sie handelt davon, dass dieser Riese einen wunderschönen Garten besitzt, so wie du ihn beschrieben hast. Nur hat er um den Garten eine Mauer gebaut und niemand darf in seinen Garten. Die Kinder möchten so gerne in den Garten aber sie alle haben Angst vor dem Riesen. Eines Tages, ich habe vergessen wodurch, öffnet aber der Riese den Garten und lässt die Kinder in dieses Paradies, in dem die schönsten Blumen und Bäume wachsen, in dem bunte Vögel singen und Schmetterlinge herumflattern. Erst jetzt,mit den Kindern, kann der Riese die Schönheit seines Gartens selbst auch genießen und sehen. Ich meine die Geschichte ist von Oscar Wilde
  • 29.05.2013, 23:18 Uhr
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Ich möchte mich ganz herzlich bedanken für die vielen lieben Kommentare. Die Geschichte mit dem Schlüssel kam aber auch aus dem Herzen und war in ganz kurzer Zeit geschrieben. Vielleicht merkt man das auch.
  • 29.05.2013, 15:42 Uhr
Manche Menschen haben Glück,

und Du liebe Ingrid hast offenbar "sehr viel Glück".

Geniese es ... "Dein Glück !"
  • 29.05.2013, 17:48 Uhr
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oh wie schön, ich hätte auch gerne so einen garten
  • 29.05.2013, 12:16 Uhr
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Das ist ja eine wunderschöne Geschichte - fast wie ein Märchen.
  • 29.05.2013, 12:01 Uhr
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Schöne Geschichte! Und ich kann mir vorstellen, wie sich der kleine Pekinese freut, daß er da durchfetzen kann. In dem Garten sind schwarze Autos und schwarze, große Hunde verboten. Das ist Glückseligkeit!
  • 29.05.2013, 11:48 Uhr
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Danke für diese Geschichte! Ich war beim Lesen mit dir in diesem Garten.
  • 29.05.2013, 10:47 Uhr
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liebe Ingrid, ich wünsche Dir noch viele schöne Stunden in diesem wunderschönen
Garten. Genieße sie.
  • 29.05.2013, 10:41 Uhr
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Liebe Ingrid, eine wunderschöne Geschichte. Ich kann das nachvollziehen, denn ich habe auch so einen geliebten, wundervollen Platz zu Hause. Du hast das so innig geschrieben. Ich kann Deine Freude darüber fast fühlen. Danke dafür. LG Brigitte
  • 29.05.2013, 09:44 Uhr
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