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Halbzeit

Halbzeit

Von wize.life-Nutzer - Freitag, 07.06.2019 - 22:06 Uhr

Halbzeit

Der Biergarten vom Hotel „Zum Anker“ leert sich langsam. Auf den Tischen brennen noch die dicken, blauen Kerzen. Sie beleuchten vom Wein oder Bier gerötete Gesichter der letzten Gäste. Bis hoch zu den Blättern der alten Buchen reicht ihr Licht nicht. An den unteren Ästen hängen noch Girlanden mit bunten Lampions. Sie erzeugen eine gemütliche Atmosphäre an diesem Himmelfahrttag Ende Mai.
Erschöpft lässt sich Maike, die 60 jährige Wirtin auf einen Stuhl fallen. Sie schaut ihren Mann Enno an und sagt: „Jetzt merke ich mein Alter, noch viel mehr anstrengende Kampftage schaffe ich nicht.“ Enno zeigt auf einen runden Tisch, an dem drei Skatspieler sitzen. „Unsere Stammgäste sind zehn Jahre jünger als wir und werden auch ruhiger. Bis letztes Jahr zogen sie noch einen Bollerwagen mit Bier und einem dudelnden Kofferradio hinter sich her. Wir waren ihre letzte Anlaufstelle und ich musste spät in der Nacht ein Taxi kommen lassen. Heute kamen sie direkt zu uns und bestellten Getränke und ein Kartenspiel.
„Achzehn, zwanzig, re und passe“, klingt es herüber. „Enno noch eine Runde, für mich ein alkoholfreies Bier wie gehabt“, bestellt Hartmut. „Unser Politiker fährt morgen früh nach Brüssel, deshalb ohne Alkohol,“ flüstert Enno seiner Frau zu.

Die drei Freunde, Gerd, Hartmut und Werner kennen sich schon seit der Schulzeit. Obwohl sie beruflich jeder andere Wege eingeschlagen haben, sind diese Treffen am Vatertag geblieben. Hartmut schaut die Zwei an und sagt: „Mir gefällt unsere neue Strategie, unsere Kinder sind nicht mehr klein. Väter müssen auch Vorbild sein, wenn sie ernst genommen werden wollen.“ Werner lacht sein lautes dröhnendes Lachen: „Gib es doch ehrlich zu – die Kopfschmerzen am nächsten Tag bringen dich um.“
„Ach ja“, Gerd der Apotheker erkundigt sich schmunzelnd: „Was ist eigentlich aus euren guten Vorsätzen von Silvester geworden? Du Werner - wolltest deinen Alkoholkonsum halbieren und du Hartmut - den Tabakgenuss ganz aufgeben. In vier Wochen ist das erste halbe Jahr um.“ Er zeigt mit dem Finger auf den überquellenden Aschenbecher. Enno kommt mit vollen Gläsern. „Bitte sehr, wer hat verloren?“ Hartmut schiebt seinen Bierdeckel schweigend über den Tisch.
Nachdenklich fragt er: „Könnt ihr mir erklären, warum die zweite Halbzeit kürzer ist als die erste? Beim letzten Fußballspiel hatten sie nach dem ersten Tor alle Chancen und dann, in der zweiten Halbzeit – nichts mehr. Oder im Urlaub, die erste Woche wird verplant und gemacht und dann kommt das Ende eher als gedacht. Oh es reimt sich, ich werde noch zum Dichter,“ lacht er. Gerd nickt mit dem Kopf: „Juli, August schon stehen die Weihnachtsmänner in den Regalen, stimmt die zweite Halbzeit ist definitiv kürzer.
Wir befinden uns auch schon in der zweiten Halbzeit unseres Lebens.“ Grübelnd schaut er seine Freunde an: „Hundert Jahre, ist das erstrebenswert?“ ‚Werner, der Optimist duldet keine Philosophie: „Du verkaufst doch die Zauberpillen, die im Fernsehen jeden Tag angepriesen werden und uns ewiges Leben und Gesundheit versprechen. Leg schon mal einen Vorrat für uns in dein Lager.“
Das Geplänkel geht noch eine Weile hin und her, dann verabschieden sich die Männer. Hartmut steigt in sein Auto, Gerd und Werner gehen zu Fuß nach Hause.

Zwei Wochen später klingelt in der Löwen- Apotheke das Telefon. Gerd hebt ab und meldet sich. „Hier ist Werner, Hartmut ist gestern Abend auf der Autobahn verunglückt. Seine Halbzeit war schon 1994,“ ein ersticktes Schluchzen. Der Anrufer hat aufgelegt.

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© M. Koch

16 Kommentare

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Direkt aus dem Leben, so etwas kann jederzeit passieren.
Danke Conny, auf der Autobahn sterben so viele Menschen. Auch ich habe es vor vielen Jahren erlebt. Mein Bruder war erst 27 Jahre alt, hatte gerade geheiratet und einen kleinen Sohn. Man vergisst es nie.
Liebe Grüße Marga
Das glaube ich dir Marga, das ist so traurig...
im Alltag glauben wir das Leben sei unendlich obwohl wir wissen ,dass es anders ist.Schicksalschläge mahnen...und erinnern an Dankbarkeit
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Sehr realistisch...es muss immer erst etwas passieren bevor man seine eigene Endlichkeit realisiert. Ich lebe jetzt so Wahnsinnig bewusst, jeder Tyg, jeddr Sonnenschein, jedes Treffen, jedes wach werden könnte das letzte sein
Liebe Anny, du hast es erfasst. Mach weiter so.
Liebe Grüße Marga
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Eine sehr nachdenklich stimmende Erzählung Marga. Sie ist dir gut gelungen und lässt mich zweifelnd über den Verlauf meines bisherigen Lebens zurück. Danke dafür!
Liebe Grüße u. schöne Pfingstfeiertage
Ursula
Danke Ursula für deinen Kommentar. Es ist immer wieder schön, wenn man eine Antwort erhält. Heute scheint hier die Sonne. Wie in jedem Jahr habe ich einige Birkenzweige geschnitten und damit unsere Haustür dekoriert.
Liebe Grüße und alles Gute zu Pfingsten.
Marga
Liebe wize.life-Nutzer das mache ich doch immer gerne
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Respekt, Marga, so spannend und so realistisch , wie das Leben eben ist. Oh sehe gerade, dass Margarethe das ebenso gesehen hat. Hätte die passende Geschichte von mir dazu,beendet aber nicht so tragisch. LG. Kunigunde
Liebe Kunigunde, ich freue mich sehr über dein Lob und wünsche dir ebenfalls ein frohes Pfingstfest.
Marga
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Marga,
die Geschichte ist dir gelungen
Der Spannungsbogen öffnete sich erst überraschend, für mich, am Schluss.
Sie macht nachdenklich - weil es so ist - das Leben
Danke Margarethe, ich wünsche Dir ein frohes Pfingstfest
Marga das wünsche ich dir auch, lg
Die Geschichte gefällt mir wieder sehr gut - reales Leben - ....
Wünsche noch einen gemütlichen Restfeiertag und eine
angenehme neue Woche, lg
Danke liebe Gisela. Schöne Grüße nach Künzelsau
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