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Händel-Festspiele Halle 2014: Unerhört Ungehörtes

Händel-Festspiele Halle 2014: Unerhört Ungehörtes

Hans-Herbert Holzamer
05.02.2014, 11:44 Uhr
Beitrag von Hans-Herbert Holzamer

Vom 5. Bis 15. Juni 2014 finden in Halle an der Saale Händelfestspiele statt, in einer Tradition, die bis ins Jahr 1922 zurückreicht. Im letzten Jahr war es ausgerechnet der Fluss, der die Festspiele kurz vor ihrer Eröffnung in seinen Fluten ertränkte. Viele haben auf die Rückerstattung der im Vorverkauf der Karten bezahlten Beträge verzichtet und so zum Überleben der Festspiele beigetragen. Heuer erwarten die Besucher der Händel-Festspiele als Dank dafür 47 herausragende Veranstaltungen und ein umfangreiches Rahmenprogramm. In der Geburtsstadt des Komponisten Georg Friedrich Händel werden erneut internationale Künstler und Ensembles zu Gast sein und Musik der Spitzenklasse präsentieren, darunter Alan Curtis, Ottavio Dantone, Magdalena Kožená, Julia Lezhneva, Giovanni Antonini, Andrea Marcon, Jordi Savall, Chor und Orchester Capella Cracoviensis, Il Giardino Armonico, Orchestra of the Age of Enlightenment, La Capella Ducale und La Cetra Barockorchester Basel.

Mit besonderem Elan

Mit besonderem Elan werden in diesem Jahr Erst- und Uraufführungen dargeboten, die mit noch nie Gehörtem oder Aufgeführtem überraschen. Neben den Hallischen Händel-Ausgaben von „Solomon“ (HWV 67 konzertant) und „Giove in Argo“, darf man sich auf „Arminio“ (HWV 36) in einer szenischen Aufführung freuen. Darüber hinaus wird Händels Musik für das Schauspiel „Alceste“ vom Schweizer Komponisten Daniel Schnyder als Auftragswerk der Händel-Festspiele und des MDR mit neuer Musik ergänzt und zu einer neuen Suite für Chor und Orchester zusammengestellt.
Auch im Eröffnungskonzert der Händel-Festspiele Halle erlebt man etwas unerhört Ungehörten, obwohl das Werk vor fast 300 Jahren komponiert wurde. Der mit Händel befreundete Hamburger Komponist Johann Mattheson schrieb 1727 ein Oratorium „Auf das Absterben des Königs von Großbritannien Georg I.“, das nicht sehr respektvoll war und deshalb in seiner Zeit nicht aufgeführt werden durfte. Die Regierung im Kurfürstentum Hannover wollte eine „Beisetzung in aller Stille“. Ergänzt wird das Programm mit zwei „Chandos Anthems“ Händels, die um 1717/18 entstanden. Der Komponist weilte zu jener Zeit auf Einladung des Kunstmäzens und Duke of Chandos, James Brydges, auf dessen Landsitz. Hier fand er als Hauskomponist die finanzielle Sicherheit, die ihm die Freiheit gewährte, nach eigenen Vorstellungen zu komponieren. Das
Händelfestspielorchester Halle und das Vocalconsort Berlin, das in einer Kritik des NDR als „Kammerchor der Spitzenklasse“ tituliert wurde, spielen unter Bernhard Forck.

Außerdem ist ein neues Projekt von Jordi Savall in Deutschland erstmals zu hören. Unter dem Titel „Krieg und Frieden im barocken Europa“ wird ein Bogen vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Utrechter Friedensschluss im Jahr 1713 gespannt.
Mit dem Collegium Cartusianum unter Peter Neumann, dem renommierten Kölner Kammerchor und einer Schar international gefeierter Gesangssolisten erfolgt die Aufführung von „Solomon“ nach der neuen Hallischen Händel-Ausgabe am 11. Juni, 19.30 Uhr, in der Marktkirche zu Halle.

Unbekannte Pasticci

Händels Pasticci sind unbekannt geblieben. Dabei war die Pasticcio-Praxis im 18. Jahrhundert gang und gäbe, gab es doch im Barockzeitalter kein Urheberrecht. Der Komponist griff dabei für eine neue Oper auf vorhandene Musikstücke zurück und stellte diese für einen neuen Inhalt zusammen. Während dieser Kompilationscharakter nach Händels Tod negativ gewertet wurde, kann man aber diesen durchaus auch positiv sehen: Die besten Musikstücke, werden quasi als „Best of“ in eine neue Oper übertragen. Unter den über einem Dutzend Pasticci Händels sind drei besonders hervorzuheben, denn Händel greift dabei überwiegend auf eigene Arien zurück. Hierzu zählt der 1739 entstandene „Giove in Argo“, der darüber hinaus noch weitere Besonderheiten aufweist: Nirgendwo sonst verwendete Händel in seinen Opern drei tiefe Männerstimmen. Auch Chöre findet man in dieser Oper, was ebenso ungewöhnlich ist.

Der Händel-Preisträger Jordi Savall ist eine Ausnahmeerscheinung: Seit mehr als 30 Jahren hat er sich in Forschung, Studium und Interpretation der Wiederentdeckung bisher vernachlässigter Musikschätze vor allem des gesamten Mittelmeerraumes gewidmet – sowohl als Musiker wie auch als Ensemble-Leiter. Wiederholt hat er sich dabei mit arabischer und türkischer Musik intensiv auseinandergesetzt, weshalb er von der EU folgerichtig zum „Botschafter für den interkulturellen Dialog“ und von der UNESCO zum „Künstler für den Frieden“ ernannt wurde. Diese Auszeichnungen korrespondieren in besonderem Maße mit dem politisch-künstlerischen Ansatz seines neuen Projektes „Krieg und Frieden im barocken Europa“, das bei den Händel-Festspielen in Halle zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt wird.
Musikalisch wird ein Bogen vom Dreißigjährigen Krieg bis zum UtrechterFriedensschluss im Jahr 1713 gespannt. Händel hatte für die Londoner Feierlichkeiten des Utrechter Friedens ein großes Te Deum und Jubilate komponiert. Anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 ist dieses Konzert auch als Appell für den Erhalt des europäischen Friedens in der Gegenwart zu verstehen. Savall entführt in musikalische Barockwelten von Gesualdo über Charpentier bis Bach und Händel, ergänzt mit jüdischer, osmanischer, ungarischer und polnischer Musik – ein musikalisches Ereignis mit Ausnahme-Charakter.

„Alceste“ ist Händels einziger umfangreicher Versuch, Bühnenmusik für das englische Sprechtheater zu schreiben. Es bildet die Grundlage für ein Auftragswerk der Händel-Festspiele Halle und des MDR. Der Schweizer Daniel Schnyder, einer der gefragtesten zeitgenössischen Komponisten, ein Grenzgänger zwischen klassischer Musik, Jazz und Weltmusik sowie virtuoser Klangerkunder, setzt dem
Händel-Werk neue Musik hinzu.

Einen weiteren Schwerpunkt der Händel-Festspiele bildet nun mittlerweile im dritten Jahr die Reihe „Nach Luther“. Die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Festspiele anlässlich der Krönung Georgs I. zum englischen König ist gleichzeitig als Beitrag zum Themenjahr „Reformation und Politik“ der Luther-Dekade zu verstehen. In
diesem Jahr sind die Händel-Festspiele mit ihrer „Nach Luther“-Reihe unter anderem zu Gast in den Lutherstädten Eisleben („Georgs Musik II: Himmels-Lieder“) und Mansfeld („Ein feste Burg ist unser Gott – Musik um Martin Luther“). Im Rahmen des Konzertbesuches können in Mansfeld „Luthers Elternhaus“ und in Eisleben „Luthers Sterbehaus“. Das Museum „Luthers Elternhaus“
wird am Morgen des Konzerttages, am 14. Juni 2014, festlich eröffnet. Die neue Ausstellung erzählt vom Alltag der Familie Luther in Mansfeld, von Luthers Schule und Schulgeschichte sowie von der Lutherrezeption im Mansfelder Land. Eine Verknüpfung mit dem Nachbarland Niedersachsen geht sogar über die Händel-Festspiele hinaus. Im Rahmen der entstehenden Landesausstellung
Niedersachsens „Hannovers Herrscher auf Englands Thron 1714 – 1837“ wird die Stiftung Händel-Haus mehrere Exponate zur Verfügung stellen.

Ein besonderer Fokus wird zu den Händel-Festspielen 2014 inhaltlich auf den 300. Jahrestag der Krönung Georgs I. zum englischen König gesetzt. Georg I., bei dem Händel vor seinem Wechsel nach London als Kapellmeister angestellt war, residierte als Kurfürst Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg in Hannover und wurde 1714 auf den britischen Thron berufen. Er begründete somit die Königsdynastie des Hauses Hannover als Träger der britischen Krone,die bis heute die englischen Königinnen und Könige stellt. In diesem Zusammenhang wird nicht nur eine musikalische Rekonstruktion der Krönungsfeierlichkeiten für Georg I. sowie ein bis heute nicht aufgeführter Abgesang auf den Tod Georgs I. erklingen, sondern auch in einem Konzert die „Coronation Anthems“, die anlässlich der Krönung Georgs II. im Jahr 1727 aufgeführt wurden. Eines dieser Anthems, „Zadok the Priest“, ist bis heute äußerst populär, weshalb der Eingangschor auch als Hymne der Fußball-Champions-League Verwendung fand. Neben Georg Friedrich Händel wird auch sein Vater, Georg Händel, mit dem thematischen Akzent assoziiert, so dass man das Thema „Georg & Georg“ nannte

Den Händel-Preis 2013/2014 der Stadt Halle erhält zu den kommenden Händel-Festspielen die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená. Sie tritt als Händel-Preisträgerin in die Fußstapfen von berühmten Künstlern wie Cecilia Bartoli, Jordi Savall oder Trevor Pinnock.

Neue Formate

Wie gewohnt präsentieren sich die Festspiele verstärkt auch mit neuen Programmformaten für ein jüngeres Publikum. Besonders beliebt beim Publikum ist mittlerweile die Baroque Lounge in der Barockmusik mit modernen Musikformen zusammengeführt oder kombiniert wird. Der Berliner Elektronikkomponist und DJ Johannes Malfatti erkundet mit der Barockgeigerin Nadja Zwiener, Konzertmeisterin des legendären The English Concert, die Klangerweiterungen des Barockrepertoires auf moderne Art.
Eine Brücke zwischen Jazz und Klassik wird bei den Händel-Festspielen 2014 gleich in drei Konzerten geschlagen. In „Days of Weeping Delights“ verbindet der französische Jazzmusiker Michel Godard mit Bassgitarre und Serpent, einem äußerst ungewöhnlichen Instrument, Alte Musik mit Improvisationsmusik. Im Konzert „Händel in Harlem – Händels Trio-Sonaten neu gespielt“ unternehmen Jazzsaxophonist Daniel Schnyder und seine Kollegen einen ausgedehnten Streifzug durch Händels Werke und interpretieren diese neu. Und in der Inszenierung „Rocky Roccoco“ im neuen theater nimmt man sich der Materie szenisch, choreografisch und musikalisch an und kombiniert Musik aus Renaissance und Barock mit Jazzklängen und zeitgemäßer Musik.

Die Veranstalter und die Künstler haben für die Festspiele ordentlich Gas gegeben, und von der Saale hört man bislang auch nur, dass sie friedlich in ihrem Bett bleiben und der Musik lauschen wird.

Karten:
Hotline +49 (0) 345 / 565 27 06 (Montag bis Freitag: 7 bis 19 Uhr,
Samstag: 7 bis 14
www.haendelhaus.de

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