"Da geht noch was"  Mit 65 in die Kurve
"Da geht noch was" Mit 65 in die Kurve

"Da geht noch was" Mit 65 in die Kurve

Beitrag von wize.life-Nutzer

„Da geht noch was“



Als ein Freund, mir Christine Westermanns Buch „Da geht noch was“ auf den Tisch legte, sagte er: „Lies mal. Du hast doch erzählt, dass sie vor Jahren im Nachtradio das Thema Älterwerden moderierte. Skeptisch klang sie, als sie die Hörer um ihre Meinung dazu aufrief.“

„Stimmt", erinnerte ich mich. „Tiefer können Gedanken gar nicht hängen. Sie muss so um die 50 gewesen sein. Ich kam gerade vom Spätdienst, voller Zukunftsträume, trotz schwerer Arbeit in einem Pflegeheim, die ständige Nähe zum Abschied. Wir sind derselbe Jahrgang.“


Eine selbstbewusste, schöne Frau schaut vom Cover auf mich, so als riefe sie mir zu: „Da geht noch was!“ Ich lächele, ein gutes Poster für ein Seniorenheim. „He Leute, gebt nicht auf: Da geht noch was …!“

Neugierig wiege ich das schmale 191-Seiten-Buch in meinen Händen, gut zu lesen von Schrift und Aufteilung. Man kann ja mal reinschauen, denke ich, lese, lege weg, lese weiter …


Das Buch

Es ist ein ehrliches Buch, ein Buch über das Älterwerden einer Frau, deren Leben sich in der Öffentlichkeit abspielt.
Man kann es überfliegen wie eine Zeitung, deren Inhalt vermutlich nichts neues zu bieten hat, man könnte sich auch hineinvertiefen, anhalten, reflektieren, wie der Blick in einen Spiegel. Dann aber sind 191 Seiten, aufgeteilt in 33 Fragmente, tagebuchähnlich, aufschlussreich, inhaltsschwerer.

Was unterscheidet eine Promifrau vom Älterwerden anderer?

Manches scheint für den Leser, der aus einer anderen Welt kommt, ziemlich fremd, eher langweilig. Doch wer sich Zeit lässt, entdeckt Vertrautes, das nicht zu leugnen geht.

Sie erzählt von Zufällen, von einer jungen Liebe im Alter, wie diese Schwung ins Leben bringt: „Warum sich ein neuer Mensch anfühlt, als sei man wieder lebendig.“ (S. 15)

Sie stellt Fragen, die irgendwann auf jeden zukommen können.

Auch das Erschrecken über den Blickwinkel fremder Menschen
auf ihre Person lässt sie nicht aus, z.B. wenn ein Taxifahrer, dem sie vom Einbruch in ihre Wohnung erzählt, sie eine alte Frau nennt:

„Die haben gedacht, eine alte Frau, die hat bestimmt Gold zu Hause rumliegen.“ (S. 22)

Sie reflektiert es, erlebt Ähnliches nochmals auf einem Basar in Istanbul.

Zitronengelb waren die Turnschuhe, in die sie sich verliebte. Ernüchterung tritt ein als sie sich anhören muss:

„In ihrem Alter tragen Frauen keine Turnschuhe mehr, sie tragen Business-Schuhe.“ (S. 23)

Das Fernsehen bietet ihr an, eine Auszeit mit Kamerateam zu nehmen. Sie hat die Wahl. Sie sagt zu und gerät in ein Wechselbad der Gefühle. Sie erfährt viel über Achtsamkeit und fragt am Ende des Buches:

Wie viel Zeit bleibt mir noch?

Wie lange werde ich noch all das umsetzen können, was ich jetzt durch Achtsamkeit neu begreife? (S. 191)

Ja, es ist ein ehrliches Buch, weder abgehoben noch fern der Realität, eben ein Buch über das Älterwerden einer Frau, die den Mut hat, darüber öffentlich zu sprechen, wie damals, als sie im Rundfunk ihre Skepsis mit den Hörern und Hörerinnen teilte.

© Margarete Noack